Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Auf dein Wohl, alter Freund
Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere...
Alle Jahre wieder erwartete Fritz Weber den Postboten mit einer Tasse Tee. Petermann wollte gerade heute zeitig Feierabend machen, dem alten Herrn aber, konnte er die Einladung unmöglich abschlagen. Er schlürfte eilig das heiße Getränk, während sein Gastgeber freundlich plauderte.
Herr Weber schien noch gebrechlicher zu sein, als im letzten Jahr. Sein alter Pullover war mindestens zwei Nummern zu groß geworden und die Kleidung war übersät von verkrusteten Flecken, sogar am unrasierten Kinn war ein dünnes Rinnsal eingetrocknet. Petermann nahm sich vor, an einem der Feiertage nach dem netten Alten zu sehen.
„Vielen Dank für den wärmenden Tee, Herr Weber, und frohe Weihnachten!“
„Fröhliche Weihnachten, mein Junge...“
Der einzige Besucher des Jahres hastete davon und Fritz war wieder allein. Seit zwei Jahrzehnten schickte er sich nun schon selbst zu Weihnachten ein Paket und dieses Mal hatte er sich etwas ganz besonderes ausgedacht...
Zur Feier des Tages wärmte er sein Lieblingsessen: Schweinebraten mit Kartoffelbrei und Rotkohl. In seinen Händen bohrten kreischende Schmerzen, bis sie endlich die Schutzfolie des Plastiktellers zu greifen bekamen und abziehen konnten. Aber das war heute nicht wichtig, denn er freute sich auf den Abend, auf seine ganz besondere Bescherung...
Nach dem Festmahl wankte er ins Badezimmer, wo er sich zuerst auf dem Rand der Badewanne ausruhte und vorsichtig seinen wimmernden Rücken streckte. Mühsam schälte er sich aus seiner Alltagskleidung. Er befühlte die unrasierten Wangen; seine Augen konnten die Bartstoppeln schon lange nicht mehr ausmachen. „Erst mal rasieren!“ schlug er seinem Spiegelbild vor.
Wie so oft haderte Fritz mit seinem steifen, zittrigen Körper, der ihm nicht mehr gehorchen wollte.
„Das kommt vom Parkinson und der Arthrose“ hatte der Arzt erklärt und ihm nahegelegt, ins Pflegeheim zu ziehen. Und Fritz war dort gewesen, hatte sich alles angesehen: Überall stank es nach Urin, Kot und Desinfektionsmittel. So viele der Bewohner waren jeder Menschenwürde beraubt, sie warteten auf den Tod und konnten doch nicht sterben.
„Einen Betreuer wollen die bestellen, der dich bevormundet!“ sagte der Fritz im Spiegel. „Aber ganz so schlecht ist es um deinen Verstand noch nicht bestellt!“
Mit aufsässiger Miene begann er die endlose Wanderung zum Bett. Sein ‚guter‘ Anzug lag ausgebreitet da und erwartete ihn. Nacheinander quälte er die steifen Beine in die Hose. Dann zwang er die tauben Finger ihre Arbeit zu tun und irgendwann schlossen sie auch den letzten Knopf des weißen Hemdes.
Alles war bereit: auf dem Tisch stand das künstliche Christbäumchen, eine Flasche Bier und natürlich lag dort sein Paket. Fritz wartete in seinem Sessel bis die Kirchenglocken läuteten – Heiliger Abend, endlich! „Fröhliche Weihnachten!“ rief er übermütig aus und überreichte sich feierlich sein Geschenk. Liebevoll streichelte er das glatte, braune Papier und die rauhe Schnur. Dann angelte er nach seinem Taschenmesser in der Hose. Zwei Schnitte und die Enden der Kordel sprangen auseinander. Ungeduldig drehte er das Paket und klappte die Papierseiten auf. Ein alter Schuhkarton wurde sichtbar. Mit leuchtenden Augen entfernte Fritz den Deckel und zerrte das Zeitungspapier heraus – und dann sah er es...
Sein Geschenk glänzte im Schein der Deckenlampe. Fritz nahm das Schraubglas aus dem Karton und sein Inhalt klimperte leise an der Innenwand. „Willkommen, meine Freunde!" Fasziniert schaute er in das Glas. Ein ganzes Jahr hatte er dafür gespart, wie viele Nächte hatte er geopfert? Das war jetzt nicht mehr wichtig...
Er umfaßte den breiten Schraubdeckel, doch seine Fingergelenke heulten auf. „Kommt, strengt euch an!“ befahl er den geschundenen Händen und griff noch fester zu. Den zittrigen Fingern entglitt fast das Glas, kleine Schweißperlen bildeten sich auf der tief gefurchten Stirn, aber der Deckel bewegte sich nicht!
„Das darf doch nicht sein!“ Fritz war verzweifelt. In dem Glas mußte sich ein Vakuum gebildet haben, das den Schraubdeckel unnachgiebig an sich zog! Ratlos betrachtete er seine unnützen Hände, was sollte er jetzt tun?
Johanna kam ihm in den Sinn, seine liebe, brave Johanna, die ihn viel zu früh verlassen hatte. Schemenhaft erschien sie vor ihm und lächelte nachsichtig: „Du mußt ein Messer benutzen!“ Fritz hatte sich einmal vergeblich mit einem Gurkenglas abgemüht. Damals nahm Johanna es ihm sanft aus der Hand und klemmte zwischen Deckel und Glas die Spitze eines Küchenmessers. Sie drehte das Messer ein wenig bis ein deutliches Zischen zu hören war. Danach hatte sich das Glas spielend öffnen lassen!
Das Bild von Johanna verblaßte und Fritz tastete mit neuer Hoffnung nach dem Taschenmesser in seinem Schoß, aber es war nicht mehr da: nicht auf den Schenkeln, nicht im Schritt, nicht neben sich, es war verschwunden! Noch einmal suchten seine Finger panisch alles ab – und dann entdeckten sie es: zwischen Sitz und Armlehne war es gerutscht und er hatte es nicht einmal bemerkt! Fritz schloß dankbar die Augen und atmete auf.
Nach einer Weile setzte er die Messerspitze an und tat genau das, was Johanna ihm beigebracht hatte. Es zischte und dann ließ sich der Deckel ganz leicht drehen.
Fritz füllte eine Hand vorsichtig mit den weißen Schlaftabletten, während er einen Trinkspruch murmelte: „Auf dein Wohl, alter Freund!“ Ohne auch nur eine einzige Pille zu verlieren, erreichten die zittrigen Finger seine Lippen; gierig schüttete er die ganze Ladung in seinen Schlund und spülte sie mit dem Bier hinunter.
Auf diese Weise leerte er nach und nach das Glas und trank zum Ausklang den letzten Schluck Bier. Dann saß er zufrieden da und erwartete seinen Tod...



