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Eine gerettete Liebe

Franz war seinem Vater freiwillig ins Warschauer Ghetto gefolgt. Man hatte ihnen zunächst eine kleine Wohnung zugewiesen, dann ein einziges Zimmer. Der Vater war nach der Scheidung der Eltern von Berlin nach Warschau zurückgekehrt. Erst im Ghetto fühlte Franz eine Zugehörigkeit, die ihm in der Kindheit schmerzlich gefehlt hatte. Da die Mutter auf Privatunterricht bestanden hatte, konnte er die Volksschule nicht besuchen. Sehnsüchtig betrachtete er die Kinder vom Fenster aus, wenn sie mit ihren Schulranzen auf dem Rücken schwatzend und lachend an seinem Elternhaus vorbeikamen.
Glückliche Momente gab es bei den Großeltern in der Heimat der Mutter im Süden Deutschlands. Er half seiner Freundin Gerda beim Viehhüten. Trieb mit ihr die Kühe auf die hochgelegenen Almwiesen, lag mit ihr im Gras, bewunderte ihre Zahnlücke und wie weit sie dadurch spucken konnte. Und vergaß nie den Moment, da sie sich im Jahr darauf von ihm abwandte, ihm die Hand gab und sagte: “Ich darf nicht mehr mit dir spielen“.
Mit seinen Sprachkenntnissen ernährte Franz sich und den Vater im Ghetto. Eines Tages, als er von einer Unterrichtsstunde zurück kam, wartete eine junge Frau vor der Tür auf ihn. „Sind Sie Herr Rosenbaum?“ Er hatte keine Hand frei und wies sie mit einer raschen Kopfbewegung an, einzutreten. Sie lehnte sich jedoch an die Tür und knotete ihr Kopftuch auf. Ihr rotblondes Haar leuchtete wie reifes Korn. Er sah Schweissperlen auf ihrer Oberlippe. Er legte sein Bündel ab und schob ihr einen Stuhl hin. Ihr Blick traf ihn wie ein Sonnenstrahl an einem grauen Nebelmorgen. Sie hatte Augen wie Gerda.
Er sah in ihnen den Sommerhimmel, sah Schwalben unter weissen Wolken gleiten. Spürte das Gras unter den Füssen, hörte das sanft an- und abschwellende Muhen der Kühe, ihr Mahlen und Widerkäuen. Einen Moment lang war der Schrecken des Ghettos verschwunden.
Er nahm das mitgebrachte Brot und hielt es ihr hin. Als sie nicht zugriff, brach er ein Stück ab und steckte es ihr in den Mund. Er wusste, diesen Mund würde er küssen. Er roch ihren Schweiss und sehnte sich danach, ihre Stimme nah an seinem Ohr seinen Namen flüstern zu hören, sein Gesicht in ihrer Achselhöhle zu verbergen.
Sie kaute. Ein dünner Speichelfaden rann aus ihrem Mundwinkel. Er holte ein Glas Wasser. Sie sah ihn so lange an, bis sie Schluck für Schluck das Glas geleert hatte. „Geben Sie Russischunterricht?“ fragte sie. Er nickte. Seine Hand zitterte, als er ihr den Speichelfaden mit dem rechten Daumen abwischte. Sie senkte den Kopf. Eine Schrecksekunde lang fürchtete er, zu weit gegangen zu sein. So hatte er Gerda die Tränen und den Rotz abgewischt, erst mit dem Daumen und dann mit dem Handballen, als sie nicht aufhörte, zu weinen. Sie war verstört zu ihm gekommen. Ihre Lieblingskuh hatte ihre rote Haarschleife verschlungen. Mit ihrer dicken Zunge kurz daran gezogen, und verschwunden war die Sonntagspracht.
Er hielt mit der Hand inne. Kristina blickte ihn an und lächelte.
“Mein Vater wünscht Kenntnisse in russischer Sprache“. Franz nickte wieder. In diesem Moment hätte er jede Sprache gekonnt. „Ich habe nur Grundkenntnisse, aber ich will es versuchen“, erwiderte er. Während sie ihm den Weg beschrieb, erschienen rote Flecken an ihrem Hals. „Mein Vater ist krank, wissen Sie. Ich weiss nicht, wie lange er noch leben wird. Vorige Woche ist meine Mutter gestorben“. Die Worte hingen in der Luft, als wollte sie noch etwas sagen. Sie vereinbarten einen Termin. Als sie ging, schaute sie ihn an, bis sie die Treppe erreichte. Er hielt ihr die Tür auf. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Sie hob die Hand und legte sie an seine Wange.
Der Augenblick, da sie „Franz“ an seinem Ohr sagte, kam nach dem zweiten Besuch bei ihrem Vater. Nichts Fremdes war zwischen ihnen. Sie legten sich Worte in den Mund. „Ich habe auf Dich gewartet“, sagte er. „Du bist mein Ein und Alles“, sagte Kristina zu ihm. Sie verglichen einander mit Blumen, mit Bäumen. Sie wanderten durch alle Landschaften: “Meine Almwiese mit gelbem Huflattich, meine Waldlichtung im Sonnenbad“. „Mein Ahorn, mein Birkenwald“, sie lachten. Franz legte sein Gesicht in ihr Haar und sah Kornfelder, im Wind bewegt. Sie waren sich Mohnbrötchen und Zimtsterne, Hefeschneckchen und Bratapfel. Und das Brot schmeckte ihnen.
Franz sagte: “Du bist meine Sommerrose“, denn es war Juni.
Am 8.Juni 1944 ließen sie sich trauen. Drei Wochen blieben ihnen.
Am Morgen des 25. Juni hatten sie sich, wie alle Tage zuvor, eingespeicheltes Brot in den Mund gesteckt. Der Vater war im Bett geblieben, er fühlte sich zu schwach zum Aufstehen.
Kristina wollte zu einer kranken Freundin gehen. Er sah ihr auf der Strasse nach, bis sie um die Ecke bog. Kurz darauf hörte er mehrere Schüsse.
Franz fand Kristina neben einem Jungen liegen, der im Sterben ein Bündel an sich gedrückt hielt. Blut entströmte ihr aus Schusswunden am Hals. Er zog sie in eine Mauernische. Ihr Gesicht war noch blasser als zuvor. Sie antwortete ihm nicht mehr.
Er hielt seine Frau im Arm, bis man ihm sagte, dass sie tot sei und sie ihm wegnahm.
Tagelang lag er im Zimmer. Vergegenwärtigte sich ihr Gesicht, ihren Körper, die Landschaften seiner Liebe. Ihre Hände, jeden Finger. Die Krümmung des Nackens, ihre Kniekehlen, die Fersen.
Als er nach einer Woche aufwachte und nicht mehr wusste, wie der Schwung ihrer Augenbrauen zur Schläfe führte, wollte er nicht mehr leben. Eine entsetzliche Angst bemächtigte sich seiner, sie unwiederbringlich und endgültig sogar in seinem Inneren zu verlieren.
Da hörte er Rufe: “Franz, Franz“. Er stürzte zur Tür. Sie war zurückgekommen.
Vor der Tür stand die Nachbarin. Kristinas Vater war auf der Strasse zusammengebrochen. Er war zu schwach, um weiter zu gehen.
Franz blieb bei ihm, bis er starb. Der alte Mann schob ihm eine Flöte in die Hand, kaum fünf Zentimeter groß. „Benutze sie nur einmal“, flüsterte er, „wenn Du sicher bist, dass Du stirbst“. Franz gab ihm die Flöte zurück in die gekrümmte Hand. Der Alte rang nach Luft und winkte ihn nah zu sich heran. „Stell Dir mit aller Kraft und allen Bildern, die Dir einfallen, einen anderen Ort vor. Du musst es Dir wünschen“, Pause, „wünschen“, ein heftiger Atemstoss begleitete dieses letzte Wort, „eine andere Zeit, einen anderen Ort“. Kristinas Vater blies mit seinem letzten Atemzug in die Flöte. Franz löste seine Finger, nahm das kleine Instrument an sich und betrachtete das friedliche Gesicht des Verstorbenen.
Eine andere Zeit, ein anderer Ort, dachte Franz. Indem er den Tod suchte, könnte er die Erinnerung an Kristina retten.
Er war einer der Initiatoren des Warschauer Aufstandes von August bis Oktober 1944. Und er war einer der letzten, die mit den Häusern in die Luft gesprengt wurden.
Als er aufwachte, stand er von der Mittagssonne beschienen auf einer Almwiese.
Gelbblühender Huflattich und weisse Hundsblumen reichten ihm bis zum Knie. Mit dem glücklichen Lachen eines achtjährigen Jungen stand er da. Er lebte. Er fühlte die Wärme der Flöte in der rechten Hand.

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