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Willy Brandt, ein früher Wegbereiter der deutschen Einheit?
Viele Menschen wollten sich dieser kühnen Aussage lange Zeit nicht anschließen. Willy Brandt hat sich schon früh als weitsichtiger Politiker präsentiert.
Beispielsweise erklärte er einem überraschten Publikum an der Harvard Universität, dass er „vor dem Kommunismus keine Angst habe“, und die sowjetische „Forderung nach Koexistenz“ als Zeichen der Schwäche deute. Wer sich hinter einer Mauer verschanzen muss, fühlt sich unsicher. Diesen Gedanken äußerte er im Oktober 1962, nur ein Jahr, nachdem die Mauer errichtet worden war.
Brandt kam 1947 nach Berlin und fand Krater, Schutt, Ruinen und Trümmerberge vor. Für ihn war es eine Stadt im „Niemandsland am Rande der Welt“. Er arbeitete als Presseattache´ an der norwegischen Militärmission. Da er von dort politisch nichts Grundlegendes bewirken konnte, gab er schon bald seine Position auf, um aktiv in die deutsche Politik einzutreten. Ein langsamer Aufstieg begann. Zunächst wurde er Kreisvorsitzender in Wilmersdorf, kurze Zeit später Mitglied des Abgeordnetenhauses.
Am 3. Oktober 1957 gewann er schließlich die Wahl zum regierenden Oberbürgermeister von Berlin. Die ersten Jahre in diesem Amt zählen zu den schwierigsten in der Geschichte dieser Stadt. Die Sowjetunion hatte den Vier-Mächte-Status Berlins gekündigt und strebte an, Berlin zu einer freien Stadt mit eigener Regierung zu machen und von allen anderen Ost- und Weststaaten sowie von beiden Teilen Deutschlands abzukoppeln. Berlin sollte zur Bedeutungslosigkeit degradiert werden.
Der Mauerbau fiel auch in diese Zeit, Brandt kandidierte erstmals als Kanzler und war auf einer Wahlkampfreise. Er brach seine Tour sofort ab, um den Berlinern zur Seite zu stehen. Er musste aber machtlos zusehen, wie die Teilung voranschritt. Für ihn verwandelte sich Berlin in ein „Konzentrationslager“. Enttäuscht erkannte Brandt, dass die Alliierten militärisch nicht eingreifen wollten. Die drei Generäle der Westmächte hatten den Geheimbefehl, im Krisenfall nichts zu unternehmen, solange nicht der Westsektor oder die alliierten Streitkräfte unmittelbar angegriffen würden.
Adenauer setzte zunächst seinen Wahlkampf fort und reiste erst neun Tage später nach Berlin, dies war Teil seiner „Abwiegelungstaktik“. Für seine prompte Reaktion erntete Willy Brandt zwar Anerkennung und viel Sympathie bei den Wählern, er scheiterte dennoch in der Bundestagswahl einen Monat später. „Stimmungen und Stimmen sind zweierlei“ stellte er resigniert fest.
Er nahm seine Aufgabe in Berlin wieder auf und musste lernen, die Mauer zu akzeptieren und versuchen für seine Berliner das Beste zu erreichen. „Wandel durch Annäherung“ lautete das Schlagwort, mit dessen Hilfe Kontakt zur Regierung der DDR gesucht wurde, ohne sie offiziell anzuerkennen. Um der Sache zu dienen, wurde um jede Formulierung gerungen. Im Passierscheinabkommen von 1963 wurde von „der anderen Seite“ gesprochen; eine Formulierung, der keine staatsrechtliche Relevanz zukam, beide Seiten konnten sie somit akzeptieren. Vielfältig bemühte er sich Berlin wieder größere Bedeutung zu geben. Er setzte sich dafür ein, dass Bundesbehörden ihren Sitz in Berlin bekamen, genauso wie er darum warb, große Firmen, Verlage und kulturelle Einrichtungen in der Stadt anzusiedeln.
Auch mit seiner zweiten Kanzlerkandidatur scheitete Willy Brandt. Zwar erreichte die SPD ihr bislang bestes Ergebnis, das Ziel, stärkste Fraktion zu werden und fortan das Land zu regieren, misslang. Er empfand das Ergebnis als eine Absage an seine Person und kündigte an, „kein Anwärter auf das Kanzleramt 1969“ zu sein.
Die Situation sollte sich bald ändern, da die gerade gewählte Regierung schon ein Jahr später ins Straucheln geriet, es kam zur großen Koalition. Brandt wurde Außenminister und Vizekanzler. Er versuchte, die Freundschaft zu NATO Verbündeten bzw. anderen Staaten der Europäischen Wirtschaftsvereinigung zu pflegen. Zu einer Zeit, als dies für viele Politiker noch undenkbar war, hatte er bereits erkannt, dass Deutschland ohne Westeinbindung nicht existieren kann. Gleichzeitig profilierte er sich in der Ostpolitik.
Sein Erfahrungen aus Berlin zeigten ihm, dass nur über eine Einbeziehung der DDR eine Verbesserung der innerdeutschen Kontakte zu erreichen war. Schon bevor er sein bundespolitisches Amt übernahm, brachte er seine Strategie auf einen Nenner: „Ein qualifiziertes, geregeltes und zeitlich begrenztes Nebeneinander der beiden Gebiete“ strebte er an.
In der großen Koalition konnte Brandt lediglich eine „Entspannungspolitik des langen Atems“ betreiben. Oft diktierte Kanzler Kiesinger, wie er sich zu verhalten hatte.
Als bei der nächsten Wahl im Jahr 1969 die SPD erstmals die stärkste Partei wurde und zusammen mit der FDP die Regierung stellte, konnte er als Bundeskanzler selbst die Entspannungspolitik vorantreiben. Bereits in seiner ersten Regierungserklärung setzte er Zeichen mit Formulierungen wie : „Eine völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesregierung kann nicht in Betracht kommen. Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie füreinander nicht Ausland; ihre Beziehungen zueinander können nur besonderer Art sein.“ Moskau akzeptierte das Signal, die neue Regierung meine es ernst. Immerhin war es das erste Mal, dass ein bundesdeutscher Politiker „DDR“ öffentlich ausgesprochen hatte.
Schon am 30. Januar 1970 begannen erste Gespräche mit den Sowjets. Dabei wurden alle Ansprüche aufgegeben, die über den Bestand der Bundesrepublik und die Sicherung West-Berlins hinausgingen. Als theoretische Möglichkeit sollte die deutsche Einheit aufrechterhalten bleiben, wiedergegeben in der Formel einer „deutschen Option“. Viele Menschen zweifelten, ob so „die Einheit und Freiheit Deutschlands“ würde „vollendet“ werden können, wie es die Präambel der Grundgesetzes damals vorsah.
Brandt und seine politischen Verhandlungspartner ratifizierten zügig verschiedene Ostverträge. Der Moskauer Vertrag markiert die Geburtsstunde der europäischen Entspannungspolitik. Im Herbst folgte ein Vertrag mit Polen zur „Grundlage der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen“. Zur Unterzeichnung reiste Brandt nach Warschau, spontan kniete Brandt vor dem Denkmal der von Deutschen ermordeten Juden im Warschauer Ghetto nieder. „So einfach wie bei anderen Kranzniederlegungen geht das nicht, einfach nur den Kopf neigen.“ Seiner Frau sagte er später noch: „Irgend etwas musste man tun.“
Zwischen Bonn und Ost-Berlin lag die Berlinfrage wie ein Klotz. Erst nach sehr zähen Verhandlungen kam es Ende 1972 zum so genannten Grundlagenvertrag.
Für seine „Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern“ erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis. Nach langer Zeit wird Deutschland und Frieden weltweit wieder in einem Atemzug genannt.
Einmal wurde Brandt in einer Bundestagswahl noch bestätigt. Ein Ostspion im Kanzleramt ist es, über den Willy Brandt schon kurze Zeit später stolpert. Er tritt von seinem Amt zurück . Für viele war es eine überraschende Reaktion, aber Brandt hatte wohl die Bürde seines Amtes satt.
Er bleibt bis zu seinem Lebensende am 8.Oktober 1992 politisch aktiv. Sein feines Gespür für politische Stimmungen verlässt ihn nie. So gaben Kohl und Gorbatschow im Juni 1989 nach gemeinsamen Gesprächen eine Erklärung heraus. Dort war die Rede vom „Recht der Völker und Staaten, ihr Schicksal frei zu bestimmen“. Bereits am nächsten Tag interpretierte Brandt diese Worte und gab im Deutschen Bundestag zu Protokoll, dass die Zeit näher rücke, „in der abzubauen sein wird, was die Menschen, zumal die Menschen eines Volkes, willkürlich voneinander trennt“. Zu jenem Zeitpunkt war das die Position eines Außenseiters.
Nach der Öffnung der Mauer am 9.November 1989 fliegt Brandt nach Berlin, in seine Stadt, und wiederholt seine Ansicht, die nun Wirklichkeit geworden ist, mit den berühmt gewordenen Worten: „Nun wächst zusammen, was zusammen gehört.“



