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Picknick fatal

Sie war nicht die erste, stellte sie erleichtert fest. Die anderen vier Frauen waren schon da und zogen sich bereits um. Allein fürchtete Lynn sich in dem riesigen Bürogebäude, besonders im Winter, wenn ihre Arbeit hier vor Sonnenaufgang begann und schließlich auch endete.

Sie grüßte ihre Kolleginnen, zog sich Jogginganzug und Turnschuhe an und rollte ihren Putzwagen aus dem Wirtschaftsraum. Jeden Morgen dasselbe und kein Ende absehbar. Dieses war der einzige einigermaßen lohnende Job, den sie nach längerer Suche hatte finden können und mit dem sich ihr Leben als Alleinerziehende einer Tochter im Grundschulalter organisieren ließ.

Wie immer teilte sie sich ihre Arbeit so ein, dass sie zuletzt das Arbeitszimmer von A. Johannson – Verkaufsleitung – putzen konnte. Sie hatte dabei kein schlechtes Gewissen, auch wenn die Gründlichkeit, mit der sie die anderen Räume ihres Arbeitsbereiches reinigte, nicht mit der zu vergleichen war, die sie für SEIN Büro aufwendete.

Gesehen hatte sie diesen A. Johannson noch nie, aber sie mochte die Art, wie er sich eingerichtet hatte: Kühl und spartanisch mit einem Schreibtisch, dessen schwarze Platte und Container von einem Chromgestell gehalten wurden, zwei Sesseln – Corbusier? – und einer Art Teewagen dazwischen, alles ebenfalls in schwarz und chrom. Der Boden war mit einem hellgrauen Teppich belegt.

Manchmal setzte Lynn sich an den Schreibtisch und sah sich selbst als Führungskraft. Dann ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen zum Fenster vor ihr, das von der Decke bis zum Boden und von Wand zu Wand reichte. Ein sagenhafter Ausblick auf die Stadt sowohl bei Dunkelheit als auch bei Tag. Hinter ihr befand sich ein überdimensionales Acrylgemälde, das die Struktur von verwittertem Holz, rostigem Eisen, blätterndem Putz oder irgendetwas in der Art zeigte. An der Wand rechts von ihr befand sich ein Edelstahlregal, gefüllt mit Akten und Büchern. Die Tür war an der gegenüber liegenden Wand.

Regelmäßig stand ein frischer Blumenstrauß auf dem Schreibtisch, diesmal waren es Rosen in allen Tönen von weiß über gelb bis rot.

Wenn Lynn diesen Raum putzte, kam sie ins Träumen. Dabei stellte sie sich A. Johannson als Arbeitskollegen vor, groß und schlank, sportlich und etwa dreißigjährig. Die weiteren Details wechselten von Tag zu Tag. Sie waren ihr nicht so wichtig. Hieß er Achim? Arne? Arthur? Sie entschied sich für Arne, dieser Name klang skandinavisch und passte sowohl zum Raum wie auch zum Nachnamen.

Während sie mit einem feuchten Lappen über die Tischplatte wischte, auf der sich außer der Vase nur noch ein Glashafen mit einigen Büromaterialien befand, sah sie sich, wie sie IHM eines Tages zufällig auf dem Flur begegnete. Natürlich trug sie nicht diese schmuddelige Arbeitskleidung, sondern ein dezentes und elegantes Businessoutfit – so nannte man das wohl. Was immer es genau sein mochte, sie besaß tatsächlich nichts dergleichen, wozu auch! Jedenfalls würde er sie begrüßen und fragen, ob er ihr irgendwie helfen könne …

Weiter kam sie vorerst nicht mit ihrem Tagtraum, denn Lena schaute herein und fragte, ob sie den Staubsauger brauche. „Später. Ich hole ihn mir dann. Danke!“

Lynn war wieder allein und putzte jetzt die zahlreichen Chromteile mit einem weichen Tuch. Waren es SEINE Fingerabdrücke, die sie an einigen Stellen ganz deutlich sah? Versonnen fuhr sie mit der Hand darüber und entfernte dann mit sanften, reibenden Bewegungen alle Spuren, die sie finden konnte.

Die Unterbrechung durch Lena erlaubte ihr, mit einem kleinen Zeitsprung weiterzuträumen. Sie hatte Arne Johannson jetzt irgendwie so weit kennen gelernt, dass er sie bei einer weiteren zufälligen Begegnung fragte, ob sie Lust auf ein Picknick mit ihm habe, im Stadtpark z.B. am Badesee. Das Zusammentreffen fand diesmal im Foyer statt, und es war ein herrlicher Sommertag, weshalb Lynn nur einen leichten, verführerischen Fummel trug.

Ohne lange zu überlegen willigte sie ein und sah sie beide bereits hingegossen auf einer Decke in der Abendsonne, neben sich einen geöffneten Picknickkorb, gefüllt mit Trauben, gebratenen Geflügelteilen, Baguette und Champagner. ,Gleich heute Abend?´ fragte er nach.

Gerade als sie hocherfreut zusagen wollte, sprang die Bürotür auf und eine Lynn fremde Frau betrat den Raum. Sie mochte Anfang vierzig sein. Groß, schlank, mit dunkelblondem, lockigem und nur nachlässig hochgestecktem Haar – ein eher südländisches Gesicht, etwas streng mit dunklen Augen und einer klassisch geraden, ein wenig zu großen Nase. Sie trug einen hellen modischen Anzug mit einem dunklen Top unter dem Jackett. Tolles Dekoltée! „Lassen Sie sich bloß nicht stören“, sagte sie etwas außer Atem. „Ich muss den ersten Flug nach Frankfurt kriegen und habe wichtige Unterlagen vergessen.“ Sie riss eine Lade aus einem der Schreibtischcontainer auf, zog verschiedene Mappen heraus und entschied sich schließlich für eine davon, die anderen legte sie zurück. „Bin schon wieder weg! Schönen Tag noch!“. Winkend verließ sie den Raum, ohne sich umzublicken. Die Tür fiel ins Schloss, und Lynn löste sich aus ihrer Erstarrung.

,Arne, heißt er auch nicht´, war das erste, was sie wieder denken konnte. ,Eher Ariane oder so.´ Lynn seufzte tief, holte sich den Staubsauger und ließ ihren Traum in seinem Lärm untergehen.

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