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Der Besuch

„Lege mich wie ein Siegel
an dein Herz,
wie einen Ring an deinen Arm.
Denn stark wie der Tod ist die Liebe,“

Ludwig Schoenbecker klappte die Bibel zu und legte sie auf den wackligen Tisch zurück, als seine Zelle aufgeschlossen wurde und der Wachsoldat in der Tür stehen blieb: „ Ihre Braut ist jetzt da, Herr Schoenbecker. Zehn Minuten Sprecherlaubnis.“

Schoenbecker stand auf und atmete tief durch. Herbstlich kühle Luft drang durch die offene Luke des vergitterten Fensters an diesem Septembermorgen 1944. Es war der zweite Herbst, der auf ihn zukam als Gefangener im Tegeler Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis.

Der bevorstehende Besuch beunruhigte ihn. Der 36 jährige evangelische Pfarrer freute sich auf seine Verlobte, rechnete aber auch mit schlechten Nachrichten. Seit dem missglückten Attentat auf Hitler hatte er zwar Briefe, doch keine Besuche und keine Lebensmittelpakete von Angehörigen erhalten...
Es hatte auch keine Verhöre mehr gegeben. Im Mai hatte ihm der Untersuchungsleiter lediglich „Wehrkraftzersetzung“ nachweisen können. Dank eines ausgeklügelten Camouflagenetzes seiner Familie, das bis in die obere militärische Führungsspitze reichte, war seine Arbeit für die Verschwörung nicht aufgeflogen.... Nie hatten sie ihn gefoltert. Ludwig Schoenbeckers Angst , unter körperlichen Schmerzen Mitverschworene zu verraten, hatte ihn zu jedem Verhör begleitet, in welchem er dann äußerlich selbstbewusst und ruhig aufgetreten war.
Schoenbecker war schmal geworden. Jeden Morgen hatte er sich gezwungen, die dünne altbackene Scheibe Brot mit der Messerspitze Marmelade darauf, langsam zu kauen, damit er sich satter fühlte. Heute morgen hatte er keinen Hunger verspürt.

Ludwigs Herz hämmerte gegen seine Brust und seine Beine fühlten sich steif an. Er blieb stehen, atmete noch einmal langsam aus, bis sein Herzschlag anfing sich zu beruhigen.
„Kommen Sie“, drängte der Wachsoldat.
Schoenbecker richtete sich auf, straffte seine Schultern und folgte dem Uniformierten. Schwer hallten dessen Stiefel durch die Korridore.

Als sie in den Besucherraum eintraten, gelang ihm ein Lächeln.
Sie war da. Sie saß hinter dem langen Tisch, der Besucher von Häftlingen trennte. Ihre schlanken weißen Hände lagen ineinander verschlungen auf der glatten Tischfläche.
Er setzte sich, lächelte sie an und nahm ihre kalten Hände in die seinen.
„Es ist so schön, dass du da bist, Maria.“
„Ludwig. Wie geht es dir? Du bist...du siehst so blass aus. Ich soll dir Grüße bestellen. Von Mama, von...“
Er sah sie an. Sie schluckte, rang um Fassung. Sie war so jung. Zart wie ein Schmetterling wirkte sie in ihrem frischgewaschenen Kleid, das so blau war wie ihre Augen. Er sog ihren Duft ein, ein Duft nach Seife auf junger Haut. Ihr Gesicht war bleich und ernst und zum ersten Mal fiel ihm auf, dass um ihre fast noch kindlich runden Lippen ein schmerzlicher Zug lag.

„Der Wachoffizier an der Pforte sagte, es wäre heute vielleicht das letzte Mal.“ Sie schluckte. „Du würdest wahrscheinlich verlegt werden.“ Sie warf einen Blick auf den Uniformierten, der unbewegt neben der Tür stand und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern:“ Ludwig! Klaus sagte, sie hätten Akten gefunden. Im Hauptquartier der Abwehr.“
Schoenbecker wusste, was das bedeutete. Aber seine Stimme klang fest, als er nach einer Pause erwiderte: „Maria. Wir werden uns wiedersehen. Es ist noch nicht alles verloren. Hast du mir...“
„Nein. Die Bücher... haben sie mir abgenommen. Du darfst keine mehr bekommen. Aber Äpfel habe ich dir mitgebracht. Und einen Kuchen. Sie wollen dir alles geben, sobald sie es untersucht haben.“ Sie mühte sich, die Tränen zurück zu halten.

„Danke. Mach dir keine Sorgen. Ich habe meine Bibel, auch noch einen Band Stifter, und Fontanes Stechlin... Spielst du noch Klavier?“
Sie nickte und lächelte sogar ein wenig. „Hast du noch dein Radio? Konntest du gestern das Konzert hören? Die Mozartsonate , die du immer...“
„Ja. Es war wunderschön. Ich habe es gehört.“ Er log, damit ihr Lächeln nicht so schnell verschwand. Das Radio hatten sie ihm schon vor Wochen weggeholt.
Er liebte ihr Lächeln, beobachtete das Grübchen, das in ihrer rechten Wange entstand.

Der junge Wachsoldat blickte auf die Uhr. „Besuchszeit zu Ende.“
Ludwig ließ ihre Hände los, die jetzt warm und weich in seinen lagen. „Leb wohl Danke, dass du gekommen bist. Grüße deine Mutter und meine Eltern. Und habe Vertrauen...“ Er brachte es nicht fertig „zu Gott“ zu sagen.
Sie ging zur Tür, aufgerichtet und um ihre festen, kleinen Schritte bemüht. An der Tür drehte sie sich um: „Behüt’ dich Gott, Ludwig.“
Die Tür fiel ins Schloss. Er lauschte auf ihre verhallenden Schritte und spürte, wie seine Hände kalt wurden. Die Kälte kroch an seinen Armen hoch und in seine Beine hinunter, sie vereiste allmählich seinen ganzen Körper. Es war ihm, als hätte ihn seine verbliebene Lebenswärme mit ihr verlassen.

„Herr Schoenbecker! Kommen Sie!“
Mühsam versuchte er auf die fühllosen Beine zu kommen. Sie hatte Recht. Es war das letzte Mal gewesen, dass er sie gesehen hatte. Verzweifelt versuchte er, ihr Lächeln festzuhalten, ihre Stimme zu erinnern. Doch ihr Gesicht zerrann ihm im Nichts wie ihre Stimme und selbst ihr Duft verwehte bereits in der stickigen Luft des amtlichen Raums. Sein Leben, sein leibliches, blutvolles Leben war Vergangenheit. Beim ersten Schritt fing sich das Zimmer an um ihn zu drehen und seine Beine sackten weg. Ludwigs Herz raste. Es wunderte ihn, dass er an das Frühstück dachte, die dünne Scheibe Brot, die er heute nicht angerührt hatte.
„Herr Schoenbecker.“ Der Wachsoldat beugte sich über ihn und schlug ihn leicht auf die Wangen. „Kommen Sie zu sich. Nehmen Sie meinen Arm, ich bringe sie zum Arzt.“

Schoenbecker schlug die Augen auf und sah in das erschrockene Gesicht des Wachsoldaten. Er wollte abwinken und aufstehen, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. Der Jüngere nahm resolut seinen Arm und zog ihn hoch.

Der Arzt saß hinter seinem Schreibtisch in dem nüchternen Behandlungsraum, der nicht größer war als Ludwigs Zelle. Nur die Vergitterung der Fensterluke hatte man entfernt. An der Wand stand eine Pritsche, über die ein frisches Laken gebreitet war.
Vor dem Schreibtisch stand ein einfacher Holzstuhl, den Schoenbecker mühsam ansteuerte, nachdem er den Arm des Uniformierten losgelassen hatte, der ihn zur Pritsche geleiten wollte. Für einen Augenblick fiel Ludwigs Kopf auf die Brust, als er auf den Stuhl sank.
„ Melde Häftling Schoenbecker. Er ist zusammengebrochen nach dem Besuch seiner Braut...“
„Gehen Sie. Ich rufe Sie, wenn ich mit ihm fertig bin.“ Der Arzt, ein untersetzter Mann mit kahlem Schädel, stellte sich als Dr. Metzer vor. Er stand auf, kam auf Schoenbecker zu .und maß seinen Puls. Er fragte sachlich: „ Haben Sie gefrüh-stückt?“
„Nein.“
„Es ist nichts von Bedeutung. Ein kleiner Schwächeanfall.“
Der Mann, der Mitte vierzig sein mochte, setzte sich wieder und zog eine Schublade seines Schreibtischs auf. Er holte eine Flasche Cognac heraus und stellte sie mit einem Glas auf den Tisch. Mit geübter Hand goss er das Glas halbvoll.
„Trinken Sie. Das regt den Kreislauf an.“
Dankbar nahm Ludwig das Glas, das ihm der andere zuschob. Langsam und in kleinen Schlucken trank er die Hälfte des Inhalts. Es wirkte. Er fühlte, wie die Wärme allmählich in seinen Körper zurückkehrte.

Die wässrig-hellen Augen hinter der randlosen Brille musterten Ludwig Schoenbecker mit einer Mischung aus Abneigung und Streitlust.
„Sie haben dem Jungen einen gehörigen Schrecken eingejagt. Der sonst so tapfere Herr Schoenbecker kippt um nach dem Besuch seiner...“ Ein ironisches Grinsen lag auf dem leicht geröteten Gesicht des Dr. Metzer..

Ludwig schob das Glas weg. „Danke, Herr Doktor. Ich glaube, ich kann...“
Der Mann im weißen Kittel beugte sich vor und fuhr ihn an: „Bleiben Sie. Trinken Sie. Wir haben Zeit, Herr Schoenbecker, oder soll ich Sie lieber mit ´Herr Pfarrer` ansprechen? Ich habe viel von Ihnen gehört: selbstbewusst aber höflich im Umgang mit dem Wachpersonal, beruhigendes Einwirken auf Mitgefangene während des Alarms , gefasstes, heiteres Auftreten...“ Die Stimme des Arztes klang spöttisch..

Ludwig mühte sich aufzustehen. „Sie werden bestimmt für Wichtigeres gebraucht, Dr. Metzer. Rufen Sie die...“

„Bleiben Sie sitzen“, brüllte der Arzt. „Sie haben hier nichts zu befehlen.“ Sein Gesicht war noch dunkler geworden, als er sich wieder vorbeugte: „Ja, ich hatte Besseres zu tun, an der Front. Schöne Dinge wie Schenkel und Füße amputieren bei Jungs, die bluteten wie Schweine und winselten wie Hunde, die schrieen und Ihren Herrgott anriefen, die sich in die Hosen schissen vor Angst, und die ich operieren musste ohne Narkotika...Weil die längst alle verbraucht waren , betäubten wir sie mit Schnaps...Bis mich selbst diese verfluchte Kugel erwischte...“ Er hatte sich jetzt auch einen Cognac eingegossen und trank. Verächtlich fuhr er fort: „ Drecksarbeit. Aber sinnvoller als hier das Hätscheln von Häftlingen wie Ihnen. Sie verbringen Ihre Tage mit lesen, mit sogenannter theologischer Arbeit gar, wie ich hörte. Theologische Spitzfindigkeiten aufschreiben, mitten im Krieg... Sie sind selbst als Gefangener noch privilegiert. Sie wähnen sich überlegen aufgrund Ihrer bürgerlichen Herkunft, Ihrer Bildung und Ihrer Erziehung, Ihren adeligen Freunden... Aber“, er starrte Schoenbecker an, „mit den Privilegien Ihrer Klasse ist es zu Ende. Wenn Hitler diesen Krieg gewinnt...“

Ludwig spürte, wie mit der Kraft in seinen Körper auch die Klarheit in seinen Kopf zurückströmte. Er unterbrach den Arzt, der jetzt wütend durch das Zimmer hinkte: „Ich kann Sie nicht verstehen. Sie sind Arzt. Sie haben eine Bildung, haben ein Studium gemacht, wie ich. Sie haben den Wahnsinn dieses Krieges am eigenen Leibe erlebt! Weshalb, um Himmels Willen, glauben Sie immer noch an diesen... Mann?“

Dr. Metzer blieb vor ihm stehen. „ O nein, Sie können es nicht verstehen.
Wie ich hörte, hatte Ihre Familie es nicht einmal nötig, Sie in die Schule zu schicken. Ihre Mutter hat Sie zuhause unterrichtet, Sie mussten sich nie gegen gleichaltrige Lümmel durchsetzen, die Sie wegen abgetragener Kleidung verspotteten...
Der Führer hat einen eisernen Willen. Alles, was er ist, wurde er aus eigener Kraft, hat er sich selber erkämpft. Seinen Aufstieg verdankt er allein seinem Willen zum Erfolg... Mein Vater war Arbeiter. Er verlor seine Stelle, er begann zu trinken, zu...
Ich lernte, Schläge auszuhalten, körperliche Schmerzen wegzustecken. Mit 15 drohte ich meinem Vater, zurückzuschlagen ...ich lernte mich zu wehren und begann neben der Schule in der Fabrik zu arbeiten. Mein Studium habe ich mir selbst erschuftet. Und ich war zum Glück körperlich stärker als all die reichen verwöhnten Kerlchen, die beim Sezieren eines Frosches in Ohnmacht fielen...“

Ludwig betrachtete den Mann, dessen zornerfüllte Worte aus ihm herausdrängten wie ein zu lange gestauter Wasserfall. „Sie tun mir leid“, sagte er leise. „Die Schläge Ihres Vaters schmerzen Sie bis heute. Deshalb sind Sie verbittert und voller Hass.“

„Ich tu’ Ihnen leid?“ Der andere lachte unfroh. „Sie sind überheblich. Sie sollten an sich selbst denken... Die Aggression gehört zum Menschen, wussten Sie das nicht?
Sie gehört zum Menschen wie zum Tier...Und auch die körperliche Kraft ist beim Homo sapiens genauso wichtig wie die geistige; beim männlichen Tier ist das kräftigste das Alpha Männchen, das Leittier ... Beim Menschen ist es genauso. Das stärkste Volk wird sich durchsetzen...“
„Nein. Sie haben Unrecht.“ Ludwig Schoenbeckers Stimme war fest und ruhig. „Der Mensch unterscheidet sich vom Tier: In seiner Fähigkeit, Recht und Unrecht zu unterscheiden und danach zu handeln. In seiner Fähigkeit zum Mitgefühl, in seiner Fä-
higkeit zur Liebe, zur Hoffnung, und... in seiner Fähigkeit zum Glauben...“

„Glauben?“ höhnte sein Gegenüber. „Wenn Sie den Glauben an Ihren Gott meinen, wo ist er denn da draußen, wenn Glieder abgerissen werden, wenn die Kugeln Ge-
därme und Hirne zerfetzen?“

„Es sind Menschen, die aufeinander schießen, Menschen, die diesen Wahnsinn angezettelt haben...“

Der Arzt wandte sich ab, hinkte zum Fenster und sagte in verändertem Tonfall:
„Sie haben nie körperliche Schmerzen ertragen müssen... Aber glauben Sie mir, sie haben hier noch jeden zum Reden gebracht... Wenn sie keine Geduld mehr haben, wenn sie ... sie werden Sie zum Reden bringen...“

Ludwig kannte seinen wunden Punkt. Ja, er hatte Angst vor Folter, vor körperlichen Schmerzen Er war nie im Leben geschlagen worden, hatte ein liebevolles, behütetes Elternhaus erlebt. Aber er war nicht verwöhnt worden und er wusste, was Disziplin war. Jeden Morgen im Gefängnis hatte er Turnübungen gemacht, um sich zu ertüchtigen, aber er bildete sich nicht ein, dass ihm das etwas nützen würde...

Doch auf einmal erfasste er, was die Mitteilung Marias bedeutete. Seine Trauer, seine Angst wich einer ungeheuren Erleichterung, die zu einer ruhigen Gewissheit wurde. Dr. Metzer hatte sich umgedreht und ohne Schoenbecker anzusehen nahm er aus einer Schublade eine kleine Packung weißer Kapseln. Zwei davon streckte er ihm über den Tisch entgegen. Als er aufsah, deutete er Ludwigs Gesichtsausdruck falsch und meinte ernst: „Machen Sie sich nichts vor. Sie sind kein Held. Tun Sie es besser vorher.“

Nein. Ludwig hatte oft mit seinem Gott gestritten, ob mit der Aussicht auf Verrat unter Folter Suizid erlaubt wäre... Sie hatten keinen Grund mehr ihn zu foltern. Sie hatten die Akten, sie wussten Bescheid. Auch über seine Mitverschwörer. Sein Schicksal war besiegelt. Das Werk des Henkers jedoch mussten sie selbst tun...
Gelassen blickte er dem Arzt in die Augen und schüttelte den Kopf. „Nein. Ich brauche Ihre Kapseln nicht.“ Entschieden stand er auf.
„Sie Narr,“ schrie der andere. „Sie sind kein Held. Sie sind bloß ein Verräter und ein Feigling. Wache!“

Am Abend klopfte ein älterer Wachsoldat an Ludwigs Zellentür und schloss auf. Er brachte ihm Marias Äpfel und den Kuchen.
Sacht strich er mit den Fingerkuppen über die goldgelbe Oberfläche des Backwerks, dessen süßer Geruch allmählich die Zelle erfüllte. Lange drehte er einen der rotgelben Augustäpfel in der Hand, roch daran, bevor er ihn langsam aufaß.

Spät erst schlief er ein. Der Traum brachte ihm das Bild Marias zurück. Ihr Gesicht, ihr Lächeln, ihre Lebendigkeit, sogar ihren Duft.

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