An dieses chinesische Sprichwort musste ich denken, als ich, vergeblich in den Tiefen meiner Handtasche nach meiner Erstbrille suchend, mit dem Bus in die Stadt fuhr. Die Alterssichtigkeit hatte mich mit Ende 40 nun auch erreicht. Ich schaute mit verschwommenem Blick nach Leidensgenossen, die sicher, so wie ich, mehrmals am Tag nach ihrer Brille suchten. Voller Erstaunen stellte ich fest, das von den zehn Fahrgästen sechs eine Brille trugen. Ein Jugendlicher von etwa 17 Jahren war dabei. Das Alter der übrigen Personen lag zwischen 30 und 60 Jahren. Zufall, dachte ich. Nach dieser wenig repräsentativen, persönlichen Statistik hätte der Anteil der Brillenträger bei 60 % liegen müssen. Das kam mir höchst unwahrscheinlich vor. Wie groß war jedoch meine Verblüffung, als ich einige Wochen später zufällig von einer Studie las, die 1999 in Deutschland durchgeführt worden war, und meine persönliche Recherche voll bestätigte. Weiterhin wurde darin eine rapide Zunahme der Brillenträger ab 16 Jahren um rund 20% innerhalb der letzten 50 Jahre festgestellt. Darunter ist der Anteil an jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren ebenfalls in etwa dem gleichen Prozentsatz gestiegen. Die Ursache dieses enormen Zuwachses wird in der verstärkten Bildschirmtätigkeit in den letzten beiden Jahrzehnten gesehen. Nun ergriff mich die Neugier, mehr über den oder die Erfinder der Brille zu erfahren. Seit wann gibt es sie, wie wir sie in ihrer heutigen Form kennen, und woher bekam die Brille ihren Namen? Ich musste zu meiner Verwunderung feststellen, dass selbst in mehrbändigen allgemeinen Lexika nichts über die Geschichte der Brille zu finden war, obwohl es sich um eine der bedeutendsten Erfindungen der Menschheit handelt, die ihren unentbehrlichen Nutzen täglich unter Beweis stellt. Auf jeden Fall haben die Menschen im Mittelalter der ersten Erfindung des Vorläufers der heutigen Brille, dem Lesestein, eine enorme Bedeutung beigemessen. In Werken von Dichtern und Künstlern fand diese erste Sehhilfe ihren Niederschlag und erhielt die gebührende Wertschätzung. Es war ein langer, über eintausendachthundert Jahre dauernder Weg in der Entwicklung der Brille, bis sie sich im 18. Jahrhundert in der Form präsentierte, wie wir sie heute kennen: zwei eingefasste Linsen mit Bügeln, die bis über die Ohren reichen. Nachweislich kannten weder die antiken Ägypter noch Griechen Sehhilfen. Auch Indern, Chinesen und selbst den alten Römern waren sie fremd. In einem Schreiben des Politikers, Schriftstellers und Redners Cicero (106-43 v.u.Z.) an einen Freund beklagt er sich über seine nachlassende Sehkraft und schreibt, dass er sich von Sklaven vorlesen lassen müsse. Die vergrößernde Wirkung von Wasser in Glaskugeln war bereits lange bekannt, ohne dies jedoch praktisch zu nutzen. Es bedurfte zweier Mathematiker und Astronomen, Ptolemaeus, ein Grieche (2. Jahrhundert u.Z.), der erste Versuche unternahm, hinter das Geheimnis der Brechung des Lichtes zu kommen, und, erst 900 Jahre später, Ibn al Haitam, auch Alhazen genannt, ein Araber, der die „Lehre vom Sehen“ in seinem Werk „Schatz der Optik“ im 11. Jahrhundert veröffentlichte. Beide Astronomen hatten jedoch ihr theoretisches Wissen nie in die Praxis umgesetzt. Das letztgenannte Werk wurde 200 Jahre später, Mitte des 13. Jahrhunderts, ins Lateinische übersetzt und fand damit in der gesamten gelehrten und geistlichen Welt Europas Verbreitung. Besondere Aufmerksamkeit fand das Werk in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen, da an diesen Orten der Bedarf durch die geistliche, künstlerische und kunsthandwerkliche Arbeit der Mönche und Nonnen am größten war. Durch diese Tätigkeiten waren auch die besten Voraussetzungen gegeben, sich mit der Umsetzung der optischen Theorien der beiden Astronomen auseinander- und in die Praxis um zu setzen. Ende des 13. Jahrhunderts kam der Lesestein in Norditalien, im Raum Venedig, dem damaligen Zentrum der Glasindustrie, auf den Markt. Er bestand aus einer halbkugeligen, plankonvex geschliffenen Linse aus Quarz, Bergkristall oder Beryll, einem durchsichtigen oder durchscheinenden, wasserhellen oder auch hellblauen (Aquamarin) Edelstein. Im Mittelhochdeutschen hieß der Beryll berille oder barille, woraus später das Wort BRILLE entstand. Dieser Lesestein wurde mit der flachen Seite auf das Schriftstück gelegt und der alterssichtige Leser konnte nun durch die erheblich vergrößerten Buchstaben den Text lesen. (Konkave Gläser für Kurzsichtige kamen erst etwa 200 Jahre später auf.) Das „Wunder des Lesesteins“ erregte in der gesamten gelehrten Welt ein derartiges Aufsehen, dass nicht nur bildende Künstler, sondern auch Dichter und Sänger diese sensationelle Erfindung in ihren Werken priesen. Der mittelhochdeutsche Dichter Albrecht vergleicht in seinem Epos „Der Jüngere Titurel“ um 1270 den Lesestein mit dem Herzen. („Wie der Beril vergrößert die Schrift“...). Etwa um die gleiche Zeit wird der Lesestein in der Manessischen Liederhandschrift als „Lichter Spiegel“ besungen. Im Laufe der Zeit schliff man die Linsen flacher und legte sie nicht mehr auf die Schrift, sondern hielt sie zwischen Text und Auge, bis man die Linse dann einfasste und mit einem Stiel versah. So entstand das gestielte Einglas. Später kam man auf die Idee, die Gläser direkt vor die Augen zu halten und zwei solcher Lesesteine durch eine Fassung zu verbinden. Diese beiden Einzelteile wurden an den Stielenden durch Nieten zusammengehalten und damit war die eigentliche Brille erfunden, die Nietbrille. Man klemmte sie auf die Nase oder hielt sie mit er Hand vor die Augen. Diese erste Brillenform war Jahrhunderte lang nur aus bildlichen Darstellungen bekannt, bis man im Jahre 1953 im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster von Wienhausen bei Celle in Niedersachsen unter dem Chorboden unter anderen Gegenständen auch einige komplett erhaltene Nietbrillen fand. Als eine der ältesten Darstellungen von Sehhilfen gilt ein Fresko des Tommaso di Modena von 1352 im Kapitelsaal des Dominikanerklosters San Nicolò in Treviso, einem kleinen Ort nördlich von Venedig. Dort sind zwei hohe kirchliche Würdenträger abgebildet. Der eine von ihnen trägt ein gestieltes Einglas und der andere eine Nietbrille. Die Bedeutung dieser Erfindung fand ihren Niederschlag in den folgenden Jahrhunderten, wie bereits erwähnt, sowohl in der Literatur, als auch in der bildenden Kunst, auf Gemälden, Holzschnitten, Kupferstichen, Plastiken, Teppichen, Münzen, Medaillen und 1906 erstmalig auf einer Briefmarke. Berühmte Persönlichkeiten ließen sich in den folgenden Jahrhunderten gern mit diesem Symbol der Weisheit und Gelehrsamkeit darstellen. Die Künstler scheuten sich auch nicht, in ihren biblischen Themen einen Anachronismus zu begehen, indem sie Propheten, Evangelisten oder auch Heilige mit einer Brille darstellten, obwohl sie wussten, dass sie in jener Zeit noch gar nicht erfunden war. Sehr verwunderlich ist, dass die Vervollkommnung zu der uns in der heutigen Form bekannten Brille über fünfhundert Jahre dauerte. Erst im 18. Jahrhundert entstand die sogenannte Ohrenbrille, deren Bügel nun erstmalig bis über die Ohren reichten. Gründe dieser langen Entwicklungszeit sind in der Stagnation von einigen hundert Jahren seit der Erfindung der Nietbrille zu sehen, da der Bedarf sehr eingeschränkt war. Hinzu kam, dass eine Brille sehr teuer war. Ein Zeitzeuge gab für eine Brille eines seiner besten Pferde. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks, der Übersetzung der Bibel durch Martin Luther, der damit den Grundstein zu einer einheitlichen deutschen Schriftsprache schuf und der verstärkten Gründung von Universitäten in Deutschland in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stieg der Bedarf an Sehhilfen sprunghaft an – und konnte nicht mehr gedeckt werden. Reisende Händler boten Brillen in schlechter Qualität an, und Stümper pfuschten der in Nürnberg 1535 gegründeten ersten „Parillenmacherzunft“ ins Handwerk. Dies versuchte man mit der „Parillenmacherordnung zu verhindern. Es wurden strenge Kontrollen, Regeln und Prüfungen für die zukünftigen Meister dieser Zunft eingeführt. Eine bahnbrechende Qualitätsverbesserung erfuhren die Linsen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Dreigestirn Carl Zeiss, Ernst Abbe und Moritz von Rohr. Brillengläser von bester optischer Qualität wurden erstmalig, auf der Grundlage einer durch den schwedischen Augenarzt A. Gullstrand entwickelten neuen Theorie des Sehvorganges, mathematisch exakt errechnet. Diese Brillen kamen 1912 als Zeiss-Punktalgläser auf den Markt. Damit war das Zeitalter der gepröbelten Linse zu Ende, und die Brillenindustrie wurde auf eine neue, und erstmalig wissenschaftliche Stufe gestellt. Es entstanden nun Brillengläser in aller Welt von höchster Qualität, ein Durchbruch, was die Beliebtheit der Brille betraf, war es jedoch noch nicht. Nach wie vor glaubten die Betroffenen, mit dem Tragen einer Brille “ihr Gesicht zu verlieren“. Erst nach dem zweiten Weltkrieg hat jedoch auch die modisch unermüdlich tätige Brillenindustrie ihren Beitrag geleistet. Brillenfassungen wurden und werden in Farbe, Form und Material attraktiv gestaltet, so dass heute jeder Sehgeschädigte eine für sich geeignete Brille findet, die zu seinem Gesicht und seiner Persönlichkeit passt. Wer sich aber gar nicht mit dem Tragen einer Brille befreunden kann, sollte von seinem Augenarzt prüfen lassen, ob für ihn nicht das Tragen von Kontaktlinsen eine Alternative wäre. | |