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Traumdeutung
Im August hatte Rudi Holm seine 25 Jahre als Lehrer für Englisch und Kunst an der Realschule vollgemacht. Ein wenig angeschlagen war er danach zur Berufsfachschule gewechselt, in der von nichts als Zuversicht untermauerten Annahme, vernunftbegabte Wesen jenseits der Pubertät zu unterrichten, könnte dankbarer sein. Dieser Zahn war ihm bereits gezogen, als er an einem Dienstagmorgen im Dezember Aufgabenblätter für die Klausur in Handelsenglisch an die Damen und Herren seiner FSK1 verteilte.
„ Jeder für sich, Gott für uns alle“, sagte er, eine Angewohnheit aus der Realschulzeit. Niemand lachte, alle betrachteten angewidert ihr Aufgabenblatt.
Holm ließ sich an dem altmodischen Lehrerpult nieder, um das zu betreiben, was im Schul- und im Gefängnisjargon Aufsicht führen hieß. Es war eiskalt. Das Quentchen Wärme, das der altersschwache Heizkörper absonderte, verflüchtigte sich sofort hinauf zum konturlosen Stuck unter der hohen Altbaudecke. Die 17 angehenden Fremdsprachenkorrespondenten hockten in ihren dicken Winterjacken auf den viel zu niedrigen Stühlen, aufgeplustert wie frierende Hühner auf der Stange.
Holm ließ seinen Blick zur linken Wand wandern, die so vollkommen kahl war, dass sie schon mehr als einmal seinen Geist angenehm beruhigt hatte. Aber diesmal versagte sie ihren Dienst. Sein Geist beschäftigte sich widerborstig mit der letzten Nacht, als er wieder ein Grottenolm gewesen war.
Bevor es mit diesen Träumen losging, hatte er keine Ahnung gehabt, dass solche Wesen überhaupt existieren. Aber nach dem ersten Mal wusste er zu seiner eigenen Überraschung später ganz genau, unter welchem Stichwort er im Lexikon nachzuschlagen hatte. Da gab es sogar eine Abbildung, und es bestand überhaupt kein Zweifel, dass es sich um das Wesen handelte, zu dem er nachts mutierte. Das Wahrscheinlichste war, dass Lisbeth einmal über Olme doziert hatte, als sie noch zusammen im Lehrerzimmer der Realschule die Freistunden totschlugen. Und wenn er sich auch jetzt nicht mehr daran erinnern konnte, so musste sich die Information doch in irgendeine Parzelle seiner Gehirnlandschaft eingenistet und zur Verfügung gehalten haben. Jedenfalls wurde sie seit ziemlich genau fünf Wochen von seinem Unterbewusstsein dazu verwendet, ihm vor Augen zu führen, wie es um ihn stand.
Natürlich hielt Holm als aufgeklärter Mensch des dritten Jahrtausends nichts von Traumdeutung. Besonders diese Instant-Deutungen von A bis Z waren natürlich die reinste Volksverdummung. A wie Aasgeier: Angst vor dem Tod. Z wie Zepter: Wunsch nach Macht. Aber wenn er ehrlich war, dann machte die Symbolik seiner Nachtmahr doch einen gewissen Eindruck auf ihn, gerade weil sie leicht zu entschlüsseln schien. Er zweifelte nicht im Geringsten daran, dass es dabei weniger um diese unpigmentierte, wurmartige Nacktheit ging, auch nicht um die grotesk schmächtigen Gliedmaßen, obwohl Lisbeth, die nicht nur Biologie unterrichtete, sondern auch passionierte Hobbypsychologin war, natürlich später aus beidem etwas machte.
Nein, das wirklich Entlarvende waren die Häutchen vor den Augen. Sie erweckten den Eindruck, er wäre blind. Das war genau der Punkt! Genau das! So sahen sie ihn! Sie benahmen sich ständig, als könnte er sie nicht sehen. Was sie aber offenbar nicht wussten: Grottenolme sahen durch ihre Häutchen hindurch.
Jetzt zum Beispiel sah er, wie Gerti Schmitz einen kleinen pinkfarbenen Zettel aus der Schutzhülle ihres Filzschreibers drehte und ihn glattstrich, ohne sich auch nur anstandshalber darum zu kümmern, in welche Richtung Holm gerade blickte.
Er erhob sich äußerst unwillig. Pink! Ja mein Gott, warum nahm sie nicht gleich Phosphorgrün? Auf dem Weg zur Delinquentin versuchte er eine energische Haltung einzunehmen, aber die Strecke bis zur vierten Bankreihe war zu kurz. Zögernd griff er nach dem Zettel, all zu zögernd, wie sich zeigte. Jedenfalls fühlte sich die gute Gerti offenbar ermuntert, ihm die Aneignung des Corpus Delicti nicht so ohne weiteres zu gestatten. Mit ihren ungewöhnlich langen Fingern, die über und über mit ultramodischen Ringen armiert waren und aussahen wie ein Spezialwerkzeug zur sicheren Entnahme von radioaktivem Material, schnappte sie am anderen Ende zu.
Er hätte jetzt einfach loslassen sollen. Aber alles in Holm sträubte sich dagegen. Dabei war die Situation unsäglich. Noch tiefer konnte er nicht sinken. Auf der Flucht vor pubertierenden Halbstarken war er in ein Gerangel mit einer 39-jährigen Qualifizierungsmaßnahme des Arbeitsamtes geraten. Er, ein gestandener Lehrer von 49 Jahren, graumeliertes Äußeres, philanthropische Geisteshaltung, mit Vorlieben für flämische Malerei und selbstgemachtes Orangen-Sorbet.
Aus den Augenwinkeln stellte er fest, dass sie ein aufmerksames Publikum hatten. Niemand bebrütete mehr sein Aufgabenblatt, niemand sagte etwas. Die niedliche Meike Simon saß sogar mit offenem Mund da. Der Verkehrslärm, der im Intervall der Ampelschaltung durch die Ritzen der geworfenen Fensterrahmen hereinschwappte, schien auf einmal ungewöhnlich laut.
Plötzlich riss die Schmitz mit einem kräftigen Ruck. Dabei eroberte sie zirka zwei Drittel des Streitobjekts und ließ den Fetzen hastig in ihrem rosa berüschten Dekolleté verschwinden, der sich unter ihrer offenen Winterjacke hervorkräuselte.
Holm hatte auf einmal das unwirkliche Gefühl zu schrumpfen. Er kannte das. Genauso fing dieser verfluchte Traum immer an. Gleich würde er wie ein Grottenolm nackt und bleich und kümmerlich vor ihnen im Staub kriechen. Sollte er das zulassen? Sollte er zulassen, dass er vor ihren Augen die Kontrolle verlor? Er hörte sie schon feixen: „Rudi Holm, der Grottenolm!“ Hastig, bevor seine Schrumpfung sichtbar werden könnte, stopfte er sein Zetteldrittel zum Gegenstück, tief hinein in diesen kitschigen Ausschnitt. Die Klasse johlte, während die Schmitz nur anzüglich grinste.
„ Dafür gibt‘s aber mindestens eine Note besser, Herr Holm.“
Er drehte sich wortlos um, ging zurück zu seinem Tisch und griff nach seiner Tasche, diesem altersspeckigen Ding, das sämtliche Jahre in der Realschule mit ihm durchgestanden hatte. Warum warf er sie nicht endlich weg? Warum räumte er nicht endlich richtig auf mit diesem alten Kram? Erst in der Tür drehte er sich noch einmal um zu ihnen, musterte sie schweigend, einen nach dem anderen. Das sensationsgierige Raunen ebbte ab und machte Betretenheit Platz. Oder bildete er sich das nur ein?
„ Schreiben Sie die Klausur ohne mich zu Ende. Ich komme um halb zwölf und sammle ein“, sagte er und verließ den Raum.
Madame Bitoun, die sie für eine Schwangerschaftsvertretung aus dem Ruhestand zurückgeholt hatten, thronte im Lehrerzimmer und fuhrwerkte lüstern mit einem Rotstift in einem französischen Schülertext herum.
„ Hallo. Freistunde?“
Sie nickte. „Bonjour, Monsieur.“
Er öffnete ein Fenster und blickte hinaus auf das froststarre, nie beschnittene Gesträuch, das den Weg zum Gebäudeeingang überwucherte. Es stank nach Autoabgasen, aber die eisige Kälte wirkte trotzdem wie eine Erfrischung auf Holm. Dass er sich für einen Philanthropen hielt, war ein Witz. Ja wirklich, Lisbeth würde sich kaputtlachen. Ex-Philanthrop, günstigstenfalls.
„ Mon Dieu! Wollen Sie über Weihnachten eine Lungenentzündung auskurieren?“
Holm schloss das Fenster. „Verzeihung.“
„ Eine 'eizung, die nicht 'eizt, und Sie reißen auch noch das Fenster auf.“
„ Verzeihung.“
„ Was ist mit Ihrer FSK1? 'ätten Sie nicht Unterricht jetzt?“ Die Bitoun warf einen Blick auf den Stundenplan an der Wand, als müsste sie sich vergewissern. Dabei hatte sie all solche Sachen im Kopf.
„ Sie schreiben eine Klausur“, sagte Holm.
„ Eine Klausur? Eh oui? In welchem Fach, Monsieur?“
„ Handelsenglisch.“
„ Aber – das unterrichten doch Sie!“
Er nickte. „Die brauchen mich dabei nicht.“
Die Bitoun schaute ihn durch ihre fünfeinhalb Dioptrien ungläubig an. „Sie meinen, Sie lassen sie ohne Aufsicht schreiben?“
„ Die sehen mich sowieso nicht.“
„ Monsieur, Sie scheinen mir ein wenig, wie sagt man, durchgeknallt, eh?“
Holm war immer dankbar, wenn er auf Menschen traf, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten. Bereitwillig hielt er Madame Bitouns Behauptung für eine Weile ans Licht und erwog, ob sie vielleicht Recht haben könnte. Aber nein. Nicht durchgeknallt. Durchknallen hatte etwas mit Überhitzung zu tun. Er aber war selten so kalt gewesen wie gerade jetzt, kalt und nur eine Spur bitter, wie ein gelungenes Orangen-Sorbet.
Er sah auf seine Armbanduhr. Sieben Minuten. Zehn würde er ihnen geben. Er ließ sich noch ein paar Minuten von der Bitoun anstarren. Sie tat es schweigend, was äußerst ungewöhnlich war. Wahrscheinlich war sie mit ihren Gedanken gar nicht bei der Sache, sondern wog schon die Worte ab, mit denen sie den Schulleiter von dieser bizarren Angelegenheit in Kenntnis setzen würde.
Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Er verließ das Lehrerzimmer, schlich wie ein nächtlicher Einbrecher über den Flur und horchte von draußen an der Tür zum Klassenzimmer. Er war ein wenig enttäuscht. Der Tumult schien noch nicht ganz so prächtig entwickelt, wie er es sich ausgemalt hatte. Er vernahm nur ein mehr oder weniger gleichmäßiges Raunen, wie auf einer Party, die noch nicht richtig in Fahrt gekommen war.
Holm strengte sich an, Einzelheiten zu verstehen.
„ Du musst!“
„ Ihr seid wohl bescheuert! Habt ihr etwa nicht gesehen, wie er mir an die Wäsche gegangen ist. Wenn sich einer entschuldigen muss, dann doch wohl der!“ Die Stimme von der Schmitz trug hervorragend.
Holm öffnete vorsichtig die Tür und linste durch den Spalt.
„ Bild dir bloß nichts ein. Du hast ihn schließlich provoziert.“
Das war Ali, der aus Kenia kam und schwarz war wie die Nacht. Seine Stärken waren Vernunft und Stolz.
„ Ruhe jetzt, wir schreiben hier eine Klausur!“
Der Protest kam von drei, vier Leuten, die in der hintersten Reihe um den Heizkörper kauerten und offenbar ernsthaft versuchten zu arbeiten. Holm stieß sich heftig den Kopf am Türrahmen bei dem Versuch, einen besseren Blick auf dieses Phänomen zu erhaschen, aber niemand schien den Bums gehört zu haben.
„ Tut doch nicht so, als ob ihr was wüsstet!“ Die Schmitz nutzte die Gelegenheit, ihrer Wut endlich freien Lauf zu lassen. Sicher hatte sie gedacht, mit der Spickzettel-Nummer Punkte gemacht zu haben, und nun verlangten die Idioten, dass sie sich entschuldigte. Ja was denn noch!
Die meisten drängelten sich erwartungsgemäß um Horst, der ein Ass in Englisch war. Theoretisch. Leider war seine Rhetorik zum Erbarmen. Wenn er überhaupt sprach, dann so unartikuliert, als wäre es ein ungeheures Wagnis, den Äther mit seinen Geräuschen zu füllen. An den Bewegungen seiner Lippen konnte Holm ablesen, dass er es gerade riskierte, aber man durfte sicher sein, dass seine Worte den Äther nicht weiter in Unruhe versetzten. Sie drangen offenbar nicht mal bis zu denen vor, die sie sehr gerne vernommen hätten.
„ Was? Noch mal, Horst!“
„ Was heißt denn nun Mehrwertsteuer?“
„ VAT“
„ Wie?“
„ Value – Added – Tax!“ Horst gab sein Bestes.
„ Wie schreibt man das?“
„ Leute, so werden wir nie fertig!“ Wiebke Hildwein, die Klassensprecherin, hatte sich auf einen Stuhl gestellt, um von dort oben Ihres Amtes zu walten. Sie war Amateur-Diskuswerferin und immens mit Muskeln bepackt, hatte Arme wie Keulen, Oberschenkel wie Baumstämme und gewann regelmäßig Wettkämpfe in der Regionalliga.
„ Wir haben nur noch ein knappes Stündchen. Lasst uns mal ein bisschen systematisch vorgehen.“
„ Versuchen wir ja schon die ganze Zeit!“, kam es von der Arbeitsgruppe „Wenn ihr nur endlich mal eure Klappe halten könntet!“
Die Hildwein war ganz sportliche Konzentration. Sie ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „Horst, am besten du löst die Klausur an der Tafel, und wir schreiben einfach alles ab.“
Horst griff sofort bereitwillig nach der Kreide. Der Junge war wirklich sympathisch, aber dämlich. Leistete sich eine soziale Ader in Zeiten, in denen ein multimediales Sperrfeuer auch dem Letzten klar machte, wie man eine Karriere erfolgreich einstielte.
„ Wirklich, eine ganz hervorragende Idee!“, rief Ali in seinem überkorrekten Deutsch. „Und Horst gibt dann die Tafel ab, oder wie hast du dir das vorgestellt?“
Außer Horst selbst, der sich nachdenklich seine Haarbürste mit der Kreide kratzte, schien diesen Einwand niemanden zu interessieren. Das Angebot war wohl einfach zu verlockend. Sogar die wild entschlossene Arbeitsgruppe hatte ihre Aktivitäten vorübergehend eingestellt.
„ Ihr glaubt doch wohl nicht, dass der Holm uns allen anstandslos eine Eins drunter schreibt“, sagte Susanne Wenz, die Holm mit ihrer Bescheidenheit allmählich auf die Nerven ging.
„ Es kann ja jeder ein paar Fehler einbauen, je nach seinem Niveau.“ Alle Blicke wanderten rüber zu Uwe Lämmlein, der die ganze Zeit scheinbar unbeteiligt mit baumelnden Beinen auf einem Tisch gehockt und einen Damen-Zigarillo geraucht hatte.
„ Und wie viele Fehler wären das wohl so etwa, ich meine auf deinem Niveau?“ fragte Ali zurück.
„ Ein paar weniger als auf deinem, würde ich meinen.“
„ Was du meinst, interessiert mich aber einen – “
„ Ruhe, Kinder, Ruhe!“ Die Klassensprecherin wedelte mit ihren Keulen in der Luft, als hätte sie ein Orchester zu dirigieren, das hoffnungslos einen halben Takt hinterherhinkte. „Wir machen es systematisch.“
Ihr Faible für Systematik war Holm bisher noch gar nicht aufgefallen.
„ Wir machen eine Tabelle und halten fest, wer wie viele Fehler einbauen muss.“ Sie sprang dröhnend vom Stuhl, so dass der Klasse im Parterre wahrscheinlich der Stuck-Gips in die Kragen rieselte, und fing sofort an, mit ausholenden Bewegungen die Tabelle an die Tafel zu werfen.
„ Woher soll ich wissen, was ein Fehler ist und was nicht?“
Diese Frage war berechtigt, besonders vom kleinen Marcel.
„ Maximal acht“, rief die Schmitz. „Kannste bei mir gleich eintragen. Reicht wahrscheinlich für `ne Drei.“
Ali verschränkte die Arme vor der Brust: „Ich hau‘ doch nicht absichtlich Fehler in meine Arbeit.“
„ Ich wüsste gar nicht, wie man einen guten Fehler hinkriegt.“ Jetzt übertrieb die Wenz es aber wirklich mit ihrer Bescheidenheit.
„ Trag mich bei zwei ein“, verlangte Uwe Lämmlein. „Ich hab‘ gestern noch ziemlich lange gelernt.“
„ Wohl größenwahnsinnig, was?“ Ali baute sich vor ihm auf, Arme auf der Brust verschränkt.
„ Heh, der Kanacke wird handgreiflich!“ schrie der Lämmlein, und eine kleine ungewohnte Vibration in seiner Stimme verriet, dass er es offenbar wirklich für möglich hielt.
Es wäre nicht schlecht, gestand Holm sich ein, wenn dieser Zigarillo-Fatzke mal eins auf seine arrogante Glocke bekäme. Aber während er noch bedauerte, dass Ali sich wohl kaum so weit gehen lassen würde, verpasste die Klassensprecherin mit ihrer Diskuspranke dem Lämmlein eine Watschen, die rein vom lautmalerischen Aspekt her ihrem Namen alle Ehre machte.
„ Für den Kanaken“, sagte sie und ließ den maßlos Perplexen vorsichtshalber auch noch an ihrer geballten Faust riechen.
Das reichte. Holm hatte genug gesehen und gehört. Sachte zog er die Tür zu. Es lief fabelhaft. Das Reaktionsgemisch könnte perfekter nicht sein. Es hatte bereits angefangen zu brodeln und zu zischen, und er würde sich jetzt in seine Deckung zurückziehen und die Explosion abwarten. Leise pfeifend schlenderte er zurück zum Lehrerzimmer.
Die Bitoun hockte noch immer an ihrem Platz. Sie fixierte ihn mit finsterem Argwohn, vielleicht weil er nun auch noch pfiff und man nicht wissen konnte, was das zu bedeuten hatte. Holm schaute betont gleichmütig hinaus in den Frost. Er war gespannt, wen sie als Delegation schicken würden. Nach einiger Zeit setzte er sich, stand aber gleich wieder auf und wippte im Stehen mit den Füßen auf und ab, die Arme auf dem Rücken verschränkt.
Die Bitoun warf entnervt ihren Rotstift auf den Tisch. „Was ist los, Monsieur?“
„ Kennen Sie Grottenolme?“
Sie erhob sich und stopfte ihren Kram in einen schmuddeligen Leinenbeutel.
„ Sie 'aben da vorne eine Beule, Monsieur“, schnaubte sie zum Abschied und schickte sich an, das Lehrerzimmer zu verlassen. In der Tür stieß sie mit der Delegation zusammen. Sie bestand aus der Hildwein und der Schmitz, und überraschenderweise war auch der Lämmlein dabei. Wahrscheinlich eine kleine Zusatzstrafe.
„Los!“ Die Hildwein versetzte der Schmitz einen derben Schlag zwischen die Schulterblätter, so dass sie Holm direkt vor die wippenden Füße stolpert. Holm sah sie erwartungsvoll an. Die Schmitz wand sich.
„ Los!“ kommandierte die Hildwein erneut.
Die Schmitz griff in ihr Dekolleté und überreichte Holm das kleinere Stück des Spickzettels, das er schon mal besessen hatte. Er nahm es mit beiden Händen entgegen, wie eine Reliquie. „Und der Rest?“
Die Schmitz versenkte ihre Hand erneut, musste aber ein Weilchen graben, bevor sie endlich fündig wurde, so dass Holm schon Angst hatte, sie könnte sich mit ihren Ringen verletzen. Schließlich nahm er das zweite Stück mit der gleichen Würde entgegen, führte die Rissstellen zusammen, als müsse er die Echtheit überprüfen, und nickte schließlich gnädig.
Die Hildwein dagegen kannte keine Gnade. „Los!“
„ Tut mir leid, echt“, brach die Schmitz hervor. „Aber Sie hätten mir auch nicht so an die ...“
Die Hildwein würgte sie ab: „Wir wollten Sie bitten, die Klausur von heute nicht zu werten.“
„ Sie wollen sie wiederholen?“
„ Wenn es geht.“
Hinter ihrem Rücken gestikulierte wie verrückt die alte Bitoun und nickte Holm so lebhaft zu, dass sie ein Halswirbel-Trauma riskierte. Sicher war sie in ihrem tiefsten Innern gütig und wollte nicht, dass er Ärger bekam.
Holm zog seinen Kalender aus der Gesäßtasche und blätterte umständlich hin und her.
„ Muss ich dabeisein?“
„ Das wäre nicht schlecht. Wirklich.“ Damit meldete sich Lämmlein zu Wort, ganz erschrocken.
Holm konnte sich lebhaft vorstellen, wie aufrichtig er es meinte und gab sich die größte Mühe, seine asymmetrische Gesichtsrötung nicht zur Kenntnis zu nehmen. „Nächsten Freitag“, sagte er, mit undurchdringlicher Miene.
Den Nachmittag dieses denkwürdigen Tages verbrachte Holm mit der Zubereitung einer größeren Menge Orangen-Sorbets, den Abend damit, es zu verspeisen. Nachts träumte er wieder, er sei ein Grottenolm. Diesmal saß er jedoch nicht wie sonst in einer dunklen Felsenhöhle, sondern hing mit seinem blassrosa Leib auf einem Berg ganz aus Orangen-Sorbet, und gleißende Mittagssonne brannte sich in seinen nackten Schädel. Neben ihm hockte die alte Bitoun und inspizierte durch zwei dicke Lupen seine Blöße. „Mon Dieu!“ Währenddessen schmolz der Eisberg unter ihm rasant. Konnte er als Grottenolm eigentlich schwimmen? Er wusste es nicht. In letzter Sekunde fischte ihn die Hildwein aus der klebrigen Brühe und setzte ihn mit spitzen Fingern behutsam auf ihrem gewaltigen Handteller ab. Sie lächelte, was Ihr Gesicht ein wenig ins Groteske verzerrte, als wäre sie bei Hieronymus Bosch zur Maske gewesen. Und plötzlich beugte sie sich über ihn, ein wilder Augenblick, in dem er fürchtete, sie würde ihn mit einem Kuss zerquetschen. Davon wachte er auf.
Seit jener Nacht war der Traum nicht mehr wiedergekehrt. Als er Lisbeth Wochen später auf einer Geburtstagsfeier traf und ihr in Weinlaune alles erzählte, war ihr natürlich sofort alles klar.
„ Dieser Klausuren-Coup, Rudi, genial! Das war ein echter Befreiungsschlag. Du hast dich endgültig emanzipiert von der Bande.“
Vielleicht hatte sie Recht. Vielleicht auch nicht. Es schien ihm zu einfach. Andererseits stimmte es natürlich, dass es mit der FSK1 jetzt nicht besser laufen könnte. Er hatte sogar mit ihnen zusammen einen kleinen Streik inszeniert und der Schulleitung das Versprechen auf die Sanierung der Heizung abgetrotzt. Ja, er war zufrieden. Nur eine einzig Sache gab es, die er an der ganzen Geschichte bedauerte: Sein Appetit auf Orangen-Sorbet war verschwunden, einfach weg. Zusammen mit dem Traum.



