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Tolli Trottel

«Achtung, er kommt!» Die beiden Jungs duckten sich, so dass ihre blonden Schöpfe hinter der Ziegelmauer verschwanden. «Hast du ihn gesehen?», fragte der ältere, und: «was hat er an?»
«Das Übliche», sagte der andere, «den Pelzmantel und das Herzchen.»
«Mann, Mann, Mann ...» Der Ältere spannte ein Steinchen auf die Fletsche und die Jungs beobachteten Tolli Trottel, wie er langsam durch die Gässchen schlich. Es war Sommer, mindestens fünfunddreißig Grad und dieser Vollidiot hatte noch immer seinen Pelzmantel an. Heute würden sie ihn zu packen bekommen, da waren sich Drago und sein kleiner Bruder Bandi sicher und das war es auch, was die Clique wollte: diesem Idioten einen Denkzettel verpassen!
Bei Licht betrachtet war Tolli Trottel völlig harmlos. Er hieß nicht einmal Tolli Trottel, denn so wurde er hier im Dorf nur genannt. Tolli Trottel glich mit seinen fast zwei Metern eher einem gutmütigen Bär, als einem Mann, vor dem man Angst haben musste. Doch er war – zugegeben – etwas verrückt. So, zum Beispiel, trug er winters wie sommers immer den selben Pelzmantel, denn – was gut gegen Kälte ist, pflegte er zu sagen, ist auch gut gegen die Hitze. Das war noch einzusehen, aber über dem Pelzmantel baumelte ein riesengroßes Lebkuchenherz, so eins, das man auf dem Jahrmarkt kaufen konnte und auf dem stand in dicken Zuckerbuchstaben: «Weil ich dich liebe!» Das fanden die Leute lächerlich, denn hier im Dorf gab es weit und breit niemanden, der diesen Vollidioten liebte.
Wenn Tolli Trottel jemandem im Dorf begegnete, blieb er gerne stehen und sah ihm tief in die Augen. «Tolli Trottel hat dich lieb», sagte er dann und das war den Leuten unangenehm. Sah er ein Kind, kramte Tolli Trottel in den Taschen seines Pelzmantels und förderte ein Bonbon zutage, und sah er, wie sich jemand mit einer schweren Tasche abmühte, bot er sich an, ihm diese bis nach Hause zu tragen. Doch nur Idioten ließen sich auf so etwas ein und es kam häufiger vor, dass man seinetwegen die Straßenseite wechselte, als dass sich ein altes Mütterchen darüber freute, dass ihr Tolli Trottel die schwere Tasche trug. Selbst die Kinder schlugen ihm die Bonbons lieber aus der Hand. «Gott hat euch alle lieb», sagte er dann und zog sein dreckiges Plüschbärchen aus dem Pelzmantel. «Gott hat euch alle lieb, so wie ich mein kleines Bärchen lieb habe». Dann küsste er das Plüschbärchen auf die Stirn und unterhielt sich noch ein ganzes Weilchen mit ihm. Dabei schlurfte er zufrieden durch die Gassen.

Hinter der Mauer spannte Drago die Steinfletsche. «Na warte, Bürschchen», sagte er, «jetzt schieß ich dir ein Loch ins Herz!» Er legte das Steinchen zurecht. Sein Bruder Bandi zupfte ihn am Arm: «Pass auf, dass du nicht den Trottel triffst!»
Flatsch! der Stein landete mitten im Herz. Tolli Trottel blieb erschrocken stehen. «Gott bewahre», sagte er und beäugte das Loch im Lebkuchenherz. Er sah sich um, von woher der Stein geflogen war.
«Vollidiot, Vollidiot!», grölten die Jungs und kamen aus ihrem Versteck. Tolli Trottel blickte traurig auf das Lebkuchenherz.
«Ihr macht mir alles kaputt», jammerte er.
«Verpiss dich, du Blödmann!», sagte Drago, rempelte ihn an und riss ihm das Lebkuchenherz vom Hals.
«Au!», jaulte Tolli Trottel auf.
«Weil ich dich liebe?», las Drago vor. «Tolli Trottel, das ist doch lächerlich. Wer soll dich denn lieben? Hast du das Herzchen von einer Mutti, der du die Taschen geschleppt hast?» Er lachte laut und sagte: «weißt du was, Tolli Trottel? Ich werde jetzt dein verschissenes Lebkuchenherz aufessen.»
«Nein!», jammerte Tolli Trottel, doch dann fiel ihm etwas ein. «Warte», sagte er und kramte in den Taschen. «Warte, ich hab ein Bonbon für dich. Für dich und für deinen Bruder Bandi auch.» Aber Drago hatte das Lebkuchenherz schon in der Mitte entzwei gebrochen und stopfte es sich in den Mund.
«Hm, weil ich dich liebe, Tolli Trottel», sagte er kauend, «fresse ich dein Lebkuchenherz!» Darüber mussten die Jungs lachen und Tolli Trottel sah sie traurig an. In diesem Moment erinnerte sich Drago an ihren Auftrag und er pfiff auf zwei Fingern. Das war das verabredete Signal und die anderen Jungs strömten aus ihrem Versteck.

Die Sonne senkte sich langsam über das Dörfchen, die Kirchturmuhr schlug gemütlich sieben und man hörte die Schwalben, wie sie laut tschilpend über die Gässchen flogen. Kalle Siebenstern hatte vom Fenster aus beobachtet, wie die Horde Jungs Tolli Trottel umstellt und ihm den schweren Pelzmantel vom Leib gerissen hatte. Dieser Vollidiot hatte sich nicht einmal gewehrt, dachte Kalle Siebenstern. Er hatte sich auch nicht gewehrt, als ihm die Jungs Stricke um Hände und Füße gebunden und ihn wie einen Esel durch das Dorf getrieben haben. Jetzt standen die Kinder vor seiner, Kalle Siebensterns, Garage und wie es aussah, wollten sie sich mit dem Trottel da hinein verziehen. Kalle Siebenstern überlegte, ob er hinauslaufen und sie davon abhalten sollte, beschloss dann aber zuerst einmal die Patientin, die vor ihm auf dem Zahnarztstuhl lag, zuende zu behandeln, denn sie sollte nicht misstrauisch werden. Kalle Siebenstern fürchtete nämlich, dass sich die Sache im Dorf schneller herumsprechen konnte als ihm lieb war. Es könnte sogar Ärger mit der Polizei geben, dachte er, und das würde dem guten Ruf seiner Zahnarztpraxis schaden. Also fuhr er den Behandlungsstuhl in die Waagerechte und beschloss, von alledem nichts gesehen zu haben.

In der Garage hatten die Jungs Tolli Trottel an einen Stuhl gefesselt. Ohne den dicken Pelzmantel und das Lebkuchenherz sah er ziemlich erbärmlich aus. Drago machte sich daran, Holzscheite auf dem Boden der Garage aufzutürmen. «Das wird dein Scheiterhaufen», sagte er, aber Tolli Trottel war schon viel zu eingeschüchtert, um darauf zu reagieren. Er saß wortlos auf dem Stuhl, traute sich kaum Luft zu holen. Drago befahl den Jungs, Zeitungspapier und einen Benzinkanister zu bringen, dann zog er das Plüschbärchen aus dem Pelzmantel. «Ei, wen haben wir denn hier?», fragte er und hielt das Bärchen Tolli Trottel unter die Nase.
«Bitte tu dem Bärchen nichts!», jammerte Tolli Trottel.
«Pass mal auf, du Idiot!», sagte Drago. «Das blöde Bärchen werden wir jetzt abfackeln, aber zuerst fackeln wir deinen verschissenen Pelzmantel ab.»
«Nein, tu dem Bärchen nichts!», sagte Tolli Trottel und die Jungs lachten.
«Guck mal!», sagte Drago und riss dem Bärchen einen Arm ab.
«Nein!», schrie Tolli Trottel. Er wollte sich bewegen, aber seine Arme und Beine waren an den Stuhl gefesselt.
«Gebt mir Zeitungen und ein Feuerzeug!», befahl Drago. Er stopfte das Zeitungspapier unter die Holzscheite und kippte Benzin über den Scheiterhaufen. Als er fertig war, hielt er das Feuerzeug an eine Ecke des Zeitungspapiers und brüllte: «In Deckung!» Es gab eine riesige Stichflamme und die Jungs machten einen Satz. Dann beobachteten die Kinder, wie der Ruß die Garagendecke schwarz färbte und wie die Flammen in das Holz krochen, bis es langsam zu brennen begann.
«Weißt du, warum wir heute hier sind?» fragte Drago, aber Tolli Trottel schüttelte den Kopf. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn und es wurde still in der Garage.
«Wir wollen dich nicht länger in unserem Dorf haben», sagte Drago. Er wartete, dass Tolli Trottel etwas antworten würde, der aber blieb stumm. Drago ließ sich den Pelzmantel bringen. «Schau her», sagte er, «wir verbrennen jetzt deinen Pelzmantel.» Tolli Trottel starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
«Und weißt du, warum wir das tun?», fragte Drago.
Tolli Trottel schüttelte den Kopf.
«Weil es warm draußen ist. Verdammt warm. Es ist so warm, dass man meinen könnte, es wäre Sommer.» Drago sah Tolli Trottel an und Tolli Trottel nickte stumm. Dann fuhr Drago fort: «Und im Sommer, Tolli Trottel, brauchen wir keinen Pelzmantel. Das haben alle hier im Dorf kapiert – nur du nicht!»
Wieder nickte Tolli Trottel, dann sah er, wie Drago den Pelzmantel vor seinen Augen zusammenrollte und ihn in die Flammen warf. Tolli Trottel schrie auf, aber die Jungs klatschen begeistert Beifall. «Cool, Drago», sagte einer und alle schauten andächtig zu, wie das Fell des Pelzmantels Feuer fing und langsam verkokelte. Zurück blieb eine klumpige Masse und ein schweliger Geruch, der sich langsam in der Garage ausbreitete.
«Das war Nummer eins», sagte Drago, «und jetzt kommt das Bärchen dran.»
«Nein, nicht das Bärchen!», winselte Tolli Trottel.
Bandi zog seinen Bruder am Arm. «Willst du den Trottel auch verbrennen?» fragte er ängstlich.
«Halts Maul!», erwiderte Drago. «Er soll 'ne Abreibung bekommen, das war doch so abgemacht!» Bandi nickte, aber dann bekam er es doch mit der Angst zu tun und auch die anderen Jungs hielten gespannt den Atem an. Drago nahm das Bärchen und hielt es Tolli Trottel unter die Nase. «Schau her, du Trottel», sagte er, «jetzt wird das Bärchen verbrannt!»
«Nein, tu dem Bärchen nichts!», jaulte Tolli Trottel, aber Drago sah ihn nur verächtlich an. «Unter einer Bedingung», sagte er und Tolli Trottel sah hoffnungsvoll auf. «Die Bedingung lautet, dass du aus unser Dorf verlässt.»
Tolli Trottel zögerte, dann nickte er, aber Drago wollte sicher gehen, dass er ihn auch wirklich verstanden hatte. «Sprich mir nach», sagte er. «Sprich mir nach: in einer Stunde habe ich, Tolli Trottel, das Dorf verlassen!»
Tolli Trottel sprach es nach und noch bevor er den Satz zu Ende gebracht hatte, hatten die Jungs laut zu grölen begonnen und spendeten begeistert Applaus. Drago hob den Arm, er war noch nicht fertig. «Gut, Tolli Trottel», sagte er, «wir schenken dir das Leben, aber dieser hier –», er warf das Bärchen in die Flammen, «muss brennen!» Tolli Trottel schrie auf, wollte sich bücken, wollte das Bärchen aus dem Feuer retten, aber er wackelte nur gefährlich mit dem Stuhl, denn er war ja noch immer angebunden. Für einen kurzen Moment sah es aus, als würde er das Gleichgewicht verlieren, vornüber kippen und selbst in den Flammen landen, aber dann konnte er sich doch noch fangen. In diesem Moment bekam Bandi einen Hustenanfall, schnappte nach Luft und Tränen stürzten über sein Gesicht. «Macht die Tür auf!» keuchte er.
«Mensch, Bandi ... der Bandi erstickt», brüllte einer der Jungs und sie bekamen es mit der Angst zu tun. Einer stürzte zur Tür, riss sie auf und die ganze Meute stürmte ins Freie. Draußen schnappten alle nach Luft. Niemand hatte gemerkt, wie stickig es in der Garage geworden war.

Kalle Siebenstern war mit der Patientin gerade fertig geworden, als ihm der Lärm der Kinder in die Ohren drang. Er streifte die Latexhandschuhe ab, ging zum Fenster und sah die japsenden Kinder vor seiner Garage stehen. Einer kotzte sich die Seele aus dem Leib und Kalle Siebenstern fragte sich, ob er etwas unternehmen müsste, doch im selben Moment machten sich die Kinder in alle Himmelsrichtungen davon. Gott sei Dank, dachte er, denn wer weiß, was sie in seiner Garage getrieben hatten und wer sie dabei beobachtet hatte. Kalle Siebenstern wollte kontrollieren gehen, woher der ganze Qualm kam, denn er hatte Angst, dass der Qualm die Feuerwehr anlocken würde und so sagte er seiner Sprechstundenhilfe, dass er sich eben mal die Füße vertreten müsse. Er stürzte nach draußen.

Tolli Trottel hatte gerade versucht, mit dem Fuß an das Bärchen im Feuer zu kommen, war dabei mit dem Stuhl nach hinten gekippt und lag nun ungeschickt wie ein gefesselter Käfer auf dem Rücken. So fand ihn Kalle Siebenstern, als er die Garage betrat. «Was ist das für eine Scheiße hier?», fluchte er und nahm den Feuerlöscher von der Wand. «Das ist es also, wenn die Jungs in das gefährliche Alter kommen.» Wütend hantierte Kalle Siebenstern mit dem Feuerlöscher, legte einen Hebel um und weißer Schaum versprühte sich über dem Boden. Kalle Siebenstern machte sich daran, die brennenden Holzscheite zu löschen, doch Tolli Trottel entfuhr ein spitzer Schrei:
«Nein, nicht, du machst mir das Bärchen nass!» Hilflos robbte er auf das Feuer zu.
«Stopp!» Kalle Siebenstern versperrte ihm mit dem Feuerlöscher den Weg. «Das blöde Bärchen ist doch längst verbrannt.» Er suchte mit dem Fuß die Asche ab und fand ein gläsernes Knopfauge. «Hier!» Er und rollte es mit der Fußspitze vor Tolli Trottels Gesicht. Tolli Trottels Augen füllten sich mit Tränen. «Mein armes Bärchen!», heulte er.
Kalle Siebenstern war von der Szene unangenehm berührt und machte sich daran, Tolli Trottel von dem Stuhl zu binden. «Du solltest jetzt besser gehen», sagte er und half ihm auf die Beine. Tolli Trottel rieb sich die schmerzenden Handgelenke und schüttelte den Kopf.
«Nein, nicht ohne mein Bärchen!», sagte er.
«Die Jungs haben es nicht so gemeint», sagte Kalle Siebenstern. «Sei wenigstens froh, dass dir nichts passiert ist!» Er hoffte sehr, dass der Qualm nicht doch noch die Feuerwehr anlocken würde. Die Asche würde er gleich nach Feierabend wegmachen und Decke und Wände könnte er am Wochenende nachweißen. Dann wäre er mit einem blauen Auge davongekommen. «Du gehst jetzt besser», sagte er und drängte Tolli Trottel zur Tür. Tolli Trottel blickte auf die Stelle, wo das Knopfauge lag. Dann sah er die schräg stehende Sonne, wie sie kraftlos das vor ihm liegende Gässchen beschien und schlurfte langsam davon.
«Denk daran», rief ihm Kalle Siebenstern nach, «denk daran, dass du von alledem nichts gesehen hast!»

Die Kirchturmuhr schlug acht, als Tolli Trottel das Dorf verließ. Er war unterwegs in Richtung Wald, als er an einem undurchsichtigen Feldrain angesprochen wurde: «Warte!», sagte ein Stimmchen und Tolli Trottel hielt an. Es war Bandi, der aus dem Unterholz gekrochen kam und unter seinem Arm einen Teddybär trug. «Hier, für dich», sagte er und reichte ihm den Teddy. Dann rannte er schnell davon.
Tolli Trottel brauchte lange, um zu kapieren, was ihm da soeben widerfahren war und erst als es fast schon dunkel war, blickte er den Teddybär an. Er sagte leise zu ihm. «Ich hab auch mal einen Pelzmantel gehabt – so wie du. Aber heute war es verdammt warm. So warm, dass man meinen könnte, es wäre Sommer. Und im Sommer, das haben alle hier im Dorf kapiert, brauchen wir keinen Pelzmantel!» Er warf den Teddybär im hohen Bogen fort.

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