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Das Geheimnis der Nacht
Er hieß David und war ein bisschen brutal, ein zäher Typ. Er maß gerade mal einen Meter zwanzig und war zwölf Jahre alt. Sonst wurde er noch Popel, halbe Portion oder Kurzer genannt. Meist überhörte er das, aber hin und wieder drehte er durch und ging jemandem an die Gurgel. Darum machten die meisten einen großen Bogen um ihn. Vielleicht lag das aber auch daran, dass er ständig nach Fisch stank. "Schlaft wohl zuhause wie die Ölsardinen!", hatte der fette Karl einmal gelacht. Ein blaues Auge war Davids Antwort gewesen. Jeder wusste, dass er der Jüngste von sechs Kindern war. Aber keiner hatte eine Ahnung, warum er eigentlich so erbärmlich stank. Jeden Mittwoch und Freitag schmuggelte sich David in die Lagerhalle des Sea-World Aquariums. So wie heute Nacht auch. Er quetschte sich in eine leere, muffige Holzkiste für Futterfische. Der Gabelstapler hievte ihn hoch und kutschierte ihn in die Lagerhalle, wie alle anderen Kisten. Wenn die Neonröhren ausgingen und die schwere Metalltüre hinter ihm zugekracht war, befreite sich David aus seinem engen Gefängnis. Er klemmte eine Stablampe zwischen seine Zähne. Vorsichtig öffnete er eine Kiste, schnappte sich ein, zwei Fische und verschloss sie wieder. Dann nahm er sich die nächste vor. Bis seine Kiste voll war. Sehr gut, super schön!, freute er sich. Für die kriegt der August bestimmt vierzig, fünfzig Mäuse auf dem Markt. Und die fetten Seehunde können auch ein paar Happen weniger vertragen. David zerrte seine Beute zu der Ladeklappe, die sich von innen entriegeln ließ. Da hielt ihn ein entferntes Quiiieeeaaaauuu! wie Kleber am Boden fest. "Was zum Henker...?!", platzte er heraus. Seine Stablampe rollte einen wabbeligen Lichtkegel über den Boden. Eine Schrecksekunde später hob David die Lampe wieder auf und ging dem Geräusch nach. Er tapste durch die Lagerhalle, einen langen Gang mit blubbernden Fischtanks entlang. Die Moränen und Kugelfische schaukelten verschlafen durchs Wasser. Quiiieee! Das Quäken wurde lauter und ging David durch Mark und Bein. Dann klang es wieder ab. Eeeeeaaaauu! David bekam eine Gänsehaut. Er tastete sich weiter den Gang entlang. Am Ende fiel schwaches Mondlicht durch eine Gittertüre. Von daher musste das Jaulen kommen. Jetzt machte sich auch Davids innere Stimme bemerkbar: Dreh um, du Idiot! Du hast hier überhaupt nichts verloren. Aber seine Neugierde siegte. Je näher David an die Gittertüre herankam, desto kühler und unheimlicher wurde es. In das jämmerliche Quietschen mischte sich jetzt auch ein Sprudeln und Schäumen von aufgepeitschtem Wasser. David sah zwischen den Gitterstäben in die Arena mit dem Killerwalbecken. WEENA UND BABY WAYNE stand in gelben Leuchtbuchstaben darüber. Der große Wal kreiste nervös um den kleinen, der sich offenbar in ein Netz verstrickt hatte. Jedenfalls wand er sich panisch und verwickelte sich dadurch nur noch mehr. Ausgerechnet!, dachte David. Warum nicht niedliche Schildkröten? Oder Goldfische? Er rüttelte an der Gittertüre. Die war natürlich versperrt! “Quiiieeeaaaauuu!”, jammerte Wayne wieder. David leuchtete die Wände ab. Vielleicht war da ja ein Schalter, oder ein Schlüssel. Aber alles, was er finden konnte, war ein Spalt in der Wand. Eine Futterluke, OK, das müsste gehen! David zog sie auf und blieb davor wie angewurzelt stehen. War er denn wahnsinnig? Für die Viecher bin ich nicht mehr als ein Kaugummi. David drehte sich um und stolperte den Gang zurück. Doch dann stoppte ihn plötzlich ein Gedanke. Der kleine ist ein Kurzer. Ein Popel! Auch wenn er größer ist als eine Kuh. Also lief David entschlossen zurück zu der Luke. Er machte sich flach wie eine Flunder. Dann rutschte er über den schleimigen Fischschlick, schlug sich die Ellbogen an der Tunnelwand auf und klatschte ins Walbecken. Splosch! Weena kreiste bedrohlich um den Eindringling. David ließ Wayne herankommen und hängte sich an seine Rückenflosse. “Halt still, Blödmann!”, blubberte er mit salzigem Wasser im Mund. Vorsichtig löste David das Netz von den Flossen. Dann streifte er es über Waynes Kopf und schleuderte es aus dem Becken. Da schoss Weena von hinten auf David zu. Sie stieß ihn aus dem Wasser, wirbelte ihn durch die Luft und tauchte mit ihm unter - und wieder auf. Wie mit einem Spielball. DAS - WARS - WOHL!, schoss es David durch den Kopf. Das Wasser brannte ihm in Augen und Nase. Wie ersoffen lag er auf Weenas Rücken. Es dauerte ganze drei Reitrunden, bis David es kapierte. "Komische Art, sich zu bedanken!", lachte er und klatschte auf die raue Walhaut. "Was du wohl auf dem Fischmarkt bringen würdest?" Aber Weena prustete ihm nur mitten ins Gesicht. |
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