Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Nachtwächter-Stunde
Müde schleppe ich mich über den endlos langen orangefarbenen Stationsflur.
„Papille - Pupille - mein letzter Wille“ repetiert es im Takt meiner Schritte durch den Hirnkasten. Während solcher Nächte bin ich dem Wahnsinn näher als meine Schützlinge ahnen. Es ist ein guter Job dort, mit dem ich mir den Unterhalt für das Medizinstudium verdiene. Ein anthroposophisches Altenheim, nicht etwa eine dieser Aufbewahrungsanstalten, sondern ein Haus, in dem man lernen kann, was würdiges Altern bedeutet. Der respektvolle Umgang mit Menschen ist der Grundgedanke, den die pastellfarbenen Mauern förmlich auszustrahlen scheinen.
Es ist drei Uhr nachts. Alles friedlich, keiner klingelt, eine ruhige Nacht ohne besondere Vorkommnisse. Morgen Mittag muss ich zur Prüfung im Kurs Augenheilkunde. Nicht gerade mein Lieblingsfach. Ich habe zwischen den Rundgängen über fünf Etagen immer wieder versucht, mir die Anatomie und Funktionsweise dieses hochkomplizierten Wahrnehmungsorganes einzutrichtern: „Pupille“ – „Papille“...
Noch fünf Stunden bis zur Ablösung, rechne ich, eine Stunde nach Hause, dann drei Stunden schlafen – „schlaaaaaaaaaafen, au jaaaaaaaa“ gähnt mein Kopf - eine Stunde durch die Stadt mit den Öffentlichen und dann... ja, müsste reichen.
Meine Füße haben mich inzwischen unbemerkt zum großen Stationsbad getragen, wo ich mir artig zwischen zwei Windelwechseln die Hände waschen will. Ab einem gewissen Grad der Übermüdung laufen alle Handlungen automatisch ab, scheint sich das Hirn völlig von den Körperaktionen loszulösen.
„Papille - Pupille – mein…“, ich öffne die Badtür, greife um die Ecke auf Höhe des Lichtschalters... und erstarre zur Salzsäule: Das Notlicht aus dem Flur fällt in düsterem, schmalem Streifen auf eine bleiche Hand, die schlaff über den Badewannenrand hängt. Die Sehnen heben sich gespenstisch deutlich auf dem fleischlosen Handrücken ab, spinnenfingrige Ausläufer enden in fahlen, blutleeren Nägeln.
Haben Sie jemals an sich selbst erfahren, wie Adrenalin durch die Blutbahnen schießt, wie der Körper in Millisekunden von 0 auf 100 fährt? Dann wissen Sie auch, dass es sich anfühlt, als würden Sie wie ein Hohlkörper mit heißer Lava ausgegossen. Das Gehirn schaltet augenblicklich von gelangweilter „Standby“-Funktion auf „Notfallmodus“ und sucht nach einem Ausweg aus der Situation. In meinem Fall meldet mir der Nervensalat gerade, dass sich der Mörder mit hoher Wahrscheinlichkeit noch im Hause befindet. Verdammt, hätte ich mir nur nicht in letzter Zeit die Nachtdienste mit Krimis vertrieben, das hab´ ich nun davon! Ein bisschen Anatomie mit Bildern, eine spannende Geschichte im Fernsehen - und mein Kopf bastelt daraus einen hübschen kleinen Mordfall, kann ich jetzt echt gebrauchen...
Hilfe - was tun? Sekunden dehnen sich zu endlosen Bildfolgen meines Privatkinos im Schädel mit diversen Handlungsvorschlägen: Weglaufen, das Haus verlassen und von einer Telefonzelle aus die Polizei rufen? Sinnlos, habe kein Geld dabei - wieso denke ich ausgerechnet jetzt an Geld ??? Und außerdem wartet der Mörder bestimmt hinter irgendeiner Ecke auf mich, um mit seinem Messer... halt jetzt die Klappe!!!
Den leblosen Körper eigenmächtig untersuchen und nachschauen, ob ich noch helfen kann?
„Medizinstudentin rettet Opfer eines Raubüberfalles in letzter Sekunde das Leben“ sendet dieses unnütze Ding namens Kopf die Schlagzeilen des morgigen Abendblattes.



