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Ronny

Als du zum ersten Mal an unsere Haustür kamst, wolltest du Geld. Du warst auf dem Weg in die Stadt, wie jeden Tag. Deine blau gefrorenen, zitternden Hände hieltest du ausgesteckt. Ich habe dich weggeschickt. Doch du kamst immer wieder, mit der Bitte um Milch oder ein paar Scheiben Brot. Am Anfang fühlte ich mich gestört von deinem Klingeln und gab dir nur widerwillig, was du wolltest, nur, um dich wieder los zu werden.
Nie nahm ich dich mit ins Haus, und nie versuchtest du dieses unausgesprochene Abkommen zu brechen.
Geduldig bliebst du vor der offenen Türe stehen oder du setztest dich auf die Stufen, wenn du keine Kraft mehr hattest. „Hast du keine Angst vor mir“, fragtest du mich.
Ich wusste von deinen Aggressionen, die sich gegen die richteten, die dir etwas verweigerten.
Schlägereien bis hin zum Angriff mit dem Messer haben dich zum gemiedenen und gefürchteten Außenseiter gemacht.
„Nein, ich habe keine Angst, weil du mir keinen Grund dazu gibst“, antwortete ich.
Manchmal brachtest du auch etwas mit: Schafskäse vom „Dönermann“, deine nasse Wäsche, die ich für dich trocknete und einmal habe ich Schnaps für dich versteckt.
Du kamst fast jeden Tag, manchmal schon ganz früh am Morgen.
An Wochenenden hast du mich mit deinem endlosen Klingeln geweckt. Ich sagte dir meinen Ärger. Es tat dir leid, und du hast dich entschuldigt.
Du warst Zeit - los. Was dich bestimmte, war deine Sucht, das Verlangen nach Alkohol und Drogen.
Was muss geschehen sein, dass ein intelligenter, sensibler Mensch sich so verliert.
Du warst im Ausland, hast studiert, eine Frau geliebt und mit ihr ein Kind bekommen. Doch weil du so unberechenbar warst, wurde dir der Kontakt zu den beiden verboten. Es war ein unerträgliches Leid für dich, dass die Menschen, die dir am Wichtigsten waren, Angst vor dir haben mussten. Da deine Hände so geschwollen und fahrig waren, hast du mich gebeten, einen Brief an deine kleine Tochter zu schreiben. Sie sollte später, wenn sie groß ist, verstehen, dass du sie geliebt hast.
Deine Verletzbarkeit war es, die dich zuschlagen ließ, wenn du dich ungerecht behandelt fühltest.
Du hast mir deine blauen Flecken gezeigt, vom groben Zugriff der Polizei. Du kanntest Gefängnis, Entzug und Therapie. Das alles konnte dir nicht helfen.
Manchmal warst du kaum zu verstehen, so schwer war deine Zunge, aber dein Geist war klar.
Du sprachst über so viel Hoffnungslosigkeit, über unerfüllte Träume, über Verlassenheit, über Leben vor und nach dem Tod, über Schuld, über Gott.
Ich begann auf dich zu warten. Du warst mir nah in deiner Abgründigkeit und in deiner Trauer um verpasstes Leben.
Dein Zustand quälte dich immer mehr, du konntest nicht mehr schlafen, alles fiel dir schwer.
Einmal hast du mich gefragt: „Kannst du mich in deine Arme nehmen?“ Ich umarmte dich. Du weintest.
Zwei Tage später warst du tot, gestorben auf einer Parkbank.
Zu deiner Beerdigung kamen deine geschiedene Frau und deine kleine Tochter. Auch deine Eltern waren da, hilflos trauernd um ihren verlorenen Sohn, dem sie ihre Nähe verweigert hatten. Und eine Frau mit einer roten Rose stand am Grab,, wahrscheinlich die Prostituierte, von der du mir erzählt hast, die nicht dein Geld wollte und du nicht ihren Körper.

Ronny, du fehlst mir. Wir sind uns an der Schwelle begegnet vom Drinnen zum Draußen. Diese Schwelle war sehr schmal und hatte keinen Raum für Leistung und Moral, für Prestige und Konversation. Da trafen die innere Bedürftigkeit und das Unbeantwortete zweier Menschen aufeinander, ungeschönt und ohne Illusion – nur dass ich auf der besseren Seite stand.
Immer noch trauere ich um dich, Ronny, mein Bruder.

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