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Zwei auf Reisen

Der Tag hatte böse angefangen. Schon am frühen Morgen hatte nichts geklappt. Manchmal wird ein Tag, der schlecht begonnen hat, im Lauf der Stunden noch ganz erträglich. Diesmal aber wurde es immer schlimmer. Der Abend schließlich versprach alles in den Schatten zu stellen.

Es war unser letzter Tag in Toronto. In dem billigen Hotel gab es nicht einmal Frühstück. Sie brauchte auch keines. Ihr genügten Coca-Cola und Zigaretten. Als sie mich aber doch wieder zum Frühstücken in eine Cafeteria begleitete, wusste ich, was sie vorhatte. Es war nicht das erste Mal, dass sie bei solchen Gelegenheiten ganze Stapel von Weißbrotscheiben in ihre Plastiktüten verschwinden ließ, aber dass sie selbst an unserem letzten Tag noch Tauben füttern und Shopping gehen musste, damit konnte ich mich nur schwer abfinden.

Aufdringliche Tauben und stickige Kaufhäuser sind mir widerwärtig. Ich vertröstete mich auf den gemeinsamen Abend und ging wieder allein los. Den Exhibition Park am Ontariosee wollte ich ohnehin noch besuchen. Als ich dann aber vor den tags zuvor geschlossenen Toren des Geländes stand, ärgerte ich mich noch mehr. Missmutig streifte ich den ganzen Tag am See umher, aß zwischendurch vorsichtshalber eine Bratwurst und kehrte gegen siebzehn Uhr ins Hotel zurück. Ich bereitete einiges für die morgige Weiterreise vor und machte mich langsam für den Abend fertig. Wir hatten beschlossen, in der “Spaghettifabrik”, so hieß unser Lokal, mit einem guten Essen von Kanada Abschied zu nehmen.

Eine Stunde später kam sie, vollbepackt mit Plastiktüten, schleuderte ihre hochhakigen Riemchenschuhe von sich und ließ sich erschöpft auf ihr Bett fallen. Da ich wusste, dass die Sache noch dauern würde, legte ich mich einstweilen auch nieder und schlug meinen Reiseführer, ein “Handbuch für individuelles Reisen”, auf.

Nach einer Weile begann sie mit ihrer allabendlichen Prozedur, die ich inzwischen in- und auswendig kannte: Baden und Haare waschen, Locken wickeln, von oben bis unten eincremen, den getragenen Schmuck bürsten und – aus mir unerfindlichen Gründen – die Koffer umpacken. Ihre fünf Koffer wechselten die Inhalte wie die Woche ihre Tage. Dabei bereitete ihr vor allem die Verwahrung der zwei kostbaren Halsbänder für Sascha und Willy jeden Abend aufs Neue Kopfzerbrechen, bis sie endlich wieder ein sicheres Versteck dafür gefunden hatte Wenn dann die Haare immer noch nicht trocken waren, setzte sie sich anschließend unter ihre Reisetrockenhaube.

Inzwischen war es dunkel geworden. Seit drei Stunden lief sie splitternackt zwischen Bad, Bett und aufgeklappten Koffern hin und her. Die Vorhänge waren immer noch nicht zu. Bisher hatten weder sie noch ich das Abendessen erwähnt. Ich hatte auch gar keinen Hunger mehr. Stattdessen hatte sich der Frust eingeschlichen, der sich bei mir immer auf den Magen schlägt. Um meine Stimmung noch zu retten, erzählte ich ihr, was ich unterdessen in meinem Reiseführer über die Indianer gelesen hatte. Das Schicksal der verdrängten Ureinwohner Kanadas schien sie bisher interessiert zu haben, weil sie nach ihnen Ausschau gehalten hatte, wenn auch nicht in dem Maße wie nach den Tauben. Von den Indianern hatten wir aber während der ganzen Reise nur einen einzigen gesehen. Es war eine Indianerin. Mit ihren schwarzen Zöpfen saß sie in einem Jeansanzug betrunken in einer der Hochhausschluchten Torontos auf der Straße.

Sie hörte mir gar nicht zu. Wann würde diese Frau mit ihrem Kofferkramen und Herumsteigen aufhören? In diesem Zimmer, in dem man sich ohnehin kaum rühren konnte. Wann würde dieser blanke Hintern vor meinem Gesicht endlich verschwinden? Nach fünf Stunden rastloser nackter Geschäftigkeit putzte sie ihre Zähne, nahm ihre Schlaftabletten und schlüpfte um dreiundzwanzig Uhr in ihr Bett. Heute hatte sie einen Rekord geschafft. Unser Abschiedsessen hatte sie vergessen.

Für mich war an Schlaf nicht mehr zu denken. In der Dunkelheit ließ ich den Tränen meiner bitteren Erkenntnis endlich freien Lauf. Diese Reise war bisher ein einziges Fiasko.

Und dabei hatten wir erst die Hälfte hinter uns. Ich hätte wissen müssen, dass es so kommen würde. Ich kannte sie lange genug.

“Zusammenhalten um jeden Preis”, hatte ich mir vor unserer großen Reise noch geschworen. Die ersten Tage hatte das geklappt - solange wir gemeinsame Feinde hatten. Denn bei unseren kanadischen Freunden oben in Huntsville machte sie sich schnell unbeliebt mit ihrem unübersehbaren Drang zur körperlichen Entblößung und ihrer leidenschaftlichen Liebe zur häuslichen Schildkröte. Gegen mich hatten sie zwar nichts, aber ich dachte an meinen Schwur und schlug mich auf die Seite meiner Gefährtin, obwohl ich zugeben musste, dass mich ihre Eigenheiten plötzlich auch furchtbar störten. Überdies trugen “unsere Kanadier” durchaus selbst dazu bei, dass sie sich zu unseren Feinden machten. Elf Jahre hatten sie angeblich auf unseren Besuch gewartet – und nun schienen wir ihnen gar nicht sehr willkommen zu sein. Ihre ständigen versteckten Anspielungen auf die Kosten, die ihnen unser Besuch verursachte, ließen darauf schließen. Nach einer heftigen Auseinandersetzung, bei der es aber um die Schildkröte ging, verließen wir Huntsville fluchtartig.

Danach begann unsere Krise – das heißt – meine Krise. Sie war mit den Tieren beschäftigt, oder sie verschwand für Stunden in einem Shopping-Center. Wo immer wir auf unserer Reise hinkamen, ging sie ihren vertrauten Gewohnheiten nach. Wie zuhause auf ihrem Balkon kamen auch die Vögel Kanadas in Scharen angeflogen, wenn sie ihr Brot auspackte. Mit den Hunden, denen wir begegneten, sprach sie auf eine mütterlich verständige Art, während sie ihr Fell nach Zecken absuchte, ganz so, wie sie es mit ihren zwei Pudeln getan hatte, bevor sie sie vor einem knappen Jahr kurz nacheinander beerdigen musste. Neben der Liebe zu den Tieren gehörten auch zuhause die ausgedehnten Kaufhausbummel und das häusliche Herumkramen in nacktem Zustand zu den Beschäftigungen, bei denen sie die Anwesenheit von Menschen leicht vergessen konnte. Kein Wunder, dass sie es hasste, wenn ich meinen Reiseführer aufschlug.

Wie sollte das mit uns weitergehen? In fünfzehn Stunden würden wir bei unseren Bekannten in San Francisco sein. Sie hatten zwei niedliche Pudel: Sascha und Willy. Ich sah nur einen Ausweg: Ich musste mich von dieser Frau trennen.

Ich hatte noch kein Auge zugetan, als um vier Uhr früh der Wecker klingelte. Bis wir im Taxi saßen, sprach ich kein Wort. Dann begann ich zu schreien. Sie verstand nicht, warum. Ich war doch seit achtzehn Jahren ihre Freundin.

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