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Der Doppelgänger
Eine dichte Menschentraube drängte sich auf dem Bürgersteig vor dem Obdachlosenheim „Die Insel“. Neugierig reckten die Leute Hälse und Nasen in die Luft, um auf keinen Fall zu verpassen, wie die Trage mit der alten Frau in den bereitstehenden Rettungswagen geschoben wurde.
Schon von weitem hatte Annemarie Bassini die Szene erfasst. Jetzt versuchte sie so unauffällig wie möglich an den Gaffern vorbei zu schleichen. Die Rolle der sensationsgeifernden Beobachterin lag ihr nicht und sie konnte auch nicht verstehen, wie manche Menschen darin derart aufgehen konnten. Leider gab es keinen anderen Weg zum Wochenmarkt und wenn sie zu frischem Obst und Gemüse kommen wollte, hatte sie keine Wahl: Sie musste an der in Neugier erstarrten Masse vorbei, selbst auf die Gefahr hin, dass sie erkannt und angesprochen werden würde. Sie beschleunigte ihre Schritte. Gleich hatte sie es geschafft, gleich wäre sie dran vorbei.
„Annemarie!“
Sie zuckte leicht zusammen. Widerwillig blieb sie stehen und drehte sich um.
„Guten Morgen, Hedda“, antwortete sie tonlos.
Hedda Jürgens winkte sie aufgeregt zu sich heran, Annemarie blieb kerzengerade stehen.
„Sieh dir mal den da an!“, rief Hedda aufgeregt.
Annemaries Blick folgte ihrem ausgestreckten Zeigefinger. Vor dem Heim saß, leicht vornüber gebeugt, ein Mann auf einem Stuhl und schlief. Zwei Polizisten und der Notarzt liefen an ihm vorbei, aber er nahm keine Notiz von ihnen. Krachend warfen die Sanitäter die hinteren Türen des Rettungswagens zu, aber der Mann mit den etwas schütteren dunklen Haaren bewegte sich nicht einen Millimeter. Der Motor wurde angelassen und das Martinshorn heulte auf. Gemächlich begann der Mann sich zu räkeln. Mit geschlossenen Augen streckte er alle Glieder von sich, ließ sein Gesicht ein paar Sekunden von der milden Septembersonne bescheinen und blinzelte schließlich zu den noch immer staunenden Passanten hinüber. Er lächelte ihnen zu, grüßte mit einem Nicken und verschwand mit seinem Stuhl im Haus.
„Hat man so was schon gesehen?“, ereiferte sich Hedda. „Aber so sind die alle. Dickfellig und faul.“
Der Menschenauflauf löste sich langsam auf. Nur Annemarie stand wie vom Donner gerührt und starrte auf die weit offen stehende Haustür.
„Komm, Annemarie“, sagte Hedda drängend und zog sie am Ärmel. „Es gibt nix mehr zu sehen.“
Verstört tappte Annemarie neben der erzürnten Hedda zum Marktplatz. „Hält am Vormittag ein Nickerchen in der Sonne. Arbeiten soll der, ist doch noch jung! Fällt nur ehrlichen Leuten auf die Tasche.“
Annemarie hörte kaum zu. Das Bild des Mannes ließ sie nicht los. Er sah aus wie Giacomo, ihr Ehemann, der vor dreißig Jahren viel zu früh verstorben war. Er hätte sein Doppelgänger sein können. Die Ähnlichkeit war ihr schon aufgefallen, als er dort schlafend gesessen hatte, aber nachdem er aufgestanden war, kam es ihr vor, als sei die Zeit zurückgedreht worden und Giacomo wäre wieder lebendig. Die Statur des Mannes, seine Bewegungen, alles erinnerte sie an Giacomo.
Es fiel ihr schwer, sich auf den Einkauf zu konzentrieren. Endlich hatte sie alles in ihrem Weidenkorb verstaut und machte sich mit klopfendem Herzen auf den Heimweg. Ob sie ihn wiedersehen würde? Vielleicht saß er ja wieder in der Sonne auf seinem Stuhl. Eine junge Frau kam ihr hinterhergerannt und brachte das Wechselgeld für die Eier, das sie vergessen hatte. Annemarie dankte zerstreut und setzte voller Erwartung ihren Weg fort.
Er war tatsächlich da. Ganz allein saß er dort und betrachtete die geschäftig an ihm vorübereilenden Menschen. Irgendwie machte er einen überlegenen Eindruck, wie er es sich mit ausgestreckten Beinen und den Händen in den Hosentaschen auf seinem Stuhl bequem gemacht hatte, während alle anderen hektisch und bepackt ihrer Wege gingen. Annemarie verlangsamte ihre Schritte und blieb schließlich vor ihm stehen.
Zwischen ihnen lagen etwa drei Meter gepflegter Rasen. Der Mann lächelte sie an. Es gab ihr einen Stich ins Herz. Das gleiche warmherzige Lächeln, die gleichen sanften, dunklen Augen.
„Wohnen Sie hier?“, fragte Annemarie.
Er zuckte mit den Schultern. „Mal hier, mal da.“
Im ersten Moment war sie etwas irritiert, weil er keinen italienischen Akzent hatte. „Haben Sie denn keine Arbeit?“
„Nein.“ Dem Tonfall nach schien es ihm nicht besonders viel auszumachen.
„Würden Sie denn gern arbeiten?“
Er betrachtete sie wachsam. „Kommt drauf an.“
Sie schluckte. „Ich suche einen Mann, der kleine Reparaturen am Haus erledigen und meinen Garten in Ordnung halten kann. Verstehen Sie etwas von diesen Dingen?“
„Müsste ich mir mal ansehen“, sagte er unentschlossen.
Zehn Minuten später standen sie in Annemaries gemütlicher Wohnküche. Der fremde Mann stellte den Einkaufskorb auf den Tisch, blickte sich ein wenig neugierig um und Annemarie fragte sich, ob sie eigentlich noch bei Trost wäre. Sie räusperte sich und lachte dann etwas unbehaglich. „Ja, hier in der Küche geht’s schon los. Das Wasser aus dem Spülbecken läuft schlecht ab und das Fenster lässt sich schwer schließen.“
Er sah in den Garten hinaus.
„Ich brauche jemanden, der mir bei der Obsternte hilft und das Laub zusammenharkt“, sagte sie. „Ich bin über siebzig Jahre alt. Ich schaffe das alles nicht mehr allein.“
Er nickte. „Das sehe ich.“ Lächelnd reichte er ihr die Hand und sagte: „Ich helfe Ihnen gern. Mein Name ist Wolfgang Sattler.“
Schon wenige Tage später zeigte sich, dass Wolfgang ein Geschenk des Zufalls, ein Glücksgriff war. Er säuberte die Dachrinnen, strich den Zaun und ölte quietschende Zimmertüren. Als das Obst reif wurde, kletterte er in die Bäume, um auch die letzte Birne zu pflücken und klaubte unermüdlich Früchte vom Boden auf. Annemarie kochte währenddessen Kompott und Apfelmus. Sie war glücklich und zufrieden und das nicht nur, weil Wolfgang so tüchtig war. Er war auch noch sehr unterhaltsam. Wenn sie nachmittags gemeinsam Kaffee tranken und von Annemaries Obstkuchen aßen, wusste er viele interessante Dinge zu erzählen.
„Was Sie alles kennen“, sagte sie einmal staunend. „Sie müssen weit herumgekommen sein.“
„Das bin ich“, erwiderte er mit einem Anflug von Stolz. „Wenn ich damals die Lehre bei dem Zimmermann zu Ende gemacht hätte und nicht zur See gefahren wäre, wär mir vieles entgangen.“
Annemarie wurde immer bewusster, wie sehr ihr ein Gesprächspartner gefehlt hatte. Ihre beiden Kinder waren längst erwachsen und lebten mit ihren Familien mehrere hundert Kilometer entfernt. Früher hatten sie sie eingeladen, Weihnachten, Ostern oder Geburtstage mit ihnen zu verbringen, aber das hatte schon vor Jahren aufgehört und jetzt telefonierten sie bei solchen Gelegenheiten nur noch oder schickten eine Postkarte. Manchmal traf sie sich mit Hedda und ein paar anderen Nachbarinnen zum Kaffee. Doch dann hörte sie auch nur den üblichen Kleinstadttratsch. Wolfgang jedoch berichtete von fremden Ländern, Sitten und Bräuchen und Annemarie lauschte mit leuchtenden Augen. Schließlich bot sie ihm an, im Gartenhäuschen zu wohnen.
An einem Freitagmittag im Oktober bekam sie überraschend Besuch von ihren Kindern Roberto und Marcella. Sie waren von der besorgten Hedda benachrichtigt worden, dass ein fremder Mann bei Annemarie eingezogen sei. Aus dem Küchenfenster beobachteten sie, wie Wolfgang die Gartenabfälle in den Häcksler warf und sie blickten genauso angeekelt wie vor dreißig Jahren, als sie eine dicke Spinne durch ein Vergrößerungsglas betrachtet hatten. Wolfgang trug einen dicken Rollkragenpulli und hatte die Ärmel hochgeschoben, sodass die bunten Tätowierungen auf seinen Armen gut zu sehen waren.
„Er ist asozial, Mama“, flüsterte Marcella fassungslos.
„Ganz und gar nicht!“, rief Annemarie entrüstet. Wie konnte Marcella es wagen! Sah sie denn nicht, wie stark Wolfgang ihrem Vater ähnelte?
„Was ist nur in dich gefahren?“, fragte Roberto und musterte Annemarie aufmerksam. Offenbar sorgte er sich um ihren Geisteszustand.
Er zwang sie auf einen Stuhl und setzte sich ebenfalls. Sanft nahm er ihre Hände in seine. „Mama, wir haben Angst um dich. Verstehst du das denn nicht?“
„Nein“, sagte sie widerspenstig und entzog ihm ihre Finger. Warum wurde nur immer ihr Verständnis abverlangt? Sie hatte zu verstehen, dass im Leben ihrer Kinder und Enkel kein Platz mehr für sie war; aber niemand machte sich die Mühe begreifen zu wollen, wie gut es ihr tat, Wolfgang Sattler um sich zu haben. Er brachte sie zum Lachen und stimmte sie nachdenklich. Es machte Spaß, für ihn zu kochen und ihm zuzusehen, wie er mit gesundem Appetit aß und sie hatte seit langem wieder das Gefühl gebraucht zu werden.
Annemaries Augen hatten schon vor vielen Jahren den Glanz verloren, aber jetzt brachte ihr Zorn ein wenig davon zurück.
„Reg dich bitte nicht auf, Mama“, murmelte Roberto beschwichtigend. „Komm uns doch zu Weihnachten besuchen. Dann reden wir in Ruhe über alles.“
Aber Annemarie schüttelte nur den Kopf.
Wie jeden Heiligabend ging Annemarie in den Gottesdienst, aber sonst war alles anders. Statt sich mit einem Käsebrot vor den Fernseher zu setzen, wärmte sie Würstchen, die sie mit Wolfgang zusammen essen wollte. Aus dem Wohnzimmer duftete es nach dem kleinen Tannenbaum, der im Glanz des alten Weihnachtsschmuckes erstrahlte und im Fenster hingen die Strohsterne, die Roberto vor vielen Jahren in der Schule gebastelt hatte. Pünktlich um acht Uhr kam Wolfgang herüber. Er hatte eine Flasche Wein und ein sorgfältig eingewickeltes Päckchen dabei, das er Annemarie glücklich überreichte. Es fühlte sich weich an.
„Sie sollen mir doch nichts schenken“, sagte sie tadelnd.
Er lächelte. „Ich habe schon so lange niemanden mehr beschenkt, dass ich gar nicht mehr wusste, wie schön es ist.“
Sie gab sein Lächeln zurück und nestelte ein wenig unbeholfen an den Klebestreifen herum. „Und ich weiß schon gar nicht mehr, wie man so was öffnet“, kicherte sie.
Als sie das Papier zurückschlug, kam ein dunkelgrüner, glänzender Schal zum Vorschein. Annemarie war gerührt und hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Sanft strich sie über den kühlen, glatten Stoff.
„Es ist keine Seide oder so“, sagte Wolfgang schnell. „Dafür hat das Geld leider nicht gereicht.“
„Er ist schön“, flüsterte Annemarie ergriffen. „Wunderschön. Vielen Dank.“
Sie setzten sich zum Essen an den liebevoll gedeckten Tisch, und Wolfgang lobte ihren Kartoffelsalat in den höchsten Tönen.
„So mochte auch mein Mann ihn am liebsten. Sie haben große Ähnlichkeit mit ihm, habe ich Ihnen das schon mal gesagt?“, fragte sie beiläufig, obwohl sie wusste, dass sie es nicht getan hatte.
Wolfgang schüttelte den Kopf und sah plötzlich nachdenklich aus.
„Er war Tischlermeister und sehr geschickt in Haus und Garten. So wie Sie, Herr Sattler.“
Er räusperte sich und lachte etwas unbehaglich. „Aber das ist auch schon alles, was ich mit ihm gemeinsam habe. Ich wäre durchgedreht mit Haus und Familie. Mich hält es nie lange an einem Ort.“ Er warf ihr einen kurzen, verlegenen Blick zu.
In dieser Nacht begann es zu schneien. Die Flocken fielen dick und träge vom Himmel und innerhalb weniger Stunden war alles in reines, kaltes Weiß gehüllt. Mittags war der Weg zu Annemaries Haus nicht mehr erkennbar und der Schnee verdeckte die Tür zu fast einem Drittel. Als die Dämmerung hereinbrach und kein Licht aus den Fenstern fiel, zog Hedda Jürgens Mantel und Stiefel an und stapfte hinüber.
Das Haus lag still da, kein Laut drang heraus. Außer ihren eigenen Fußspuren waren keine zu sehen, auch nicht zum Gartenhäuschen. Hedda drückte auf den Klingelknopf. Minutenlang wartete sie, aber niemand öffnete. Dann schloss sie die Tür auf.
„Annemarie!“, rief sie etwas verzagt.
Keine Antwort.
Vorsichtig tastete sich Hedda durch das Halbdunkel ins Wohnzimmer. In ihrem Sessel kauerte Annemarie, mit einem glänzenden Schal in den Händen. Mit verwirrten Augen blickte sie Hedda an.
„Giacomo ist fort“, sagte sie überraschend deutlich.
Hedda runzelte die Stirn. „Aber der ist doch schon lange tot.“
„Gestern Nacht ist er weggegangen. Jetzt bin ich ganz allein.“ Sie gab einen tiefen Seufzer von sich.
Einige Stunden später, mitten in der Nacht, holte Roberto seine willenlose Mutter aus dem Haus und nahm sie zu sich. Er machte sich Vorwürfe, weil sie sich viel zu wenig um sie gekümmert hatten. Während der ganzen Fahrt sagte sie kein Wort und starrte blicklos auf das unermüdliche Hin und Her der Scheibenwischer. Die Stille im Auto bedrückte Roberto nach einer Weile und er hatte das Bedürfnis, sich bei seiner Mutter zu entschuldigen.
„Es tut Marcella und mir sehr Leid, Mama, dass wir dich in den letzten Jahren so vernachlässigt haben.“
Annemarie sah noch immer unbeweglich nach vorn. Ihr Atem ging ruhig und war kaum hörbar.
„Du hast es nicht verdient, dass wir dich so behandeln. Es war sicher nicht einfach, zwei Kinder allein großzuziehen und ihnen obendrein eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. Wir waren undankbar. Aber das soll sich ändern.“
Er warf ihr einen kurzen Blick zu. Ihre Augen waren geschlossen und sie lächelte.
Später fragte er sich immer wieder, ob sie seine Worte noch gehört hatte oder ob es der Tod gewesen war, der ihre Gesichtszüge entspannt hatte. Vielleicht beides zusammen, und zur Erleichterung seines Gewissens hoffte er es.



