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Unter die Räder gekommen

„... der Herr gebe ihrer Seele die ewige Ruhe! Amen.“
Die Trauernden traten nacheinander an das offene Grab und spritzten Weihwasser auf den Sarg. Ein letzter Blick, und mit einem tiefen Atemzug wandte sich Eva von ihren Brüdern und Tanten ab. Sie warf den Kopf trotzig in den Nacken und marschierte mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen zum Friedhofstor hinaus, die Augen tränenleer.
Draußen blieb sie wie angewurzelt stehen. Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann, der sie etwas unsicher musterte, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Armin. Er sah immer noch aus wie ein Bär, groß und stark und sanft und tollpatschig. War das Liebe, was sie ihr Herz rasen machte? Nur jetzt keine Gefühle zeigen. Entschlossen ging sie auf ihn zu.
„Was machst du denn hier?“
„Hallo Eva. Mein Beileid. Hm. Hab die Todesanzeige gesehen.“
„Ach so. Danke. Hatte dich nicht erwartet.“
Sie schwiegen und blickten unbeholfen zu Boden. Schließlich fasste Armin sich ein Herz.
„Was meinst du, wollen wir etwas trinken gehen? Ich meine ... das ist nicht unbedingt der richtige Augenblick, aber ...“
„... schon okay. Sie war zwar meine Mutter, aber sie hat mir mein Leben ganz schön vermasselt. Besonders mein Liebesleben“, fügte sie noch leise hinzu und starrte weiter auf den Boden. Wie feucht die Erde aussah. Und wie rot. Sie gab sich einen Ruck.
„Komm. Lass uns verschwinden.“
Armin hielt ihr galant die Türe auf.
Immer noch der Kavalier der alten Schule, dachte sie gerührt. Plötzlich hatte sie Tränen in den Augen.
Sie wusste, wohin er sie bringen würde. Im „Cafe Latino“ hatte schließlich alles angefangen. Dort, an dem kleinen grünen Tisch ganz hinten, wo niemand sie sehen konnte, dort hatten sie stundenlang getuschelt, Händchen gehalten und sich ewige Liebe geschworen. Tja, und jetzt waren sie wieder da. Zusammen. Nach fünf Jahren.
Als sie eintraten, streifte sie der Hauch der vielen Stunden, die sie hier oft bis zum Rausschmiss gesessen hatten.
„Setzen wir uns an unseren Tisch?“
„Meinst du?“ Unsicher blickte sie ihn an.
„Warum nicht?“
Nach dem ersten Schluck Bier wurden sie lockerer.
„Wie läuft`s denn bei dir im Krankenhaus? Immer noch Stress mit dem Orthopäden?“
„Nein, wir haben einen neuen Oberarzt bekommen, der ist ganz nett. War früher selbst mal Physiotherapeut und hat später erst Medizin studiert. Wir haben halt viel Arbeit, besonders im Winter, du weißt schon, die Skihaxn. Und du? Hast du endlich dein eigenes Büro?“
„Ja, stell dir vor. In der Stadtgasse, mit viel Licht und jeder Menge Aufträge. Momentan bin ich gewaltig unter Stress ...“
„Ich hatte in den letzten Monaten auch keine Zeit für andere Dinge, zwischen der Arbeit im Krankenhaus und der Pflege meiner Mutter ... dabei ging es ihr gar nicht so schlecht. Sie wollte nur ihre Macht über mein schlechtes Gewissen ausspielen. Genau das, was du mir immer schon gesagt hast. Sie hat mich mit Lappalien an ihr Bett gekettet, und du weißt ja, dass es ihr immer gerade dann am schlechtesten ging, wenn ich in Urlaub fahren oder mal ausgehen wollte.“ Sie schwieg nachdenklich. Armin wartete geduldig. Schließlich sprach sie zögernd weiter.
„Genau vor einem Monat stand ich drüben auf der St. Antonbrücke. Ich war am Ende ... ich ... ich wollte springen ... viel hat nicht gefehlt!“
Armin fühlte, wie das Blut in seinen Adern stockte. Er rang nach Luft.
„Was ... was sagst du da? So ... so weit hat sie ... dich gebracht?“
Eva rieb sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.
„Ja, das haut dich jetzt um, was. Ich hab es noch niemandem erzählt. Und weißt du, wer mich gerettet hat?“
Sie schaute ihm mit ihren smaragdgrünen Augen bis ins Herz. Wie nahe die Vergangenheit war. Er spielte nervös mit seinem Bierglas. Ihm war, als hätten sie erst gestern noch hier gesessen, ein Liebespaar. Aber fünf Jahre, fünf lange, einsame Jahre konnten doch nicht so vorübergehen, als sei nichts geschehen? Von weit her hörte er sie weitersprechen.
„Du, Armin, du hast mich gerettet.“
„Ich? ... Ich ... ich ... war doch gar nicht da!“
„Ich wollte springen. Da hatte ich auf einmal Bilder aus meinem Leben vor Augen: meine Freunde und Freundinnen aus dem Kindergarten ... den ersten Schultag ... den Tod meines Vaters ... die Zeit mit dir ... alles war mit einem Schlag da. Und so klar und deutlich, als sei es wirklich. Doch es ging weiter. Denn ich sah dich mit zwei Kindern. Und ich wollte leben, um zu erfahren, ob das deine Kinder waren, vielleicht ... vielleicht ...“ Sie senkte errötend den Kopf.
„... unsere?“
„Ja.“
Sie schwiegen. Aber ihre Blicke sprachen Bände. Sie sagten alles das, was ihre Münder nicht aussprechen konnten.
„Weißt du noch, als wir zum erstenmal gemeinsam Urlaub machen wollten? Sie verschlang ein ganzes Stück Kernseife und bekam hohes Fieber. Ich brachte sie ins Krankenhaus. Sie ließ mich nicht mehr gehen.“
„Ja, und die Ärzte verstanden nicht, was das sein konnte. Sie wollten einfach nicht glauben, dass eine Sechzigjährige sich wie eine Schülerin benimmt, die keinen Bock auf Schule hat.“
„Ja, und das Jahr darauf ...“
„... hat sie einen Herzanfall vorgetäuscht, so echt, dass die Kardiologin gleich den OP vorbereiten ließ. Als deine Mutter das spitzkriegte, erholte sie sich erstaunlich schnell und ging dann auf eigene Verantwortung nach Hause. Die hat uns ein paar mal ganz schön drangekriegt.“
Eva schwieg. Es war immerhin der Tag der Beerdigung ihrer Mutter. Etwas makaber. Sie sollte trauern.
„Sag mal, woran ist deine alte Dame eigentlich gestorben? War sie krank?“
Eva lachte übertrieben laut auf. Ihre Stimme klang etwas heiser, als sie zu sprechen anfing.
„Nein, sie ist doch in ihrem Leben nie richtig krank gewesen. Ein betrunkener Autofahrer hat sie auf dem Weg zur Kirche überfahren, aber ...“
Geheimnisvolle Pause. Armin schaute sie verständnislos an. Ihr Herz klopfte wie verrückt.
„... rate mal, wer der Autofahrer war!“
„Komm, sag schon, du weißt ja, ich mag es nicht, wenn jemand mich auf die Folter spannt!“
Keine Antwort. Nur ein Lächeln. Armin spielte mit.
„Na gut, ich geb` nen Tipp ab. Damit du zufrieden bist, danach aber raus mit der Sprache! Also, ich sag, es war ... der Messner!“
„Alle Achtung. Aber nein, es war nicht der Messner, der hat gar keinen Führerschein. Er saß bloß daneben. Willst du`s wirklich wissen?“
Er putzte wortlos an seinem Bierkrug herum. Auch das war Teil des Spieles. Sie kapitulierte.
„Okay, okay. Es war ihr Beichtvater, unser Pfarrer. Sturzbetrunken. Hat sie einfach nicht gesehen. Nicht etwa mit Messwein hat er sich besoffen, nein, mit Whiskey und so. Das ist der eigentliche Skandal jetzt. Dass meine Mutter tot ist, interessiert schon niemanden mehr. Aber die beiden Geistlichen sind suspendiert und zum Papst befohlen worden. Da hat sich`s ausgebeichtet.“
Unvermittelt brach sie in Tränen aus und begann heftig zu schluchzen. Armin nahm ihre zitternden Hände behutsam in seine. Er ließ seinen Gedanken freien Lauf, während er Evas Hände sachte streichelte und sie sich ausweinte. Genau wie damals, dachte er, als ich ihr gesagt habe, ich schaffe das nicht länger mit deiner Mutter. Mensch, was war diese Frau eine Nervensäge. Jeden Tag zur Messe und zur Kommunion, sonntags zweimal. Und Eva musste mit, hatte nicht einmal an den Wochenenden ihre Ruhe. Immer mussten wir uns irgendwelche Tricks einfallen lassen, wenn wir mal ein paar Tage allein sein wollten. Und selbst dann hat sie sie dauernd am Handy schikaniert. Wieso haben wir das alles mitgespielt? Drei Jahre lang. Und wir haben uns so geliebt. Die Alte wollte einfach nicht alleine bleiben, sie wollte Eva immer um sich haben. Wirklich krank war sie nie, dieses Biest, stimmt. Machte uns das Leben zur Hölle, mit ihren vorgetäuschten Anfällen, mit ihrer Beterei und ihrer Frömmigkeit. Alles nur Show. Ihren Mann, ja den hat sie ins Krankenhaus gebracht, weil sie ihn nicht pflegen wollte. Und sie hat ihn in zwei Jahren nicht ein einziges Mal besucht. Armer Mann. Er ist in Evas Armen gestorben. Sie war gerade vierzehn.
Sicher, es ziemte sich nicht, über eine Verstorbene so hart zu urteilen. Aber er fühlte sich betrogen. Um drei Jahre, ach was, um acht Jahre seines Lebens. Und hatte dabei noch ein schlechtes Gewissen. Verfolgte die alte Genoveva ihn bis über ihren Tod hinaus?
Eva entzog ihm ihre Hände, um ein Taschentuch aus der Jacke zu fingern. Die Schminke lief ihr in farbigen Bächen über das ganze Gesicht. Er biss sich auf die Lippen, weil er nicht lachen wollte.
„Lach ruhig, wenn dir danach zumute ist. Ich kann mir schon denken, wie ich ausschaue!“ brachte sie noch immer weinend hervor.
„Hast du eigentlich gemerkt, wie gut wir uns immer noch kennen? Du errätst meine Gedanken, bevor ich sie denke. Und ich sehe deine Bewegungen, bevor du sie machst. Ist schon gewaltig.“
„Hm. Meinst du? Eigentlich sollte ich heulen, weil meine Mutter tot ist. Aber ich sitze hier mit dir und flenne, weil ich nicht weiß, was ich jetzt tun soll.“
„Wie meinst du das? Was willst du denn jetzt schon groß tun?“
„Na ja, wir sitzen hier, beide in dieser eigenartigen Stimmung, und fragen uns, wie wir uns verhalten sollen. Nun sag schon, wer waren diese Kinder, die ich auf der Brücke gesehen habe? Gibt es die wirklich? Hast du Kinder? Bist du verheiratet oder so ähnlich?“
Sie hob schluchzend ihren Blick. Er schaute sie geradewegs an und sprach ohne zu denken.
„Eva, willst du mich heiraten?“
Fassungslos starrte sie ihn an. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Andererseits - ihre Mutter war begraben, was sollte da noch schief gehen?
„Ja!“
Sie schlang ihre Arme um ihn und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Stirn. Die Biergläser landeten klirrend auf dem Boden.
„Scherben bringen Glück!“ rief sie vergnügt.
„Aber eines“, sagte sie plötzlich todernst, „eines solltest du noch wissen: Sie war schon tot, als das Auto sie überrollte! Ich hab sie nach allen Regeln der Kunst vergiftet und dann vor den Wagen geschmissen!“

 

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