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Ein Missverständnis

„Káto Zákros, paraka`lo !“ sagte er zu dem gedrungenen Fahrer, während er die Beifahrertür des kleinen, verbeulten Taxis am Flughafen Iráklion hinter sich zuschlug. Der Fahrer nickte kurz und schob den speckigen, erdfarbenen Filzhut tief in den Nacken, was den Blick auf ein unrasiertes, trotz der Körperfülle des Fahrers mager wirkendes Gesicht mit faltiger, sonnengegerbter Haut und ansatzweise graumelierten Schläfen freigab. Bedächtig schob er den brennenden Zigarettenstummel vom rechten in den linken Mundwinkel und fuhr los. Er nahm die alte Landstrasse, die in südöstlicher Richtung genau auf die Gebirgsausläufer zuführte, die sich in der vor Hitze flirrenden Luft bläulich schimmernd am Horizont abzeichneten.

Während sich das Taxi gemächlich von einer Haarnadelkurve zur anderen der Hochebene entgegenschraubte, hatte er die Augen geschlossen und begann, schläfrig neben dem Fahrer vor sich hin zu dösen. Kretische Fahrer rasten besonders im Hochland immer wie die Selbstmordkandidaten, das wusste er aus Erfahrung, und schon deshalb zog er es vor, die Fahrt nicht allzu bewusst mit zu verfolgen.

Seine Gedanken schweiften unterdessen ab, fünfundzwanzig Jahre zurück, als er als junger Assistent am berühmten Evans-Lehrstuhl promoviert hatte und regelmäßig mindestens sechs Monate im Jahr hier gewesen war, zur Grabungssaison. Seine Dissertation über den Einfluss der Ugarit-Kultur auf die Entwicklung der Linear A-Schrift war in der Fachwelt sofort auf beträchtlichen Widerhall gestoßen und hatte ihn mit einem Schlag international bekannt gemacht. Seitdem hatte er eine erfolgreiche wissenschaftliche Laufbahn hinter sich, ohne die damals begonnene Gewohnheit aufzugeben, sich in Arbeitsphasen, die maximale Konzentration erforderten, für zwei Wochen in das kleine Fischerdorf im kretischen Südosten zurückzuziehen. Nirgendwo sonst konnte er so ungestört seine Gedanken ordnen. Und genau dies würde auch nötig sein, denn die Monographie, an deren Endfassung er arbeitete, würde in der Fachwelt mit Sicherheit einigen Wirbel verursachen. Die Hieroglyphen des ägyptischen neuen Reiches, ein Produkt der minoischen Linear-B-Schrift unter dem Einfluss der Hyksos-Kultur ! Eine mehr als gewagte These, das war ihm klar ! Zuerst würde ihm wahrscheinlich Gregory Chevalier vom C.N.R.S. eine scharfe, öffentliche Antwort auf das Buch um die Ohren schlagen. Einen solchen Angriff auf sein vieldiskutiertes archäometrisches Hauptwerk „Les Hyksos - tempête sur l’egypte“ würde der standesbewusste Südfranzose mit Sicherheit nicht widerspruchslos auf sich sitzen lassen. Aber auch mit kontroversen Reaktionen von Dave Jenkins’ oder Pieter Hendricks Arbeitskreisen war auf jeden Fall zu rechnen. Ja, er hatte wahrhaftig jetzt 14 Tage Ruhe und Kontemplation bitter nötig !

Drei Stunden später hatte er sein angestammtes Zimmer beim alten Dimitrios in der Odós Nikephóros Phókas bezogen. Der Wirt hatte ihn euphorisch begrüßt, wie ein heimgekehrtes Mitglied der Familie. Auch an Dimitrios war die Zeit indes nicht spurlos vorüber gegangen. Er hatte an Körperfülle deutlich zugelegt, und sein früher pechschwarzes, gewelltes Haar war inzwischen vollständig weiß. Der ehemalige Schwammtaucher hatte seinen eigentlichen Beruf schon vor Jahren aufgegeben und lebte seitdem ausschließlich vom Tourismus, der enorm zugenommen hatte. Neben der Pension betrieb er noch einen kleinen Laden für Zeitungen, Postkarten und Reiseandenken. Während sie beim Rakí saßen, erzählte Dimitrios von den neuesten Veränderungen. Seit dem vergangenen Herbst waren auch die beiden letzten Kinder aus dem Haus, die Tochter in Chania verheiratet, und der jüngste Sohn studierte schon zwei Semester Elektrotechnik in Athen. „Ist ein heller Kopf ! Hat bereits ein Leistungsstipendium als Jahrgangsbester geholt“, berichtete Dimitrios mit vor Vaterstolz glänzenden Augen.

Die Arbeit an der Endfassung des Manuskriptes nahm ihn zwar stark in Anspruch, ging aber wie geplant zügig voran. Am letzten Tag seiner zweiten Woche saß er wiederum auf der nach Süden ausgerichteten Veranda, von der aus er fast die ganze kleine Hafenbucht überblicken konnte. Es war ein glühend heißer Tag, er legte immer wieder kurz den Bleistift beiseite, um sich mit fahriger Bewegung den Schweiß von der Stirn zu wischen, während er letzte Hand an das Stichwortglossar legte. Es waren zwei produktive Wochen gewesen, aber erholt hatte er sich eigentlich überhaupt nicht, eher im Gegenteil !

Früher, als Assistent, war er des öfteren mit ein paar Kollegen übers Wochenende in die nahe gelegene Bucht von Vai gefahren, um sich dort am Palmenstrand ein paar Tage oder über ein langes Wochenende wie in der tiefsten Karibik zu fühlen. Damals, ja, da war er auch noch zu solchen Spontanentschlüssen fähig gewesen. Im gleichen Augenblick, als er diesen Gedanken kaum eben zu Ende gedacht hatte, regte sich in seinem Hinterkopf bereits energischer Widerstand dagegen: Sollte das wohl am Ende bedeuten, dass er inzwischen die Kraft zu solchen Entschlüssen nicht mehr aufbrachte, dass er vielleicht gar zu alt dafür geworden war ?

Zwei Stunden später stand er mit gepacktem Koffer im Postamt des Dorfes und meldete ein Ferngespräch nach Deutschland an. Dimitrios hatte ihn mit einer Umarmung und Tränen in den Augen verabschiedet, und er hatte natürlich versprechen müssen, im nächsten Jahr auf jeden Fall wiederzukommen. Aber jetzt musste er zu Hause zumindest kurz Bescheid sagen, wenn er auch sicher Verständnis für seinen Entschluss erwarten durfte, den Aufenthalt hier außerplanmäßig um ein paar erholsame Badetage auszudehnen. Zu Hause ging allerdings niemand an den Apparat. Er ließ das Telefon geduldig läuten, fünfmal, siebenmal, zehnmal. Da meldete sich mit einem vernehmlichen Knacken der Anrufbeantworter, besprochen von Ariadne, seiner jüngsten Tochter, die von allen der Kürze wegen aber nur "Ala" “gerufen wurde:“...wenn Sie eine Nachricht hinterlassen wollen, so sprechen Sie bitte nach dem Signalton.“

„Na schön, immer noch besser als gar nichts“ dachte er, und sprach nach dem Pfeifton mit emphatischer Stimme in die Sprechmuschel: „Hallo alle zusammen, mir geht es gut, die Arbeit lief, äh, ... ohne Komplikationen, und ich fahre jetzt noch in die Bucht von Vai, um dort noch ein paar Tage Badeferien anzuhängen. Werde mich wieder melden. Grüße an alle zusammen ......“ Im Hintergrund rauschte es dabei die ganze Zeit mysteriös, als ob der Apparat zu Hause direkt neben einem tosenden Wasserfall stünde, aber da er nur selten auf Anrufbeantworter sprach, schenkte dem weiter keine Beachtung und hängte ein. Er zahlte das Gespräch, wechselte einige Worte in seinem wieder aufgefrischten Griechisch mit dem Schalterbeamten und trat dann auf den Vorplatz hinaus, wo der Linienbus bereits abfahrbereit wartete.

Als er eine knappe Woche später entspannt lächelnd und mit braun gebranntem Gesicht am Abflugschalter in Iráklion zur Passkontrolle auftauchte, wurde er sofort von zwei uniformierten griechischen Polizeibeamten abgepasst, die ihn dringend baten, sie in das Büro ihres Vorgesetzten zu begleiten. Dieser erklärte ihm in etwas umständlichem Griechisch folgendes: Wir sind zunächst einmal froh, Sie gesund und offensichtlich wohlauf anzutreffen, Herr Professor. Wissen, Sie, in den letzten fünf Tagen waren meine Leute fast pausenlos für Sie im Einsatz, sämtliche Krankenhäuser und Ärzte hier kontaktieren, Ihren Wirt in Káto Zákros befragen, alles natürlich ergebnislos, leider. Vor knapp einer Woche erhielten wir nämlich über die deutsche Polizei eine dringende Vermisstenanzeige Ihrer Familie. Diese hatte als einziges Lebenszeichen von Ihnen seit Wochen eine kaum verständliche Meldung über Anrufbeantworter erhalten. Aus den paar Wortfetzen, die überhaupt aufgezeichnet worden waren, konnte immerhin herausgefiltert werden, dass Sie anscheinend einen schwerwiegenden Badeunfall erlitten hatten. Jedenfalls war da von Komplikationen mit einem Hai die Rede. Wir konnten es ja auch kaum glauben, wissen Sie, solche Unfälle sind bei uns wirklich äußerst selten, aber wir mussten die Sache natürlich trotzdem ernst nehmen .... “

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