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Das Geheimnis der See
Die Luft war erfüllt mit dem Duft von gebratenen Mandeln und Zimt, zu Leierkastenmusik tanzten die buntesten Lichter und zwischen dem Gewühl aus Menschen drehten sich hölzerne Pferde und Kutschen. Es war Jahrmarkt in unserem kleinen Fischerdorf und ich stand mit meinem Sohn Freddy vor dem violetten Zelt von Madame Gosseau, der Wahrsagerin.
“ Ach bitte, Papa”, meinte Freddy zu mir und zerrte an meinem Ärmel. Und obwohl ich von diesem Hokuspokus nicht viel hielt, ließ ich mich dennoch erweichen.
Ich mischte Madame Gousseau bereitwillig die Karten und sie legte diese in einem Kreis auf den Tisch. Dann deckte sie jede einzelne nach und nach auf und erschrak. “Nicht jeder Mensch muss wissen seine Zukunft”, erklärte sie, stand auf und tat so, als suche sie irgend etwas in ihrem Regal.
Meine Neugier war nun doch geweckt. “Jetzt sagen Sie schon!”, forderte ich sie auf.
Madame Gousseau haderte noch einem Moment, kehrte dann aber wieder zum Tisch zurück und linste durch ihre halb geöffnete Augen auf die Bildnisse hinab. “Die Karten, sie Tod voraussagen. Alte Schuld von Ihnen mit einem Tod bezahlt werden muss.”
“ Echt gruselig”, meinte Freddy.
Ich allerdings zog die Brauen tief herab. Ich fand ihre Weissagung makaber.
Freddy musste es Zuhause natürlich gleich seiner Mutter erzählen. Selma lachte darüber, aber als Freddy nach oben in sein Zimmer gegangen war, fragte sie mich besorgt: “Kannst du dich an irgendeine alte Schuld erinnern?”
Ich biss auf die Unterlippe, schüttelte dann aber den Kopf. “Nein, kann ich nicht. Ist sowieso alles Humbug.”
So verstrichen zwei Tage und ich hatte die Weissagung schon beinahe wieder vergessen, als ich am Morgen des dritten Tages einen völlig blanken Briefumschlag im Postkasten fand. Jemand musste ihn persönlich eingeworfen haben. Ohne mir etwas dabei zu denken, öffnete ich ihn und entfaltete einen weißen Bogen Papier, auf dem nur ein einziger Satz stand. “Die See mag alles verschlingen, wir Menschen aber können nicht vergessen.”
Ich zeigte den Brief nicht meiner Frau und meinem Sohn. Ich zerriss ihn und warf ihn durch das Feuerloch in den Herd.
Als ich auf dem Weg zum Pier war, um mein Boot für den Fischfang klar zu machen, begegnete ich Pieter von dem Trawler “Ebegund”. “Hast du schon gehört?”, fragte er mich. “Wilberg ist wieder da. Sitzt drüben im Roten Erik und frühstückt.”
Das überraschte mich nicht sonderlich. “Haben sie ihn endlich aus der Irrenanstalt entlassen?”
“ Scheint so”, erwiderte Pieter betroffen. “Schlimme Sache das. Hätte ich bei ihm niemals für möglich gehalten.”
Gemeinsam gingen wir hinüber in unsere Dorfschenke “Zum Roten Erik”, wo sich alle Fischer vor und nach getaner Arbeit trafen. Und da saß Wilberg, an einem der Tische vor einem geleerten Teller und unterhielt sich mit meinen Kameraden. Offenbar war seine Rückkehr das Thema des Tages.
Aber als er mich sah, stockte er.
Ich nickte ihm zu. “Hallo Wilberg. Wie geht es dir?”
Wilbergs Miene war wie aus Blei gegossen. Sie rührte sich keinen Millimeter. “Ich habe das, was damals geschah zwar nicht überwunden, aber ich weiß jetzt, wie ich damit leben kann”, erklärte er.
“ Und was willst du jetzt machen?”, fragte ich ihn nach einer Pause.
“ Na, eben dafür sorgen, dass ich damit leben kann.”
Einst war Wilberg ein freundlicher und gesprächiger Mensch gewesen mit dem ich gerne gelacht hatte. An diesem Tag aber erschien er mir so kalt und gefühlsleer, dass mir ein eisiger Schauer über den Rücken lief.
Ich setzte mich an die Bar und beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Und ich bemerkte, wie auch er mich im Auge behielt. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und ich verließ die Schenke vorzeitig.
Als ich am Abend wieder nach Hause kam, wartete die nächste böse Nachricht auf mich. Selma winkte mich heran. “Sieh, was ich im Briefkasten gefunden habe”, sagte sie und zeigte mir ein weißes Blatt Papier auf dem zwei Sätze standen. “Die See mag alles verschlingen, wir Menschen aber können nicht vergessen. Was wir getan haben, wird ewig bestehen”, las sie mir vor und sah auf. “Ob das etwas mit Madame Gousseaus Weissagung zu tun hat?”
Ich spürte, wie sich mir der Hals zuschnürte. Ich nahm den Brief in die Hand und las ihn noch einmal. Plötzlich hörte ich Freddys Stimme aus dem Garten und eilte zum Fenster. Und dann stürmte ich, wie von einem Wespenschwarm verfolgt, durch die Küche zur Gartentür hinaus.
“ Freddy!”, brüllte ich. “Geh sofort zurück ins Haus! Los, mach schon!”
Freddy drehte sich erschrocken zu mir um. “Aber ich habe mich doch bloß ein bisschen mit dem Mann unterhalten, Papa. Er sagt, er kennt dich, und das ihr mal Freunde wart.”
“ Freddy, geh zu deiner Mutter ins Haus!”
Freddy verstand mich nicht. “Du bist gemein”, rief er, gehorchte aber.
Dann wandte ich mich Wilberg zu, der auf der anderen Seite des Zaunes stand. “Hast du mir diese Briefe geschickt?”, fragte ich ihn. “Verdammt, Wilberg, was soll das?”
Wilbergs Miene blieb erstarrt. “Er war noch ein Baby, als ich ihn das letzte Mal sah.”
“ Wilberg”, versuchte ich es noch einmal auf eindringliche Art und Weise. “Was damals mit deinem Jungen passierte, war schrecklich. Meinst du etwa, ich hätte nicht auch wegen seinem Tod geweint?”
Das hätte ich nicht sagen sollen. Wilbergs Brauen zogen sich wie ein Gewitter über seinen Nasenrücken zusammen. “Die See mag alles verschlingen, wir Menschen aber können nicht vergessen. Was wir getan haben, wird ewig bestehen. Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.”
Das brachte auch mich zur Weißglut. “Verschwinde von hier!”, brüllte ich ihn an. “Lass dich hier nie wieder blicken. Und wage es ja nicht noch einmal meinen Sohn anzusprechen, hast du verstanden?”
Wilberg ging, aber nicht, weil ich ihn angeschrieen hatte, sondern weil er offenbar gerade selbst beschlossen hatte zu gehen. Selma und Freddy erklärte ich nicht, was es mit meinem Wutausbruch auf sich hatte. Und so gingen am Abend dieses verwünschten Tages alle verärgert zu Bett.
In jener Nacht - es mochte so eins, halb zwei sein - wurde ich von Selma geweckt.
“ Hörst du das auch?”, fragte sie mich und wir lauschten. Aus dem Erdgeschoss hörten wir ein dumpfes Geräusch, dass sich ziemlich regelmäßig wiederholte.
Ich schwang meine Beine über die Bettkante, schlüpfte in die Schlappen, nahm die Öllampe zur Hand und ging die Treppe hinunter. Und da sah ich es.
Unsere Haustüre stand sperrangelweit offen und schlug im regelmäßigen Takt gegen die Außenwand. Ich griff die Klinke und schloss sie. Warum zum Teufel war die Tür offen? Hatte ich sie nicht selbst heute Abend abgeschlossen? Verdammt jeder Mensch hätte hier problemlos hereinkommen können. Mich ergriff ein mulmiges Gefühl. Langsam schlich ich durch den Flur in die Küche, ins Wohnzimmer und hielt meine Lampe hoch erhoben. Doch es war alles leer. Ich lauschte. Doch es war nichts zu hören. Ich atmete tief durch und drehte mich um und sah nur noch etwas aus der Dunkelheit auf mich zufliegen. Ich fühlte einen heftigen Schmerz in meinem Kopf aufflammen und spürte wie ich dem Boden entgegen fiel.
Als ich wieder aufwachte, war ich mit einer Trosse an Händen und Füßen gefesselt. Ich saß neben dem Esstisch, an die Wand gelehnt. Selma und Freddy hockten links und rechts neben mir, ebenfalls bewegungsunfähig. In der Mitte des Raumes stand Wilberg und war dabei mit einem Blecheimer Wasser in den Waschkübel zu füllen. Ich blickte in Selmas entsetzte Augen.
“ So”, meinte Wilberg, “jetzt will ich euch mal erzählen, was ihr für einen Ehemann und Vater habt. Es war vor gut zwei Jahren. Wir beide waren gute Freunde, die Besten, wie ich eigentlich angenommen hatte. Wir hatten sogar unsere Ersparnisse zusammengeworfen und uns ein Boot gekauft. Tebbo, mein Sohn, war siebzehn - alt genug, dass er ebenfalls mit auf die See konnte. Es war an einem Mittwoch, dass weiß ich noch als wenn es gestern gewesen wäre. Am Horizont braute sich etwas zusammen, aber wir hielten es für weit genug entfernt, um dennoch auszulaufen. Und wir fuhren direkt in den Sturm. Mann, Poseidon war an jenem Tag mächtig wütend auf uns. Der Wind fegte nur so über unser Deck, die Blitze zuckten und die Wellen stürzten sich meterhoch auf uns hinab. Wir kämpften an Deck, versuchten unsere Treibnetze zu sichern, die Segel einzuholen und das Schiff in die Wellen zu drehen. Und dann passierte es. Der Wind riss unseren Mast entzwei und die Rah stürzte hinab, genau auf Tebbo, der darunter arbeitete. Es hatte ihn den Brustkorb zertrümmert. Wir trugen ihn in die Kajüte, und während der Sturm unser Boot warf wie ein Nussschale, saßen wir da und hörten Tebbo stöhnen und ächzen. Und das hat euren Vater wahnsinnig gemacht. Aus dem Arzneischrank holte er Opium und gab es ihm, damit er endlich still war. Doch Tebbo stöhnte und ächzte weiter. Und euer Vater lief atemlos auf und ab und griff erneut zum Opium. Wieder und wieder. Und jedes Mal erhöhte er die Dosis. Und schließlich nahm er soviel, dass er damit Tebbos Herz erstickte.”
Mir wurde unbeschreiblich heiß zumute. “Das stimmt nicht!”, rief ich entgeistert. “Wir wussten beide, dass er sterben würde. Wir konnten ihn nicht mehr retten. Aber er wollte und wollte nicht sterben. Du weißt, was in einer solchen Situation getan werden muss. Wir haben darüber abgestimmt und du hast mir unter Tränen beigepflichtet. Er sollte sich nicht länger quälen. Es war eine Erlösung für ihn.”
“ Du hast mir meinen Sohn ermordet”, schrie Wilberg. “Du hast ihn in die See geworfen, um den Mord zu vertuschen.”
“ Ich habe ihn seebestattet.”
“ Er hätte vielleicht noch gerettet werden können. Du hast mir meinen Sohn genommen, also nehme ich dir jetzt deinen.” Und er ergriff Freddy am Kragen und schleifte ihn hinüber zum Waschkübel. Freddy schrie. Und auch Selma und ich schrieen und zerrten an unseren Fesseln. Doch mit grober Gewalt drückte Wilberg den Kopf des Jungen unter Wasser.
Ich versuchte einen klaren Kopf zu behalten. “Das macht Tebbo auch nicht wieder lebendig”, rief ich.
Wilberg holte den Kopf des Jungen aus dem Kübel hervor. Freddy schnappte nach Luft.
“ Das vielleicht nicht”, meinte Wilberg, “aber wie ich dir schon sagte, ich suche einen Weg damit leben zu können.” Und er drückte Freddy wieder in den Kübel.
“ Als Vater eines verunglückten Sohnes kannst du nicht leben, aber als Kindermörder?”
Freddy Kopf tauchte aus dem Wasser wieder auf. Wilberg schien einen Moment zu hadern, dann drückte er Freddy wieder in den Kübel.
Ich schrie in panischer Angst. Da holte Wilberg Freddy wieder hervor. Er legte ihn auf den Fußboden, wo Freddy leise schluchzte. “Ich dachte, ich könnte es”, murmelte Wilberg und sah zu mir herüber. “Ich habe dich so gehasst.”
Wilberg starrte noch einen Augenblick auf Freddy herab, dann stürmte er aus dem Zimmer.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Freddy und Selma sich wieder beruhigt hatten und auch mein Inneres aufhörte zu zittern. Es dauerte noch ein wenig länger, bis Freddy genug Mut gefunden hatte, uns zu befreien.
Ich trommelte sofort die Nachbarn zusammen, doch Wilberg war verschwunden. Eine Woche später wurde seine Leiche in der Nähe der Klippen angespült.



