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Die Frau ohne Namen
Mir fiel auf, dass ich keiner Menschenseele begegnet war. Den ansonst so belebten Fußpfad umgab eine mystische Stille. Mein Puls raste. Die Strapazen der letzten hundert Meter machten mir zu schaffen. Aber ich wollte einige Pfunde verlieren. Darum war auch diese steile Anhöhe kein Hindernis für mich. Zugegeben, dieser Ausblick, der mich nun erwartete, war eine gute Entschädigung für meine Quälerei.
An der Felsenbrüstung stand eine Frau. In der Hand hielt sie eine rote Rose. Mir war, als redete sie mit jemanden. Aber weit und breit kein menschliches Wesen. Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Noch immer klopfte das Blut in meinen Adern. Schwer atmend stellte ich mich neben sie. Meine Hände umklammerten die kalten Eisenstangen. Normalerweise halte ich mich von solchen Abgründen fern. Aber diesen Blick fand ich immer wieder gigantisch und faszinierend zu gleich. Dort im Tal, wo sich die Werra wie ein Hufeisen entlang schlängelte. Wo am Horizont die Sonne blutrot hinter den Fichtenwäldern verschwand. Hier konnte man alles vergessen. Hier war die Welt in Ordnung, die Luft so klar und rein.
Überwältigt von der Schönheit der Natur, wendete ich mich dieser Frau zu: „Ist das nicht ein traumhafter Sonnenuntergang?“ Regungslos stand sie da, so als hätte sie nicht vernommen was ich sagte. Keine Geste, das bleiche hagere Gesicht, starr und leer. Nur die Rose drehte sie sanft zwischen Daumen und Zeigefinger. Schließlich sagte sie teilnahmslos: „Er ist dunkler geworden... hat seinen Glanz verloren.“
Wie sollte ich das denn verstehen? Für mich gab es kein hell, oder dunkel, Glanz oder nicht Glanz. Ich als Natur Liebhaberin hätte das doch bemerkt. Für mich waren sie immer gleich schön... diese Sonnenuntergänge.
Ein Käuzchen unterbrach die Stille. Der laue Frühlingswind bewegte das zarte Grün der Baumwipfel. „Er hat uns einfach verlassen“, sagte sie mit der selben Teilnahmslosigkeit wie sie mir zuvor geantwortet hatte.
Im ersten Moment stutzte ich. Wollte sie reden, oder sollte ich gehen?
Schließlich wandte ich mich ihr zu. Sie schien nicht älter zu sein als ich. Aber ich hatte doch so wenig Erfahrung mit Beziehungskrisen. Wenn ich ehrlich sein sollte... überhaupt keine. Wie konnte ich ihr dann gute Ratschläge geben? Oder soll ich einfach gehen. Nein, das wäre schäbig. Was kostet es schon zuzuhören.
„Hey... ich heiße Blanka. Willst Du darüber reden?“ Wieder folgte Schweigen. In der Ferne ertönte schrill das Signal eines Zuges. Verunsichert stand ich neben dieser Frau. Langsam drehte ich mich um, entfernte mich ein paar Schritte. Was ist, wenn ich gehe? Vielleicht tut sie sich etwas an. Könnte ich damit leben? Also blieb ich.
Mit leiser zaghafter Stimme unterbrach sie die minutenlange Stille. „Hier habe ich David kennen gelernt.“ Noch immer starrte sie über die endlosen Weiten des Horizonts. Dabei war völlig unklar, ob sie überhaupt etwas von dieser Schönheit wahrnahm. „Damals joggte ich mit meiner Freundin. Sie war öfter hier – ich das erste Mal. David stand hier... einfach so. Wir sahen uns an... schon war es um uns geschehen.“
„Ah... Liebe auf den ersten Blick.“ Dabei gab ich mir die größte Mühe überzeugend zu wirken. In meinem neunundzwanzigjährigen Singleleben konnte ich solche Ereignisse noch nicht verbuchen. Ohne auf meine Worte zu achten, redete sie weiter: „Nach acht Wochen hat er mir an dieser Stelle, einen Heiratsantrag gemacht.“
Er schien ein Romantiker zu sein... dieser David. Fasziniert von dem Gedanken, dass auch mir so etwas mal passieren würde, wendete ich mich ihr zu. Auch sie drehte langsam ihren Kopf. So sah ich, ihre blauen Augen, die sich mit dem Rot des Abendhimmels vermischten. Schließlich sagte ich: „Nach acht Wochen? Aber...“ Noch ehe ich aussprechen konnte, erzählte sie weiter.
„Dort auf dem Felsen breitete er ein Tuch aus. Dann musste ich mich umdrehen. Es dauerte eine Weile. Schließlich führte er mich dorthin. Ein
Herz aus roten Rosen lag mir zu Füßen. Und in der Mitte... in der Mitte...“ Ihr schmales Gesicht bekam freudige Züge. Der Wind spielte mit ihrer blonden Locke die immer wieder ins Gesicht fiel. Wie hypnotisiert sprach sie weiter: „... zwei Gläser in denen Champagner prickelte. Und dann, die schönste Liebeserklärung, die ich je gehört hatte. Für Ewig sollte es sein.“ Ein gebrochener Schluchzer entrann ihr. Ihre Gefühle schwankten zwischen himmelhochjauchzend und am Boden zerstört. Die knochigen Finger wanderten auf dem Eisengeländer hin und her.
Natürlich regten sich in mir auch jene warmen Gefühle, die ich mir insgeheim wünschte. Trotzdem wurde ich den Gedanken nicht los, was dieses wundervolle Gefühl zerstört hatte. War es eine andere Frau? Oder einfach nur der Alltag, der alles im Nebel verschwinden ließ.
Ihre Mundwinkel zogen sich nach oben. „ Nach weiteren acht Wochen haben wir geheiratet.“ „Wieso so schnell?“ Platzte ich verwirrt über die Lippen. „Wieso nicht?“ Hielt sie dagegen. „Seine Mottos waren klare Entscheidungen und schnelle Entschlüsse. Ein Perfektionist – ohne wenn und aber.“
Sie strich ihr Haar aus der Stirn. Ihr smaragdgrüner Blazer schmiegte sich sanft um die schmale Taille. So etwas konnte einfach nicht gut gehen, dachte ich bei mir. „Ich weiß, was Du jetzt denkst“, fast schon zynisch schmetterte sie mir die Worte entgegen. „Das haben sie alle gedacht. Nach dem Motto – drum prüfe wer sich ewig bindet. Aber wir haben ihnen bewiesen, dass es auch anders sein kann.“
Moment, hatte sie nicht gesagt, er hat sie allein gelassen? Noch ehe ich eine Frage über die Lippen bringen konnte, redete sie monoton weiter. „David war anders... zuvorkommend, nett, zärtlich. Ich brauchte nur einen Wunsch zu äußern, schon setzte er ihn in die Tat um.“
„So einer also, der immer um einen herumtänzelt.“ Finster traf mich ihr Blick. Erst jetzt merkte ich, dass ich sie mit diesen Worten verletzte. Aber ich mag solche Typen nicht, die einem die Luft zum Atmen nehmen. „War nicht so gemeint“, antwortete ich umgehend. Das Finstere verschwand aus ihren Augen. „Sehr oft brachte er mir eine Rose mit. So als kleine Entschädigung, wenn es im Büro mal wieder später wurde.“
Genau, dass kennt man. Sie vergnügen sich anderweitig und die liebe Ehefrau wird mit einer Rose abgespeist. „Und das hat dich nicht stutzig gemacht?“
„Nein... du verstehst nicht. Ich liebe Rosen über alles, und das wusste er. Es machte ihm viel Freude, wenn ich glücklich war und nur das Beste war gut genug. Wo andere Sekt tranken, musste es bei ihm Champagner sein. Andere tranken Schnaps... er Cocktail. Aber höchsten zwei. Und so konnte man die ganze Liste weiterführen.“
Also lebte er auf großem Fuß. Vielleicht war er ja auch viel älter und hatte genug Geld? Mir brannte die Frage unter den Nägeln, doch schließlich wollte ich nicht indiskret sein. Leise murmelte ich vor mich hin... Champagner. „David war gut... verdammt gut. So wurde er mit vierunddreißig Chef einer Versicherungsfirma. Ich sagte doch, ein Perfektionist.“
Wortlos folgte ich dem Flugzeug, dass wie ein kleines silbriges Spielzeug am Himmel entlang glitt. Auch sie sah hinauf, diese Frau, von der ich noch immer keinen Namen wusste. Wir standen schweigend nebeneinander. Sie stützte ihren Ellenbogen auf das Geländer. Mit zarter Stimme wisperte sie: „Er wollte so gern einen Sohn.“
Ihre Lippen bebten. Dabei spürte ich den Kloß, der sich in ihrer Kehle bildete. Tränen sammelten sich, stiegen ihr in die Augen. Ich war verunsichert. Zaghaft berührte ich ihre Schulter, in der Hoffnung dass es sie ein wenig trösten würde. „Es wird schon wieder. Du wirst ihn vergessen.“ Doch diese Worte mussten sie wie ein Pfeil getroffen haben, was ich zu dem Zeitpunkt nicht ahnen konnte.
Sie schüttelte schluchzend den Kopf. Ihre Nase lief, und ihr Gesicht war fleckig und geschwollen. In ihrer elfenbeinfarbenen Handtasche, die natürlich aus Nappaleder war, suchte sie nach einem Taschentuch. Als sie sich geschnäuzt, die Tränen abgetupft und noch ein wenig geschnieft hatte, war sie stark genug um weiter zu reden.
„Es hat fünf Jahre gedauert... viele Untersuchungen, schlaflose Nächte zwischen Hoffen und Bangen. Wir hatten uns schon damit abgefunden keine Kinder zu bekommen. Dann wurde ich schwanger und der Himmel tat sich auf.“ Ihre geschwollenen Augen schickten mir einen winzigen Lichtblitz entgegen. Ihre rechte Hand umschloss liebevoll die halb geöffnete Rosenknospe.
„Die Schwangerschaft stand unter keinem guten Stern. Unendlich viele Komplikationen. Zu den Hoffen und Bangen kam die Angst. Er gab mir die Kraft das alles durch zustehen.“ Sie schniefte in ihr Taschentuch, während sich ihre Augen aufs Neue füllten.
„Dann kam Jonas auf die Welt... gesund, und das schönste Baby das wir je gesehen hatten. Er hatte seinen Sohn, sprühte vor Glück und war der stolzeste Papa weit und breit. Ungeduldig wartete er darauf, dass wir nach Hause kamen.“ Ihr Schluchzen wurde stärker und ich spürte die Tragödie, die in den nächsten Worten folgen musste.
„David hatte keine Chance... ein LKW nahm ihm die Vorfahrt. Jonas war drei Tage alt. Heute wäre unser siebter Hochzeitstag gewesen.“
Sie presste die Rose fest an sich. Schluchzend senkte sich ihr Kopf. Auch mir schnürte es die Kehle zu. Während ich sie in den Arm nahm, schossen mir Tränen über das Gesicht. Ohnmacht und Entsetzen machte sich breit. In den glücklichsten Stunden seines Lebens musste er gehen, ohne eine Chance seinen Sohn aufwachsen zu sehen. Und dann ein Kind, das vor dem Grab seines Vaters steht, ohne jemals seine Liebe kennen gelernt zu haben.
Nun begriff ich was sie meinte. Auch mir kam plötzlich dieser Sonnenuntergang, glanzlos und dunkel vor.



