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Das Baumhaus

Mit gebeugtem Rücken und vornüber hängenden Schultern saß Günter Rühmstrumpf in seinem Lehnsessel mit dem schweren, dunkelroten Bezug und starrte abwesend vor sich hin. Wenn er gelegentlich den Kopf hob, um durch das geöffnete Fenster den Nachbarjungen Tim beim Spielen im Garten zu beobachten, leuchteten seine Augen wie im Schein einer kleinen Kerze schwach auf.
Den Sessel verließ er nur noch, um einem seiner reduzierten körperlichen Bedürfnisse nachzugeben: Die lästige Nahrungsausscheidung wechselte ab mit der Nahrungsaufnahme - leider nötigte ihn seine Frau Lilli Rühmstrumpf nach wie vor an den Esstisch - oder er schleppte seinen schweren Körper ins Bett, wenn die Knochen vom vielen Sitzen allzu sehr schmerzten.
Durch das geöffnete Fenster verfolgte er die spielerische Leichtigkeit, mit der Tim einen Ball balancierte. Als der Junge den nachlässig gekleideten und unrasierten Nachbarn in seinem Sessel bemerkte, lächelte er und winkte. Günter Rühmstrumpf hob den Unterarm, während der Ellbogen auf der gepolsterten Armlehne aufgestützt blieb, und erwiderte den fröhlichen Gruß ebenfalls mit einem Lächeln.
In diesem Moment hörte er Schritte hinter sich. Er ließ Unterarm und Kopf wieder sinken.
„ Du hockst ja schon wieder da!“ drang Lillis Stimme an sein Ohr. „Raff dich endlich mal auf. Tu etwas!“
Günter Rühmstrumpf schwieg. Er wusste nichts zu sagen.
„ Kannst du mir nicht wenigstens antworten?“ beharrte Lilli.
„ Du hast mich nichts gefragt.“ Eine Spur kindlichen Trotzes mischte sich in seine Worte.
„ Deine Passivität ist nicht mehr auszuhalten! Beweg dich endlich! Mach endlich etwas Sinnvolles! Reparier meinetwegen diesen scheußlichen alten Sessel, auf dem du schon seit Wochen hockst wie ein, ein fetter Karpfen auf dem Trockenen. Der knarrt schon und fällt bald auseinander, genau wie du! Du bist nicht der Einzige, der seinen Job verloren hat! Es gibt jede Menge andere Menschen, denen es ähnlich geht wie dir. Die kriegen ihren Arsch wenigstens hoch. Aber du? Tust dir nur selbst Leid!“
„ Es ist gerade mal fünf Wochen her. Ich brauche noch ein wenig Zeit.“ Der Trotz war nun wieder der alten Niedergeschlagenheit gewichen.
„ Zeit, Zeit. Wie viel Zeit brauchst du denn noch? Ich will dir mal was sagen. Du hast ganz einfach den falschen Beruf gelernt. Schreinermeister! Was kannst du denn heute schon damit werden? Du hättest etwas Richtiges lernen müssen, Akademiker zum Beispiel.“ Wenn Lilli das Wort Akademiker aussprach, dehnte sie das „E“ in der Mitte besonders, um ihm das gebührende Gewicht zu verleihen. „Wenn du Akademiker wärst, würdest du jetzt nicht hier rumsitzen, ich müsste nicht schuften gehen und uns ginge es auch besser. Aber nein, Herr Rühmstrumpf hatte keine Lust, die Schule zu beenden. Er war zu faul. Etwas Richtiges wollte er machen, mit den Händen. Da siehst du, was du davon hast. In den Schoß legst du sie, deine Hände. Wirst immer fetter und träger, wenn du so weiter machst.“
Rühmstrumpf rührte sich nicht. Er starrte unverwandt nach draußen und beobachtete den Nachbarjungen. Hatte Lilli vielleicht Recht? Hatte er sich für den falschen Beruf entschieden? Hatte er sich überhaupt falsch entschieden? Und was war mit Lilli? War sie die richtige Frau für ihn? Sie hatte sich schon immer einen anderen Günter Rühmstrumpf gewünscht, einen `Akadeemiker´, wie sie sagte. Insgeheim träumte sie davon, eine Frau Doktor Rühmstrumpf zu sein. Er seufzte tief. Was war da schief gelaufen? Hatte er noch Zeit, etwas zu ändern? Oder war es mit achtundfünfzig schon zu spät? Er konnte unmöglich weiterhin zu Hause herumsitzen und nichts tun. Zumindest nicht, solange er mit Lilli unter einem Dach lebte. Aber er hatte einfach nicht die Kraft und Energie, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Das hatte er früher immer getan. Seinen Beruf als Schreiner hatte er gerne ausgeübt, er hatte seine Hände mit Herz und Verstand gebraucht. Aber jetzt hingen sie zitternd und nervös von den Armlehnen herab und schafften es morgens nur mit Mühe, die Hemdsknöpfe zuzuknöpfen. Einfach dicht gemacht hatten sie den Betrieb, in dem er fast zwanzig Jahre gearbeitet hatte – wegen In-sol-venz. So nannten sie das heute. Jetzt fühlte er sich alt und müde. Würde er etwas Neues anfangen können? Langsam schüttelte er den Kopf.
„ Aber sicher wirst du immer fetter und träger, wenn du so weiter machst!“ keifte Lilli hinter ihm und riss ihn aus seinen schweren Gedanken. „Und davon, dass du ständig den Nachbarjungen anstarrst, wird es auch nicht besser. Wenn du Akademiker geworden wärest, dann hätten wir vielleicht auch Kinder. Dann hätten wir uns das vielleicht leisten können. Aber nein, du wolltest ja nicht.“
Jetzt richtete sich Rühmstrumpf in seinem Sessel auf und hob den Kopf: „Wer sagt, dass ich keine Kinder wollte?“
„ Die Schule wolltest du nicht abschließen, habe ich gesagt, weil du zu faul warst. Immer den Weg des geringsten Widerstandes. Schreiner, das ist besser, da muss man den Kopf nicht anstrengen. Immerhin hast du es zum Meister gebracht!“ Lilli warf den Kopf in den Nacken und reckte ihre spitze Nase in die Luft, während sie das Wort „Meister“ übertrieben betonte.
Er sank wieder in den Sessel zurück, seine Stimme verlor an Kraft: „Du warst es, die keine Kinder wollte. Es war dir immer zu früh, du wollest damit noch warten - bis es dann zu spät war. Und Angst um deine Figur hattest du.“
„ Heute ginge es uns mit Sicherheit besser, wenn du Akademiker geworden wärest. Wir hätten ein schönes Haus und müssten nicht in dieser miefigen Hütte wohnen. Du hättest jetzt noch deinen Job und später eine anständige Pension. Aber nein, der Herr hielt ja nichts von Bildung. Verachtet hast du sie, die Intellektuellen. Mit den Händen wolltest du etwas tun, etwas Richtiges. Und, was fängst du jetzt mit deinen schwieligen Händen an? Sie taugen zu nichts. Gar nichts! Verstehst du!“
„ Gerne hätte ich Kinder gehabt“, murmelte Rühmstrumpf und wandte den Kopf ab. Reglos starrte er wieder in den Garten, wo Tim noch immer spielte.
Lillis Wangen hatten sich vor Erregung gerötet: „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu? Nein, du hast mir noch nie zugehört. Lebst in deiner eigenen Welt, alles andere ist dir egal! Das ist das Problem. Du bis ein elender Egoist!“
Er ließ die Worte an sich abprallen wie Gummibälle, die man gegen eine Wand schleudert, und sank immer tiefer in den Sessel. Eine Frage hämmerte beharrlich gegen seine Schädeldecke: Was ist falsch gelaufen? Was ist falsch gelaufen? Seine Hände krampften sich um die Armlehnen, die von geschnitzten Engelsköpfen verziert waren. Nicht nur die hohe Lehne war an den Seiten kunstvoll gedrechselt, sondern ebenso die Beine des weich gepolsterten Sessels, den Rühmstrumpf vor vielen Jahren selbst angefertigt hatte. Es war ursprünglich ein Geschenk für Lilli gewesen. Er hatte sich immer vorgestellt, wie seine Lilli in dem Lehnsessel säße und strickte oder Socken stopfte oder einfach nur ein Buch läse. Er hatte sich immer vorgestellt, wie sie dort bequem säße, getragen von seiner Hände Arbeit, mit einem glücklichen, dankbaren Lächeln auf den Lippen. Aber es war ganz anders gekommen. Das war jetzt schon fast zwanzig Jahre her. Nun saß er in dem Sessel und fühlte sich alt und müde – ebenso wie der Stuhl, der leise knarrte.
„ Meine Mutter hat mich immer schon gewarnt. Ich hätte auf sie hören sollen! Sie hat gesagt, Kind, mit dem Rühmstrumpf wirst du nicht glücklich. Recht hatte sie! Aber wenn man jung ist, ist man oft so dumm. Ich war blind. Ich hätte alle Männer haben können! Heute sind sie Rechtsanwälte oder Juristen. Einer aus meinem Jahrgang ist sogar Professor geworden. Dieter! Er sieht noch immer gut aus! Und sehr intelligent ist er. Heute wäre ich glücklicher, mir ginge es besser. Das ist sicher. Aber nein, ich lasse mich mit dir ein. Mit einem, der die Schule abbricht und Handwerker werden will. Ich war ja so blind! Das hab´ ich nun davon.“
Lilli hatte die Arme vor der Brust verschränkt und ihre graublauen Augen blickten ins Leere. Plötzlich wirkte sie zart und zerbrechlich. Ihre Brust hob und senkte sich im schnellen Rhythmus der Anspannung. Das sonst blasse Gesicht hatte sich gerötet und zeigte hässliche dunkle Flecken. Etwas in ihrem Innern war in Bewegung geraten. Allmählich straffte sich ihr Körper. Mit einer nervösen Geste strich sie eine blond gefärbte Strähne aus dem Gesicht und stemmte die Fäuste gegen ihre knochigen Hüften. Sie neigte den Kopf leicht nach hinten, ihre Wirbelsäule richtete sich auf, sie streckte die Brust vor und sagte langsam und betont, als spräche sie zu sich selbst: „Ich bin noch jung. Noch keine fünfzig. Meine besten Jahre liegen noch vor mir. Mein Leben ist noch nicht zu Ende. Ich werde meine Hände noch nicht in den Schoß legen! Noch nicht!“ Langsam wandte sie sich ihrem Mann zu, der noch immer nach draußen starrte, und sagte unvermittelt: „Ich gehe!“ Sie wartete.
Rühmstrumpf rührte sich nicht. Seine Augen und sein Verstand schienen völlig auf den spielenden Jungen fixiert zu sein. Er beobachtete, wie Tim einige Bretter an den alten Apfelbaum lehnte und einen Hammer zur Hand nahm. Seine Hände krampften sich um die Engelsköpfe, das war die einzige Reaktion, die er zeigte.
Lilli sog in einem langen, tiefen Atemzug Luft ein, als wollte sie unter Wasser tauchen. Mit bedrohlich leiser Stimme, die sich langsam steigerte, begann sie: „Sag mal, steckt überhaupt noch ein Funken Leben in dir? Bist du überhaupt noch hier? Verdammt noch mal, sag etwas, beweg endlich deinen Arsch!“ Plötzlich schlug ihre Stimme um: „Du machst mich noch wahnsinnig! Mit dir hält es ja kein normaler Mensch aus! Du bist verrückt!“ Die letzten Worte schrie sie fast heraus. Mit weit geöffneten Augen und nervös zuckenden Lippen starrte sie ihn an. Ihr Atem ging schnell und unregelmäßig. Plötzlich hielt sie die Luft an. Dann sprach sie mit leiser, vor Anspannung zitternder Stimme: „Ich werde dich jetzt verlassen. Dieter wartet schon auf mich.“ Sie blieb stehen.
Langsam erhob sich Rühmstrumpf aus dem Sessel. Er richtete seinen kräftig gebauten Körper auf und stellte sich vor seine Frau, so dicht, dass sie seinen Atem spüren konnte.
Entsetzt sah Lilli ihrem Mann, der sie um gut einen Kopf überragte, in die Augen: „Was hast du vor, Günter?“
Kaum merklich schüttelte Rühmstrumpf den Kopf und flüsterte: „Jetzt werde ich endlich etwas Sinnvolles tun.“
„ Fass´ mich nicht an! Ich warne dich!“
Er schwieg. Endlich wandte er sich ab und ging langsam, aber mit festen Schritten an ihr vorbei und ließ sie einfach stehen.
Als Tim den alten Rühmstrumpf bemerkte, rannte er auf ihn zu: „Hilfst du mir, ein Baumhaus zu bauen?“
Rühmstrumpf lächelte und ließ sich von dem Jungen an die Hand nehmen.

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