Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Alte Geschichten
Rosemarie stellt die Einkaufstüte ab. Juliane hört ihr Klingeln auch heute nicht, Eminems „Lose yourself“ schallt durch das Treppenhaus. Rosemarie reißt die Zimmertür ihrer Tochter auf, das alltägliche „Leiser“ schon auf den Lippen, doch es bleibt ihr im Hals stecken. Juliane kniet dicht neben einem Langhaarigen auf dem Fußboden. Sie haben die Köpfe zusammengesteckt.
Juliane fährt herum, als sie Rosemarie hinter sich hört: „Mama, das ist…“
Auch der Junge hat sich lässig zur Tür umgedreht. Er hält einen Pinsel in der Hand, grinst. Ziemlich unverschämt.
„ Ich habe dir doch schon so oft gesagt…“ Rosemarie bricht ab, schließlich weiß Juliane, dass sie keine Kerle mit nach Hause bringen soll. Sie soll sich um ihre Pflichten kümmern. Rosemarie sieht sich prüfend um. Wie es hier wieder aussieht! Fehlt nur noch, dass die Farbe vom Pinsel auf den Teppich tropft!
Juliane bringt den CD-Player zum Schweigen. „Mama, Johannes geht doch gleich. Wir waren noch nicht fertig mit…“
Johannes heißt der Schlacks also. Ihre Tochter umgarnen! Den ganzen Nachmittag allein in der Wohnung. Man weiß ja, wohin das führt! Heftig schneidet Rosemarie Juliane das Wort ab: „Nicht fertig! Macht ihr auf dem Teppich Hausaufgaben? Ich dachte, ich könnte mich auf dich verlassen, Juliane…“
Juliane zieht die Schultern hoch. Wie oft sie ihr das alles schon gesagt hat! Erst gestern hatte Juliane ihr versprochen... Sie will diese endlosen Streitereien doch auch nicht, sie schimpft nicht gern, sie hasst dann ihre laute schrille Stimme.
Johannes bemüht sich, gleichgültig aus dem Fenster zu sehen. Juliane sieht sie ängstlich an: „Mama!“
Der verzagt bittende Protest lässt Rosemarie innehalten. Sie muss das später mit Juliane klären. In Ruhe. Ohne diesen Schlacks. Sie winkt resigniert ab und verlässt das Zimmer.
Hastig packt sie in der Küche den Einkauf aus. Juliane hat den Geschirrspüler nicht ausgeräumt. Bügeln muss sie heute auch noch. Und das Essen. Juliane hat mittags wieder nichts gegessen!
Juliane und Johannes verabschieden sich, Rosemarie lauscht, sie versteht nur „Bis nachher!“. Sie wirft die geschälte Kartoffel in den Topf. Wie selbstverständlich Juliane diese beiden Worte gesagt hat. Ohne vorher zu fragen. Sie ist erst fünfzehn. Abends weggehen! Mit diesem Schlacks! Wieder wirft Rosemarie eine Kartoffel in den Topf, das Wasser spritzt über den Rand. Nicht mit ihr! Heute geht Juliane nicht mehr runter!
Leise öffnet Juliane die nur angelehnte Tür. Rosemarie wäscht und viertelt die Kartoffeln akribisch genau.
„ Mama, entschuldige…“
„ Werd’ doch vernünftig und mach’ mir nicht immer solchen Kummer…“ Wird Juliane es dieses Mal endlich begreifen? Sie will doch nur das Beste für sie!
Juliane hält ihr einen zusammengerollten Zettel hin. Rosemarie nimmt ihn, glättet das holzgraue Papier. Liest, die Worte wägend: „Juliane fehlte heute unentschuldigt…“ Ungläubig starrt sie auf den Zettel. Ihre Hände zittern. Das nun also auch noch. Noch nie hatte Juliane...
„ Wir waren zur Demo. Gegen den Krieg. Heute früh kam der Aufruf. Die Lehrer haben die Demo verboten. Solche blöden Affen!“
Rosemaries strenges „Juliane!“ übertönt die Schimpfworte. Doch Juliane lässt sich nicht unterbrechen: „Und mit Johannes habe ich Plakate gemalt. Nachher ist die große Demo auf dem Alex! Wir treffen uns gleich alle!“
„ Du bleibst zu Hause!“ Die Worte rutschen ihr schnell und schneidend über die Lippen.
„ Aber…“ Juliane sieht sie ungläubig an, „... es ist eine Antikriegsdemo! Ich lass’ mir das nicht verbieten! Du bist genauso wie die blöden Lehrer!“
Noch einmal schreit Rosemarie: „Juliane!“, doch die rennt aus der Küche. Sie steht reglos und starrt auf die zugeknallte Küchentür. Dann fällt auch die Wohnungstür ins Schloss.
Das hatte sie sich nie gewagt. Sie sieht sich in der elterlichen Küche stehen. Ihre blonden Zöpfe sind windzerzaust, sie atmet hastig. Sie ist die zwölf Kilometer von der Schule nach Hause gefahren, übers hüglige Land, jeden Tag fährt sie diese Strecke, die Mutter will nicht, dass sie im Schulinternat wohnt, lose Sitten herrschten dort, man höre so allerlei. Die Mutter steht in ihrer geblümten Schürze am Küchenherd, es riecht nach Spargel und neuen Kartoffeln.
„ Mama…“ Rosemarie will ihre Frage schnell loswerden, hält die Schultasche noch in der Hand: „Mama, Dieter und Susanne haben gefragt, ob ich mitkomme...“
Schon als die Mutter den Namen „Dieter“ hört, zieht sie die Augenbrauen hoch.
„ Du weißt doch... Der Protest gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf…“ In der Schule haben sie jeden Tag darüber gesprochen. Seit drei Wochen gibt es ein neues Schreckenswort. Tschernobyl. Und Wackersdorf ist hier ganz in der Nähe. Am Sonnabend fahren die Klassenkameraden hin. Protestieren.
Die Mutter wischt die Hände an der Schürze ab, setzt sich auf den Stuhl am Fenster. Im Hof scharren die Hühner, die Blätter der große Linde bewegen sich im warmen Wind.
Die Mutter schüttelt den Kopf: „Ach, Rosi, was willst du dort? Es wird Polizei dort sein. Es wird Ärger geben. Du bist doch noch zu jung. Woher willst du wissen, was richtig ist!“
Rosemarie blieb zu Hause. In den nächsten Wochen fanden noch viele Proteste statt. Doch keiner fragte mehr, ob sie mitmache.
Juliane ist dagegen so uneinsichtig! Aufsässig. Das ist dieser Johannes! Jetzt versteht Rosemarie ihre Mutter. Ihre Ängste und Sorgen. Alles wiederholt sich. Rosemarie stellt das Bügelbrett auf. Schaltet den Fernseher ein.
Wie kühl und sachlich der Journalist über die Bombardierung Bagdads spricht! Hinter ihm steigt Rauch aus Ruinen auf und er erläutert die Wirkungsweise der Bomben, ihre Zielgenauigkeit und Durchschlagskraft! Jetzt Bilder aus Krankenhäusern. Die Stimme des Journalisten geht über diese Bilder hinweg. Gleichgültig. Er liest von einem Zettel Zahlen ab, die Anzahl Verletzter und Toter. Eine Frau hält klagend ein totes Kind in die Kamera.
Die Großmutter sprach nur selten und spärlich von Bombennächten und Krieg, von der verhungerten Schwester der Mutter erzählte sie erst kurz vor ihrem Tod. Rosemarie hatte die alte Frau im Krankenhaus besucht. Der ausgemergelte Körper in weiße Laken gehüllt, die Lippen blutleer im zerfurchten Gesicht.
Rosemarie brachte Fotos von der dreijährigen Juliane mit. Juliane planschend, fröhlich kreischend. Lange starrten die alten Augen auf die Fotos, die Mundwinkel zuckten in dem faltigen Gesicht, die Großmutter schluchzte hemmungslos. Rosemarie bereute, ihr die Fotos gezeigt zu haben, schwieg verlegen, hielt die kalte knochige Hand.
Plötzlich stammelten die zitternden Lippen der Großmutter: „Wie meine Walburga! Sie sieht aus wie meine Walburga!“
Rosemarie verstand nichts, sie fragte nicht, immer wieder drückte sie die dünnen Finger. Dann erzählte die Großmutter stockend. Walburga, einundfünfzig Jahre wäre Walburga jetzt. Nichts ist von der Dreijährigen geblieben. Ebenso blonde Locken hatte sie wie die kleine Juliane. Und das Lachen! Genauso kess und verschmitzt! Walburga ist verhungert. Auf dem Treck. In einer Scheune. In ihren Armen. Irgendwo im Wald hat sie sie begraben, nicht einmal einen Sarg hatte sie. Den Namen des Ortes hat die Großmutter vergessen. Sucht ihn seit Jahrzehnten in ihrem Gedächtnis.
Rosemarie nahm den schmalen Körper der Großmutter in den Arm, streichelte sie, weinte mit ihr. Fragte nun nach den wenigen Erinnerungen. Erschöpft sah sich die Großmutter noch einmal die Bilder von Juliane an und seufzte: „Bloß gut, dass ihr so etwas nie erleben müsst…“
Siebzigtausend protestieren jetzt auf dem Alexanderplatz. Irgendwo sind auch Juliane und Johannes. Viele Alte. Ihre Plakate erinnern an die Bombennächte. Eine weißhaarige Frau reckt kämpferisch die Faust, kommt dabei ins Wanken. Wird aufgefangen von einem kräftigen Jungen. Er sagt etwas, zeigt auf seine Wange, eine Fahne ist dort zu sehen, regenbogenbunt. Die Kamera schwenkt weiter, immer mehr Menschen strömen zur Demonstration.
Rosemarie steht auf, räumt das Essen in den Kühlschrank. Juliane wird Hunger haben, wenn sie nach Hause kommt. Hoffentlich bringt sie Johannes mit. Sie möchte den beiden von Julianes Urgroßmutter erzählen.



