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Naturereignis Gewitter - Wenn die Götter Blitze schleudern

Den 27. Juli 2000 wird Josef Breyer aus München wohl zeitlebens nicht vergessen, denn an diesem Tag wurde der Landschaftsgärtner vom Blitz getroffen: „Es war am späten Nachmittag. Plötzlich zog ein Gewitter auf, und der Himmel färbte sich in wenigen Sekunden nachtschwarz. Ich war ärgerlich, weil ich meine Arbeit vorzeitig abbrechen musste, und beeilte mich, meine Werkzeuge noch vor dem drohenden Regenguss im Kombi zu verstauen. Als ich mich bückte und nach meiner auf dem Boden liegenden Motorsense griff, sah ich dicht vor meinen Augen ein grelles Licht. Ein ohrenbetäubender Knall folgte. Meine Hände leuchteten, und die Luft war von einem brenzligen Geruch erfüllt.“
Ein Krankenwagen brachte Josef Breyer sofort in die nächstgelegene Klinik. „Der behandelnde Arzt sagte mir, ich könne von Glück reden“, erinnert sich der Gärtner. „Hätte der Blitz mich direkt getroffen, wäre ich zerfetzt worden. Er muss aber ein paar Meter neben mir in den Boden geschlagen haben, und der Strom ist dann über die Motorsense auf mich übergesprungen.“ Josef Breyer ist froh, noch einmal davongekommen zu sein. Die Erinnerung an den ausgestandenen Schrecken und ein gelegentliches Taubheitsgefühl in den Händen ist alles, was von dem Blitzschlag zurückgeblieben ist.
Gewitter treten weit häufiger auf, als man gemeinhin denkt. Sie sind rund um den Erdball gegenwärtig. Irgendwo blitzt es immer. Man schätzt, dass pro Sekunde 30 bis 100 Blitze einschlagen. Und manchmal steht der Himmel sogar regelrecht in Flammen: Bei ausgedehnten Sommergewittern zählt der Deutsche Wetterdienst mit seinem Blitzortungssystem schon mal 800 oder 900 Blitze pro Minute.
Ihre Einschläge erfolgen beileibe nicht wahllos. Auch Blitze haben ihre Vorlieben. Eine Hitliste ihrer bevorzugten Einschlagsziele wurde zwar bislang noch nicht erstellt, aber man kann ziemlich sicher sein, dass sie, zumindest was Europa betrifft, vom Gipfel des Schweizer Säntis mit über 400 Einschlägen pro Jahr angeführt würde.
In früheren, weniger aufgeklärten Zeiten machte man den Zorn der Götter für die Gewitter verantwortlich. Bei den alten Griechen war es Zeus, der seine Wutausbrüche blitzeschleudernd abreagierte, die Germanen hörten im polternden Donner Donars heranrollenden Streitwagen.
Die heutige Naturwissenschaft weiß natürlich genau, wie die Naturereignisse Blitz und Donner zustande kommen: „Blitze entstehen fast immer schon in den Wolken“, erklärt Professor Alexander Kern von der Fachhochschule Aachen. „Bei einem Gewitter wird warme, feuchte Luft in große Höhen transportiert. Durch Reibung der Wasser- und Eisteilchen in der Wolke baut sich dort elektrische Spannung auf.“ Die Entladung dieser elektrischen Spannung ist auf der Erde als Wetterleuchten zu sehen.
Gefährlich wird es jedoch erst, wenn eine so genannte Fangentladung zustande kommt.
„ Ist die Spannung an einer Stelle in der Wolke zu groß“, weiß Professor Kern, „schießt eine elektrische Ladung, Leitblitz genannt, Richtung Erde. Nähert sie sich dem Boden bis auf dreißig oder vierzig Meter, wachsen von dort ebenfalls elektrische Ladungen empor und versuchen, den Leitblitz einzufangen.“ Diese Fangentladungen gehen bevorzugt von hohen und frei stehenden Bäumen oder Masten aus.
Das Prinzip der Fangentladung macht sich auch der von Benjamin Franklin bereits 1752 erfundene Blitzableiter zunutze.
„ Treffen sich der Leitblitz und eine der Fangentladungen, ist der Stromkreis geschlossen, und es kommt zu einer Hauptentladung, dem eigentlichen Blitz“, führt Professor Kern weiter aus. „In der Blitzbahn wird dann die Luft kurzzeitig so stark aufgeheizt, dass sie sich explosionsartig ausbreitet: der Donner.“
Es sieht also nur so aus, als ob der Blitz vom Himmel zuckt. In Wirklichkeit läuft der Strom über den durch die Fangentladung gebildeten elektrischen Kanal nach oben.
Dabei legt er große Strecken zurück. Blitze sind nämlich meistens zwischen fünf und 16 Kilometern lang, aber es gibt auch regelrechte Monster, die es auf eine Länge von mehr als 100 Kilometern bringen.
Heiß sind sie alle. Die Hitzigsten unter ihnen erreichen über das Fünffache der Temperatur auf der Sonnenoberfläche.
Und an Energie fehlt es ihnen ebenfalls nicht. Sie haben so viel Power, dass damit eine 100-Watt-Glühbirne mehrere Monate brennen würde. Die elektrische Spannung zwischen Wolke und Erde kann locker 100 Millionen Volt betragen, die Stromstärke in einem Blitz 100 000 und mehr Ampère. Das ist die zwanzigtausendfache Stromstärke einer normalen Kochplatte.
Allerdings sind nicht alle Blitze gleich schnell. Die eindrucksvolle Erscheinung des Kugelblitzes kommt durch eine langsamere Bewegung der ionisierten Teilchen zustande, die eine flächigere Wahrnehmung durch den Betrachter ermöglicht.
Obwohl Blitze faszinierend aussehen, sollte man versuchen, mit ihnen möglichst nicht in Berührung zu kommen. So ungeschoren wie Josef Breyer kommen Blitzopfer nämlich nur selten davon.
Verbrannte Kleider oder geschmolzene Reißverschlüsse, Ketten und Ringe sind noch das Geringste, was bei einem Blitzschlag passieren kann. Die möglichen Folgen reichen, je nachdem wie stark der Stromschlag ist und welchen Weg er durch den Körper nimmt, von leichten Verbrennungen über schwerste Verletzungen bis hin zum Tod. Bewusstlosigkeit, Ausfälle des zentralen Nervensystems, Herzrhythmusstörungen und Krämpfe können sich bis zur völligen Lähmung des Atemzentrums oder zum Herzstillstand steigern.
Wie viele Menschen weltweit durch Blitze ums Leben kommen, lässt sich nicht genau sagen. „In Deutschland starben von 1952 bis 2002 mindestens 744 Menschen durch Blitzeinwirkung“, sagt Lothar Machner vom Ausschuss für Blitzschutz und Blitzforschung des Verbandes Deutscher Elektrotechniker.
Dabei kann man sich vor Blitzen durchaus schützen.
Am sichersten ist man während eines Gewitters in einem Gebäude aus Stein, Beton oder Stahl oder in einem geschlossenen Fahrzeug.
Eine Bootsfahrt sollte dagegen beim Aufziehen eines Unwetters sofort abgebrochen werden. Auch für Schwimmer und Angler besteht Gefahr. Das Wasser sollten sie beim Nahen eines Gewitters sofort verlassen.
Alles, was frei steht und hoch in die Luft ragt, also vor allem Bäume, Masten und Türme, bitte unbedingt meiden. Ein Abstand von mindestens drei Metern von derart exponierten Punkten ist ein absolutes Muss.
Dass man von den „Eichen weichen“, die „Buchen aber suchen“ sollte, ist ein lebensgefährlicher Irrtum. Waldränder und einzeln stehende Bäume stellen generell eine erhöhte Gefahrenquelle dar, egal um welche Spezies des Pflanzenreiches es geht.
Auch die alte Regel, nach der es am besten ist, sich, um den Blitz nicht anzuziehen, flach auf den Boden zu legen, stimmt keineswegs. Weitaus sicherer ist es, mit eng geschlossenen Beinen in die Hocke zu gehen, wobei der Boden nicht mit den Händen berührt werden darf.
Blitze können auch von einer Person auf eine andere überspringen. Den Mitgliedern einer Wandergruppe beispielsweise ist deshalb anzuraten, einen Sicherheitsabstand von mindestens drei Metern voneinander zu halten. Je mehr, desto besser.
Das Absolvieren eines Erste-Hilfe-Kurses kann unter Umständen lebensrettend sein. So manches Blitzopfer hätte durch sofortige Hilfe ins Leben zurückgeholt werden können.
Wie weit ein Gewitter entfernt ist, lässt sich übrigens leicht ermitteln. Die Entfernung des Blitzeinschlags in Kilometern findet man heraus, indem man die Sekunden zwischen Blitz und Donner zählt und das Ergebnis durch drei teilt. Vorsicht: Alles unter drei Kilometern (circa zehn Sekunden) ist gefährlich, weil mitten im Gewitter. Durch mehrmaliges Zählen lässt sich ermitteln, ob sich das Unwetter wegbewegt oder ob es näher kommt.
Den aufgesuchten blitzgeschützten Ort bitte erst frühestens 20 oder 30 Minuten nach Ende des Gewitters verlassen. Schon viele Menschen wurden vom Blitz getroffen, als sie glaubten, das Gewitter sei längst vorüber.
Bei Beherzigung all dieser Ratschläge dürfte auch für Risikogruppen, also Menschen, die sich entweder berufsbedingt oder aus Begeisterung für ein Hobby viel im Freien aufhalten, die Wahrscheinlichkeit eines Blitzunfalls nicht allzu groß sein.
Die meisten Blitzopfer sind im Übrigen nicht unter den im Freien Berufstätigen, sondern unter den Freizeitsportlern zu beklagen. Aber wer jetzt auf Bergwanderer, Kletterer oder gar Gleitschirmflieger tippt, hat weit danebengeraten. Zumindest in Amerika ist inzwischen jeder fünfte vom Blitz Getroffene - Golfspieler.

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