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Ein Lied für Emilie

Wenn es ein junger Bursche gewesen wäre, dann wäre Emilie sofort wieder aus dem Fahrstuhl ausgestiegen, egal, wie albern das ausgesehen hätte. Doch es war ein junges Mädchen, und so blieb sie, und die Fahrstuhltüren schlossen sich hinter ihr. Aber wohl war ihr mit einem Mal nicht mehr.
Das Mädchen pustete eine grüne Haarsträhne aus dem Gesicht, und ein Blick aus schwarzumrandeten Augen glitt zornig über Emilie. Emilie schaute rasch zur Seite. Hatte sie das Mädchen etwa angestarrt? Und fühlte es sich dadurch womöglich provoziert? Bloß das nicht! Nervös zog Emilie ihr Taschentuch heraus und führte es zur Nase. Eigentlich hatte der Tag nicht schlecht angefangen, und sie war recht guter Stimmung gewesen, als sie Doktor Schwirmers Sprechzimmer betreten hatte. Er hatte dann auch nichts Besorgniserregendes gefunden: gut, der Blutdruck war ein wenig erhöht, die Blutfettwerte nicht ganz, wie sie sein sollten, aber - „In Ihrem Alter ist das völlig normal.“ Und dann, nach einer kaum wahrnehmbaren Pause: „Nein, da tun wir nichts. Jetzt nicht mehr.“
Und dabei hatte der Tag doch gar nicht so schlecht angefangen.
Irgendwo unter Emilies Füßen ertönte ein knirschendes Geräusch, dann stöhnte etwas, so wie im Fernsehen in diesen Gespensterfilmen. Der Fahrstuhl ruckte noch ein paar Zentimeter nach unten, dann noch einmal, und blieb dann stehen.
Erschrocken sah sich Emilie um. Aber natürlich sah sie nichts als die beiden geschlossenen Türhälften einen halben Meter hinter sich, rechts neben sich eine schmutziggraue Wand, geziert von einem verschnörkelten A in schwarzer Farbe, links neben sich eine schmutziggraue Wand, auf der in Rot ‚FUCK YOU!‘ stand, und vor sich das grünhaarige Mädchen. Emilie wusste nicht genau, was ‚fuck you‘ heißt, aber sie konnte es sich vorstellen.
Vorsichtig drückte sie auf den Erdgeschoss-Knopf, einmal, zweimal. Der Fahrstuhl rührte sich nicht. Das Mädchen auch nicht.
„Ich glaube, der Fahrstuhl ist steckengeblieben“, sagte Emilie nach ein paar Minuten zittrig, doch das Mädchen antwortete nicht. Entschlossen drehte sich Emilie wieder um und drückte auf den Alarmknopf. Hoffentlich funktioniert er, dachte sie, und dann: das Licht brennt ja auch noch. Himmel, wenn das Licht ausginge! Ihre Knie wurden plötzlich schwach vor Entsetzen.
„Hallo? Ja?“, krächzte es aus dem Lautsprecher unter dem Alarmknopf. Emilie fiel vor Erleichterung fast nach vorn und musste sich an den Türen abstützen, während sie rief: „Hallo! Wir stecken hier im Fahrstuhl fest! Holen Sie uns bitte raus, ja?“
„In welchem Gebäude?“, krächzte die Stimme, und Emilie gab die Adresse an. Schließlich wusste sie, wo ihr Doktor seine Praxis hatte. Beziehungsweise gehabt hatte.
„Wir melden uns in maximal fünfzehn Minuten wieder. Bleiben Sie bitte ganz ruhig. Sie können uns jederzeit über den Alarmknopf erreichen.“ Dann war der Lautsprecher wieder still.
Fünfzehn Minuten. Emilie seufzte lautlos und setzte ihre Handtasche ab. Das Mädchen starrte auf den Boden, und Emilie musterte sie verstohlen. Das Mädchen war klein, zierlich und vielleicht vierzehn Jahre alt. Oder doch eher schon sechzehn? Sie trug eine hautenge, schwarz-weiß gestreifte Hose, ein orangefarbenes Top und Schuhe mit hässlichen dicken Gummisohlen. Das grüne Haar hing lang und zottelig auf die Schultern. Wie bei einer Kuh mahlten ihre Kiefer. Dann quoll eine Kaugummiblase zwischen den Lippen heraus und wuchs zu unglaublicher Größe. Die Blase platzte, so dass unappetitliche blassrosa Fetzen auf Lippen und Kinn klebten. Eine runde rosa Zunge fuhr hervor und leckte die Fetzen auf. Durch die Spitze der Zunge war ein Metallring gefädelt.
Das Mädchen sah auf. Sie wirkte jetzt nicht mehr ganz so abweisend, fast, als sei sie froh, dass Emilie die Sache in die Hand genommen hatte. Nach ein paar Minuten ließ sie sich mit dem Rücken an der Wand in die Hocke gleiten und starrte blicklos vor sich hin. Emilie hätte sich auch gern gesetzt, richtig gesetzt, denn die Beine taten ihr weh. Aber das war ausgeschlossen, und außerdem wäre sie ohne Hilfe wahrscheinlich nicht wieder hochgekommen.
Nach ein paar Minuten hörte Emilie ein fremdes Geräusch und sah auf. Das Mädchen hockte immer noch gegen die Wand gelehnt. Ihre Kiefer mahlten automatisch, doch über ihre Wangen liefen Tränen.
„Was haben Sie? Haben Sie Angst?“, fragte Emilie erschrocken. „Die holen uns bald, denken Sie sich nichts.“
Das Mädchen schüttelte den Kopf und weinte wortlos weiter. Sie sah sehr jung und sehr allein aus.
„Was ist denn? Bitte reden Sie doch!“, rief Emilie.
Das Mädchen hob kurz den Blick, und ihre Augen sagten nur zu deutlich: ach, du. Alte Frau!
Betroffen schwieg Emilie, aber nicht lange, denn das Mädchen weinte weiter, lautlos, aber so, als würde sie nie wieder aufhören.
„Jetzt kommen Sie schon, reden Sie. Es wird leichter dann, ich versichere es Ihnen.“
Schweigen, dann plötzlich: „Oh, es ist nichts - nichts, was Sie verstehen würden.“
Die Stimme war viel weniger jung, viel weniger klein, als Emilie erwartet hatte.
„Nein?“, fragte sie nur abwartend, und: „Nein.“ kam die Antwort.
Dann, nach einer Minute: „Ach, sie wollen alle nur was von mir. Meine Eltern wollen, dass ich Wirtschaft studiere - dabei ätzt in der Scheiß-Schule nichts mehr als Wirtschaft. Was soll ich denn damit?“
Aha, pubertäre Auflehnung, dachte Emilie, aber es gelang ihr nicht, darüber zu lachen, nicht einmal innerlich.
„Und mein Freund“, fuhr das Mädchen fort, „der will immer nur ... wissen Sie, was der will? Ich sag’s Ihnen: der will immer nur ficken. Wissen Sie, was das ist?“
Jetzt schauten ihre Augen aggressiv drein, und wieder platzte eine Kaugummiblase.
„Natürlich“, antwortete Emilie sachlich, „ich habe zwei Kinder. Und was wollen Sie selbst?“
„Was?“, fragte das Mädchen patzig, und Emilie dachte, wie bitte, sagte aber nichts.
„Was wollen Sie machen, meine ich? Nicht Wirtschaft studieren? Nicht - mit Ihrem Freund schlafen? Sondern? Wie heißen Sie überhaupt?“
„Katja“, murmelte das Mädchen, und Emilie dachte, Katja Und? Aber wieder sagte sie nichts, sondern erwiderte nur: „Ich heiße Emilie - Emilie Rehmeier.“
Das Mädchen begann, an der dicken Gummisohle ihres rechten Schuhs herumzuzupfen, und nach einer Weile erinnerte Emilie sanft: „Sie wollten mir sagen, was Sie selbst wollen.“
„Ich - das interessiert doch keinen.“
„Doch, eine. Mich.“
Schweigen, dann ein trotziges Augenhochheben: „Ich will nicht heiraten und keine Kinder kriegen, und ich will Sängerin werden.“
Emilie fühlte, wie sich ihre Lippen entspannten: „Sängerin. Popsängerin, so wie Madonna?“
„Sie kennen Madonna?“, fragte das Mädchen erstaunt, und fuhr gleich wieder finsterer fort: „Nein, keine Popsängerin. Richtige Sängerin.“
Ich will Kinderärztin werden, schnitt es plötzlich scharf durch Emilies Erinnerung. Ach Unsinn: wenn du selbst mal Kinder hast, kannst du genug tropfende Nasen putzen. - Nein: richtige Sängerin.
„Können Sie denn gut singen?“, fragte sie, und das Mädchen - Katja, wenn sie sich richtig erinnerte - wurde etwas rot: „Ich glaube schon.“
„Dann singen Sie doch mal was“, schlug Emilie vor, und Katja schien in sich zusammenzukriechen: „Nein, nein! Das kann ich nicht - das traue ich mich nicht! Ich kenne Sie doch gar nicht, und überhaupt!“
„Na hören Sie mal!“, rief Emilie und richtete sich auf. „Sie sagen, Sie können singen - gut. Aber das reicht doch nicht. Sie wollen mal vor vierhundert piekfeinen Leuten in einem Konzertsaal singen, und jetzt trauen Sie sich nicht, vor einer alten Frau im Fahrstuhl zu singen? Das geht nicht.“
Katja starrte sie unglücklich von unten herauf an. Dann schob sie sich langsam an der Wand nach oben, schnitt ein paar merkwürdige Grimassen, griff schließlich in ihren Mund und holte den Kaugummi heraus.
„Aber Sie dürfen nicht lachen oder sowas, ja?“, bat sie und hörte sich jetzt doch sehr jung an.
„Na hören Sie mal“, protestierte Emilie wieder, „was denken Sie über meine Kinderstube?“
Sie schloss die Augen, wie sie es manchmal bei einem Konzert im Zweiten Programm machte - dem Mädchen wäre das vielleicht auch lieber. Dann hörte sie ein zaghaftes „A“, dann noch eines: schon etwas klangvoller. Und dann füllte eine kräftige junge Stimme den Fahrstuhl. Es mochte noch ein Sopran sein, aber der Mezzosopran klang schon durch. Die Akustik war grauenhaft, doch das machte gar nichts. Jeder Ton passte, jedes Wort perlte klar. Und Katja sang:

„Man sollte nochmal zwanzig sein
und so verliebt wie damals
uns irgendwo am Wiesenrain
vergessen die Zeit.
Und wenn das Herz dann ebenso
entscheiden könnt wie damals:
ich glaube, es entschiede sich
nochmal, nochmal für dich.
Ich glaube, es entschiede sich
nochmal, nochmal für dich.“

Ein paar Augenblicke lang konnte Emilie gar nichts sagen. Sie hatte das Forellenquintett erwartet oder irgendeine bekannte Opernarie oder vielleicht doch ein Poplied - aber nicht das. Dann sagte sie leise: „Sie singen wunderschön.“
Katja wurde richtig rot, und dann murmelte sie: „Sie können übrigens auch du zu mir sagen.“
Emilie lächelte: „Nein, Katja, lieber nicht. Das war nicht die Stimme eines Kindes, die ich gerade gehört habe.“
Jetzt wusste Katja gar nicht mehr, wohin sie schauen sollte, und Emilie fuhr rasch fort: „Ich kenne das Lied natürlich - mein Mann hat es mir oft vorgesungen, als wir älter wurden. Es ist ein Lied für einen Mann, habe ich immer gedacht.“
Sie hielt kurz inne und sprach dann weiter: „Aber das ist es nicht, nicht nur. Doch ganz sicher ist es kein Lied für ein Mädchen, das Wirtschaft studiert, nur weil seine Eltern es wollen, und das mit seinem Freund schläft, nur weil der das fordert. Sie sollten wirklich tun, was Sie selbst wollen, Katja - das ist nämlich das, was Sie können.“
Katja lächelte zaghaft, und Emilie fuhr fort: „Und erlauben Sie mir die Frage: wer will denn eigentlich diese scheußlichen grünen Haare?“
„Gefallen sie Ihnen nicht?“, fragte Katja.
„Nein, überhaupt nicht. Was haben Sie wirklich für Haare?“
„Och, so ein langweiliges Hellbraun.“
„Hellbraun - das hatte ich auch. Jetzt sind sie alle weiß.“
„Oh“, murmelte Katja, und dann sagte lange Zeit keine mehr etwas.
Schließlich fragte das Mädchen: „Möchten Sie nochmal zwanzig sein?“
„Ich? Schwer zu sagen. Es gibt immer Dinge, die man versäumt und dann nie wieder nachholen kann. Aber ob ich es beim zweiten Mal besser machen würde? Na, heute würde ich auf jeden Fall Medizin studieren und Kinderärztin werden. Damals hat es für eine Frau eine unglaubliche Anstrengung bedeutet, das zu tun, was sie wirklich will. Da habt ihr es heute leichter, auch wenn ihr Jungen es - wenn viele junge Leute es nicht so sehen wollen.“
„Doch, das stimmt schon“, gab Katja nach kurzem Zögern zu. „Aber wollen Sie...“
„Hallo?“, unterbrach im selben Moment die krächzende Stimme aus dem Lautsprecher. „Bei Ihnen alles in Ordnung?“
„Oh ja!“, erklärte Emilie. „Wie lange dauert es noch?“
„Wir holen den Aufzug jetzt von Hand herunter. Stellen Sie sich bitte in die Ecke oder kauern Sie sich hin. Es kann etwas stoßen.“
Emilie schob sich in die Fahrstuhlecke, und Katja stellte sich neben sie und fragte ängstlich: „Geht’s?“
Es hatte fast eine halbe Stunde gedauert, bis der Hausmeister, der Techniker, der Mechaniker und vor allem die beiden Sanitäter Emilie und Katja wieder hatten gehen lassen. Jetzt standen sie nebeneinander an der Bushaltestelle. Katjas Bus tauchte an der Ampel auf, und der Bus dahinter mochte schon Emilies sein.
„Machen Sie’s gut, Katja“, sagte Emilie, und dann: „Wie alt sind Sie? Und wie heißen Sie mit Nachnamen?“
„Sechzehn“, antwortete Katja, „und ich heiße Keller.“
„Gut. Sechzehn. In zehn Jahren werde ich im Kulturteil der Zeitung den Namen Katja Keller suchen. Das heißt - wenn ich bis dahin noch lebe.“
Der Bus fuhr an und rollte auf die Haltestelle zu. Katja riss die Augen auf und maulte an ihrem Kaugummi vorbei: „Wieso sollten Sie denn sterben?“
Mit einem Satz war sie im Bus und rief über die Schulter zurück: „Ich schicke Ihnen dann ‘ne Freikarte! Tschau!“
Der Fahrer des nächsten Busses schaute ein wenig verblüfft, als eine alte Dame einstieg, die dabei laut und falsch ein Lied pfiff. Aber, so dachte er wohl: alte Leute muss man eben lassen.

 

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