"Ich verlasse ihn." Deliah stürzte an ihrer Tante Elsa vorbei schnurstracks in deren Wohnzimmer. Dort warf sie ihre Tasche auf den Tisch und sich selbst auf den alten Ohrensessel, der unter der Heftigkeit ihrer Bewegung hörbar zu leiden hatte. "Ich verlasse ihn", wiederholte sie entschlossen. "Moment, wen denn? Doch nicht etwa deine große Liebe Tom?", fragte Tante Elsa erstaunt. "Hast du mir letzte Woche nicht erzählt, daß ihr bald heiraten wolltet?" "Och, Tantchen. Das war letzte Woche. Heute ist alles anders." "Aha", Tante Elsa nickte verständig. "Möchtest du eine Tasse Tee mit mir trinken?" "Ich zweifle stark daran, daß mir das helfen könnte." Tante Elsa füllte zwei Tassen mit Tee. "Hier nimm. Das wird dich etwas beruhigen." Deliah zog den feinen Duft von Vanille in sich hinein. "So etwas blödes kann nur mir passieren." "Was ist denn passiert?" "Ich habe mich in einen anderen verliebt", sagte Deliah trocken. Tante Elsa ließ ein Stück Kandiszucker in ihren Tee gleiten. "Und jetzt?" "Was und jetzt? Bist du denn überhaupt nicht erstaunt? Ich kann Tom nicht heiraten weil ich einen anderen liebe. Tantchen, ich sitze richtig in der Klemme. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Deshalb bin ich ja hier. Weißt du denn keinen Rat für mich?" "Ich werde mich hüten, dir einen Rat zu geben." Tante Elsa rührte ruhig in ihrer Tasse. "Aber vielleicht hilft dir eine Geschichte weiter." "Och Tante Elsa, aus dem Alter bin ich ja nun raus." "Für Geschichten ist man nie zu alt. Aber gut, wenn du nicht willst, dann lassen wir es eben bleiben." Tante Elsa nippte an ihrem Tee. "Ist schon gut. Erzähl!" "Es ist die Geschichte vom Volk Burana und der Sonne." "Ach herrje, ein Märchen. Ich dachte du könntest mir etwas Brauchbares anbieten." Deliah verzog das Gesicht. Ungeachtet dessen fuhr Tante Elsa fort. "Die Sonne war schon einige Jahre auf der Suche nach Zuwendung und Liebe als sie endlich dem Volk der Buraner begegnete. Die Buraner waren ergriffen von der Schönheit und der wärmenden Kraft der Sonne und blickten fasziniert zu ihr empor. Sie beteten sie an und brachten ihr Opfergaben. Der Sonne gefiel das und sie ließ daher dem Volk der Buraner gerne reichlich Wärme und Licht zukommen. Das Land Burana blühte auf. Auf den Wiesen wuchsen bunte Blumen. Die Schafe und Kühe fanden reichlich saftiges Gras. Die Ernten waren noch nie so vielseitig und ertragreich ausgefallen. Mensch und Tier fehlte es an nichts. Aus Dankbarkeit feierten die Buraner viele Feste zu Ehren der Sonne." Tante Elsa nahm einen Schluck Tee. "..und wenn sie nicht gestorben sind dann leben sie noch heute", sagte Deliah sichtlich enttäuscht. "War es das, was du sagen wolltest?" "Du hast Recht, Deliah. Eigentlich hätte das bis in alle Ewigkeit so weitergehen können. Doch die menschliche Natur ist nun einmal anders gestrickt. Gefühle kann man nicht einfach anketten oder festbinden, so daß sie immer bei einem bleiben." "Wem sagst du das." Deliahs Blick ruhte verloren auf ihrer Teetasse. "Der Wohlstand und das selbstverständliche Dasein der Sonne ließ die Buraner arrogant und habgierig werden. Anstatt der Sonne zu danken schimpften sie immer häufiger mit ihr, wenn sie sich zurückzog, um sich auszuruhen. Die Buraner vergaßen völlig, welchem glücklichen Umstand sie ihr schönes Leben zu verdanken hatten. Sie feierten nur noch ihre eigenen Feste und luden die Sonne nicht einmal mehr dazu ein. Die Sonne wurde traurig und wütend zugleich. Eines Tages verließ sie das Volk der Buraner und zog enttäuscht fort. Dunkelheit und Kälte bedeckte fortan das Land Burana. Krankheiten breiteten sich aus und große Not kam über das ganze Volk. Die Buraner versuchten, sich an die längst vergessenen Dankbarkeitsfeste zu erinnern, um so die Sonne wieder zurückzuholen. Doch die scherte sich keinen Pfifferling mehr um Burana. So starb das Volk von Burana aus. Nur noch eine Handvoll der stärksten war übriggeblieben. Sie erkannten, daß ihnen ihre Heimat keine Zukunft mehr bieten konnte. So zogen sie davon, um vielleicht mit etwas Glück die Sonne wiederzufinden. Der Weg war lang und mühsam. Doch tatsächlich, im Land Schalah fanden sie die Sonne wieder. Die Schalesen nahmen die armen, heruntergekommenen Buraner gerne auf. Denn sie hatten genug von allem. Auch sie feierten viele Feste zu Ehren der Sonne, die sie so reichlich mit Wärme und Licht versorgte. Die Jahre vergingen. Die Buraner wurden alt und weil sie mit der Zeit eine gewisse Gleichgültigkeit der Schalesen verspürten, hörten sie nie auf zu erzählen, was sie erlebt hatten. Sie warnten ihre Freunde, nicht zu selbstverständlich mit der Zuneigung der Sonne umzugehen. Doch die jungen, kräftigen Schalesen lachten nur über die Geschichten der Alten. Wer konnte es ihnen übel nehmen? Sie kannten nur den Überfluß und wußten im Grund nicht, wem sie ihren Wohlstand zu verdanken hatten. So ereilte sie eines Tages das gleiche, grausame Schicksal wie einst Burana. Die Sonne zog fort." "Hat die Sonne denn irgendwann einmal ein Volk gefunden, das ihr die Wertschätzung entgegenbrachte, die sie verdiente?" "Nein. Auch das Volk der Tolak und der Imanu und viele andere enttäuschten sie. Immer wieder hinterließ sie tiefes Leid und Elend, wenn sie fortging. Doch ihr selbst ging es auch nicht gut dabei. Je mehr Enttäuschungen sie erlitt desto verbitterter wurde sie und desto intensiver wurde ihr Wunsch, jemand zu finden, der sie grenzenlos liebt und verehrt." "Ein hochgestecktes Ziel." "Du sagst es, Deliah. Ich weiß nicht, wo sie endlich gelandet ist." Tante Elsa stellte die leere Tasse auf den Tisch zurück. "Ich vermute, sie sucht heute noch." "Eine merkwürdige Geschichte", sagte Deliah und schaute lange nachdenklich durchs Fenster hinaus nach draußen. Dann erhob sie sich, dankte für den Tee und ging. Tante Elsa fragte nicht danach, wohin oder zu wem. | |