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Die Begegnung

Da saß diese Frau nun vor ihm, falls es sich tatsächlich um eine Frau handelte, und Klaus Bachmann verstand die Welt nicht mehr. Er hatte sich so jemanden ganz anders vorgestellt. Eigentlich hätte sie wunderschön sein müssen, mit üppigen blonden Locken und einem blauen Spitzenkleid, dessen gut gefülltes Dekolleté bei jedem sanften Atemzug erbebte. Und wo waren die gläsernen Flügel abgeblieben? Statt dessen blickte er in die kalten Augen einer Frau, die jedem Topmanager das Wasser reichen konnte. Ihr brünetter Bürstenschnitt, das strenge Kostüm, das alles passte nicht zu seinen Vorstellungen.
»Herr Bachmann, nun haben Sie mich lange genug gemustert. Halten wir uns also nicht mit Äußerlichkeiten auf. Oder fühlen Sie sich besser, wenn ich mich in Däumelinchen verwandle und Sie mit sanftem Glockengeläut umschwirre?«
»Äh, nein. Natürlich nicht«, stammelte Bachmann und fühlte wie sein Gesicht immer heißer wurde.
»Na also. Kommen wir zum Geschäft. Sie haben einen Wunsch frei, und ich bitte Sie innigst, den zu äußern. Meine Gewerkschaft sieht es nicht gerne, wenn wir Überstunden machen.«
»Selbstverständlich«, sagte Bachmann irritiert. »Ich bitte Sie nur, meine Situation zu verstehen. Da komme ich gerade aus der Toilette, denke an nichts Schlimmes, und auf einmal stehen Sie in meinem Wohnzimmer. Keine Ahnung, wie Sie das geschafft haben, aber dann behaupten Sie eine gute Fee zu sein und dass ich einen Wunsch frei hätte. Das muss man doch zuerst einmal verarbeiten, oder? Wer sagt mir überhaupt, dass Sie echt sind? Sie könnten ebenso gut irgendeine Versicherungsvertreterin sein. Die haben doch immer wieder neue Tricks drauf!«
Sie schüttelte missmutig den Kopf.
»Ich versichere Ihnen, dass ich bin, was ich sage.«
»Na gut«, erwiderte Bachmann trotzig, »aber wie um alles in der Welt kommen Sie gerade auf mich?«
»Das ist schnell erklärt. Es fehlte mir nur noch eine Person, um mein Wochenpensum zu erfüllen. Da habe ich im Telefonbuch geblättert.«
»Im Telefonbuch?«
»Nicht sehr originell, ich weiß«, gab sie zu. »Das mit der Toilette ist mir peinlich. Ich ahnte ja nicht, dass...«
»Schon gut.« Bachmann winkte ab und wurde rot. »Sagen Sie mir lieber, was ich mir wünschen soll. Ich bin so überrumpelt, dass mir nichts Vernünftiges einfallen will. Geld vielleicht?«
»Geld also. Kein Problem«, sagte die Fee sachlich. »Heute ist Freitag. Füllen Sie einen Lottoschein aus, vergessen Sie das Spiel 77 nicht, und morgen gehört Ihnen ganz allein der Jackpot und der Porsche.«
»Halt, halt!« rief Klaus. »Ich habe doch nur laut gedacht.« Er atmete seufzend aus. »Nein, wenn ich Millionär werden will, dann schaffe ich das auch ohne ihr Zutun. Wenn ich aber einen Wunsch frei habe, dann sollte es schon etwas Anderes sein.«
Er dachte einen Moment nach.
»Was haben sich meine Vorgänger in dieser Woche denn so gewünscht?«
Sie schürzte nachdenklich die Lippen.
»Eigentlich ist es uns untersagt, unsere Klienten zu beeinflussen, und Indiskretion wird ebenfalls streng geahndet, aber ich will es Ihnen etwas erleichtern. Schließlich habe ich bald Feierabend.«
Sie rückte ihren Stuhl näher zu Bachmann heran und setzte einen geheimnisvollen Verschwörerblick auf.
»Der eine ist ein amerikanischer Multimillionär. Ich habe es ihm ermöglicht, als erster Tourist in den Weltraum zu reisen. Und das war gar nicht so leicht«, flüsterte sie. »Der andere ist ein deutscher Konzernchef. Er wollte reicher sein als Bill Gates.«
»Und?« fragte Klaus unbeeindruckt.
»Na, lesen Sie denn keine Zeitung?« polterte die Fee entrüstet.
»Ist ja schon gut«, beschwichtigte er sie. »Ich habe Ihren Wink verstanden. Sie meinen also, ich sollte mir einen Lebenstraum verwirklichen.«
»So ist es«, antwortete die Fee und ließ sich zufrieden in ihrem Stuhl zurücksinken.
Klaus stand auf und begann, mit nachdenklicher Miene auf und ab zu gehen. »Mein Lebenstraum, hm«, sagte er wie zu sich selbst. Die Fee zog eine Feile aus ihrem Gucci-Täschchen und begann ihre lackierten Nägel zu bearbeiten. Hin und wieder sah sie zu Bachmann auf, doch der durchquerte immer wieder gesenkten Hauptes sein Wohnzimmer und war ganz in seinem Wunsch vertieft.
Fast zwei Stunden später blieb er plötzlich stehen.
»Ich hab’s! Ich weiß, was ich mir wünsche.«
»Dann lassen Sie mal hören«, sagte die Fee und ein leiser Unterton in ihrer Stimme verriet Ungeduld.
Bachmann machte ein trauriges Gesicht.
»Wissen Sie, mein Leben verlief bisher monoton. Sie würden es bei Ihrem Job bestimmt als äußerst langweilig bezeichnen.«
Er setzte sich wieder ihr gegenüber und sah sie durchdringend an.
»Vor einiger Zeit habe ich in einem Artikel gelesen, dass jedem Menschen eines Tages die Person begegnet, die ihn auf seinem weiteren Weg durchs Leben begleiten wird. Nennen wir es eine Art Bund fürs Leben. Ich denke da an jemanden, der mich derart beeindrucken wird, dass sich mein weiteres Dasein dadurch komplett verändert. Selbstverständlich im positiven Sinn.«
»Ein Idol?« fragte die Fee erstaunt.
»Ja, das trifft es so in etwa. Ich meine eine Person, durch deren Bekanntschaft ich es lerne, mein Leben besser in den Griff zu bekommen.«
»Das ist ihr einziger Lebenstraum?« Ihre Brauen hoben sich soweit, dass sie ihren Haaransatz berührten.
»Das ist der Lebenstraum schlechthin«, korrigierte sie Bachmann. »Alles Materielle ist vergänglich, doch wer kann schon behaupten, das Beste aus seinem Leben gemacht und die richtigen Vorbilder gehabt zu haben?«
»Das klingt einleuchtend«, sagte sie nickend und ließ die Feile wieder in ihrem Täschchen verschwinden. »Na schön, wenn Sie sich sicher sind, dann werde ich Ihnen nun diesen Wunsch erfüllen. Schließlich habe ich...«
»...bald Feierabend«, ergänzte Bachmann ihren Satz und wippte aufgeregt mit den Beinen.
»So ist es«, sagte sie und lächelte. »Ich werde Sie nun also mit dieser Person bekannt machen. Dazu wähle ich einen neutralen Raum im Irgendwo. Haben Sie da spezielle Vorstellungen?«
»Nein«, entgegnete Bachmann kopfschüttelnd. »Aber wie komme ich wieder nach Hause zurück?«
»Sie müssen nur durch die Tür gehen, durch die Sie gekommen sind. Leben Sie wohl, Klaus Bachmann.«
Noch ehe er ihr antworten konnte, war sie verschwunden und an ihrer Stelle stand nun eine schlichte Tür mitten in seinem Wohnzimmer.
Schwitzend und mit zitternden Händen ging Bachmann auf die Tür zu und drückte die Klinke runter. Er erwartete dahinter seinen Stuhl und das Fernsehtischchen, und wahrscheinlich würde gleich der Moderator der versteckten Kamera aus seinem Versteck hervorspringen.
Doch dem war nicht so. Hinter der Tür erstreckte sich ein großer Raum mit kahlen weißen Wänden. In seiner Mitte stand ein Stuhl und davor ragte etwas ein, zwei Meter in die Höhe, das unter einem schweren roten Samttuch verborgen war.
»Hallo?«
Keine Antwort. Bachmann fühlte sich nicht besonders wohl in seiner Haut, doch die Erfüllung seines Lebenstraums war ja sein Wunsch gewesen, und Kneifen galt nun nicht. Mit pochendem Herzen trat er in den Raum und schloss die Türe hinter sich. Ruhe umgab ihn. Er ging auf das Etwas zu und betastete es zögerlich. Er fühlte etwas Flaches und Hartes, bei dem es sich eindeutig nicht um einen Menschen handeln konnte. Beherzt griff er den Stoff und riss ihn weg.
Wie vom Donner gerührt starrte er mit geweiteten Augen in einen gewaltigen Spiegel und wäre dabei fast vor seinem eigenen Abbild erschrocken.
»Du?«
Er stöhnte und ließ sich auf den Stuhl sinken.
»Ich hätte wissen sollen, dass du es bist. Wir sind es also, die unser Leben miteinander verbringen müssen.«
Er sah sich lange an, beobachtete seine Gesten, schnitt sich Grimassen, lachte, weinte und erzählte sich Witze. Schließlich stand er auf und trat ganz nahe vor den Spiegel.
»Ein Leben lang?« flüsterte er sanft. »Ich freu’ mich drauf.«
Klaus Bachmann schenkte sich ein letztes Lächeln und ging durch die Tür zurück in sein neues Leben.

 

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