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Zwei Wunder
“He, Kabo! Besuch für dich!” Hans Kabowski sprang erwartungsvoll auf. “Meine Frau?” Der Wärter schloss die Zellentür auf. “Weeß ick doch nich. Komm mit!” Kabowski trat sofort heraus. “Na Rudi, hat dir denn diesmal keiner gesagt, wer's ist?”
“Ne. Sieh's als Überraschungsbesuch.” Sie gingen durch kahle Gänge, vorbei an Dutzenden von anderen Zellen. Kabowski eilte voran, der Wärter stolperte hinterdrein. Kabowski dachte nach. Zwei Monate hatte er seine Frau schon nicht mehr gesehen. Das letzte, was ihm seine Kinder berichtet hatten, war, dass es ihr immer schlechter ging. Sie wurde immer gebrechlicher und blasser, sie aß kaum noch. Verdammt, und das war alles seine Schuld!
Sie kamen aus dem Zellentrakt heraus und mussten eine Sicherheitsschleuse passieren. Während sich hinter ihnen die
schwere Stahltür schloss, trat Kabowski ungeduldig von einem Bein aufs andere. Endlich öffnete sich die Glastür vor ihnen, kurz darauf gelangten sie zum Besucherraum. Ein anderer, junger Wärter wartete in der Tür. “Sie können reingehen, Herr Kabowski.” Ein Durcheinander von Stimmen schlug ihm entgegen. Träge Leuchtstoffröhren warfen ihr Licht auf die nackten Wände, die Luft war warm und verbraucht. Vier andere Häftlinge unterhielten sich mit ihren Angehörigen. An dem mittleren Tisch saß eine junge Frau mit dunklen Haaren und einem ernsten, traurigen Gesicht. Es war Kabowskis Tochter. “Lisa!”, rief er und setzte sich. “Wie geht's Mutti?” Lisa atmete einmal tief ein und aus und sagte leise: “Es geht ihr sehr schlecht.” Kabowski hielt den Atem an. “Gestern ist sie ins Krankenhaus gekommen. Die Ärzte sagen, es sei sehr ernst.”
“Was ... was hat sie denn?”
“Es sieht nach einer Lungenentzündung aus, in ihrem geschwächten Zustand ist das lebensbedrohlich.” Kabowski drehte sich zur Seite und atmete laut. Er runzelte die Stirn und seine Hände ballten sich zu Fäusten. “Verdammt”, schrie er und schlug auf den Tisch, “konntet ihr nicht besser auf sie aufpassen?” Die anderen Gespräche verstummten für einen Augenblick, dann setzte wieder ein allgemeines Gemurmel ein. “Wer hat sie denn im Stich gelassen?”, zischte Lisa. Ihr Vater sah sie grimmig an. “Meinst du, ich bin zum Vergnügen hier?” Lisa blickte nach unten, in ihren Augen bildeten sich Tränen. “Vati, ich weiß, dass es nicht einfach ist. Aber du musst zu ihr. Sie hat sich aufgegeben, die Ärzte können ihr nicht helfen, wenn sie nicht stark bleibt.” Kabowski starrte sie an. “Verdammt, wie soll ich denn?” Lisa stand auf. “Sie stirbt”, hauchte sie und ging auf die Tür zu. “Lisa!” Sie blieb stehen. “Steht ihr bei, so gut ihr könnt. Ich werde zu ihr kommen.”
“In Ordnung, Vati. Viel Glück!” Sie lächelte ihm zu und verschwand durch die Tür.
Hans Kabowski sah ihr noch eine Weile nach und grübelte. Wie sollte er das anstellen? Wie konnte er hier rauskommen? “Herr Kabowski!” Der junge Wärter berührte ihn an der Schulter. “Sie müssen jetzt in Ihre Zelle zurück.” Kabowski wirbelte herum. “Ich muss hier raus.”
“Wie bitte?” Der Wärter sah ihn verdutzt an. “Aber Sie können hier nicht raus.”
“Ich muss aber. Gibt es nicht irgendeinen Weg, Freigang oder sowas?”
“Ja, Sie ... Sie können einen Antrag auf Freigang beim Direktor stellen.”
“Und wie lange dauert das?”
“Schwer zu sagen. Ein paar Tage vielleicht.”
“Ein paar Tage! In der Zeit kann man ja schon fast einen Tunnel graben.” Genervt sah er den Wärter an. “Na gut, können wir das wenigstens gleich machen, damit's schneller geht?”
Zurück in seiner Zelle fand Kabowski keine Ruhe. Er lief auf und ab und dachte an seine Elfi, seine Frau. Er sah sie, wie sie mit ihrem gelben Sommerkleid durch die Wiesen hinterm Haus lief, die dunklen Haare wehten ihr lustig um den Kopf. Es war vor gut einem Jahr, als sie dort alle zusammen ein Picknick gemacht hatten. Er sah sie lachen. Sie konnte so unbeschwert lachen wie ein Kind, es war das schönste Bild, das er sich vorstellen konnte. Dann sah er sie plötzlich im
Krankenbett liegen, Tausende von Apparaten um sie herum, ihr Gesicht blass und eingefallen. Er schauderte. “Dein Alkohol stürzt uns noch alle ins Verderben”, hörte er sie sagen. Sie schien Recht zu behalten.
Auch am nächsten Tag blieb Kabowski unruhig. Noch nie war ihm die Zelle so eng und trostlos vorgekommen. Drei Schritte in die eine Richtung, drei in die andere. Die Wände waren kahl, durch ein kleines Fenster unter der Decke zwängte sich ein wenig Tageslicht hinein. Sobald er Schritte auf dem Gang hörte, sprang er zur Tür. Vielleicht eine Antwort auf seinen Antrag? Doch jedesmal gingen die Schritte an seiner Zelle vorbei und verhallten, und bald war es wieder ruhig auf dem Gang. Der Tag verstrich, Kabowski kauerte zusammengesunken in seiner Zelle.
Endlich, am nächsten Tag, erschien Rudi mit einem Brief in der Hand. “He, Kabo”, sagte er, “ein Schreiben vom
Direktor.” Mit zitternden Händen nahm Kabowski den Umschlag, zerriss ihn und entfaltete hastig den Brief. “Was steht
drin?”, fragte Rudi, aber im selben Moment merkte er, dass seine Frage überflüssig war. Ungläubig starrte Kabowski auf das Schreiben und taumelte zurück. “Nein”, japste er, “das können sie doch nicht machen!” Hilflos sah Rudi mit an, wie Kabowski immer wieder auf das Papier blickte und den Kopf schüttelte. Schließlich knüllte er den Brief zusammen und warf ihn wütend in die Ecke. “Ich muss hier raus!”, schrie er. Er sah zu Rudi und sagte, etwas gefasster: “Ich muss hier unbedingt raus!” Der alte Wärter sah ihn mitleidig an. “Eine Idee hätte ich da noch. Der Gefängnispfarrer, weeßte, der hat 'nen guten Draht zum Direktor, der versteht dich bestimmt.” Kabowskis Miene hellte sich auf. “Wo ist er? Wie kann ich mit ihm sprechen?”
“Na, Junge, morgen ist doch Sonntag. Geh in den Gottesdienst und anschließend sprichste mit ihm.” Dankbar blickte Kabowski ihn an. “Wenn ich hier irgendwann ganz raus bin, lad ich dich auf ein Bier ein. Danke, Rudi.”
Am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg zum Gottesdienst. Er hatte diese Möglichkeit nie genutzt, überhaupt war er seit seiner Kindheit nicht mehr in der Kirche gewesen. Es war ihm unangenehm, ausgerechnet bei einem Pfarrer um Hilfe zu bitten. Die Kirche, die Religion, das hatte ihm nie etwas bedeutet. Aber was hatte er für eine Wahl?
Der Pfarrer war jung, kaum älter als Kabowskis Kinder. Als Kabowski ihn sah, wollte er schon fast wieder rauslaufen; so einem jungen Spunt wollte er doch nicht sein Herz ausschütten. Die anfängliche Skepsis legte sich aber nach und nach. Der Pfarrer hatte eine feste warme Stimme, eine Stimme, der man gleich Vertrauen schenkt. In der Lesung ging es um eine Wunderheilung durch Jesus. “Das bräuchte ich für Elfi”, dachte Kabowski, “aber so etwas gibt es ja gar nicht.” Auch in der Predigt ging es um die Wundergeschichte. “Gibt es denn heute noch Wunder?”, fragte der Pfarrer. “Es gibt mehr Wunder, als man machmal denkt, große und kleine, man muss nur darauf achten. Wenn zwei Menschen, die sich heftig gestritten haben, wieder Freunde werden, ist das nicht wunderbar? Wenn ein schwerkranker Mensch wieder gesund wird, obwohl die Ärzte ihn schon aufgegeben hatten, ist das nicht ein Wunder? Wenn jemand, der gestohlen und betrogen hat, wieder ehrlich wird, ist das nicht eine wundersame Wandlung?” Kabowski hörte zu, doch er wusste nicht, was er davon
halten sollte. Er wusste nur: Er brauchte zwei Wunder. Er musste hier raus und seine Elfi musste gesund werden.
Nach dem Gottesdienst ging er zum Pfarrer. Sie gingen in einen kleinen Nebenraum, wo sie an einem Tisch über Eck Platz nahmen. “Herr Kabowski, was kann ich für Sie tun?”
“Ich muss raus hier. Ich meine, für einen Nachmittag wenigstens.”
“Warum müssen Sie hier raus?”
“Es ist wegen meiner Frau, sie liegt im Krankenhaus. Ich muss zu ihr.”
“Wie schwer ist es denn?” Kabowski sah ihn mit durchdringendem Blick an. “Sie stirbt”,
sagte er, “sie stirbt, wenn ich nicht komme.”
“Haben Sie schon mit dem Direktor gesprochen?”
“Ich habe Freigang beantragt, ist aber abgelehnt worden.” Der Pfarrer sah ihn an. “Herr Kabowski, damit ich Ihnen helfen kann, müssen Sie mir noch mehr erzählen. Warum sind Sie hier?”
“Was spielt das für eine Rolle?”
“Wenn ich gegenüber dem Direktor Ihre Position vertreten soll, muss ich genau wissen, was los ist.” Kabowski senkte den Kopf und seufzte. “ Tja, wo soll ich anfangen ...”
“Warum sind Sie hier?”
“Totschlag. Unter mildernden Umständen. Ich wollte ihn nicht umbringen, aber dann ist er so unglücklich gefallen, dass er
sich das Genick gebrochen hat.” Kabowski atmete tief durch und fuhr dann fort: “Ich glaube, ich fang doch ganz von vorne
an. Jahrelang habe ich in einer Firma als Ingenieur gearbeitet. Es war keine große Firma und irgendwann war ich Abteilungsleiter und hatte ein gutes Verhältnis zum Chef. Es war eine schöne Zeit, der Firma ging es gut und alle Mitarbeiter waren motiviert. Dann übernahm der Sohn vom Chef die Firmenleitung, der alte Herr hat das gesundheitlich nicht mehr geschafft. Von da an ging es den Bach runter. Der Firma ging es schlechter und schlechter und immer häufiger bin ich mit dem jungen Chef aneinander geraten. Das war die Zeit, als ich zu trinken anfing.”
“Viel?”, fragte der Pfarrer.
“Es wurde immer mehr. Immer wenn ich abends nach Hause kam, griff ich zur Flasche, erst Wein, später Whiskey. So habe ich versucht, den Frust in der Firma auszuhalten.”
“Und Ihre Frau, Ihre Kinder? Wie sind die mit der Situation zurecht gekommen?” Kabowski schluckte.
“Die haben das nicht verstanden, sie konnten es nicht verstehen. Sie schimpften über das Trinken, manchmal haben wir
gestritten. Ein Jahr später musste die Firma Stellen abbauen. Verschlanken und Verjüngen, hieß das. Leute mit jahrelanger
Erfahrung wurden rausgeworfen, ein Irrsinn war das. Es dauerte nicht lange, da hatte auch ich meine Kündigung. Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Sollte ich nochmal mit Mitte Fünfzig auf Stellensuche gehen? Ich bin nach Hause gekommen und hab meine Sorgen in Whiskey ertränkt. Dann kam ich auf die unglückselige Idee, zu meinem Chef zu gehen. Vielleicht lässt er mit sich reden, dachte ich. Er wohnte nicht weit weg, eine Viertelstunde zu Fuß. Natürlich war das Unsinn, betrunken wie ich war. Ich kam an seinem Haus an, widerwillig ließ er mich rein. Es dauerte nicht lang, da haben wir uns heftig angeschrien. Ich habe meinen ganzen Frust der letzten Jahre rausgelassen. Als mir dann klar wurde, dass nichts mehr zu holen war, da juckte es mich plötzlich in den Fingern und ich wollte ihm als letztes Dankeschön nochmal so richtig eine verpassen. Und dann”, Kabowskis Stimme wurde leiser und sein Blick ging ins Leere, “mit einem Mal lag er da mit starren Augen, einfach so. Ich hab es erst überhaupt nicht begriffen.” Kabowski hielt kurz inne, dann fügte er hinzu: “Das wollte ich nicht, das müssen Sie mir glauben. Er war ein dummes Schwein, aber das hat er nicht verdient.” Der Pfarrer, der aufmerksam zugehört hatte, nickte und sagte: “Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.”
Am nächsten Morgen kam Rudi an seine Zelle. “He, Kabo”, sagte er, “es hat geklappt. Heute Nachmittag kannste raus.” Kabowski sprang auf. “Ist das wahr? Ich hab's fast nicht mehr geglaubt.”
“Sollst aber unter Bewachung bleiben. Ick komm mit. Um 14 Uhr geht's los.”
Die Stunden bis zum Nachmittag zogen sich für Kabowski beinahe endlos in die Länge. Endlich war es soweit. Als sie am Krankenhaus ankamen, stürzte Kabowski zur Rezeption. “Zu Frau Kabowski.”
“Familienangehöriger?”
“Ich bin ihr Mann.”
“Gehen Sie zur Intensivstation. Ich rufe dort an, damit Sie jemand empfängt.” Kabwoski rannte durch die Gänge. Vor der
Intensivstation wartete ein junger Arzt. “Herr Kabowski?”
“Ja, kann ich zu ihr?”
“Erst würde ich gerne mit Ihnen reden.”
“Bin ich ... ich meine, komme ich ... zu spät?”
“Ich weiß es nicht”, sagte der Arzt. “Ihre Frau ist seit heute früh nicht mehr bei Bewusstsein und reagiert nicht mehr auf Ansprache. Sie scheint sich aufgegeben zu haben. Ich weiß nicht, ob sie nochmal zu sich kommen wird.” Kabowski spürte, wie seine Knie zitterten. Sollte alles umsonst gewesen sein? War das das Ende? Er riss sich zusammen und sagte mit fester Stimme: “Ich will sie sehen.”
Der Arzt führte ihn zu ihr. Von Apparaten umgeben lag sie in einem weißen Bett. Hier und da piepste etwas und es roch nach Desinfektionsmittel. Er kniete an ihrem Bett nieder und griff ihre leblose Hand. Zärtlich berührte er ihre Wange und sprach leise zu ihr: “Elfi, ich bin da, ich bin endlich da.” Er strich ihr behutsam die Haare aus der Stirn. “Ich liebe dich, Elfi. Verlass mich jetzt nicht.” Eine Weile kniete er so da, streichelte sie und redete auf sie ein. Dann ließ er sich auf einen Stuhl sinken, den Blick auf den Boden gerichtet. Alles aus, dachte er, alles vorbei. Die Minuten verstrichen und er saß einfach da, der alte Rudi und der Arzt standen stumm daneben.
Plötzlich hörte man vom Bett her ein Räuspern. Erst ganz leise, dann ein zweites Mal deutlicher. Kabowski stürzte ans Bett. “Elfi?” Erst regte sie sich nicht, doch dann schlug sie die Augen auf und sah ihn an. “Hans!”, hauchte sie. “Was ... wieso ...”
“Mach dir keine Gedanken um mich. Elfi, Du musst durchhalten. Du darfst nicht aufgeben. Versprich mir, dass du dich nicht aufgibst.” Er schaute in ihr schwaches, blasses Gesicht. Ihre Augen hellten sich auf und sie sagte: “Versprich mir”, ihre Stimme wurde etwas fester, “versprich mir, dass du nie wieder trinken wirst.” Kabowski blickte sie überrascht an. Einen Moment überlegte er, dann antwortete er: “Nie wieder, Elfi. Das versprech ich dir.” Sie lächelte zufrieden, ja zuversichtlich, und schloss die Augen.



