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Das afrikanische Vorspiel

Das Zimmer war hell und freundlich eingerichtet. Ich nahm Platz und stellte meine Handtasche auf den Boden. Elegant versuchte ich ein Bein über das andere zu schlagen, wobei ich feststellte, dass mein Rock an der Naht weiter aufgerissen war, als ich vermutet hatte. Also begnügte ich mich damit, meine Beine leicht nach links zu stellen. Ich öffnete den einzigen Knopf meiner Jacke, stützte meinen Ellenbogen auf die rechte Stuhllehne und versuchte einen entspannten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Zwanzig Minuten war ich zu spät. Die Bisswunde an meiner Wade pochte noch immer vor Schmerz. Den Löwen hatte ich wohl nicht erschossen. Makumba hatte sich wahrscheinlich mit Absicht in die Schusslinie geworfen. Das hatte er mit dem Tod bezahlen müssen. Selber Schuld, dachte ich. Schadete ihm gar nichts, denn das mit der Schlange, das war einfach eine linke Nummer gewesen. Und dann die vielen Blutegel. Ich sah an meinen Beinen hinunter und erkannte noch immer die braunen Rückstände. Zwanzig Minuten hatte ich verloren. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Und das auch noch mitten in Afrika. Durch die offene Tür sah ich hinaus auf den Flur und erneut wurde mir heiß und kalt.

Ich hatte mich neben den Jungen gestellt und während ich kritisch mein Kostüm musterte, warteten wir gemeinsam auf den Aufzug. Die Praxis war im elften Stock. In der Anzeige hatte gestanden, dass er alleinerziehend war und am Telefon bat er prompt um einen Termin. Jetzt war ich hier und wollte diesen Job. Ein letzter Blick erreichte zufrieden meine Pumps, als sich die Fahrstuhltür öffnete.
„Fährst du auch nach oben?“ Ich lächelte den Jungen an und bekam keine Antwort. Die Tür schloss sich beinahe lautlos hinter uns und fünfzehn Knöpfe waren bereit, bedient zu werden.
„Also, ich fahre in den elften Stock“, versuchte ich es erneut. „Soll ich für dich auch drücken?“ Nichts geschah. „Na gut, dann eben nicht“, reagierte ich eingeschnappt. „Dann geh mal bitte weg, denn ich muss jetzt die 11 drücken.“ Ich schob ihn sanft zur Seite und mit dem Aufleuchten der zwei Einsen setzte sich die Kabine in Gang. Erneut lächelte ich dem Kleinen zu, schätzte ihn auf etwa sieben Jahre alt und hielt ihn im Stillen einfach für blöd. Ich trat zwei Schritte zurück, lehnte mich an die silbrig glänzende Fahrstuhlwand und überließ mich gedankenverloren der Fahrt. Kaum spürbar glitt der Aufzug mit uns nach oben, als der Kleine sich erneut vor der Tastatur postierte. Dann geschah es so unwirklich und schnell, dass die Bilder wie in einem Film an mir vorbei rauschten. Er hob seine rechte Hand und drückte
mit dem Daumen nacheinander alle Knöpfe. Einfach alle, von oben bis unten. Dem folgte ein sanfter Ruck und wir standen fest. Nichts rührte sich mehr und als sich unsere Blicke trafen, erkannte ich die verfahrene Situation.
„Sag mal, hast du sie nicht mehr alle? Was hast du gemacht? Hör auf damit!“
„Du bist hässlich“, gab er mir unverfroren zur Antwort.
„Ich sag dir jetzt mal was“, polterte es irritiert aus mir heraus. „Du bringst das sofort wieder in Ordnung oder du erlebst was.“
„Was?“
„Na was schon? Mach, dass wir wieder fahren, na los.“
Er stand wie angewurzelt da und sah mich an.
„Kleiner, was hast du vor?“
„Psst, sei still“, flüsterte er mir unmissverständlich entgegen, „hier ist Afrika. Da muss man ganz leise sein, sonst kommt ein Löwe und frisst dich auf.“
Verrückt ist der, dachte ich. So jung und schon verrückt. Mein Gehirn raste und ich beschloss, ein vernünftiges Gespräch mit dem Jungen zu versuchen.
„Jetzt hör mal. Ich will nichts von dir und du willst nichts von mir. Wir sind hier nicht in Afrika, sondern in einem Aufzug, den du kaputt gemacht hast. Du ganz allein. Also, lass uns darüber nachdenken, wie wir hier wieder rauskommen. Aber sag mir erst einmal deinen Namen.“
„Makumba.“
„Wie? So heißt kein normaler Mensch.“ Ich ging in die Hocke und blickte ihm direkt in die Augen.
„Also gut, Makumba, wichtig ist in erster Linie, dass wir Ruhe bewahren.“ Er sah plötzlich über meine Schulter hinweg und ich registrierte, wie sich seine Augen zu schmalen Schlitzen verengten, als habe er eine ernst zu nehmende Beobachtung gemacht.
„Psst“, flüsterte er kaum hörbar, „dreh dich jetzt nicht um. Da ist eine Schlange.“
Ich drehte mich nicht um, denn ich war starr vor Schreck. Eine Schlange, hier in diesem Aufzug? Was, wenn er recht hatte?
„Was tut sie?“ Ich blieb regungslos hocken.
„Sie beobachtet uns“, zischte er mir zu, „und steht aufrecht hinter dir. Wenn du dich bewegst, dann bist du tot.“ Mir wurde heiß und kalt. Ich schloss die Augen und spürte, wie mein Mund trocken wurde.
„Ist sie giftig?“
„Sehr giftig“, raunte er über meine Schulter hinweg und zaghaft wanderte sein Blick hinunter, bis auf meine Schuhe. „Jetzt senkt sie ihren Kopf und steckt ihn durch deinen Absatz. Bleib ganz ruhig.“
Nichts hätte mich in diesem Moment dazu bringen können, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Makumba ließ sich im Zeitlupentempo auf die Knie fallen und als er mit seinem Gesicht in Höhe meiner Wade war, verspürte ich plötzlich einen Biss. Ich schrie auf und als meine Stimme ungehört an den spiegelglatten Wänden der Aufzugskabine verhallte, fiel ich auf den Po. Da saß ich nun und hatte mir vor lauter Ungeschick die Rocknaht aufgerissen. Der Biss schmerzte. Ich rieb mit der Hand über die Stelle, als Makumba begann, eine Art Freudentanz aufzuführen.
„Hubdada, hubdada, hu hu hu, hubdada, hubdada, hu hu hu...“
„Kleiner, hör auf mit dem Schwachsinn. Hör auf.“
„Psst, schrei nicht so, sonst kommt der Löwe.“ Er presste seinen Zeigefinger auf die Lippen.
„Ich glaub das alles nicht. Du kleine Mistkröte hast mich gebissen. Da war gar keine Schlange. Was fällt dir eigentlich ein, das hier ist nicht Afrika. Das ist ein Aufzug.“
Ich fing an, langsam durchzudrehen.
„Du bist hässlich“, zischte er mir erneut entgegen.
„Und du? Du bist noch viel hässlicher.“ Ich erschrak über meine Worte und murmelte eine, wenn auch kaum hörbare, Entschuldigung.
„Kleiner oder meinetwegen auch Makumba, schau, ob mein Bein blutet. Bitte.“
„Warte“, antwortete er wieder im Flüsterton, „ich bin Medizinmann. Ich kann heilen.“
„Jetzt mach hier kein Theater, schau einfach nach.“
„Du, hässliche Frau, müssen Augen ganz fest zu machen.“
Ich schloss also die Augen und spürte, wie seine kleinen Finger über meine Beine flogen und immer wieder, mal hier und mal da, fest zudrückten. Das Gefühl war seltsam, aber ich ließ ihn gewähren. Nach einigen ungezählten Sekunden durfte ich die Augen öffnen und dachte, mich trifft der Schlag.
„Was hast du getan. Du, du...“ Ich war außer mir.
„Das sind Blutegel, die saugen das Gift aus deinem Körper. Das ist gesund.“
Dicke braune Flecken klebten an meinen Beinen und obwohl ich sehr bald erkannte, dass es sich um einfache Kinderknete handelte, stieg blanker Ekel in mir auf.
Ich sammelte die unappetitlichen Flecken noch immer von meinen Beinen, als Makumba urplötzlich hektisch wurde.
„Ein Löwe, siehst du denn nicht? Ein Löwe, hinter dir.“
„Hör auf damit“, hörte ich mich sagen, „du spinnst ja völlig.“ Doch er hörte nicht auf.
„Ein Löwe, er kommt direkt auf uns zu.“
„Makumba, hör auf oder ich werde ihn erschießen.“ Doch meine Drohung erreichte den Jungen nicht. Er wurde immer wilder und raste vor Aufregung. Ich wusste mir nicht zu helfen und als Makumba völlig durchzudrehen schien, streckte ich einfach meinen Arm aus. Ich zielte instinktiv Kimme über Korn und drückte ab. „Peng!“
Noch im selben Augenblick begann der Junge zu torkeln. Seine Hand war fest auf sein Herz gepresst und sein Gesicht vom Schmerz gezeichnet. Dann fiel er zu Boden und blieb regungslos liegen.
„Kleiner“, hörte ich mich flüstern, „alles in Ordnung? Ich habe auf den Löwen gezielt. Du kannst gar nicht tot sein.“ Mit letzten Kräften hörte ich ihn um Atem ringen und tief besorgt griff ich nach seiner Hand.
„Ich war in der Schusslinie“, hörte ich ihn gequält sagen. „Du hast mich erschossen. Ich sterbe.“ Dann kippte sein Kopf zur Seite und er war mausetot. Ich dagegen war hellwach, denn ansonsten wäre ich in diesem Moment tatsächlich in Tränen ausgebrochen.
Ich stand auf, zog irgendwie meinen Rock zurecht und begann wie wild auf den Knöpfen herum zu drücken. Mir reichte dieser ganze Spuk. Dann geschah das Unglaubliche. Völlig unerwartet und wie von Geisterhand gelenkt, setzte die Kabine ihre Fahrt fort. Als die Leuchtanzeige über der Tür endlich die 11 anzeigte, blieb der Fahrstuhl stehen und öffnete seine Tür. Makumba sprang auf, schob mich hinaus und drückte den obersten Knopf, die 15. Ich sah ihn noch grinsen, als sich die Tür wieder schloss und die Kabine ihren Fahrgast mit sich nahm.

„Da sind Sie also tatsächlich noch gekommen?“ Er strahlte über das ganze Gesicht und seine ausgesprochen männliche Erscheinung, ließ mich das Geschehene vergessen. „Haben Sie schon des öfteren als Kindermädchen gearbeitet?“
„Nicht unbedingt“, stotterte ich und entriss meine Gedanken dem Fahrstuhl.
„Na, das macht gar nichts. Hauptsache Sie fahren gerne Aufzug und lieben Afrika. Kommen Sie, meine Wohnung ist im 15. Stock. Da können sie Markus gleich persönlich kennen lernen.“
„Halt!“ Es entfuhr mir, als hätte mir eine fremde Person ihre Worte in den Mund gelegt. „Sagten Sie eben Markus und Afrika und 15. Stock?“
„Ja, was haben Sie?“
„Was, was genau meinen Sie mit: „Hauptsache Sie fahren gerne Aufzug?“
„Nun ja, im Aufzug beginnt immer das Vorspiel. Dort befindet sich Afrika. Aber wenn Markus dann oben in der Wohnung ist, dann geht es erst richtig zur Sache. Dann ist er nämlich in Australien. Aber kommen Sie und denken Sie nicht weiter darüber nach. Solange er nicht in Amerika angekommen ist, gibt es überhaupt keine Probleme. Na, nun kommen Sie schon.“
Als ich Markus in seinem Australien wieder traf, wusste ich, dass Makumba in Afrika nicht nur Vorspiel, sondern auch ein Kinderspiel gewesen war. Amerika zu erobern, dazu fehlte mir einfach die Lust. Und somit beschloss ich noch im Treppenhaus, es als Kellnerin zu versuchen. Einfach als Kellnerin, ohne afrikanisches Vorspiel.

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