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Fräulein Semelings Ahnung

"Und ich sage Ihnen, Herr Hauptkommissar, dem Christoph ist was zugestoßen!" Fräulein Semeling rückte würdevoll ihren weinroten Wickelturban zurecht und funkelte mich durch ihre dicken Brillengläser an. Für eine Krebspatientin im Endstadium, die in einem Hospiz ihre letzten Wochen verlebte, war die alte Dame noch verdammt hartnäckig. Sie hatte mich telefonisch im Kommissariat aufgestöbert und herbeizitiert. Und ich war sofort angetanzt, obwohl ich in solchen Fällen normalerweise den diensthabenden Hauptmeister losschicke. Die Angelegenheit sei zu dringend, hatte sie ins Telefon gepoltert, als dass man die unteren Dienstgrade da ranlassen könne.

Ich bemühte mich redlich, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich es für reine Zeitverschwendung hielt, hier herumzusitzen. "Aber liebe Frau Semeling, eben sagten Sie noch, Sie hätten gestern Post von Ihrem Neffen bekommen. Aus Venedig." Wie sehr sich alte Leute doch in Widersprüchlichkeiten verstrickten!

"Das ist richtig", erwiderte sie. "Auf dem Umschlag steht sein Name als Absender. Aber dieser Brief ist nicht von ihm."

"Aha. Und wie wollen Sie das wissen?" Langsam wurde ich ungeduldig. "Es ist ein ganz normaler Computerausdruck. Schrifttyp Arial, Größe 12, genau wie Millionen anderer Ausdrucke auch. Früher, ja, da hatte man noch Anhaltspunkte, da wurden Briefe noch mit der Hand geschrieben oder auch schon mal mit der Schreibmaschine getippt. Aber heute."

"Papperlapapp, ich rede von etwas ganz anderem. Dieser Brief klingt anders. Wenn ich ihn mir vorlese, meine ich."

"Sie lesen sich die Briefe vor, die man Ihnen schickt?" Unwillkürlich drängte sich mir das Bild einer alten Dame auf, die beim Lesen den Finger über die Zeilen gleiten ließ und womöglich einzelne Wörter buchstabierte.

"Ja, Herr Hauptkommissar. Jedenfalls die von meinem Neffen, und das sind so ziemlich die einzigen, die ich überhaupt bekomme." Ein Schulterzucken. "Jede Woche schreibt er mir einen. So haben wir es abgemacht. Ich schicke ihm regelmäßig Geld, postlagernd, und er berichtet mir dafür von seinen Reisen. So kriege ich auch mal was mit von der Welt, selbst wenn ich in Wirklichkeit nur in meinem Kämmerchen hocke. Schließlich", sie deutete lächelnd auf ihre Beine, die unter einer karierten Wolldecke verborgen waren, "können die zwei mich nirgendwo mehr hintragen."

Ich nickte wortlos. Sie schob mit ihrem Rollstuhl zu dem kleinen Schreibtisch am Fenster und reichte mir ein Blatt, das darauf gelegen hatte.

"Sehen Sie hier, das ist sein letzter Brief. Aus Rom. Lesen Sie nur. Aber laut."

Ich begann:

"Rom, den 17.10.2005

Ich tauche ein in schattendunkle Gassen. Über sandfarbenen Hauswänden strahlt der Azur eines weiten Himmels, das Gleißen der Sonne hat aufgehört. Frisches Grün wächst aus Kübeln und Töpfen, schlängelt sich hoch an Abflussrohren und Balkonbrüstungen. Da! Weiß leuchtet plötzlich die Fontana di Trevi auf, unerwartet und mächtig. Um das Becken brodelt eine Menschenmenge, Stimmengemurmel webt einen gleichmäßigen Klangteppich, durchsetzt von fröhlichen Lauttupfern: hier ein klingender Fotoapparat, da ein Ruf, dort ein Lachen. Der Brunnen, ein gewaltiger Anblick. Mein Herz pocht. Ich bin in Rom! Allein unter vielen, doch eins mit mir selbst."

Ich stockte und schaute zu ihr hinüber. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages hatten sich auf die zerbrechliche Gestalt im Rollstuhl gelegt, als ob sie sie einhüllen wollten. Die Hände im Schoß gefaltet, die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst, hörte sie mit geschlossenen Augen zu. Ich musste mich räuspern, bevor ich wieder sprechen konnte.

"Haben Sie keine sonstigen Angehörigen außer Christoph?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich war nie verheiratet. Und Christophs Eltern sind schon lange tot. Ein Autounfall."

"Ist das Geld, das Sie ihm schicken, seine einzige Einnahmequelle?"

Sie nickte. "Er braucht ja nicht viel. Schläft in Jugendherbergen oder preiswerten Hotels. Er ist eben ein Künstler. Ein Wort-Künstler, wie er mal gesagt hat."

"Und er schreibt Ihnen immer, in welcher Stadt er sich als nächstes aufhalten wird, damit Sie ihm das Geld schicken können?"

"Ja."

Allmählich wurde es dämmrig im Zimmer. Fräulein Semelings Turban, der eben noch rotgolden geschimmert hatte, wirkte jetzt fast schwarz. Schließlich fiel mir der Brief aus Venedig wieder ein, und ich bat sie, ihn mir zu zeigen. Als sie ihn mir reichte, knipste ich die Schreibtischlampe an.

Zurück im Kommissariat, richtete ich mich auf eine längere Telefon-Sitzung mit Rom und Venedig ein. Eine halbe Stunde später hatte ich Gewissheit: Vor drei Tagen war ungefähr acht Kilometer südlich von Rom Christoph Semelings Leiche gefunden worden. Sie hatte im Tiber getrieben, Stichwunden im Rücken ließen keinen Zweifel an einem Mord zu. Die Polizei in Venedig hatte bereits ganze Arbeit geleistet und einen Hauptverdächtigen festgenommen, einen 34 Jahre alten Deutschen, Weltenbummler wie Christoph, mit dem dieser am Vorabend seines Todes in einer römischen Bar gesehen worden war. Die Ermittlungen vor Ort hatten ergeben, dass jener Mann Christophs Ausweis getürkt und damit im Fondaco dei Tedeschi, der Hauptpost in Venedig, Fräulein Semelings Geldsendung abgeholt hatte. Ich erklärte mich einverstanden, der einzigen Angehörigen des Toten die traurige Nachricht zu übermitteln.

Fluchend stand ich auf, öffnete den Aktenschrank hinter meinem Schreibtisch und holte die Whiskyflasche heraus, die ich dort aufbewahre. Wenn der Job zu stressig wird, trinke ich schon mal einen oder zwei. Und in diesem Moment war er das. Stressig. Und niederdrückend. Gleich würde ich einer alten Frau, die nicht mehr lange zu leben hatte, erklären müssen, dass ihr Neffe in Italien ermordet worden war. Wegen einer Geldsumme, die sie selbst ihm regelmäßig schickte. Ich nippte an meinem Glas und fand, dass dieser Augenblick wieder einmal prächtig zu allem passte. Zu mir, zu meinem ganzen Leben. Seit meiner Scheidung war es nur noch ein Trümmerhaufen, nichts als Sumpf und Öde. Und die Jahre davor, die zu dieser Katastrophe geführt hatten, waren auch nicht besser gewesen. All die Kleinigkeiten, die Streitereien und Schlammschlachten, die uns aufgerieben hatten. Scheiß-Spiel. Scheiß-Job. Schließlich holte ich tief Luft, schob die trüben Gedanken in eine dunkle Zone meines Hinterkopfes und nahm das Telefon in die Hand. Fräulein Semeling war schnell am Apparat.

"Und?", fragte sie nur.

Ich stellte mir vor, wie sie in ihrem Rollstuhl saß, mit dem weinroten Turban auf dem haarlosen Kopf, und dachte daran, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie, nur vom Pflegepersonal begleitet, in einen einsamen Tod hinübersterben würde.

"Ich habe angefangen zu ermitteln", sagte ich schließlich. "Wohin wollte Ihr Neffe doch gleich im Anschluss an Venedig reisen?"

"Nach Pisa."

Die Kollegen in Pisa würden schon mitspielen. Und die in den anderen Städten auch. Schließlich war es kein großer Aufwand, eine Geldsendung abzuholen und einen Brief einzuwerfen, damit es so aussähe, als käme er von dort. Ich würde ihnen einfach sagen, es sei für eine Geheimermittlung.

Den Whisky schloss ich wieder im Schrank ein. Ich würde einen klaren Kopf brauchen. Was hatte der unbekannte Weltenbummler aus Venedig geschrieben? "Viele Grüße vom Markusplatz. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Nur die Tauben sind lästig." Und sie hatte natürlich sofort gemerkt, dass nicht Christoph das geschrieben hatte.

Ich setzte mich an meinen Computer, Schrifttyp Arial, Größe 12.

"Als ich im Morgengrauen auf den großen Platz hinter der alten Stadtmauer Pisas trete, ragen Dom, Baptisterium und Glockenturm gespenstisch weiß aus dem grünen Rasen empor, als ob ein Riesenkind sein Spielzeug dort vergessen hätte. Noch hüllt Frühnebel alles ein, doch schon überzieht sich der Himmel im Osten mit einem roséfarbenen Hauch. Bald werden wärmende Sonnenstrahlen allen Dunst vertrieben haben. Die Straßenlaternen gehen aus. Pisa erwacht."

Für Fräulein Semeling wird Christoph nie gestorben sein. Ich erzähle ihr einfach, er sei in Venedig krank gewesen und habe deshalb anders geschrieben als sonst. Das Geld lasse ich einem guten Zweck zukommen. Vielleicht der Hospizbewegung.

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