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Der dunkelste Teil der Nacht
Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Nervös zog Will an seiner Zigarette. Sein Kiefermuskel war vollkommen verkrampft. Er versuchte, seine Gesichtsmuskeln nach der Methode, die ihm seine Therapeutin beigebracht hatte, zu lockern. „Sieht bestimmt total bescheuert aus“, dachte er, als er anfing wilde Grimassen zu schneiden. Eine kleine Punkerin beobachtete ihn fasziniert. „Und wenn schon!“ fuhr es ihm durch den Kopf. Es gab jetzt wichtigere Dinge! Er fühlte bereits die nächste Panikattacke anrollen. „Oh Gott!“ stöhnte er auf, „ob die Kleine da drüben was von Erster Hilfe versteht wenn ich in Ohnmacht falle?“ Er zitterte so heftig, dass ihm die halbgerauchte Kippe aus der Hand fiel. „Das ist nur die Angst, nur die Angst, nur die Angst!“ wiederholte er mechanisch die Erklärung seiner Therapeutin, „davon stirbt man nicht. Man kippt vielleicht um, aber .. man .. stirbt .. nicht!“ Allerdings wollte sein Körper diese überaus vernünftige Erklärung nicht glauben. Und die Panik übernahm mit aller Macht das Kommando! Bonnie trieb sich jetzt schon eine ganze Weile erfolglos am Bahnhof herum. Um diese Uhrzeit waren kaum noch Leute unterwegs, die man erfolgreich anschnorren konnte. Das einzig Interessante war der Typ am anderen Bahnsteig. Ob sie ihn um eine Zigarette bitten konnte? Er stand einfach nur da. Jetzt war ihm die Kippe aus der Hand gefallen! War der besoffen? Wirkte eigentlich nicht so. Selbst von ihrem Standpunkt aus konnte sie erkennen, dass er wie Espenlaub zitterte. Vielleicht war er auf Droge? Ne, eigentlich wirkte er ganz nett, ein bisschen komisch vielleicht, aber nicht unsympathisch. Etwas zu blass um die Nase. Sie beschloss, es trotzdem zu versuchen. Vielleicht hatte sie ja doch noch Glück? Sein Herz tobte wie ein Berserker, trommelte wie wahnsinnig auf der Suche nach dem Ausgang. In seinem Kopf vermengten sich Töne, Geräusche, Gerüche, Bilder zu einem wilden Tanz. Unmöglich, alles auseinander zuhalten. „Schließ die Augen, mach zu, lass nichts mehr rein!“ wimmerte sein Verstand. Sein Atem kam jetzt stoßweise, auch er hämmernd wie das Herz. Der wilde Strudel in seinem Kopf gab ihn nur langsam frei. Das Herz raste immer noch. Er riss die zusammengekniffenen Augen auf, kam wieder zurück. Vor ihm stand ein blasses Mädchen und starrte ihn an. Ihr Mund bewegte sich. Aber er konnte nicht hören, was sie sagte. Er musste sich an ihrem Anblick festhalten, damit der Strudel ihn nicht wieder fortriss. Schweiß rann ihm in die weit aufgerissenen Augen. Die Stimme des Mädchens, kleines, dünnes Mädchen, schwarze, verfilzte Haare, so blass und klein. Die Stimme kam zurück und mit ihr auch sein Gehör. „Alles in Ordnung? He, ist dir vielleicht schlecht?“ hörte er leise und wie von weit weg die besorgte Stimme der Kleinen fragen. Wahrscheinlich wirkte er komplett irre, so wie er sich gerade aufgeführt hatte. „Vielleicht bin ich ja verrückt“ fuhr es ihm durch den Kopf, „und die Einzige, die es nicht kapiert, ist meine Therapeutin?“ Der Gedanke kam ihm unglaublich lustig vor. So lustig, dass er verzweifelt auflachte. Bonnie wich besorgt ein paar Schritte zurück. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, den Typen anzusprechen. Er wirkte gar nicht mehr so harmlos. Innerhalb weniger Sekunden hatte er sich total verändert. Gruselig! Sie sollte jetzt wohl besser den Rückzug antreten, bevor der komplett überschnappte. „Entschuldige, was hast du gesagt?“ sprach Will jetzt das Mädchen an, das langsam zurückwich. „Nicht so wichtig“ murmelte sie, „wollte nur fragen, ob du vielleicht ´ne Kippe ...? Muss aber echt nicht sein!“ Sie wich noch ein paar Schritte weiter zurück. Er griff in die Tasche seiner abgewetzten, alten Lederjacke und fummelte mit unsicheren Fingern ein zerknautschtes Päckchen raus, hielt es ihr hin. Vorsichtig griff sie danach, nahm sich eine Zigarette heraus, zündete sie an und gab ihm die Schachtel zurück. „Danke“, sagte sie. Und schon auf dem Rückzug: „Schönen Abend noch!“ Einen schönen Abend! Das war wirklich alles andere als ein schöner Abend, dachte er verbittert. Beinahe hätte er wieder gelacht. Jetzt musste er sich erstmal über die nächsten Schritte Gedanken machen. Schließlich konnte er nicht die ganze Nacht am Bahnhof bleiben. Er hatte sich selber eine Aufgabe gestellt. Um sein Panikproblem in den Griff zu bekommen, musste er sich in einer komplett fremden Umgebung zurechtfinden. Ohne Unterstützung, nur auf sich selbst gestellt! OK, ein Zimmer, ein Hotel. Er kannte die Stadt nicht. Wo gab es hier Hotels? Taxifahrer kennen sich aus! Gut, das war ein Plan. Zuerst vom Bahnsteig runter, durch die Bahnhofshalle, den Ausgang finden, dann den Taxistand. Wenn er den gefunden hatte, war er schon so gut wie durch. Bonnie hatte sich in die Bahnhofshalle verzogen. Sie musste sich nur vor den Bullen in Acht nehmen. Sie hatten sie schon einmal wegen Schnorrerei einkassiert. Auf der Suche nach möglichen Opfern oder wenigstens einer geeigneten Bank für die Nacht ließ sie ihren Blick durch die Halle schweifen. Am Durchgang zu den Bahnsteigen stand schon wieder dieser komische Typ, kreidebleich, und stierte in die Halle, als würde sie nur so vor Monstern wimmeln. „Na los“, dachte Bonnie, „du schaffst das schon!“ Und tatsächlich, als hätte er ihre Ermutigung gehört, machte er einen vorsichtigen Schritt nach vorne. „Na siehst du? Keine Monster!“, feixte sie. Doch das Lachen rutschte ihr aus dem Gesicht, als sie nach links blickte. „Oh Scheiße! Doch Monster!“ Wotan und Odin waren im Anmarsch! Die zwei Skins hatten sie entdeckt und schlenderten lässig in ihre Richtung. Bonnie konnte bereits auf Distanz den Ärger riechen, der da auf sie zukam! „He! Du! Punk-Tussi!“, rief Odin, der intelligentere der beiden. „Warte doch mal auf uns! Wir woll`n uns nur ein bisschen unterhalten!“ „Oh ja, wer`s glaubt!“ schoss es ihr durch den Kopf, in dem sämtliche Alarmsysteme ansprangen. Verdammt, gerade heute, wo sie alleine unterwegs war! Gab es hier irgend jemanden der ihr helfen konnte? Scheiße, nur diese Knallschote, die versuchte gerade mit der Wand zu verschmelzen. Von dem konnte sie keine Hilfe erwarten. Jetzt nur keine Angst zeigen! Das würde die Typen bloß aufgeilen! Keine Angriffsfläche bieten! Einfach weitergehen, raus aus der Halle, zu den Taxiständen. Doch schon packte sie eine Hand an der Schulter und riss sie herum. Bierdunst schlug ihr entgegen, als sie in die grinsenden Gesichter der zwei Glatzen aufblickte. Will stand am Durchgang zur Bahnhofshalle. Sie erschien ihm so weit wie der Indische Ozean. Wie sollte er da nur durch? Er musste weiter, wenn er nicht auf der Stelle erstarren und komplett wahnsinnig werden wollte! Mit unendlicher Mühe setzte er den ersten Schritt in die Halle hinein. Dort drüben, auf der anderen Seite war jemand. Das kleine Punk-Mädchen von vorhin? Die Lichter an der Decke begannen in einem irrwitzigen Tanz auf und ab zu springen, taumelten, torkelten und mit einemmal bäumte sich der Boden unter seinen Füßen auf als sei er ein bockendes Pferd. „Wenn ich an der Wand lang gehe, kann mir nichts passieren!“ summte es in seinem Kopf. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er Bewegung und registrierte undeutlich Stimmenfetzen. Irgendwas schien dort drüben im Gange zu sein. Aber was? Er versuchte seine Aufmerksamkeit auf das Geschehen außerhalb seines Gesichtsfeldes zu richten. Was .. war .. da .. los? Die Stimmen wurden klarer und bedrohlicher. Endlich löste sich sein Blick von der sicheren Wand. Unendlich langsam, wie es ihm vorkam, und mit knirschenden Halswirbeln, drehte sich sein Kopf in die Richtung aus der die Stimmen kamen. Und was er dort drüben sah, ließ ihn sich nicht besser fühlen! Bonnie starrte ihr Gegenüber an. Wenn Blicke töten könnten, so wäre dieses primitive Arschloch und sein verblödeter Kumpel auf der Stelle tot umgefallen. Aber leider funktionierte das nicht. Und das wiederum bedeutete, dass sie verdammt tief in der Scheiße saß. Sie packte die Hand, die auf ihrer Schulter lag, riss sie fort. „Nimm deine Wichsgriffel da weg!“, fauchte sie Odin an. Er war der Anführer dieser 2-Mann-Fascho-Schlägertruppe. Wotan, größer und breiter als sein „Chef“, stand dämlich grinsend daneben und schien nur auf seinen Einsatz zu warten. „Nana, wer wird denn so unfreundlich sein?“, erwiderte Odin. „Und das auch noch, wo du ganz alleine bist!“ Bonnie lief es eiskalt den Rücken runter. Sie musste um jeden Preis versuchen, ihre vorlaute Klappe zu halten. Wenn sie sie nur nicht so wütend machen würden! Angewidert musterte sie die beiden Kerle in ihrer Bomberjacken-Kluft, den Hosenträgern und den Springerstiefeln mit den weißen Schnürsenkeln und versuchte, sich ihre Chancen für eine Flucht auszurechnen. Dazu müsste sie sich aber unauffällig in eine bessere Position bringen. Wenn es ihr gelang raus aus der Halle und zum Taxistand ... „Ich würde vorschlagen, wir haben jetzt ein bisschen Spaß mit dir!“, grinste Odin sie an. „Oder was meinst du? Du wolltest doch schon immer mal zwei so Hammerkerle wie uns zwischen den Beinen spüren, hab ich recht?“ Sie rückten näher, immer näher, und Bonnie sah sich gezwungen zurückzuweichen. Das warf ihren Plan über den Haufen. Denn mittlerweile war sie zwischen den beiden und einem Getränkeautomaten eingekeilt! „Wagt es ja nicht mich anzufassen, ihr Wichser!“, zischte sie die beiden an. „Das könnte euch echt leid tun! Da könnt ihr Gift drauf nehmen!" „Aber was denn? Du wirst so viel Spaß haben, dass du schreien wirst ... das garantiere ich dir!“ Er meinte es ernst, das konnte sie an seinem Blick erkennen. Das war nicht der Typ, der Spaß machte und lange rumfackelte! Jetzt gab es nur noch eine Chance für sie: ab durch die Mitte. Sie war klein, sie war schnell und wendig! Sie musste es einfach riskieren. Das konnte allerdings auch schiefgehen! Ihre Chance kam, als Wotan nach ihr grapschte. Sie warf sich nach vorne und versuchte gleichzeitig ihre Nägel durch seine hässliche Visage zu ziehen und ihm in die Eier zu treten. Will sah, wie das Mädchen sich nach vorne warf und lossprintete. Aber sie war nicht schnell genug! Der größere, breitere der beiden brüllte wie am Spieß und wand sich vor Schmerzen. Es sah aus, als würde er einen grotesken Tanz aufführen, bei dem er sich gleichzeitig das Gesicht und die Eier halten musste. Doch der andere war bereits hinter der Kleinen her. Zuerst sah es so aus, als ob sie es schaffen würde. Doch dann stolperte sie. Und dieser Bruchteil einer Sekunde genügte ihrem Verfolger, sie an den schwarzen, aufgestellten Haaren zu packen und ihren Kopf brutal nach hinten zu reißen. Die Wucht ließ sie rückwärts, direkt in die Arme des Kerls fallen, der sie nun fest im Schwitzkasten hielt. In der Zwischenzeit hatte sich auch der Dicke von seinen Schmerzen erholt. Und er war wütend! Das konnte Will von seinem Standpunkt aus erkennen. Zu zweit machten sie sich über die Kleine her, die verzweifelt um sich trat und aus Leibeskräften schrie. Verdammt, war denn niemand hier der eingreifen konnte? Will schaute sich panisch in der menschenleeren, wie ausgestorben daliegenden Halle um. Aber es war wirklich niemand da ... außer ihm! „Scheiße!“ dachte er verzweifelt, als er, ohne es selber zu merken, auf die Stelle zustürzte, wo die beiden Skins versuchten, der Kleinen die Hose runter zu zerren. Bonnie versuchte, sich aus dem Griff, der sie wie Stahlbänder umklammerte, zu winden, aber es gelang ihr nicht. Sie spürte, wie sich von hinten ein steinhartes Glied gegen sie drückte und hätte am liebsten den Typen kastriert, an dem es dranhing! Wenn sie nur an ihn rankommen könnte! Jetzt kam auch noch der Fettsack rüber ... und er sah stinksauer aus! Sein Gesicht, auf dem man deutlich die Kratzer erkennen konnte die sie ihm verpasst hatte, spiegelte den blanke Hass. Als er direkt vor ihr stand, holte er aus und seine flache Hand, die ihr bratpfannengroß vorkam, klatschte mit einem fürchterlichen Geräusch auf ihr Gesicht. Bonnie sah Sterne und Blitze vor ihren Augen tanzen. Ihre linke Gesichtshälfte stand in Flammen und Tränen des Schmerzes und der Wut schossen ihr in die Augen. Noch während sie versuchte sie wegzublinzeln, fühlte sie mehr als das sie es sah, wie an ihrer Jeans rumgezerrt wurde. „Was zur Hölle...“, dachte sie benommen. Bruchteile einer Sekunde später erkannte sie, das Wotan sich die Hose aufknöpfte. Und was da zum Vorschein kam, verursachte ihr Brechreiz! „Komm mir ja nicht zu nahe, mit deinem Scheiß-Ding!“ kreischte sie. In ihrem Nacken spürte sie den heißen, feuchten Atem Odins. „Jetzt hab dich nicht so!“ zischte er ihr gehässig ins Ohr. „Du wirst schon nicht zu kurz kommen!“ Bonnie hatte keine Illusionen, was ihre Situation betraf. Aus dieser Sache würde sie nicht ungeschoren rauskommen. Sie konnte nur hoffen, dass die beiden sie danach laufen lassen würden. Aber trotzdem – kampflos würde sie sich nicht ergeben! Noch einmal spannte sie all ihre Muskeln an, um zu einem Tritt auszuholen. Doch in dem Moment, in dem sie ihre Beine anwinkelte und zutreten wollte ... ließ der Typ sie los ... und sie krachte mit einen schrillen Aufschrei genau auf ihr Steißbein. Im ersten Moment war sie vollkommen orientierungslos. Sie meinte durch den Schmerz, der sich bis in den letzten Winkel ihres Körpers ausbreitete, Stimmen zu hören. Krampfhaft versuchte sie die Lage zu sondieren. Instinktiv warf sie sich herum und kroch auf allen vieren los, bloß weg! „He, Entschuldigung!“ sprach Will den Typen an, der die Kleine von hinten festhielt, „ich hab da mal eine Frage!“ Er überwand seine Abscheu und fasste den Skin vertraulich an der Schulter. Das Einzige was ihm in diesem Moment einfiel war: „Könntet ihr mir ein gutes Hotel empfehlen?“ Es schien zu funktionieren! Für einen Moment war der Kerl so überrascht, dass er seinen Griff lockerte. Unglücklicherweise genau in dem Moment, in dem das Mädchen beide Beine in die Luft schwang. Sie krachte mit voller Wucht auf das Steißbein und Will hörte, wie es ihr die Luft aus den Lungen presste. Aber sie war trotzdem geistesgegenwärtig genug, ihre Chance zu nutzen und sich sofort, wenn auch nur auf Händen und Füßen, in Bewegung zu setzen. Das Problem, das sich ihm aber nun stellte, waren die zwei Skins. Sie starrten ihn entgeistert an, der dickere der beiden mit offener Hose und das, was eben noch standhaft rausgeragt hatte, fiel so schnell in sich zusammen, als hätte jemand einen Stöpsel gezogen. Dieser Gedanke ließ Will auflachen, auch wenn ihm klar war, dass das nicht besonders klug war. „Einen schönen Abend noch!“, verabschiedete er sich, und mit einem Blick auf die erschlafften Genitalien des Dicken: “Das würde ich lieber wieder einpacken. Das sieht echt ... Scheiße aus!“ Er ging um die beiden herum und steuerte auf die Punkerin zu, die mittlerweile versuchte, sich an einer Bank hochzuziehen. „Alles in Ordnung bei dir?“, fragte er, als er ihr unter die Arme griff und sie hochzog. Sie starrte erst ihn an und dann über seine Schulter. „Ich würde sagen, du hast jetzt ein Problem!“, antwortete sie. Will wollte sich nicht umdrehen, aber er wurde nicht gefragt. Die selbe Pranke, die vor wenigen Minuten Bonnie festgehalten hatte, drehte nun ihn um. „Was für ein Scheiß-Film!“ dachte er noch, als er die auf ihn zuzischende Faust sah. Noch bevor er den Gedanken zu Ende brachte, schoss ihm der Schmerz, von seiner Nase aus beginnend, begleitet von einem ekelhaft knirschenden Geräusch, durch den ganzen Körper. Seine Knochen verwandelten sich in kochendes Wachs und versagten ihm den Dienst. Alles drüber und drunter! Er sah nichts mehr. Schreiende, brüllende Stimmen aus einem wirbelnden Kosmos der unterschiedlichsten Rottöne. So fühlte es sich also an wenn man ohnmächtig wird, dachte er, bevor er umkippte. Dann Ruhe, wundervolle Ruhe. Schwarz, Vergessen, nichts mehr ... Will wachte auf. Wo war er? Er lag auf einer Bank, den Kopf auf seiner Lederjacke. Soviel war schon mal klar. Sollte er die Augen aufmachen? Vielleicht besser nicht. Oder doch? Klar war auch, dass er grausame Kopfschmerzen hatte und nur schlecht durch die Nase atmen konnte. Vorsichtig öffnete er die Augen. Die Bahnhofshalle ... und plötzlich fiel ihm alles wieder ein. Die Skins, die Punkerin ... wo war sie eigentlich? Stöhnend setzte er sich auf. Jeder einzelne Knochen tat ihm weh. Er brauchte jetzt erst mal eine Zigarette. Mit den Bewegungen eines uralten Mannes griff er vorsichtig in seine Jackentasche, um das Päckchen rauszuholen. Da war ein zusammengefalteter Zettel. Wo kam der denn her? Zusammen mit den Zigaretten zog er ihn aus der Tasche. Er zündete sich erst eine an, bevor er den Zettel auseinanderfaltete und las: „Hallo! Vielen Dank für deine Hilfe. Die Bullen haben die beiden Glatzen erwischt! Ciao, Bonnie“. Ganz unten am Rand entdeckte er noch ein hingekritzeltes Postskriptum: „Übrigens, ich habe mir 20 Euro von dir ausgeliehen und ein paar Kippen rausgenommen. Danke!“ Das kleine Miststück! Da rettete man sie und dann wurde man auch noch beklaut .... Ach egal, was sollte er sich noch darüber aufregen. Es gab da etwas viel Wichtigeres. Etwas, über das er sich freuen konnte: Er hatte vorhin nicht einen Moment an seine Angst gedacht! Nicht eine Sekunde lang! Er wusste, dass sie noch irgendwo sein musste ... aber das war schon in Ordnung! Wie spät war es eigentlich? Er blickte auf die große Bahnhofsuhr. Viertel nach vier ... Durch den dunkelsten Teil der Nacht hatte er es bereits geschafft. Jetzt konnte er sich endlich ausruhen. Er legte sich wieder hin, um auf den ersten Zug nach Hause zu warten. |
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