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Arsen und Zweispitz
Endlich hatte es zu regnen aufgehört, und die schüchterne Wintersonne schickte letzte Strahlen in den späten Nachmittag. In bester Urlaubslaune schlenderten Paul Habicht und Flora Palisander Arm in Arm den Piccadilly entlang. Der Wellington Arch schimmerte im rosafarbenen Licht. Verzaubert von der Zartheit, mit der sich der dunstige Himmel um das wuchtige Denkmal schmeichelte, blieb Paul stehen. Von Floras dunklem Haar wehte feiner Lilienduft in seine Nase, und er vergaß sogar die Strapazen der letzten Wochen, an denen Flora nicht ganz unschuldig war.
Flora richtete ihrerseits einen verzückten Blick auf den Triumphbogen und sagte mit salbungsvoller Stimme: „Ich sterbe vorzeitig, ermordet von den Engländern.“
Einen Moment lang starrte Paul sie fassungslos an. Flora? Mord? Engländer?
Dann begriff er: Der Herzog von Wellington, 1815, die Schlacht bei Waterloo, die verheerende Niederlage der Franzosen – Flora Palisander zitierte Napoleon!
Sie sagte, als offenbare sich dem neutralen Betrachter des Denkmals auf Anhieb der Bezug zu Napoleons geheimnisumwittertem Ende: „Er ist an einer Arsenvergiftung gestorben, aber der Mörder ist bis heute unbekannt.“
Paul seufzte schwer. Gift und Tod. Das, dachte er, hat man davon, wenn man ein verlängertes Wochenende in London mit einer Pathologin verbringt. Was als romantisches Intermezzo im gemeinsamen grauen Berufsalltag geplant war (blutroter Berufsalltag wäre in ihrem speziellen Fall wohl eher angebracht gewesen), entpuppte sich als Sonderlehrgang für Toxikologie.
Er, der Herr Kriminalhauptmann, schaffte es spielend, durch schäbige neblige Gassen im East End zu wandern, ohne dass er sich wegen Jack the Ripper graue Haare wachsen ließ. Er konnte durch die elegante Victoria Street promenieren, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen, hinter welcher der gläsernen Hochhausfronten sich New Scotland Yard verbarg. Er legte seinen Beruf einfach ab wie ein schmutziges Hemd und streifte sich das blütenweiße Freizeit-T-Shirt über. Flora indes wob beharrlich am dichten Gewebe ihres Arbeitskittels. Und wenn es auch manchmal schien, als würde sie den Faden abreißen lassen, so nahm sie ihn doch in den unerwartetsten Momenten wieder auf, um Paul bis zu seiner vollständigen Verwirrung damit zu umgarnen.
Dabei hatte alles erfreulich unprofessionell begonnen: Gestern waren sie vom Flughafen gleich in die Stadt gefahren, hatten Mayfair erkundet und sich dann zum Afternoon Tea in Brown’s Hotel gesetzt. Eingelullt von virtuosen Klangwolken, die dank der jungen, blond gelockten Pianistin dem Flügel entstiegen, hatte Paul an seiner weißen Porzellantasse genippt und gedacht: Zu Hause könnte es genauso gemütlich sein, würde Flora sich nur endlich zu einem Entschluss durchringen.
Er war vollauf mit Genießen beschäftigt, als Flora aus heiterem Himmel fragte: „Wusstest du eigentlich, dass das Brown’s das Vorbild für Agatha Christie’s Bertram’s Hotel ist?“
Natürlich hatte er es nicht gewusst. Dass auch Miss Marple in dieser altehrwürdigen Gediegenheit ihren Tee schlürfte, hätte er allerdings als unheilvolles Vorzeichen interpretieren müssen, als Auftakt zu einer von Floras mörderischen Episoden.
Flora ließ die Sache auf sich beruhen. Bis heute Mittag.
Sie hatten Covent Garden unsicher gemacht und sich in einem herrlich schummrigen viktorianischen Pub einen Lunch genehmigt.
Im Stillen sprach Paul sich Mut zu: Jetzt versuchst du’s noch mal, diesmal mit ein wenig mehr Überredungskunst, mit sanftem Druck, wenn nötig.
Er verzehrte gerade den ersten Bissen seines luftig leichten Schinkenomeletts – da hatte doch einer behauptet, wer in England gut essen wolle, müsse dreimal am Tage frühstücken –, als Flora ihre harmlose Konversation mit einer Prise Gift würzte.
„ Dorothy Sayers mordet mit einem arsenhaltigen Omelett. In einem ihrer Romane.“
Worauf Paul der Bissen samt seinem Anliegen im Hals stecken blieb.
Flora klopfte ihm teilnahmsvoll auf den Rücken, hörte aber nicht zu reden auf. „Auch der Mörder isst davon“, erklärte sie und machte sich mit gesegnetem Appetit über ihren Steak-and-Kidney-Pie her. „Allerdings hat er sich vorher immunisiert. Das funktioniert, wenn man eine Zeitlang geringe Mengen Arsen einnimmt, weißt du?“
Paul hatte sich die Antwort erspart, er kannte Floras Vorliebe für rhetorische Fragen.
Während sie nun den Wellington Arch einschließlich dahinter liegenden Himmels bewunderten, begann Flora Pauls Nerven zu reizen. Er knobelte an einem geschmeidigen Satz – Sieh mal, Flora, meine Wohnung ist um etliches größer als deine, außerdem liegt sie näher am Gerichtsmedizinischen Institut, es wäre doch wirklich viel praktischer ... – Flora erstickte seine Gedanken kurzerhand mit Mord.
Ohne den Blick vom Triumphbogen abzuwenden, begann sie das Verhör: „Was weißt du über Napoleons Tod, Paul?“
Seine Verblüffung überspielend warf er betont jovial eine Gegenfrage hin: „Ist das ein Test?“
„ Natürlich.“
„ Und wenn ich ihn bestehe?“
„ Dann –“. Sie warf ihm einen verheißungsvollen Blick aus dem Augenwinkel zu.
„ Ziehst du in meine Wohnung?“
„ Dann“ – Flora ließ sich nicht irremachen – „gehen wir zurück ins Hotel. Aber du solltest lieber fragen, was passiert, wenn du ihn nicht bestehst.“
„ Wieso? Kommst du dann nicht mit?“
Sie lächelte verschmitzt. „Was soll dieses Ausweichen? Hast du etwa nicht genügend Grips, um Napoleons Mörder zu schnappen?“
„ Selbstverständlich hab ich genug Grips! Mir fehlen nur die Fakten.“
„ Die liefere ich dir.“
Paul zögerte. Nicht zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass Flora eine private Entscheidung von seinem beruflichen Geschick abhängig machte.
„ Also gut“, gab er schließlich klein bei. Warum nicht das bereitwillige Publikum für ihre intellektuellen Salonstücke mimen? Und wenn sie nicht übersiedeln wollte, würde er eben zu ihr ziehen.
Ohne Umschweife kam Flora zur Sache: „Der Schauplatz ist Napoleons Exil auf St. Helena.“ Sie vollführte eine ausladende Handbewegung. „Hauptakteur: Seine Majestät persönlich, sich über die widerwärtig kalten, feuchten Räume beklagend und über schlechte Speisen, in die der britische Gouverneur Lowe und seine Helfer Gift mischen. Das behauptet jedenfalls Napoleon selbst.“
„ ,Ich sterbe vorzeitig, ermordet von den Engländern‘“, warf Paul ein.
„ Genau. Das schreibt er drei Wochen vor seinem Tod in sein Testament. Es könnte aber auch sein, dass das Gift nicht dem Essen, sondern dem Wein beigemengt wird, und den verwahrt ein Franzose: Der Graf von Montolon. Zweimal trinken andere Personen versehentlich von diesem besonderen Wein, der sonst nur Napoleon vorbehalten ist. In beiden Fällen erkranken die Betreffenden.“
Pauls Miene erhellte sich. „Hat der Graf ein Motiv?“
„ Gleich mehrere“, antwortete Flora. „Möglicherweise handelt er im Auftrag des französischen Königs. Dem ist Napoleon ein Dorn im Auge, da das Volk ihn immer noch verehrt. Oder der Graf will sich beim König einschmeicheln, indem er Napoleon um die Ecke bringt. Und das ist noch nicht alles: Abgesehen vom Wein spendet auch die Gemahlin des Grafen Napoleon Trost. Einem Gerücht zufolge soll er der Vater eines ihrer Kinder sein.“
„ Na bitte, ein Mord aus Leidenschaft!“, triumphierte Paul und griff sich Floras Hand. „Der Fall ist gelöst, jetzt können wir –“
„ Nicht so vorschnell, Paul.“ Floras schwarze Augen blitzten hämisch auf. „Du hast gar nichts gelöst, sondern den entscheidenden Hinweis verpasst! Dabei hab ich ihn dir gleich zu Anfang geliefert!“
„ Zu Anfang? Du hast nur gesagt, Napoleon beschwert sich über das miese Essen –“
„– und schlecht geheizte, feuchte Räume“, vollendete Flora.
„ Ja. Und?“
„ Was sind Napoleons kaiserliche Farben?“
Dieser sanfte Ton, den sie ihrer Stimme verlieh. „Woher soll ich das wissen?“
„ Eben, du hättest danach fragen müssen.“
Paul atmete tief ein und ließ alle Luft auf einmal entweichen. „Und was sind Napoleons kaiserliche Farben?“
Gelassen schüttelte Flora das As aus dem Ärmel. „Grün und gold.“
Verständnisloses Schweigen.
Floras Lippen spannten sich, ein Ausdruck der Nachsicht. „Früher hat man als grünen Farbstoff Kupferarsenit verwendet.“
Nicht der leiseste Anflug von Begreifen.
„ Kupferarsenit“, erläuterte sie, „Kupferarsenit in Napoleons Vorhängen, Fahnen, Kleidungsstücken, vor allem aber in grünen Tapeten. – Schau, solange die Wände trocken sind, ist der Farbstoff harmlos. Sind sie aber feucht, so bauen Schimmelpilze ihn ab, und dabei entsteht ein hochgiftiges arsenhaltiges Gas.“
Endlich reagierte Paul, fragte mit unverhohlenem Argwohn: „Du meinst doch nicht allen Ernstes, Napoleons Mörder war seine Tapete?“
„ Sagen wir, es ist mehr als wahrscheinlich.“
„ Eine grüne Tapete als Mörder“, wiederholte Paul verdutzt.
„ Heute sind grüne Tapeten natürlich völlig ungefährlich“, beschwichtigte Flora, setzte jedoch mit ironischem Beiklang hinzu: „Für Leib und Leben jedenfalls.“
Da Paul ins Grübeln geriet, fuhr Flora fort: „Natürlich ist es nicht restlos bewiesen, dass der Grund für Napoleons Ableben seine Tapete war. Aber vor einiger Zeit ist doch tatsächlich ein Stück von dieser Tapete aus St. Helena aufgetaucht, in einem alten englischen Sammleralbum übrigens, und ...“
Paul küsste Flora auf die Wange, hakte seinen Arm unter ihren und schob sie in Richtung Fußgängerunterführung. Den ganzen zwanzigminütigen Fußmarsch durch Belgravia lang schwatzte sie über Schimmelpilze und grüne Tapeten, über Haarlocken und chemische Analysen, die zweifelsfrei bewiesen, dass Napoleon an einer Arsenvergiftung gestorben war. Sie war bei der Exhumierung der Leiche angelangt, als sie das Hotel betraten, dessen Interieur wohl noch aus der Zeit stammte, in der der Ex-Kaiser sich die Gefangenschaft mit Wein und Weib versüßte.
Hinter der unermüdlich plaudernden Flora stieg Paul, immer noch in nachdenkliches Schweigen versunken, die Treppe hinauf. Er schloss die Zimmertür auf, knipste das Licht an, zum Glück war die Tapete hier nicht grün. – Himmel noch mal, was für ein lausiger Kriminalist er doch war! Aber er war im Urlaub, in London, mit einem bezaubernden Mädchen ... Er zog Flora in seine Arme.
Nachdem eine Weile weder Arsen noch Napoleon noch sonst ein kriminaltechnisches Detail eine Rolle gespielt hatte, meinte Paul: „Du hättest mir wirklich gleich sagen können, dass du die grüne Tapete in meinem Schlafzimmer scheußlich findest. Und du deswegen nicht bei mir einziehen wolltest. Dieses ständige Hin und Her – meine Wohnung, deine Wohnung – wurde allmählich ganz schön strapaziös.“
„ Natürlich hätte ich es dir sagen können“, erwiderte Flora, „aber es wäre langweilig gewesen, und das wiederum ist in England unverzeihlich.“
Paul lachte und räkelte sich zufrieden. „Rosa Schleifchen oder gelbe Blümchen?“, fragte er.
„ Himmelblaue Streifen“, bekam er zur Antwort.
„ Alles, was du willst, mein Schatz!“



