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Konrads späte Rache

Das Licht fiel sanft und milde in das Zimmer und erhellte den dunklen Schreibtisch. Es würde vermutlich der letzte schöne Tag in diesem Jahr sein.
Um den schwarzen Schreibtisch herum saßen drei schwarzgekleidete Menschen, zwei Frauen und ein Mann auf der einen Seite, ein seriös dreinblickender Mann in Anzug und Krawatte auf der anderen Seite. Er hielt einen Bogen Papier in der Hand und mahnte mit seinem Blick zur Aufmerksamkeit.
Elvira von Hohenstein rutschte unruhig und erwartungsvoll auf ihrem Stuhl herum. Endlich war es soweit.
“ Eröffnen wir nun das Testament des Verstorbenen Konrad Allenberg.”
Elvira sah sich um, hier saß er nun, der letzte Rest der Familie – diese Heuchler.
Georg saß neben ihr. Was wollte er hier eigentlich noch? Hatte er denn nicht schon genug bekommen? Immer und immer wieder hatte ihm sein Bruder Geld zugesteckt, große Summen, und geglaubt hatte der Alte daran, dass er es zurückzahlt, sein sauberer Herr Bruder. Dabei hatte er es verspielt, durchgebracht, verjubelt. Um dann aufs Neue abzukassieren, der Taugenichts.
“ Hier den letzten Wunsch des Verstorbenen zu entsprechen”, der Notar riss sie aus ihren Gedanken.
Und dann Andrea, seine Nichte. Wie die so dasaß als könnte sie kein Wässerchen trüben, unschuldig und naiv, mit brav geschlossenen Knien und die Hände, wie zum Gebet gefaltet. Das durchtriebene Aas. Herangemacht hatte sie sich an den Alten, umgarnt und bezirzt. Um den Finger gewickelt, das Luder. Und er hat sich gesonnt in ihrer Jugend, ergötzt an ihrer Schönheit. Geschmeichelt hatte er sich gefühlt, der alte Zausel.
“ Ich vermache mein Haus an meinen Bruder, damit er endlich weiß, wo er hingehört”, las der Notar unbeirrt vor.
Was? Hatte sie da richtig gehört? Das Haus diesem Lumpen? Was war denn mit ihr? Sie, Elvira von Hohenstein, schuldlos geschieden und dadurch verarmt. Ihre Schwester hatte sie damals bei sich unterkommen lassen, immer den Abstand zwischen ihnen gelassen, immer vorgehalten, dass Elvira nicht dem gleichen Stand entspräche.
Doch hatte sie, Elvira, nicht alles zurückgezahlt. Auf Heller und Pfennig, indem sie ihre Schwester gepflegt hatte, als sie krank im Bett lag. Hatte sie gewaschen, gefüttert und gekämmt. Sie im Rollstuhl umhergefahren, angezogen, bis zu ihrem Tod. Ruth hatte kein einfaches Leben gehabt, mit solch einem Mann. Doch Ruth klagte nie, nahm seine Launen, seine Seitensprünge einfach so hin.
Als ihr Schwager dann krank wurde, nahm sich Elvira für die Drecksarbeit eine Hilfe. Sie fand, sie hatte genug getan, genug in Krankheiten gewühlt. Doch sie hatte über ihn gewacht, sein langsames Dahinscheiden wohlwollend zur Kenntnis genommen.
Eine innere Genugtuung breitete sich in ihr aus. Es war so einfach gewesen, da sie allein die Kontrolle über seine Medikamente hatte. Dem Arzt war nichts aufgefallen, ein harmloser, alter Trottel, der nach ihrer Anweisung ein Rezept nach dem anderen ausstellte.
Sterben hätte er ja sowieso gemusst, so war es nur ein wenig schneller gegangen.
“ Ich hinterlasse meiner Nichte Andrea mein gesamtes Vermögen, sowie meine Aktien, damit sie in aller Ruhe ihr Studium fortsetzen kann, ohne in Existenznöte zu geraten”.
Existenznöte. Beinahe hätte sie laut gelacht. Welch ein Hohn. Was war nun mit ihr? Es war nichts mehr da, was es zu verteilen gab.
Wie hätte sie es verhindern können, ohne Argwohn zu erregen? Elviras Hass stieg ins Uferlose. Jetzt bloß nichts anmerken lassen. Sie fühlte, wie ihr die Zornesröte ins Gesicht stieg, nahm ein Taschentuch aus der Handtasche um wenigstens einen Teil ihres Gesichtes damit zu verbergen.
Hatte sie sich ihren Traum nicht in aller Herrlichkeit ausgemalt? Sie, die Herrin von Gut Allenbach. Große Festlichkeiten hatte sie geplant, exklusive Empfänge, Galadinner...
“ Vermache ich nun Elvira, meiner Schwägerin, für ihre aufopfernde Pflege und Treue meine gesamte Bibliothek”.
Er hat es gewusst, der Mistkerl, fuhr es ihr schlagartig durch den Kopf. Er hat es in jedem Augenblick gewusst.
Ä ußerlich gefasst, mit eiskaltem Blick stand sie auf und ging hinaus, ohne sich zu verabschieden.

Seit Stunden schon rannte sie kreuz und quer durch das Haus, durch alle Räume und Zimmer, die ihr nun niemals gehören würden. Was sollte sie tun?
In der Bibliothek hielt sie inne und lachte laut und hysterisch auf. An allen Wänden Regale. Bücher vom Boden bis zur Decke. Er hatte sich an ihr gerächt, indem er ihr diesen Berg voll bedrucktem Papier hinterlassen hatte, wertlos und nichtig. Das geschah ihr Recht.
Auf dem großen Schreibtisch fand Elvira, was sie suchte. Kurzentschlossen griff sie zum Telefon und wählte eine Nummer.

Als es an der Tür klingelte ging sie hinaus, ganz feine Dame, erhobenen Hauptes und ließ den alten Mann eintreten. Sie kannte ihn nicht, hatte nur hin und wieder Konrad Allenberg von ihm reden hören und wunderte sich nun über seinen Aufzug. Mit seiner verbeulten, abgeschabten Hose und der alten Strickjacke stand er vom Alter gebeugt vor ihr. Ein alter Studienkollege, hatte Konrad Allenberg gesagt, war er, hatte leider nie die Anstellung, die ihm gebührte erhalten und lebte in äußerst bescheidenen Umständen.
Elvira rümpfte die Nase, als sie hinter ihm in die Bibliothek trat.
“ Und ich kann alles zu dem Preis...?”, begann er zögernd.
“ Sicher!”, sagte Elvira, “wie abgemacht, zweihundert Euro für den ganzen Plunder”.
Die Augen des alten Mannes, den Namen hatte sie bereits wieder vergessen, verengten sich zu Schlitzen.
“ Dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn wir, völlig formlos versteht sich, einen Kaufvertrag unterzeichnen” sagte er und zog ein etwas zerknittertes Stück Papier aus seiner Hosentasche.
“ Sicher”, sagte sie wieder und riss es ihm fast aus der Hand. “Nur wenn Sie bar bezahlen, Sie verstehen?”
Zweihundert Euro verdient, anstatt den teuren Altpapiercontainer zu bestellen. Besser als gar nichts.
Schon hatte der Alte, wie von Zauberhand, zwei Geldscheine zur Hand und legte sie neben den Vertrag.

Sie packte ihre Sachen in zwei große Koffer. Sie hatte ja immer noch ihr Sparbuch auf dem sich ein recht nettes Sümmchen angesammelt hatte, abgezwackt von ihrem Haushaltsgeld, dass Konrad ihr jeden Monat zur Verfügung gestellt hatte. Es sollte ihr Notgroschen sein und würde fürs Erste reichen.

Elvira stand auf dem Bahnhof und wartete auf den Zug, der sie weit fort von hier bringen sollte. Eben hatte sie am Kiosk noch eine Zeitung gegen die Langeweile gekauft. Gerade als der Zug in den Bahnhof einfuhr, fiel ihr Blick auf die große, fettgedruckte Schlagzeile. Ein undeutliches Schwarz-Weiß-Foto daneben. Doch sie erkannte ihn auf Anhieb. Vor ihren Augen tanzten bunte Kreise, ihr wurde übel und ihre Hände fingen an zu zittern. Ehe ihre Knie vollständig nachgaben und ihr schwarz vor Augen wurde las sie es noch einmal: Armer Kunstprofessor erwirbt Millionenschatz für zweihundert Euro!

 

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