Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Schein oder Sein? Das ist hier die Frage!
Während der Busfahrt hatte Knut Feddersen, wie üblich, Zeitung gelesen. Er faltete nun die WAZ sorgfältig zusammen. Als er aus dem Fenster sah, glitt der Supermarkt an ihm vorbei, nun nur noch um die Kurve, die Haltestelle kam näher. Er steckte ohne Hast die Zeitung in seine Aktentasche und stieg aus.
Wie jeden Abend ging Feddersen die Goethestrasse entlang. Heute verfolgten ihn kleine, trippelnde Schritte. Er sah sich um. Ein Kind, das sich offenbar zum Fasching als Teletubby verkleidet hatte, lief einige Schritte hinter ihm. Feddersen bog in die Nord-Allee ab. Der Teletubby folgte ihm. Als Feddersen Ecke Lindenstrasse stehen blieb und sich wieder umsah, stand dieser kleine, zyklamrote Wichtel abwartend hinter ihm und sah ihn mit bettelndem Dackelblick an.
„ Lass den Quatsch, hau endlich ab, geh endlich nach Hause “, brummte Feddersen.
„ Po will mit dir gehen, ja, mit, mit ! “ quiekte ein Stimmchen, ein Beinchen stampfte.„ Nimm mich mit zu dir. Ich weiß nicht, wo ich sonst bleiben kann “, jammerte der rote Plumpsack und hüpfte dabei um Feddersen herum.
Der ging ärgerlich bis zu seiner Haustür. Die kleinen Schritte verfolgten seine wie ein Echo im Stakkato. An der Tür drängte sich der Teletubby vor und schlüpfte, kaum dass Feddersen die Tür geöffnet hatte, ungeniert in seine Wohnung.
„ Ich bin abgehauen von diesem Kinderkanal. Mir ging das ´Oh, oh, Tinky-Winky-Dipsy-Laa-Laa-Po `so sehr auf den Keks. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen. Du musst mir helfen. Die vom Sender verfolgen mich “, erklärte das kleine Männchen weinerlich.
Feddersen sah den Kleinen ungläubig an, ging zur Tür, horchte ins Treppenhaus, ging zum Fenster. Stand da irgendwo eine Aufnahmewagen vom
TV-Sender ? War das vielleicht ein Jux von ´Verstehen Sie Spaß ? ` Es gab keine Anzeichen dafür. Als Feddersen in die Küche kam, saß doch dieser freche Wicht vor dem geöffneten Kühlschrank und ließ es sich schmecken. „ Aber hör mal, du musst doch zurück zu deinen anderen Teletubbies . Außerdem brauchen dich die Kinder dringend. Ihr erklärt ihnen doch immer, was im täglichen Leben so los ist “, sagte Feddersen zu seinem ungebetenen Gast.
„ Ich möchte ein richtiger Schauspieler sein, mit ernsten Rollen, im Tatort, oder mal was Klassisches ´Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage `, deklamierte Po.
Du kannst in meinem Tatort die Leiche sein, wenn du nicht bald verschwindest, dachte Feddersen. Immer noch glaubte er, dass es demnächst klingeln würde und jemand lachend „ Vorsicht Kamera ! “, rief. Inzwischen war Tagesschau, Wetterkarte und der Donnerstalk mit Maybritt Illner über die Mattscheibe geflimmert. Auch den üblichen Gutenachtkuss hatte Feddersen schon dieser Petra Gerster vom Heute-Journal durch den Bildschirm gegeben. Es ging auf elf Uhr zu. Feddersen wollte gewohnheitsgemäß in sein Bett kriechen, aber sein Zwangsgast machte nicht den Eindruck, endlich zu gehen. Was sollte Feddersen mit dieser profilneurotischen Fantasiefigur anfangen ? Ja, wenn ihm ein Katze oder ein Hund oder ein Meerschweinchen zugelaufen wäre, die könnte er im Tierheim unterbringen, aber wo einen geflüchteten Teletubby?
Vielleicht verfolgten sie ihn wirklich. Wahrscheinlich ermittelte schon die Truppe von der Soko, oder Schimanski trat ihm demnächst die Wohnungstür ein und Kommissar Rex schnüffelte im Treppenhaus. Oder sie hatten Derrick wieder-belebt und der sagte gerade „ Hol` schon mal den Wagen, Harry “.
Feddersen deckte den kleinen Wicht, der in der Sofaecke eingeschlafen war, fürsorglich zu. Morgen wird er nicht, wie üblich, ins Büro gehen.
Nein, er wird blaumachen und dem Kleinen zureden, gefälligst wieder ins Fernsehen zu verschwinden, um dort bei den TV-Promis zu bleiben.
..... und wenn ihm das nicht gelingen sollte ? Na, dann würde Feddersen abends XY-Ungelöst anrufen, natürlich anonym, und den kleinen Quälgeist beim Sender verpfeifen. Feddersen schlief zufrieden in den nächsten Tag, bis ihn der Teletubby weckte.
Der Leser schaut hier sehr betroffen, der Text ist aus und noch sind viele Fragen offen ..... frei nach Marcel-Reich-Ranicki.



