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Vorübergehend unbewohnt
Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Zum ersten Mal seit langem fühlte er sich nicht verloren. Wie er auf dem Bahnsteig stand und graue Kringel in die dunkle, laue Luft blies. Er war nicht in den Zug gestiegen und sah endlich in die Richtung eines Auswegs.
Denn für ihn war wenig Zeit vergangen seit dem Tag vor fast zwei Jahren, an dem sie ihn gefragt hatte, ob er sich vorstellen könne, für eine Weile auszuziehen. Mit großen Augen hatte er sie angesehen, während sie sich ihre Befreiung herbeiredete. Eigentlich habe sie ihn schon fünf Jahre früher verlassen wollen. Bis zum „Mach dir keine allzu großen Hoffnungen“ war es dann nur noch ein Sprung. Er hatte sich in einer gut funktionierenden Beziehung gewähnt. Kein Streit, keine größeren Auseinandersetzungen, keine Probleme. Elf Jahre lang lief alles glatt, Gefühlsausbrüche waren ihnen fremd. Er war glücklich, mit ihr und den Katzen auf dem Bauernhof ihrer verstorbenen Großmutter zu wohnen, den sie zusammen renoviert hatten. War es seine Schuld, dass er seine Erfüllung nicht wie sie im Beruf, sondern im Privaten fand? Sein Leben mit ihr war sein Leben. Ihre Pläne waren seine. Er hatte sich auf sie verlassen, sich fallen lassen. Sie war seine Königin, sein Maßstab.
Sie dagegen fand ihn zu phlegmatisch. Wie man nur dauernd nichts tun könne. Man müsse sich entwickeln, anstatt vor der Glotze rumzuhängen und zu warten, bis sie kam und ihn für ihre Ideen begeisterte. Sie verändere sich ständig. Sie habe es satt, dass er ihr Leben lebte. Von jetzt an wolle sie nicht mehr seine Lebensgestalterin sein. Wo das Feuer geblieben sei? Wie gute Freunde, die ab und zu miteinander schliefen, seien sie die ganze Zeit gewesen. Aber das tue im Grunde nichts zur Sache. Denn sie liebte ihn nicht mehr und das sei definitiv.
Er zog aus, aus ihrem Leben, gab aber die Hoffnung nicht auf, dass sich alles als Irrtum herausstellen würde, eine schreckliche Verwechslung, ein furchtbarer Albtraum. Sofort hätte er ihr ihre Verblendung verziehen. Er stand vor dem Nichts, er hatte nicht nur sie verloren, sondern sie hatte sein Lebensmodell, seine Träume, die für ihn in Erfüllung gegangen waren, als nichtig erklärt.
Er zog zu einem Freund auf den Dachboden, bis er eine Wohnung gefunden haben würde. In ein Häuschen mit Garten wollte er ziehen. Er hätte es als Rückschritt empfunden, in eine Zwei-Zimmer-Wohnung zu ziehen, mit oder ohne Balkon, in irgendein Stockwerk irgendeines Wohnhauses, mit Blick auf die Familienidyllen von Menschen, die ihm nichts bedeuteten. Auf einer Ebene wenigstens sollte es eine Kontinuität geben.
Da starb seine Großtante, und er erbte ihr Haus und ihren Hund. War das die Ironie des Schicksals, von der jeder sprach? Das Haus kam ihm recht. Doch wäre es ihm lieber gewesen, wenn sie nicht gestorben wäre.
Er hatte seine Großtante gemocht: eine kleine, dünne und lebenslustige Frau mit kurzem Haar. Sie war jemand, der furchtbar viel zu erledigen hatte und kam immer nur auf einen Sprung bei ihnen vorbei. Um nach dem Rechten zu sehen, wie sie selbst sagte. Zu Weihnachten und Geburtstagen schenkte sie ihm und seiner Schwester Fünfmarkmünzen, nachdem Fünfmarkscheine immer schwieriger aufzutreiben waren. Egal zu welchem Anlass und um welche Summe es sich handelte, fünf, zehn oder hundert Mark, es waren immer kleine Stoffsäckchen mit Fünfmarkmünzen drin. Am zweiten Weihnachtsfeiertag saßen sie jedes Jahr bei ihr auf dem Sofa und aßen gebratenen Hasen.
Im Geiste sah er sie vor sich, wie sie ihm auffordernd zuzwinkerte. Also zog er ein. Er ließ alles, wie es war. Er stellte die Möbel und Sachen aus seinem vorigen Leben dazu. Er benützte das Geschirr, die Handtücher, die Gegenstände seiner Großtante. Ihre Kleidung und ihre persönlichen Dinge rührte er nicht an. Ihm gefiel der Gedanke, sich in ihrem Leben einzurichten wie ein Besucher. Der Hund war auch nicht mehr der Jüngste. Man sah ihm seine Traurigkeit an.
Das Haus war weiß und zweistöckig mit weinroten Fensterläden und knarrenden Dielenböden. Im Garten stand eine weiße Holzbank vor einem Geländer aus ebenfalls weißem Gusseisen, hinter dem eine Treppe in den Keller hinunter führte. Wenn er nicht gerade arbeitete, saß er herum. Von seinem Schreibtisch, den er vor das Wohnzimmerfenster gestellt hatte, schaute er die paar Stufen hinunter in den Garten, auf die Obstbäume, auf den Gartenzaun. Der Zaun brauchte Farbe. Später. Irgendwann. Wenn er im Garten auf der Bank saß und über die Ausweglosigkeit seiner Situation nachdachte, hatte er oft das Gefühl, dass seine Großtante neben ihm saß. Der Hund lag dann zusammengerollt zu ihren Füßen.
Über die Ausweglosigkeit hätte er ein ganzes Buch schreiben können. Ausweglos war das Wort, das für alles passte, was ihn anging. Der Schmerz war zunächst konstant, dann wurde er müde und eine große Lähmung kam über ihn. Er war nicht bei sich, aber er war auch nicht woanders. Er fühlte sich nicht leer, sondern unbewohnt und selbst wenn es nur vorübergehend war, fand er das ausweglos. Für die Verzweiflung fehlte ihm jedoch die Kraft. Manchmal rief er sie an, stellte ihr Fragen. Er konnte nicht verstehen, dass ihr gemeinsames Leben eine Lüge gewesen sein sollte. „Es hat sich nichts geändert“, gab sie ihm dann kühl zur Antwort.
Er hatte mit dem Rauchen angefangen, als Ersatz, weil er nicht mehr so verdammt abhängig von ihr sein wollte. Für jeden Gedanken an sie eine Zigarette, nahm er sich vor. So viel konnte er gar nicht rauchen. Dafür hatte er sich das Fernsehen ganz abgewöhnt. Schließlich müsse er sich entwickeln, dachte er zynisch. Also las er viel. Die ganze Esoterikecke rauf und runter. Ober den Sinn des Lebens. Wie man zu einem erfüllten Leben findet. Wie man ein glücklicher Mensch wird. In den Büchern stand nicht, warum sie ihn nicht mehr liebte. Aber darin stand, dass er loslassen müsse. Dass er sie gehen lassen müsse. Dass er aufhören müsse, in der Vergangenheit herumzuhängen. Aber er wollte nicht loslassen, er wollte, dass sie zurückkam und alles wieder war wie früher. An diesen Gedanken klammerte er sich. Das war seine Wahrheit. Loslassen. Wie sollte das überhaupt gehen? Dann las er im Buch einer Amerikanerin, Byron Katie, dass nicht wir die Gedanken loslassen, die unser Leiden verursachen. Denn niemand sei in der Lage, sein Denken zu kontrollieren. Die belastenden Gedanken würden jedoch uns allmählich loslassen, wenn wir anfingen, ihnen mit Verständnis zu begegnen. Das gab ihm Zuversicht.
Also saß er es aus.
Er ging nicht ins Kino, nicht in Restaurants, nicht auf Partys. Er versuchte nicht, Frauen kennen zu lernen. Er verreiste nicht. Manchmal fuhr er raus aus der Stadt, in die Wälder oder an einen See, aber immer allein, mit dem Hund. Seine Freunde riefen an oder kamen spontan vorbei, brachten Essen vom Chinesen oder vom Türken, Rotwein und Gras mit. Er führte Gespräche ohne Belang, aß, trank und rauchte, und wenn er dann noch vor Mitternacht friedlich umnebelt auf dem Sofa einschlief, murmelte er ihren Namen. Seine Freunde deckten ihn zu und machten das Licht aus, kamen ein andermal wieder.
Fast zwei Jahre, nachdem sie ihn verlassen hatte, kam dann ihr Anruf. „Ich wohne jetzt in Ber1in“, erzählte sie, „in Alt-Tegel am See, weißt du noch? Du hast von der Brücke aus den Kanal fotografiert. Komm’ mich besuchen, ich stelle dir meine neuen Bekannten und Kollegen vor, und dann ziehen wir los durch die Stadt ...“ Wie früher, sagte sie nicht. Ihr Ton war unbeschwert. Er fand nichts von der Distanz wieder, mit der sie ihn seit ihrer Trennung behandelte, nichts von ihrer kühlen Bedachtheit, keine falschen Hoffnungen in ihm zu wecken. Er hatte keine Sekunde lang gezögert, nach ihrem Anruf, seine Chance witternd, die Chance, die sie ihm vor zwei Jahren nicht gelassen hatte. Er konnte es kaum erwarten, am Freitagabend in den Nachtzug nach Berlin zu steigen, konnte den Moment nicht erwarten, wo sie ihn wieder in ihr Leben ließ.
Und dann war der Zug ohne ihn abgefahren.
Was wäre denn gewesen? Sie hätte ihm ihr neues Leben vorgeführt, ihre Freunde, Bekannten, ihre Arbeit, ihre Stadt. Er hätte ihr gezeigt, wie er sich zwei Jahre lang verändert und entwickelt habe, wie feurig und voller Ideen er jetzt war. Er hätte von der kleinen Holzbrücke in den Kanal geschaut und sich dann umgedreht. Er hätte ihr Lachen, den Hund und den See fotografiert. Vielleicht hätte es genieselt, wie damals. Er wäre wehmütig geworden. Sie hätten geredet über das, was war oder eben nicht war. Ganz egal. Denn er würde immer nur den Platz einnehmen müssen, den sie ihm gab. Es war plötzlich nicht mehr wichtig. Von nun an würde er sich selbst seinen Platz geben.
Die Dunkelheit hatte den Zug verschluckt, und so schnell, wie sich der Zug von der Stadt entfernte, so schnell, schien ihm, entfernte er sich nun von ihr. Er war nicht erstaunt, dass es gerade jetzt passierte, nur erleichtert. Auf einmal fühlte er sich leicht und unabhängig. Es war vorbei.
Sie schauten sich an, er und der Hund, und verließen den Bahnhof. „Sonnenbachweg 4“, sagte er, als er ins Taxi stieg. Der Taxifahrer fuhr los, kurbelte das Fenster herunter und zündete sich eine Zigarette an. „Einen schönen Hund haben Sie da!“, sagte er nur. Sonst redeten sie nicht, als sie durch die laue Nacht fuhren. Im Radio lief “Betty Davis Eyes”, von Kim Carnes. Der Taxifahrer hatte den Ellenbogen zum Fenster hinausgelehnt und trommelte im Takt mit seinen Fingern auf dem Lenkrad. Er schaute dem Taxifahrer beim Rauchen zu und genoss, was war. Als das Taxi in seine Straße einbog, freute er sich. Der Mond schien auf die Obstbäume. Es roch nach Spätsommer. Die abblätternde Farbe vom Zaun glänzte unter der Straßenbeleuchtung. Jetzt, dachte er und drückte dem Taxifahrer das Geld und eine angebrochene Schachtel Zigaretten in die Hand.



