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Ein Hauch von Hoffnung

Das Krachen einer Gewehrsalve riss Nara aus dem Schlaf. Sie schnellte hoch und rutschte auf die Bettseite ihrer Schwester Maysa, die fest neben ihr schlief. Während sie den Atem an­hielt und angestrengt lauschte, huschte ihr alarmierter Blick zur Tür und heftete sich dann an das tröstende Licht der Petroleumfunzel, die seit der Bombardierung des Energiewerkes nachts auf der Stereoanlage brannte. Nara holte tief Luft und löste ihre kleinen Finger aus den zu Fäusten geballten Händen. Bis auf das klagende Geheul der Hunde blieb es still in der Siedlung, die unweit des Saura-Parks auf der Westseite Baghdads lag. Die erschöpften Bewohner waren vor einem weite­ren Tag der Befreiung in ihre Träume geflüchtet.
Nara zog die Zudecke bis zum Kinn und musterte die Schatten, die die Schränke und fest ineinander verschachtelten Sessel auf die Wand warfen und die, dicht an die Tür gepresst, nun wie riesige Wächter das Zimmer der Mädchen bewachten. Ihre Augen folgten den Umrissen der Schatten; Nase, Stirn, Turban. Der dunkle Kopf schien sie zu beobachten. Sie schluckte. Viel­leicht war er einer der Männer, die vor den Schultoren lauer­ten und Mädchen, die sich keinen Hijab um den Kopf wickelten mit Säure begossen? Das hatte die Freundin ihrer Schwester er­zählt. 'Was ist Säure?', wollte Nara fragen, traute sich aber nicht aus dem Versteck hinter den Sandsäcken hervor, aus dem sie die beiden belauschte. Sie stellte sich vor, wie die Män­ner das gelbe Kleid des Mädchens mit einer Flüssigkeit ver­schmierten, die sicher genauso dick und schwarz war wie die Schicht, die nach dem Feuergefecht auf den Autos lag. 'Ob die Fahrzeuge auch so zerlöchert sind wie das Kleid?', grübelte Nara. Sie hatte viele Fragen. Doch die Erwachsenen behielten ihre Geheimnisse für sich.
Sie kuschelte sich eng an die große Schwester und fiel in einen unruhigen Traum von fremden Soldaten, die Schuld hatten, dass sie nicht zur Schule durfte, von boshaften Männern, die ihr braunes Haar unter ein Tuch stopften, von dem Kaufhaus, das, von einer Missile getroffen, in ein tiefes Loch gestürzt war und aussah, als ob es von dem weit aufgerissenen Maul der Erde verschluckt würde.
Der Duft von Minze weckte sie. Sie schnaufte den feinen Sand aus der Nase und lief zum Fenster, das, von dem schützenden Pappkarton der Nacht befreit, einen trüben Morgen hereinließ. Obwohl der Sandsturm, der tief aus der arabischen Wüste auf die große Stadt zugeeilt war, nur dem kleinen Bruder der mäch­tigen Märzstürme glich, hatte er noch immer Kraft genug, das Licht der Sonne zu verschlucken und den Himmel in ein düsteres Orangegelb zu verfärben. Die starken Arme ihres Vaters schleu­derten Nara in die Höhe und drückten sie so fest an sich, dass sie nach Luft schnappte. 'Was soll ich dir mitbringen?', fragte er flüsternd und hielt dann sein Ohr verschwörerisch an ihren Mund.
Maysa blickte zu ihnen hinüber und rührte sich nicht. Heute war Dienstag. Sie würden mit Onkel Ahmet zum Supermarkt fah­ren, sich Militärkontrollen und Plünderern aussetzen. "Sie entführen Frauen und Kinder, um Geld zu erpressen. Sie bedro­hen dich mit der Waffe, stehlen dein Auto. Sie zerstören Büros und Geschäfte", hatte ihr die Freundin anvertraut, doch auf die Frage, wer diese gefährlichen Leute waren, auch keine ge­naue Antwort gewusst. Maysa griff nach der Frühstücksgabel und stach in die Tischdecke, bis sich ein hässliches Loch bildete. Das unbekümmerte Lachen ihres Vaters begann sie zu ärgern. Sie war immerhin zwölf. Er konnte ihr nichts vormachen. Er hatte Angst. Seit damals, als die weißen Toyota Corolla vor dem Copy-Shop hielten und die Geheimpolizei seinen Chef verhaf­te­te. "Sie sind in die Darb-Al Sad eingebogen", hatte sie aus dem erregten Flüstern ihrer Eltern herausgehört. Dabei wusste sie längst von der 'Straße ohne Wiederkehr' die nach Baladiyat führte, dem Gefängnis, in dem sie den Vater ihrer Schulkamera­din quälten.
Der Zwischenfall war Monate her, doch das Lachen in den Augen ihres Vaters kehrte nicht zurück. Seine Traurigkeit verdun-kelte das Antlitz ihrer Mutter wie eine Wolke vor dem Sandsturm. Maysa seufzte. Und wenn er noch so viel mit ihrer kleinen Schwester scherzte. Er log. Als über der Stadt Licht­blitze explodierten, der Boden unter dem lauten Dröhnen der Panzer erzitterte und Schwärme entsetzter Vögel über das Dach ihres Hauses rasten, um dem schrecklichen Lärm und Rauch zu entkommen, tanzte er mit ihnen Flamenco. "Keine Angst. Es ist bald vorbei", ermutigte er sie unentwegt, wackelte mit den Hüften und verwandelte Naras Wein­krampf in ein Gelächter, das selbst die Tränen ihrer Mutter trocknete. 'Nichts ist vorbei', dachte sie trotzig. 'Kein Unterricht, kein Geburtstagsausflug zum Game-Park, kein Masgouf Essen im Fischrestaurant am Tig­ris.' Maysa blickte auf den Stapel von Noten, der seit Wochen unberührt auf dem Regal lag. Wenn sie doch nur ihre Geige hätte, dann würde sie spielen, die Noten unter ihrem Bogen auftanzen lassen und das Haus zum Leben erwecken. Aber das In­strument war Schuleigentum. Zusammen mit Flöten, Oboen und Bratschen schmorte es in einer Vertiefung unter den Dielen der Abstellkammer, die sich ihre Lehrer als Versteck für die klei­neren Instrumente ausgedacht hatten. Seit Tagen versprach ihr der Vater nach der Geige zu sehen und zu prüfen, wann endlich der Unterricht begann. Aber sie glaubte ihm ohnehin nichts mehr.
Maysa stach zu. Die Gabel bohrte sich gerade durch den Stoff und riss ein zweites Loch in die Decke, als Onkel Ahmed klopfte und kurz darauf ihre 6jährige Cousine, gefolgt von ihren drei Brüdern, ins Wohnzimmer stürmte und von Naras Spielsachen Besitz ergriff. 'Tante Meryem bleibt bei euch', rief die Mutter, während sie ihre Schwester umarmte und dann die Mädchen mit einer Innigkeit küsste, die Maysa beunruhigte. Sie sah ihnen nach. Zwischen den hoch gewachsenen Gestalten der beiden Männer schien ihr die Mutter wie eine kleine ver­ängstigte Maus. Der lange Rock, die weite langärmelige Bluse und das Kopftuch machten sie grau und hässlich.
Maysa blickte zum Himmel, an dem sich die Sonne inzwischen als milchig weiße Scheibe zeigte. Der Wind war abgeflaut. Während ihre Tante in der Küche hantierte und sich die Kleinen ins Spielen vertieften, streifte Maysa gelangweilt durch den Innen­hof. Sie hing ihren Träumen nach, Träumen, von einer gro­ßen Karriere als Musikerin, von Reisen in fremde Länder und einem Publikum, das sie stürmisch feierte. 'Bestimmt würde sich alles zum Guten wenden', dachte sie und begann, erst zag­haft, dann immer lauter, eine Melodie von 'Mary Poppins' zu summen, dem letzten Stück, das sie mit dem Schulorchester geübt hatte.
Sie war dabei, mit der Spitze ihres Schuhs Linien auf die mit feinem Sand bedeckten Kacheln zu ziehen und die Noten als dicke runde Punkte darauf zu setzen, als ihr eine innere Stimme zuflüsterte: "Hol dir die Geige doch selbst!" Maysa verstummte. Die Ungeheuerlichkeit des Gedankens erschreckte sie. "Zwei Blöcke. Wenn du rennst, nur zehn Minuten. Es ist helllichter Tag", lockte die magische Stimme, die direkt von dem Instrument zu kommen schien.
Maysa zögerte, doch ihre Beine setzten sich in Bewegung, lenk­ten ihre Schritte wie von selbst zum Schrank ihrer Mutter, aus dem sie sich eine alte Strickjacke und einen Schal griff, den sie fest um ihren Kopf schlang. Dann hielt sie inne, zählte bis drei und schlich zum Hof, wo sie sich, versteckt hinter den Zweigen des Oleanders, verstohlen umblickte, rasch die Mauer erklomm und, indem sie sich am Stamm der morschen Dattel­palme abstützte, nach draußen sprang. "Nur zwei Blöcke", wiederholte die magische Stimme, während sich Maysa das aufge­schürfte Knie rieb und die Straße nach möglichen Gefahren aus­spähte. Doch die wenigen Passanten hatten ihre eigenen Sorgen.

Während Maysa den Fußweg entlang rannte, saß Scharif am ande­ren Ende der Stadt hinter dem Steuer seines klapprigen Chevro­lets und fuhr stadteinwärts. Sein Bruder Hadschim saß schwei­gend neben ihm. Er atmete auf. Sie hatten den ersten mi­litäri­schen Kontrollpunkt, der sich in unmittelbarer Nähe des neu eröffneten Büros schiitischer Ordnungshüter befand, prob­lemlos hinter sich gelassen und passierten nun das Gaswerk Rusafa, einem der wenigen Betriebe, die nicht der Plünderung anheim gefallen waren, weil der Manager das Tor verbarrika­diert und seine Angestellten zur Selbstverteidigung aufgerufen hatte.
"Sieh dir das an", platzte Hadschim in die Stille und wies auf ein paar Männer, die vor einem Kino mit wilden Gebärden um ein Feuer tanzten, in das sie Filmrollen und Kinosessel schleuder­ten. "Es wird immer schlimmer", raunte Scharif. Das Züngeln der Flammen rief ihm die höllische Szene vom Vormittag ins Ge­dächtnis - Lumpen sammelnde Frauen und barfüßige Kinder, die, vom Sandstaub gepeitscht, unter orangenem Himmel eine Müll­halde durch wühlten. "Die zerstören alles und niemand hält sie auf", erregte sich Hadschim, duckte sich aber schlagartig, weil die religiösen Fanatiker in die Luft ballerten. Scharif trat aufs Gaspedal.
"Wir könnten die GIs herschicken", sagte Hadschim halbherzig. Sein Bruder schüttelte den Kopf. "Die Amerikaner. Die haben anderes mit uns vor." " Aber es wimmelt schon jetzt vor Funda­mentalisten. Wieso begreifen sie nicht, dass der wahre Terror erst beginnt?" "Die wissen nichts über unser Land", sagte Scharif verächtlich. "In Saddam-City schart el Hassim inzwi­schen Hunderte von Anhängern um sich. Ein paar Dutzend tragen bereits die Roben der Selbstmordattentäter."
Scharifs Musikerkollege, der selbst Schiit war, hatte sich erst am Vortag in den größten Slum Baghdads gewagt, um sich dort eine Waffe zu kaufen, mit der er seine Familie vor einem erneuten Überfall zu schützen hoffte. "Vielleicht sollten wir uns alle bewaffnen und die Aufgabe der Militärs selbst über­nehmen?" überlegte Hadschim, der im Gegensatz zu seinem Bruder für eine Frau und drei grünäugige Töchter verantwortlich war, für deren höhere Bildung er sich sogar zur Mitgliedschaft in die Baath-Partei hatte hinreißen lassen. Er würde nicht zulas­sen, das Talent seiner Mädchen hinter einem schwarzen Burka verkümmern zu lassen. Lieber würde er sie ins Ausland bringen. Scharif verachtete Waffen. "Ich bin Musiker, Hadschim, und kein Kämpfer", entfuhr es ihm zornig.
Darüber hatten sie schon einmal gestritten, vor Wochen, als sie davon hörten, dass sich die Zerstörungswut der befreiten Massen auch an den Bildungseinrichtungen entlud. Sie waren losgeeilt, um die Instrumente zu retten. Doch die Verwüstung, die ihnen in der 'Baghdad-Schule für Volksmusik und Ballett' geradezu entgegen schrie, hatte sich in Scharifs Seele wie eine bösartige Geschwulst eingenistet, wie ein wachsender Tumor, der seine Tatkraft lähmte. Seine leidenschaftliche Begeisterung, die er seit mehr als einem Jahrzehnt für knappe Einhundert Dollar Monatsgehalt in die musikalische Ausbildung von Kindern steckte, war zerbrochen wie die Klangkörper der Instrumente, die nun zerhackt und ver­stümmelt auf dem Schulhof lagen.
Scharif fuhr sich über die Augen und klammerte sich an das Lenkrad. Die Szenen der Zerstörung spulten sich erneut vor ihm ab - die Horde bewaffneter Männer; das am Tor befestigte Bild des weißbärtigen Imam; der Hof, übersät vom schneeweißen Papier zerrissener Notenblätter. Er sieht das hassverzerrte Gesicht, das ihn erst durchlässt, als er sich als Direktor der Schule ausweist; sieht den Plünderer, der den Ventilator aus dem Ballettsaal schleppt; den schwarz Gekleideten, der die Hämmer aus dem 'Kithar de Damas' reißt, dem einzigen Viertel­tonflügel im Nahen Osten. "Baghdad ist am Ende", lacht der Alte über Scharifs Flehen, die Instrumente doch mitzunehmen und darauf zu spielen, statt sie zu zerstören. "Ich bin arm und du bist reich", schreit der Bärtige und schlägt verächt­lich auf das Cembalo ein, das sich in einem schrillen Ton des Entsetzens aufbäumt, um dann für immer zu verstummen. Es war das einzige seiner Art im Irak. Als Hadschim flucht, schießt der Alte auf den Spiegel des Ballettsaals, und das Bild vom Tanz erhitzter Kinder, die mit leuchtenden Augen das grazile Spiel ihrer Bewegungen verfolgen, zerspringt in tausend Stücke. Scharif erinnert sich, wie sie Hilfe suchend zu den Amerikanern rennen, die ihnen geduldig zuhören und sie dann doch im Stich lassen.
Die Schlange vor dem nächsten Kontrollpunkt zwang ihn anzuhal­ten. 'Irgend jemand muss ein Interesse daran haben, die Kultur des Irak zu zerstören', dachte er, während sie der rotblonde Soldat nach versteckten Waffen durchsuchte. 'Warum jetzt? Warum haben sie nicht für Sicherheit gesorgt, als das verarmte Volk seine Wut an der eigenen Kultur ausließ?'
"Ich fahr noch mal zur Schule", sagte er halblaut. "Wozu?" wollte Hadschim wissen. "Glaubst du etwa, die GIs haben sie vertrieben?" Hadschim hatte das ratlose Achsezucken des schwer bewaffneten Sergeanten nicht vergessen, aber Scharif blieb stur. Die gewaltige Kraft, die ihn plötzlich Richtung Saura-Park über den Tigris zog, zwang ihn einfach weiterzufahren.
Während die Brüder den breiten Fluss überquerten, jagte Maysa mit klopfendem Herzen auf das Anwesen zu, hinter dem sich das flache Gebäude ihrer Schule befand. Das laute Zersplittern der von einem Kugelhagel getroffenen Weinflaschen, das sie, geduckt hinter einem Fahrzeug, von der anderen Seite der Straße beobachtet hatte, klirrte noch immer in ihrem Kopf.
Das Hoftor war verschlossen. Maysa blickte über die eiserne Kette auf die herausgerissene Tür und die zerschlagenen Schei­ben des Gebäudes, das, still und verwaist, in Trauer versunken schien. Sie zwängte sich mutig durch die verbogenen Gitter­stäbe, schlich vorsichtig zum Eingang und schob sich dann, gegen die Wand gepresst, zitternd hinein. Die Verwüstung der vertrauten Räume erschreckte sie dermaßen, dass sie zu schluchzen begann. Sie stieg über zerfetzte Ballettkleidchen, über Saiten und Hämmer, vorbei an dem zertrampelten Bild Sad­dam Husseins, den sie als großen Förderer der Schule mit einen dicken Goldrahmen geehrt hatten, der jetzt verschwunden war. Der Blick in die geplünderte Abstellkammer machte Maysa noch trauriger. Auf dem Boden verstreut, in wüstem Durcheinander, häuften sich all jene Partituren, die sie, säuberlich in Holz­kisten verpackt, auf die Dielen geschoben hatten, um die Instrumente besonders gut zu verstecken. Sie riss sich den Schal vom Haar und begann, die Hefte zur Seite zu ziehen.
Maysa hatte die Dielen schon freigelegt, als Scharif seinen alten Chevrolet vor dem Eingangstor parkte und auf das glän­zend neue Schloss starrte, das die Eisenkette zusammenhielt. "Du passt auf", rief er, ohne auf die Einwände seines Bruders zu achten. Dann kletterte er über den Zaun.
Während Hadschim ungeduldig wartete, durchstreifte Scharif die Musikzimmer, die ihm nun das ganze Ausmaß der Katastrophe offenbarten. Er hockte sich zwischen die kläglichen Überreste seines Lebens und weinte. "Es tut mir so leid für euch", flüs­terte er, die Passbilder mit Kindergesichtern aufhebend, die der Aufnahme in die Musikschule entgegen fieberten.
Der kratzende Klang eines Streichinstruments schreckte ihn auf. Die Melodie, die erst zögerlich, dann immer klarer zu ihm drang, kam aus einem der hinteren Zimmer. Er horchte benommen, Sekunden, Minuten. Ihm war, als ob die Schwingungen der Töne seinen erstarrten Körper streichelten, ihn erwärmten und sich sanft in die Dunkelheit seiner Gedanken schwangen, um die Schwere, die ihn zu erdrücken drohte, mit sich davonzutragen. Die magische Stimme des Instruments richtete ihn auf. Er ging ihr entgegen. Plötzlich sah er das Mädchen. Einer Vision gleich saß es auf einem Stapel zerschlissener Noten und spielte mit geschlossenen Augen. Scharif lehnte sich an den Türpfosten und lauschte. Er sog die Musik in sich auf. Dann nickte er leicht mit dem Kopf und lächelte.

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