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Jemand wird bezahlen

Staub trocknete seinen Mund aus. Wenn er schluckte, knirschte es in seiner Kehle. Ein schmerzhaftes Zucken meldete ihm, dass sein Körper sich wieder bewegen konnte. Rasuhl versuchte sich hochzustützen, doch sein Körper fiel kraftlos in sich zusammen. Er lag bäuchlings am Rand eines riesigen Kraters, der zuvor eine Straße war. „Jasmin?" er wollte ihren Namen rufen. Er schmeckte Blut. Seine trockenen Lippen waren aufgesprungen, als er zu sprechen versuchte. Aus seinem Mund drang ein rauhes Krächzen. Ein Schlaglicht blitzte vor Rasuhls innerem Auge auf: Ohrenbetäubender Lärm ließ die heiße Wüstenluft vibrieren. Die Erde bebte, die Straße bäumte sich in wildem Tanz auf. Malik verschwand in einer beige­grauen Wolke. Wo war Jasmin?

Rasuhl gelang es endlich, sich auf alle Viere hochzustemmen. Durch einen trüben Schleier aus aufgewirbeltem Sand und Betonstaub sah er die ehemalige Straße. Der Straßenbelag war von der Erde gerissen. Die halb eingestürzten Häuser schienen sich verängstigt aneinander zu klammern. Ihre glänzenden Augen schimmerten als zerbrochene Fensterscheiben im Sand. Rasuhl kämpfte sich hoch. Wo waren seine Frau und Malik? Vor Schmerz rebellierte sein Magen. Seine Umgebung drohte vor seinen Augen zu verschwimmen. Da bemerkte er etwas Blaues neben sich in den Trümmern liegen. Das rote Plastikcape hing schlaff von der enthaupteten Aktionfigur. Die beklemmende Ruhe wich dem schaurigen Singsang weinender, verzweifelter Menschen. Die Figur lag direkt neben einem Bombenkrater. Rasuhl hob sie auf und umklammerte den Plastikhelden. Eine Leere stieg in Rasuhls Herz auf. Ein Vakuum sog jedes Gefühl aus seinen Adern und ließ einen einzigen Gedanken zurück -'Jemand musste bezahlen'. „Dafür werden sie bezahlen!", schrie Rasuhl und reckte die Fäuste in beschwörender Herausforderung gen Himmel. -

Ein Mann rempelte Rasuhl. Benommen blinzelte Rasuhl das Brennen aus seinen Augen. Sie fühlten sich rau und trocken an. Jasmin und Malik waren seit drei Jahren tot. Doch für Rasuhl stand seit diesem einen Tag die Zeit still. Immer wieder durchlebte er die Tragödie, hörte seine Frau schreien, spürte das Vibrieren der Stille. Er trainierte seinen Körper bis zur Schmerzgrenze. Erst wenn er vor Erschöpfung zusammenbrach, verdrängte der körperliche Schmerz die grausamen Bilder in seinem Kopf. 'Traumatisch bedingte Flashbacks mit momentanem Realitätsverlust' nannten es die Ärzte. Sie rieten ihm zu Gesprächen und therapeutischen Sitzungen. Diese könnten ihm helfen die Dinge zu verarbeiten.

Ein Surren ertönte, die automatischen Türen schlossen sich. Schwankend nahm die U-Bahn Fahrt auf. Die Realität hatte Rasuhl wieder. Als er tief durchatmete, drang ihm der typische, anhaftende U-Bahn Geruch in die Nase. Kalte Zigarettenasche, nasse Schirme, warmes Metall und Kunststoffbezüge, gestresste schwitzende Menschen, die vielfältigsten Nuancen vermischten sich zu einem unverkennbaren Duftcocktail.

Entschlossen blickte er auf seine Armbanduhr. Ihr Uhrglas war gesprungen, dennoch funktionierte sie tadellos. Fünf Minuten bis King's Cross. Rasuhl wußte genau, was ihm helfen würde. Sein Rucksack steckte festgeklemmt unter dem Plastiksitz. Sie würden bezahlen. Rasuhl stand auf und drängte sich an den anderen Fahrgästen vorbei. Obwohl er sich in der überfüllten U-Bahn dicht an den Leuten vorbeischieben musste, blickte ihm niemand ins Gesicht. Die meisten drehten genervt ihre Köpfe weg oder starrten teilnahmslos durch ihre Mitmenschen hindurch. Mehrere lauschten einer nur für sie hörbaren Musik und summten leise. Jeder für sich ein Meister darin auf kleinstem Raum einen unsichtbaren Schild aufrecht zu erhalten. Ein Kollektiv aus abgeschotteten Privatsphären, deren spürbaren Grenzen jeder zu achten hatte. Rasuhl ging weiter, murmelte ein-, zweimal „Sorry", wenn er einer Schutzsphäre zu nahe kam. Sein Ziel war der letzte U-Bahnwaggon. Der Untergrundzug rumpelte um eine Kurve, das Licht flackerte kurz. „Oh verdammt." Eine Einkaufstasche verstreute ihren Inhalt über dem PVC-Boden zu Rasuhls Füssen. Orangen und Äpfel rollten ungehindert durch den Wagen. Ein halbes Dutzend Eier folgte dem Ruf der Freiheit und kullerte dem Obst hinterher. Rasuhl sah sich nach dem Besitzer der Tasche um. Einen Meter von ihm entfernt stand eine Frau an Krücken. Der Saum ihres Sommerkleides schwebte über einem Gipsverband. Ihr rechtes Bein war vom Knie bis über den Knöchel in Gips gepackt. Leise fluchend versuchte sie ein paar Orangen mit dem Gipsbein am Wegrollen zu hindern. Ein paar Jugendliche lachten sie aus, die anderen Fahrgäste zuckten mit den Achseln und sahen zur Seite oder widmeten ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Morgenzeitung. Die junge Frau war vielleicht zwei Jahre jünger, als Jasmin jetzt sein würde. Rasch bückte sich Rasuhl und hob ein paar Äpfel auf. „Need a helping hand, Madam?", fragte er und bot ihr auf Englisch seine Hilfe an. Zunächst war ihr Blick misstrauisch, dann spiegelte sich Erleichterung in ihren Augen wider. Rasuhl sammelte das Obst ein. „Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen.", meinte die Frau in breitem Londoner Akzent und hielt ihm die offene Tüte hin. „Leider sind heutzutage nicht viele Menschen so aufmerksam und nett." Aus der Tüte blickte Rasuhl eine etwa zwanzig Zentimeter große „Superman"-Figur herausfordernd an. Seine Bewegung stockte. Die Figur glich der von Malik. Eine Erinnerung holte Rasuhl ein.

Da war er wieder, der beißende Geruch nach verbranntem Fleisch und blutgeschwängertem Asphalt- und Betonstaub. Hier im Krankenhaus war der Hauch des Todes noch eindringlicher. Rasuhl saß auf einem Stuhl in der von Verletzten überquellenden Notaufnahme. In seiner linken Hand hielt er die kleine blaue Aktionfigur fest umklammert. Er fühlte, dass er ohne dieses Spielzeug den Verstand verlieren würde. „Können Sie sich erinnern, was passiert ist?" Ein Fremder sprach ihn an. Rasuhl nickte. Der Mann setzte sich auf den frei gewordenen Stuhl neben Rasuhl. „Ich werde Ihnen zuhören, wenn Sie darüber reden möchten." Rasuhl schaute den Fremden lange an, ohne dass er das Gesicht seines Gegenübers wahrnahm. Als er zu erzählen begann, richtete sich sein Blick in die Ferne: „Wir hatten Malik vom Kindergarten abgeholt. Malik hat bei einem Wettrennen diesen „Superman" hier gewonnen." Rasuhl zeigte dem Mann seine linke Hand. Dieser nickte kurz. „Jasmin, so hieß meine Frau, und ich schlenderten glücklich hinter Malik her. Mein Sohn rief immer wieder 'Hier kommt Superman'. Sie wissen, wie Kinder sind, sie können sich mit absolut reinem Herzen freuen." Rasuhl wollte dem Fremden die ganze Geschichte erzählen. Es schien, als würde nur dieser seinen Schmerz lindern können. Schließlich sprudelte alles aus Rasuhl hinaus. Jasmin hatte die Flugzeuge zuerst gesehen. Sie dachten, es wären ein paar der Aufklärungsflugzeuge, die seit vier Tagen im Einsatz waren. Sie beachteten sie nicht weiter, nur Malik starrte fasziniert in den Himmel. Rasuhl hatte die Bomben zu spät erkannt, er hatte nicht schnell genug reagiert. Er hatte seine Familie nicht schützen oder zumindest warnen können. Rasuhl strömten die Tränen übers Gesicht, auf dem sie nasse Spuren im Schmutz hinterließen. Der Unbekannte betrachtete lange schweigend die kopflose Plastikfigur. Schließlich meinte er mit ruhiger tiefer Stimme: „Wir werden 'sie' bezahlen lassen, Rasuhl. Wenn Ihre Wunden verheilt sind, und der Durst nach Rache Sie noch quält, können Sie mich hier treffen." Damit gab er ihm die Adresse eines Cafehauses. „Meine Gruppe und ich, wir sehen nicht weg. Wir werden uns um dich kümmern, Rasuhl. Wir gemeinsam werden deine Familie rächen." Ohne einen Namen zu nennen verabschiedete sich der Fremde.

„Für Sie, als kleines Dankeschön." Zwei rote Äpfel tauchten in Rasuhls Blickfeld auf. Das Obst war wieder sicher in der Plastiktüte verstaut, allein die Eier blieben verschwunden. Rasuhl nahm die Äpfel und drehte sich von der Frau weg. Ein lautes Piepen ertönte. Zwei Sekunden später hörte er die Frau fröhlich in ihr Handy plappern: „Du wirst nicht glauben, was mir heute alles passiert ist, dabei haben wir noch nicht mal Mittag..."

Unbewusst schaute Rasuhl wieder hinüber zu der Frau. Das Handy in der einen Hand, hielt sie mit der anderen krampfhaft die beiden Krücken fest. Gekonnt balancierte sie auf einem Bein gegen das Ruckein der U-Bahn an. Jasmin hatte langes schwarzes Haar gehabt. Diese Frau trug ihr rotblondes Haar frech kurzgeschnitten. An ihrem Ohrläppchen schaukelte ein bunter Holzpapagei in einem Goldreif.

Seine Aufgabe war erledigt, der weitere Ablauf lag nicht mehr in seinen Händen. Es ging darum ein Zeichen zu setzen. Keine Aktion ohne Reaktion. Das Prinzip galt auch im Krieg. Wen hatte es interessiert, ob Jasmin sterben würde? Rasuhl dachte an die 1000 Dollar in seiner Hosentasche. Es war viel Geld, aber befand er, Rasuhl, sich wirklich im Krieg?

„Aber natürlich, Schatz. Sicher bin ich wieder zu Hause, wenn du aus der Schule kommst. Ich habe sogar eine kleine Überraschung..." Die Frau tätschelte die Tüte mit der Aktionfigur.

„Wie alt dieser 'Schatz' wohl ist?", überlegte Rasuhl. Die Frau hob ihren Kopf, das Handy weiter an ihrem Ohr. Sie blickte Rasuhl direkt in die Augen, ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Schüchtern erwiderte er ihren freundlichen Blick. Ein Satz hallte in seinem Kopf wieder: „Alles was Sie tun müssen, ist diese Tasche zu platzieren. Den Rest erledigen wir. Wir werden sie bezahlen lassen." Dieser Gedanke hatte ihn nach England gebracht, ihm die nötige Geduld zum Warten gegeben, ihn mit der Bombe in die U-Bahn steigen lassen. Jetzt war die Magie der Worte verflogen. Was hatte diese Frau mit Jasmin und Malik zu tun? Nichts.

„Das sind die falschen Menschen. Nicht sie müssen bezahlen. Die ganze Aktion ist falsch." Plötzlich erkannt Rasuhl, wie geschickt der Fremde im Cafehaus ihn manipuliert hatte. Menschen wie dieser Unbekannte hielten einen Zyklus der Gewalt aufrecht, um aus dem Chaos Profit zu schlagen. Die Anführer sind die Schuldigen, nicht Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. Nicht Menschen wie diese Frau, oder seine Jasmin oder Malik. Sein Schmerz war mit Parolen und scheinreligiösen Trugbildern betäubt worden, um aus ihm ein willenloses, tödliches Werkzeug zu formen. Rasuhls Gedanken fischten nach einer Möglichkeit die Aktion aufzuhalten.

Es war zu spät.

Die tödliche Detonation riss donnernd an den U-Bahnwagen. Das Licht fiel augenblicklich aus. Die panischen Schreie hunderter von Menschen übertönte das metallene, nervenzerrende Quietschen der Notbremsen. Rauch füllte die Dunkelheit. Viele hämmerten mit ihren Fäusten auf die Sicherheitsglasscheiben. Zwei weitere Druckwellen grollten durch den jetzt brennenden Tunnel, oder war es das Echo der ersten Explosion?

„Sie werden überleben, Rasuhl, aber 'die' werden bezahlen." echote es in Rasuhls klingelnden Ohren. Feuer brach in dem vorletzten Waggon aus. Im Schein des Feuers sah er die Frau mit dem Gips vor sich auf dem Boden liegen. „Wenn ich überlebe, wird sie es auch.", dachte er entschlossen, griff nach ihren Händen und zog sie hoch. Die Frau hielt sich hustend an seinen Schultern fest. Ja, jemand hatte bezahlt. Was unterschied ihn jetzt noch von den Mördern seiner Familie?

Durch das Fenster leuchtete Rasuhl ein grüner Schimmer entgegen. Der Notausgang. Rasuhl drückte die Hand der schluchzenden Frau: „Kommen Sie, hier entlang. Machen wir, dass wir hier raus kommen."

 

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