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Lebenssprünge

Wütend stampfte André durch das Sägemehl und stieß den schweren Vorhang beiseite. Hinter sich hörte er Mona keifen, ihre Worte verstand er aber nicht. Das war auch nicht nötig, denn er kannte ihren Inhalt. Es wurde immer schlimmer. Früher hatten sie sich nur außerhalb der Manege gestritten und während ihrer Arbeit über das heikle Thema geschwiegen. Nun begann das auch hier. Er hätte sich die Zunge rausschneiden können für seine unbedachten Worte über Nummern, in denen alle Familienmitglieder mitwirken, vom Opa bis zum Kleinkind. Mona hatte das sofort als Angriff gedeutet. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie hinter ihm her stürzte. Ihre schwarzen Haare flogen, sie hatte sich alle Gummis heraus gerissen.
“ Bleib stehen, verdammt nochmal! Wir sind noch nicht fertig!”
“ Womit?” fragte er höhnisch, “mit den Proben oder deinem hysterischen Gekreische?”
“ Mit beidem. Mit den Proben und deinen verrückten Familienträumen!”
Am Ausgang des Circuszeltes erschienen Mike und Franko, zweiter Fänger und zweiter Flieger ihres Teams.
“ Lasst es gut sein”, rief André ihnen zu, “das wird jetzt eh nichts mehr!”
Mona funkelte ihn zornig an. “Na klasse, wir sind erst halb durch...”
“ Es wäre kein Problem gewesen, ganz durch zu kommen, wenn du dich nicht so aufgeführt hättest”, schnitt André ihr das Wort ab.
“ Dann lass deine blöden Anspielungen, du bist schon ganz besessen von dieser Idee! Wie stellst du dir das vor mit einem Kind? Meine Figur wäre völlig ruiniert und ich müsste aussteigen. Wir würden kein Engagement mehr bekommen! Aber daran denkst du ja nie, Hauptsache, du hast ein paar Bälger um die Beine.”
“ So ein Quatsch”, wehrte André ab, “du könntest schon nach ein paar Monaten wieder einsteigen. Während der Proben und der Vorstellungen würden wir jemanden zum aufpassen finden, das weißt du. Und wenn wir mehr wären, wären wir auch attraktiver. Wir könnten verschiedenen Nummern einüben.”
Mona warf ärgerlich ihre schweren Haare in den Nacken. Sie sah wunderschön aus in ihrem Zorn. Als André sie zum ersten Mal sah, war er wie betäubt gewesen von ihren Bewegungen und ihrer Ausstrahlung. Sie hatte schon damals als Fliegerin gearbeitet, während André sein letztes Jahr an der Circusschule absolvierte. Wenn Mona durch die Circuskuppel schwebte, blickten alle Augen auf sie und ließen sie nicht mehr los, bis sie aus der Manege verschwand.
“ Ich will aber keine Pause machen. Schau dir Teresa an. Sie ist noch heute so dick wie eine Wassertonne und schafft es nicht mal, sich aufs Pferd zu schwingen. Meinst du, ich will so enden? Und was heißt mehrere Nummern? Zwei? Drei? Vier? Ich könnte nirgends mitmachen, weil ich dauernd schwanger wäre!”
“ Irgendwann ist es sowieso zuende, du bist vierunddreißig. Noch könnten unsere Kinder alles von uns lernen. Es ist doch schön, wenn unser eigenes Fleisch und Blut unseren Traum weiter träumt.”
Monas Augen sprühten Funken. “Niemand wird unseren Traum weiter träumen”, zischte sie, “die Nummer wird mit uns sterben. Meine Kinder würde ich nie aufs Trapez lassen!”
André sah aus, als würde er gleich zuschlagen. “Bist du wirklich so egoistisch?” brüllte er. “Für die paar Jahre, die du noch auftreten kannst, versagst du mir eine Familie! Deine Wünsche stehen immer oben, weit über allen anderen Menschen!”
“ Ja, das tun sie”, schrie Mona zurück, “ich will fliegen! Ich bin die Beste und will das solange wie möglich bleiben. Du bist so rücksichtslos. Für dich ist das alles einfach. Du kannst ja weitermachen. Du musst sie nicht mit dir herum tragen, sie nicht kriegen!”
Mit einer schnellen Bewegung griff André nach ihren Handgelenken und zog Mona dicht zu sich heran. Er sah ihr direkt in die Augen. “Wenn ich gewusst hätte, dass du so bist, ich hätte dich nicht geheiratet.” Dann stieß er sie von sich, schritt quer über den Platz und verschwand hinter dem Tigerkäfig.
“ Ich dich auch nicht!” schleuderte Mona ihm mit Tränen in den Augen hinterher. Sie wandte sich ebenfalls ab und hastete zu ihrem gemeinsamen Wohnwagen. Dort drehte sie ihre Haare zu einem festen Knoten und duschte kalt. Ihr Blut war dem Siedepunkt nahe und hatte eine Abkühlung dringend nötig. Wie konnte er von ihr erwarten, dass sie alles aufgab, nur, um ihm Kinder zu verschaffen? Sie trainierte seit ihrem zwölften Lebensjahr täglich vier Stunden am Trapez. Das waren fast dreißigtausendsechshundert Stunden. So gut wie jetzt würde sie nie wieder werden.
Die nächsten Stunden vertrieb sie sich mit allerlei Hausarbeit. Je näher die Abendvorstellung rückte, desto mehr verschwand die Wut. An ihre Stelle rückte leise Furcht. Wo war André bloß? Sie mussten bald beginnen, sich umzuziehen und zu schminken. Als er nicht kam, bereitete sie sich alleine vor, wenn es ihr auch schwer viel, den Reißverschluss ihres Trikots auf dem Rücken zu erreichen. Mike und Franko traf sie im Aufwärmzelt.
“ Wo ist André?” fragte Mona, doch die beiden wussten es nicht. Zu dritt liefen sie einige Runden und dehnten ihre Muskeln, bevor sie mit Hebungen und Schwüngen an der Reckstange begannen. Noch zehn Minuten. Er würde sie doch nicht versetzen? Sie einfach stehen lassen? Mona wurde von Minute zu Minute nervöser. Als André auftauchte, hatten sie noch eine Minute Zeit.
Mona stürzte auf ihn zu. “André, du bist nicht aufgewärmt, was soll das?”
Sie fing seinen Blick auf und erschrak bis ins Mark. Seine Augen waren kalt und voller Hass. Mona wich zurück, doch in diesem Moment wurden sie aufgerufen. Rasch liefen sie hinüber zum großen Zelt und betraten nach der Ansage mit strahlenden Gesichtern die Manege. Als die Musik begann, erklommen sie nacheinander mit schlängelnden Bewegungen die zu den Trapezen führenden Seitenstreben. Ehe André seinen Platz auf dem linken Trapez einnahm, fing Mona seinen Blick auf und wusste in dieser Sekunde, was seine kalten Augen zu bedeuten hatten. Er würde sie umbringen! Aber das konnte er nicht tun, nicht vor allen Zuschauern! Mona begann zu schwitzen. Von den Zuschauern würde es gar niemand begreifen. Ein tragischer Unfall. Aber Mike und Franko würden es sehen, wenn André nicht richtig zufasste. Und wenn sie es schon wussten? Mona schaute sich gehetzt um, sah aber nur Frankos aufmunterndes Kopfnicken und wie er sich in die Absprungposition stellte.
Das Trapez war ihr Leben. Wenn es so sein sollte, dann würde es auch ihr Tod sein. Sie atmete nochmals tief durch und nickte André zu. Der ließ seine Stange los und schwang sich kopfüber hängend durch die Luft. Mona folgte seinen Bewegungen mit den Augen, passte nach dem dritten Schwung den richtigen Moment ab und sprang...

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