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Warum er?
Weiding machte sich keine Gedanken darüber, was ihn hinter der fremden Tür erwarten könnte. Er hoffte nur auf Hilfe, als er den dunklen Hügel hinauf zu dem einsamen, unbeleuchteten Haus stapfte; so wie Ursula, die im Auto geblieben war. Müde vom langen Tag murrte er, weshalb ausgerechnet jetzt der Motor versagen musste, mitten in der Nacht und noch dazu in einer von Gott verlassenen Gegend.
Nach kurzem Klingeln ging im Haus Licht an und ein knittriges Männergesicht zeigte sich durch einen Türspalt. Weiding erzählte von der unglückseligen Panne auf dem Rückweg, nach dem Ausflug in die sommerliche Heide.
„Können Sie sich ausweisen?“, fragte der Mann, während seine zusammengekniffenen Augen die düstere Umgebung abtasteten.
„Ä h, ja, selbstverständlich.“ Weiding zog einen Ausweis aus der Gesäßtasche und überreichte diesen.
„ Sie sind von der Presse?“, fragte der Mann erschrocken.
„ Ja, oh, pardon, reine Gewohnheit, da stehen meine Personalien aber auch drauf“, sagte Weiding, „aber keine Sorge, ich bin nicht dienstlich unterwegs.“
Der Mann las vor: “Weiding, Günter, 07.11.50, Hamburg.“ Dann räusperte er sich und sagte: „Kommen Sie herein. Ich bin Klaus Berneck.“
Weiding erhielt seinen Ausweis zurück und folgte den schlurfenden Schritten des hageren Mannes. Ihm war, als besichtige er seine frühere Junggesellenwohnung, als er vorbei an einer Treppe, durch einen spärlich beleuchteten Flur in die Küche geführt wurde: Kleidungsstücke lagen herum; schmutziges Geschirr türmte sich; die Luft war stickig, roch abgestanden wie nach einer Feier. Er wurde an einem Holztisch gebeten.
„Verzeihen Sie mein Misstrauen“, sagte Berneck und fuhr sich verlegen durchs zerzauste Haar, „aber wir kriegen selten Besuch…und dann noch ein Fremder zu dieser Zeit…Darf ich Ihnen einen Tee anbieten oder lieber etwas Kaltes?“
„ Ein Glas Wasser, bitte, nur keinen Aufwand. Ich möchte meine Frau nicht so lange im Auto warten lassen; sie macht sich so schnell Sorgen, seit sie, hm, schwanger ist…“ Weiding lächelte Berneck an, doch der verzog keine Miene. Der kehrte ihm den Rücken und machte sich am Kühlschrank und Küchenschrank zu schaffen.
„ Bist du das, Benni?“, fragte von weitem eine heisere Frauenstimme.
„ Nein, Marlene, das ist nicht Benni. Leg dich ruhig wieder hin. Ich komme gleich…“
„ Entschuldigen Sie“, sagte Berneck nervös, „ich geh besser mal hoch zu meiner Frau. Es geht ihr nicht gut…seit dem schrecklichen Unglück…ich bin gleich wieder bei Ihnen.“ Er stellte ein Glas und eine Flasche Wasser auf den Tisch, und noch bevor Weiding etwas außer ’Danke’ sagen konnte, war Berneck aus der Küche.
Ziehende Schritte gingen eine knarrende Treppe hinauf; später murmelten Stimmen etwas Unverständliches. Weiding saß da und überlegte, was es mit dem Unglück auf sich haben könnte, beschloss aber, nicht danach zu fragen; es ging ihn auch nichts an. Nach einer Weile kam Berneck zurück und begab sich geradewegs in ein Zimmer neben der Küche, das Weiding einsehen konnte.
Seine Augen folgten den fahrigen Bewegungen Bernecks, der einige Stapel Zeitungen nach dem Branchenbuch durchwühlte. Plötzlich traf Weidings Blick eine Fotografie, die eingerahmt über einer Kommode hing; die Aufnahme eines Jungen: Sein blonder wuscheliger Kopf war leicht geneigt, das Kinn lag aufgestützt in der Hand, und das Kind, etwa zehn Jahre alt, strahlte Weiding fröhlich an. Je genauer er das Foto betrachtete, um so faszinierter war er. Was genau ihn dabei anzog, wusste er nicht. Vielleicht dieses fröhlich-schelmische Lachen, der einnehmende Blick oder das Grübchen am Kinn?
Weiding schloss die Augen; versuchte sich vorzustellen, wie wohl sein Kind aussehen werde...Als er nach wenigen Minuten die Augen aufschlug, sah er in ein runzeliges, aufgedunsenes Gesicht. Rotunterlaufene Augen forschten gierig in seinem Gesicht. Ein Schauer überlief ihn.
„Hab ich Sie erschreckt?...Das wollte ich nicht...Sie saßen so versunken da.“
Weiding fasste sich wieder. Sie stellte sich als Frau Berneck vor. In der Art, wie sie sich bewegte, in ihrem schwarzen, labberigen Gewand, und ihn fixierte, fühlte er große Bedrücktheit und eine gewisse Wirrheit. Sie schenkte einen Whisky ein, fragte, ob er auch einen wolle; er lehnte ab. Sie bot eine Zigarette an; die nahm er. Sie ließ mit zitternden Händen das Feuerzeug aufflackern; setzte sich dann zu ihm.
„ Bestimmt halten Sie uns für seltsame, traurige Leute,…aber wir haben uns zurückgezogen vom Leben…ein Trauerfall brachte uns dazu…“
„ Oh, das tut mir leid“, sagte Weiding. Er spürte ihre Bedrängnis, fühlte, dass sie etwas erzählen wollte und er fragte: „Wollen Sie mit mir darüber reden?...Bitte…“
Sie goss mit einem Ruck ihr Getränk hinab und zog kräftig an ihrer Zigarette.
„ Ich will Sie nicht belästigen“, sagte sie, „seit Jahren spreche ich kaum ein Wort…seit jenem verfluchten Tag vor zehn Jahren…Da ist mein Benjamin ertrunken, im See… seitdem hämmerte in meinem Kopf diese eine Frage: Warum? Warum er?...Er war so fröhlich…Er war erst elf…er hatte ein Grübchen…so wie Sie und…“, sie starrte ihn finster an, „und seine Augen, auch so weich, so einhüllend.“ Sie stockte; sog noch einmal am Zigarettenstummel und zerdrückte den angewidert im Aschenbecher.
„ Schrecklich“, sagte Weiding ergriffen und linste zur Fotografie, schüttelte den Kopf. Ein undefinierbares Gefühl in ihm zwang ihn, zu sagen: „Bitte, reden Sie weiter.“
Berneck ging, um oben weiterzusuchen, wo er nun das Branchenbuch in der Nähe des Telefons vermutete und als die Treppe knarrte, fragte Frau Berneck leise: „Hatten Sie schon mal eine Affäre?“ Sie starrte ihn unverwandt an, lauerte.
Weiding wich das Blut aus dem Kopf. Also! Doch unwillkürlich tauchte Erinnern auf: Namen, Gesichter von Frauen, alle verworren. Unzählige Gelegenheiten hatte er genutzt, bevor er Ursula vor zwei Jahren begegnete und sich sein Leben beruhigte. Aber dieses Leben war Vergangenheit und so sagte er: „Ja,…früher...ja.“
„ Sehen Sie. Ich auch. Ein einziges Mal. Und wissen Sie was?“ fragte sie höhnisch: „Ich muss für meinen Fehltritt büßen. Benjamin war das Ergebnis einer leichtsinnigen Nacht, aber er war keine Strafe; er war mein Leben. Mein Mann weiß nicht, dass er nicht sein Sohn ist. Ich schwieg und schämte mich, und ich verdrängte, solange Benni lebte… Und dann starb er und ich drohte, verrückt zu werden, begriff den Sinn nicht; später wusste ich: Sein Tod konnte nur die Strafe für meinen Leichtsinn sein…Ich bin Schuld an seinem Tod...“ Sie rang um Fassung.
Weiding war atemlos ihrem Ausbruch gefolgt, fragte: „Und der Mann…der Vater?“
„ Ha, der weiß nichts. Warum auch? Wem hätte es genützt? Das war keine Liebe. Ich war verheiratet, wollte kein Durcheinander. Wir sind uns in einem Hamburger Nachtlokal begegnet, in dem viele Menschen von der Zeitung waren...Wir verführten uns. Das war’s. Einzig seinen Vornamen konnte ich mir merken; mein Großvater hatte den gleichen: Günter; und seinen Geburtstag, den erfragte ich, weil mich Sternzeichen interessierten; der prägte sich mir ein, weil er meine Glückszahl enthielt, die Sieben, und ich war damals seit elf Monaten verheiratet, also der 7.11...“
Weiding schrak zusammen. Sein Blick fiel nochmals auf die Fotografie des Jungen. „Nein“, rief er heiser. „Nein, das gibt es nicht; sollte ich der Va?...Das kann doch nicht wahr sein…“ Er bebte, sprang vom Stuhl auf und schrie: „Ich muss hier fort, rasch fort…“ und er stürzte zur Haustür hinaus, den Hügel hinunter und bestieg sein Auto.
Es dauerte eine Weile, bis Weiding sich beruhigte, und es dauerte Stunden, bis er in der Verfassung war, Ursula zu erzählen, was in dem Haus vorgefallen war. Das tat er erst, als der Abschleppwagen, den Berneck geschickt hatte, sie nach Hause gebracht hatte. Auch Ursula war sehr erschüttert. Sie trösteten sich gegenseitig, aber sie beschlossen, es auf sich beruhen zu lassen. Geschehen ist geschehen.
Sechs Monate später wurde Weiding Vater eines Mädchens mit einem Grübchen am Kinn. Er liebte seine Kleine abgöttisch. Ursula hält ihn allerdings für einen übertrieben besorgten Vater.
Vier Jahre später las Weiding Samstagvormittags diese Meldung in der Zeitung:
Das Ehepaar Marlene und Klaus B., aus einem kleinen Ort nahe bei Lüneburg, wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Vertreter Peter R., den Marlene B. als Vater ihres mit elf Jahren beim Baden tödlich verunglückten Sohnes Benjamin erkannt haben wollte, hatte Anzeige erstattet…Weiding brach der Schweiß aus. Er rieb sich über die Stirn und las weiter: Frau B. behauptete nämlich hartnäckig, eine Affäre mit Peter R. gehabt zu haben, deren Ergebnis Benjamin gewesen sei. Eine Genanalyse ergab aber zweifelsfrei, dass ihr Ehemann der leibliche Vater war…Weiding verschwammen die Buchstaben vor den Augen. Er kniff die Augen zusammen, riss sie weit auf und las weiter. Ähnliche Behauptungen soll Frau B. gegenüber mehreren Männern schon geäußert haben, der Vertreter war lediglich der erste, der deswegen Anzeige erstattete und damit den Stein ins Rollen brachte. Wohlmöglich wollte Frau B. durch die erfundene Affäre und die vorgetäuschte Untreue eine „Schuld“ konstruieren, die den Unfalltod ihres Sohnes „erklärte“…
Weiding ließ die Zeitung sinken. In ihm kroch ein Gefühl zwischen Wut und Erleichterung hoch. „Das muss Ursula lesen“, sagte er sich und lief aufgeregt zu seiner kleinen Familie in den Garten.



