Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Aus der Tür und aus der Pforte
Und wenn ich einfach hinausginge, dachte sie. Hinaus in den stillen, kalten Abend. Verantwortungslos. Niemand kann sich das weniger erlauben. Als. Maria. Heiligste aller Mütter.
Luca begann zu quengeln. Maria holte den Blick zurück auf die Krabbeldecke und gab ihm eine Rassel. Er warf sie weg. Quietschte. Blubberte. Heulte. Sie fuchtelte mit dem Beißring und schnitt ein Gesicht. Er lachte. Süße Grübchen. Die zwei unteren Schneidezähne waren vor kurzem durchgebrochen. Die Freude war kurz.
Dabei wäre es so einfach. Aus der Tür und aus der Pforte. Der Titel einer Geschichte, die Maria von der Mutter vorgelesen worden war. Ein Pfannkuchen war aus der Pfanne gesprungen und davongelaufen. Aus der Tür und aus der Pforte. Am Ende war er von einem fetten, alten Schwein gefressen worden.
Lucas Quengeln steigerte sich zu Gebrüll. Crescendo. Hatte er schon wieder Hunger? Sie schob den Pulli hoch, um ihn trinken zu lassen. Aber Luca kaute auf der Brustwarze herum, warf den Kopf hin und her, nein-nein-nein, brüllte wieder. Also nahm sie ihn hoch und klopfte ihm auf den Rücken. Das Schreien hörte kurz auf, begann von neuem. Maria schnüffelte prüfend an dem dicken Windelpopo. Als Studenten der Sozialpädagogik hatten sie und eine Freundin in der Cafeteria gesessen und diese mütterliche Angewohnheit diskutiert. Waren zu einem vernichtenden Urteil gelangt: Missachtung und Diskreditierung des Persönlichkeitsrechts des Kindes. Oder etwas in der Art.
Sie wuchtete sich mit dem Baby im Arm in die Senkrechte.
Im Kinderzimmer herrschte Chaos. Die dreieinhalbjährige Julia hatte die Legokiste umgekippt und sämtliche Teile auf dem Teppich verstreut. Angelutschte Brezenteile lagen dazwischen.
“ Julia!”, sagte Maria, “räum' bitte die Legos wieder in die Kiste. Da komm' ich ja nicht mehr durch!”
Julia lachte und trommelte mit einem Legostein gegen den Schrank.
“ Julia! Hast du nicht gehört?”
“ Nei-hein! Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht!”, skandierte Julia und hüpfte auf und ab.
Maria stöhnte und stakste auf Zehenspitzen durch den Legosalat zum Wickeltisch.
“ Maa-maa!”, brüllte Julia, “du sollst Luca nicht wickeln!” Sie rannte zu ihrer Mutter, umschlang deren Beine und brachte Maria dadurch fast zu Fall.
“ Julia! Wie oft hab' dir schon gesagt, du sollst das nicht machen! Jetzt wäre ich beinahe gefallen und Luca -... Luca ist noch so klein, wenn ich ihn fallen lasse, müssen wir ins Krankenhaus und -...!”
“ Au ja! Au ja!”, rief Julia begeistert, “gell, Mama, dann geben wir ihn wieder der Bamme und fahren heim, nur du und ich...!”
“ Hebamme”, verbesserte Maria automatisch und wünschte, sie hätte einen Kindergartenplatz für Julia. Wenigstens den halben Tag nur ein Kind. Das wäre -
“ Mama! Maa-maa!”, kreischte Julia, “ich kann das Puzzle nicht! Du sollst es machen!”
“ Julia, du siehst doch, dass ich gerade Luca wickle. Nachher, wenn er schläft...”
“ Nei-hein! Du sollst es jetzt machen...!”
“ Nein. Ich sagte doch: Nachher, wenn ich fertig bin. Und auch nur, wenn du mich in Ruhe...!”
“ Nei-hein! Jetzt gleich! Du sollst jetzt gleich mit mir spielen!”
Maria gab auf. Versuchte, das Gebrüll von Luca, der sich nicht ausziehen lassen wollte und das von Julia, die sich weiter in ihr “du-sollst-aber-jetzt” hineinsteigerte, zu überhören. Ruhig bleiben. Geduldig. Verständnisvoll. So stand es geschrieben: Schreien Sie Ihr Kind nicht an. Nehmen Sie seine Gefühle ernst. Sollte doch einmal Ärger in Ihnen aufkommt, atmen Sie tief in den Bauch hinein und dann langsam und bewusst aus. Das entspannt. Maria versuchte es. Sie bekam keine Luft mehr. Warum klappt das bei mir nicht?
Maria öffnete die Windel. Der Inhalt lenkte Julia kurz von ihrem Geheul ab:
“ Schau' mal Mama! Luca hat gekackt! Ge-ka-ackt, ge-ka-ackt, ge-...!”
“ Ja, es ist gut jetzt, Julia, das seh' ich selbst!”
“ Der Luca hat sich eingekackt, der Luca hat sich -...!”
“ Julia, hör' auf jetzt! Bitte! Ich möchte nicht, dass du ständig dieses Wort -...”
“ Aber der Luca hat -...”
“ Ich weiß, Julia! Er ist noch klein. Er kann noch nicht selbst zur Toilette gehen. Als du so klein warst...”
“ Aber ich kann's schon!”
“ Ja. Du bist ja auch schon groß. Mein großes Mädchen kann das schon.”
“ Gell, Mama, ich bin keine Hosenkackerin, ich”, vergewisserte sich Julia noch dreimal. Und nach drei Bestätigungen seitens der Mutter, fiel ihr das Puzzle wieder ein.
“ Mama, du sollst...!”
Der kategorische Imperativ. Noch vor fünfzig Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass ein Kind Forderungen an seine Eltern stellte. Schwarze Pädagogik. Die Kunst, Kinder zu knechten. Vorbei. Zum Glück. Aber manchmal. Manchmal war sie es leid, immer einfühlsam zu sein. Immer geduldig. Immer bereit, zuzuhören, anzuerkennen, zu bestätigen, aufzumuntern, zu trösten, zu respektieren, zu lieben, zu ehren, damit mir die Hand nicht aus dem Grabe wächst.
Hinausgehen. Aus der Tür und aus der Pforte. Ganz allein. Ohne Kinderwagen. Babygeschrei, Brezenmatsch und Wutanfälle zurücklassen. Zum Busbahnhof, denn seit einiger Zeit hielt kein Zug mehr hier. Die Strecke sollte bald ganz stillgelegt werden. Als gäbe es etwas trostloseres als Gleise, die nirgendwohin führen. Mit zwanzig war sie hier mit einer Freundin eingestiegen. Gemeinsam hatten sie vier Wochen lang Spanien und Portugal mit dem Zug bereist. Interrail. Eine Sommerliebe. Hyazinth. Ein Belgier mit einem Blumennamen. Hand in Hand waren sie über den glühenden Sand gelaufen, hatten schwarze Sohlen bekommen vom Öl der großen Tanker.
“ Mama, du sollst...!”
Maria hatte Luca fertig gewickelt und puzzelte eine Weile mit Julia, ständig bemüht, Luca davon abzuhalten, die Teile in den Mund zu stecken und in Pappmaché zu verwandeln. Dann legte sie Luca in seine Wiege, wo er sofort in wütendes Protestgeschrei ausbrach.
Julia verhielt sich solidarisch, kreischte:
“ Mama! Maa-maa! Ich hab' Hunger!”
“ Sei bitte einen Augenblick still, Julia! Luca ist müde, er muss jetzt schlafen. Du bekommst gleich -...!”
“ Ich hab' aber jetzt Hu-unger! Nicht gleich! Jetzt!”
Maria verstand nicht, warum grundsätzlich beide Kinder zur gleichen Zeit schrieen, aber niemals gleichzeitig schliefen. Es musste sich um eine Gesetzmäßigkeit handeln. Um eine Art Pawlow'schen Reflex. Im Studium war nie die Rede davon gewesen. Sie bestach Julia mit einem Schoko-Keks, damit sie ruhig war. Eine unpädagogische Kekslänge lang Ruhe. Vielleicht hatte sie bis dahin Luca in den Schlaf geschaukelt. Gekocht hatte sie auch noch nicht. Und in einer halben Stunde kam Henning hungrig von der Arbeit.
“ Mama, noch eins!”
Luca schreckte aus dem Halbschlaf und begann wieder zu schreien. Maria schaukelte heftiger und gestikulierte wild in Julias Richtung.
“ Mama, ich will...!”, quengelte Julia.
Maria sprang auf und packte Julia hart am Arm, zerrte sie unsanft aus dem Schlafzimmer und fauchte:
“ Julia! Wenn du jetzt nicht augenblicklich die Klappe hältst, verbringst du den Rest des Tages in deinem Zimmer! Ich will jetzt nichts mehr hören! Verstanden!”
Maria ging ins Schlafzimmer zurück und knallte der heulenden Julia die Tür vor der Nase zu. Während sie Luca wieder in den Schlaf wiegte, tat es ihr schon leid, Julia so angefahren zu haben. Das Mädchen konnte schließlich nichts dafür. Sie hatte sich einen Hund gewünscht, keinen kleinen Bruder. Maria dachte daran, wie sehr sie sich zurückgesetzt gefühlt hatte, als ihre jüngere Schwester geboren worden war. Ein süßes Ding, mit goldenen Locken, das alle Bewunderung auf sich gezogen hatte. Luca war endlich eingeschlafen. Maria schlich aus dem Zimmer.
Julia saß noch immer weinend vor der Tür und sah Maria aus großen blauen Kinderaugen vorwurfsvoll an. Dicke Tränen kullerten an ihren Wangen hinab.
Maria hob sie auf und trug sie ins Wohnzimmer hinüber und setzte sich mit ihr aufs Sofa.
“ Tut mir leid, dass ich dich eben so angefahren habe, mein Liebling”, flüsterte sie Julia ins Ohr und hoffte, sich damit wieder von der Rabenmutter in eine gute Mutter zu verwandeln. Eigene Fehler zugeben war ohnehin pädagogisch wertvoll: Ihr Kind wird Ihr Verhalten imitieren und dadurch automatisch lernen, eigene Schwächen zu akzeptieren.
“ Gell, Mama”, sagte Julia, “das war gar nicht lieb von dir.”
Maria schwieg. Sie musste unbedingt anfangen zu kochen.
“ Mama, krieg' ich noch einen Keks?”
“ Nein Schatz, wir essen bald zu Abend. Ich möchte nicht, dass du dir den Appetit verdirbst.”
“ Bitte. Bitte. Bitte. Ich hab' auch bitte gesagt!”
“ Ja. Das ist schön, Julia, aber- ...”
“ Du blöde Mama, du blöde! Ich will einen Keks! Wenn du mir keinen gibst, dann -... dann putz' ich nicht die Zähne! Und ich mal' dir nie wieder ein Bild!”
“ Nein!”
Grenzen setzen stand auch auf dem Programm. Vernünftige, nachvollziehbare Grenzen. Und wenn Sie eine Grenze gesetzt haben, bleiben Sie unbedingt konsequent. Wenn Sie nachgeben, kann sich Ihr Kind nicht auf Sie verlassen. Es findet keinen Halt in Ihnen. Keinen Halt in der Welt.
Julia hatte sich auf den Boden geworfen und brüllte. Eigentlich stand jetzt eine Auszeit an oder ein Festhalten nach Prekop.
Aus der Tür und aus der Pforte. Sollte sie Pfannkuchen backen. Oder lieber Miracoli. Mehr war nicht drin. Egal, für welches der beiden Gerichte, sie sich entschied, Henning würde meckern. Sie hatte gerade erst zwei Eier aufgeschlagen, da hörte sie den Schlüssel im Schloss. Julia musste es trotz ihres Geheuls auch mitbekommen haben, denn sie stellte es augenblicklich ab und rannte in den Flur:
“ Papa, krieg' ich einen Keks? Die Mama hat ja gesagt!”
“ Nein”, rief Maria hinaus, “hab' ich nicht.”
“ Hallo erst mal”, sagte Henning, “krieg' ich einen Kuss von meiner Prinzessin?”
Er übergab Maria eine rote Rose und wirbelte dann Julia ein paar mal durch die Luft. Sie quietschte vor Vergnügen.
Eine rote Rose. Das hieß, dass er heute mit ihr ins Bett gehen wollte. Das auch noch. Machen Sie nie den Fehler, die Beziehung zu Ihrem Mann zu vernachlässigen. Bleiben Sie ein Liebespaar. Ihre Kinder werden es Ihnen danken.
Henning setzte Julia ab und küsste Maria gierig auf den Mund. Sie entwand sich seiner Umzäunung und nahm den Mantel.
“ Ich muss mal kurz raus”, sagte sie.
“ Was? Jetzt? Und was ist mit meinem Abendessen?”
“ Mama, ich hab' Hunger!”
Maria schlüpfte in die Winterstiefel und an der geballten Empörung vorbei, hinaus in die stille, kalte Nacht. Es war ganz leicht. Aus der Tür und aus der Pforte. Erst am Busbahnhof blieb sie stehen. Es roch falsch. Ein Busbahnhof war eben kein richtiger Bahnhof. Ihm fehlte etwas Essentielles. Das Flair des Reisens. Sie studierte den Fahrplan. Der nächste Bus fuhr erst in einer Dreiviertelstunde.
Maria setzte sich auf die Bank und wartete. Sie bekam kalte Hände. Kalte Füße. Weiß stand der Atem vor ihrem Gesicht. Es roch nach Schnee. Vielleicht gab es weiße Weihnachten? Schon begannen in der Nähe Kirchenglocken zu läuten. Verantwortungslos. Das Wichtigste ist, dass Sie für Ihr Kind stets verfügbar sind. Verantwortungslos. Läuteten sie. Wie verantwortungslos. Wollten gar nicht wieder aufhören. Als wüsste sie es nicht selbst.
Maria starrte noch ein paar Sekunden auf die gegenüberliegenden Toilettenanlagen. Dann gab sie auf und ging nach Hause.
Pfannkuchen backen.



