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Er war noch niemals in New York …

Licht ging an. Im Treppenhaus des achtstöckigen Plattenbaus klackte eine Tür ins Schloss. Es dauerte eine Weile, dann fiel ein riesiger, verschwommener Schatten auf das dicke Milchglas der Eingangstüre. Der Schatten kam langsam näher, gewann an Schärfe und Kontur. Die Türe kratzte unangenehm laut in der sichelförmigen Scharte auf dem Steinfliesenboden entlang, als sie aufgezogen wurde.

Der Mann war unrasiert, sein angegrautes Haar war mit einer Schneidemaschine unprofessionell, aber sauber getrimmt. Die Knie seines Trainingsanzugs waren ausgeleiert. Er hatte den Bademantel nicht zugebunden. Seine Füße steckten mehr halb als ganz in Sportschuhen, deren Fersen er aus Bequemlichkeit herunter getreten hatte. Mit leicht eingefallenen Schultern schlurfte er nun die dunkle Straße hinunter. Die Bändel des offenen Bademantels flatterten im regenfeuchten Herbstwind.

Erwin steuerte den kleinen Park am Ende der Straße an, da wo sich tagsüber die Kinderbesitzer mit den Hundebesitzern im erbitterten Territoriumsstreit ankeiften. Im Gehen kramte er in seiner Hosentasche und zog ein Papierknöllchen hervor, das er zu dem Blecheimer neben der Bushaltestelle warf, der von Müll überquoll. Das Knöllchen prallte von einer grob zerdrückten Cola-Dose ab, sprang aufmüpfig auf den Boden und kullerte in die Dunkelheit davon. Gleichgültig war Erwin schon weiter getrottet, vorbei an der Bushaltestelle, deren Fahrplantafeln mit in Filzstift geschmierten Liebesschwüren und Fäkaliensprüchen verschandelt waren.

An der Ecke erreichte Erwin endlich die Telefonzelle. Er drehte knarrend die Türe auf. Es roch nach Urin, Bier und Pfefferminz. In den Halterungen für die Telefonbücher hingen bis auf das örtliche Branchenbuch nur noch die leeren Einbanddeckel. Erwin hob den Hörer ab, warf eine Münze ein und wählte eine Nummer. Bei jedem Anläuten schien sich die gebeugte Gestalt ein Stückchen mehr aufzurichten. Das Licht der Straßenlaterne schob sich in das Gesicht des Mannes. Seine zerknitterten Züge unter dem Stoppelbart erzählten von einem beschwerlichen Leben.

Nein, er hatte nie eine große Wahl gehabt. Sie waren sieben gewesen, zu Hause. Sieben Mäuler zu stopfen, hatte der Vater immer gestöhnt. An die Eltern konnte er sich nur dunkel erinnern. Die Schule war sein Zuhause gewesen. Seine Lehrerin, Frau Löffler, hatte er noch besucht, als diese schon lange im Ruhestand war. Spritzgebäck mochte sie sehr. Er brachte ihr jedes Mal eine Packung davon mit. Beide tunkten dann immer die Plätzchenringe in heißen Tee und löffelten zum Schluss den matschigen Satz genüsslich aus dem Tassenboden. Erwin hätte gerne eine weiterführende Schule besucht. Doch es war zu wenig Geld da, hatten die Eltern gesagt. Der Vater verschaffte ihm eine Lehrstelle bei sich auf der Arbeit. So wie davor schon seinen beiden Brüdern. Die Hälfte des Lohnes mussten sie abgeben, um die Familie zu unterstützen. Erwin hatte sich nie an den Kleingeist, die Enge, den Mangel an allem, das ewige Teilen und Zurückstecken und Verzichten müssen gewöhnen können. Nach dem Wehrdienst war er nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.

Erwins Blick fiel auf die lückenhafte Leuchtreklame über dem Supermarkt auf der anderen Seite der Straße. „P – _ – _ – N – Y – _ – A – R – K – T“, las er für sich, und blieb bei „N-Y“ haften. New York, murmelte er, und die schlierigen Scheiben der Telefonzelle spiegelten das sehnsuchtsvolle Flackern in seinen Augen. In Gedanken war Erwin schon unzählige Male in New York gewesen. In der städtischen Bibliothek fand sich wohl kein Bildband über New York, den er nicht schon in der Hand gehabt hätte. Amerika mochte er überhaupt gern. Südamerika besonders. Auf den Spuren der Mayas hatte er Stunden in den hohen Regalgängen der Geschichtsabteilung zugebracht. Zu seiner Passion aber wurde Afrika. Unermüdlich studierte er die mystische Architektur der Pyramiden, folgte Heuglin und Fräulein Tinné auf ihren Expeditionen und schlenderte schnuppernd über Durbans exotische Gewürz-märkte. Die Rückkehr in die Realität fiel ihm jedes Mal unerträglich schwer.

Hedy hatte oft mit ihm geträumt. Aber sie war stets die Bodenständigere gewesen. Die Zufriedenere. Die Praktischere. Wenn er wieder einmal sein unerfülltes Fernweh beseufzte, kochte sie ihm eine Griessuppe oder buk einen Schlupfkuchen. Oder sie stellte ihm augenzwinkernd eine Tasse heißen Tees mit Spritzgebäck vor die Nase. Hedy. Wie sehr hatte sie sich Kinder gewünscht. Als es sicher war, dass sie kinderlos bleiben würden, hatte Hedy sich die Enttäuschung von der Seele gekocht und gebacken, sich andere Ziele gesteckt. Sie hatte einen Italienischkurs besucht. Sie war dem Verein der Altstadtfreunde beigetreten und hatte an jedem Weihnachtsbazar ihre Plätzchen verkauft. Auch jetzt noch hatte sie sich ihre ganz persönliche Aufgabe geschaffen, verbrachte drei Tage in der Woche in der Kinderklinik. Sie liebte es, von allen „Vorlese-Oma“ genannt zu werden. Geld nahm sie dafür keines.

Erwin nudelte die Telefonschnur um seinen Zeigefinger. Dann hielt er inne. „Hallo“, sagte er leise, „Ich bin’s.“ Er stockte, drehte sich um, so als wollte er sich versichern, dass niemand hinter ihm stand und lauschte. „Ich bin schon heute Morgen gelandet. Es war eine ziemliche Suppe über Kapstadt. Wir hingen eine Stunde lang in der Warteschleife. Pech, nicht? ...Hallo…bist du noch dran? Die Verbindung ist so schlecht!“ Erwin schüttelte den Hörer und pochte mit dem Finger ein paar Mal gegen die Muschel. „Hedy?! Ah, jetzt ist es besser.“ Er räusperte sich und fuhr mit dem Daumennagel den Münzschlitz des Telefonkastens auf und ab während er weiter sprach: „Bin im Protea Hotel abgestiegen. Aber ich hab nur kurz eingecheckt und bin dann gleich mit dem Mietauto rüber nach Houts Bay. Mensch, in der Bucht wimmelt es zurzeit nur so von Walen. Es war gigantisch. Fantastisches Kap-Wetter übrigens, ehrlich! Jetzt bin ich gerade drunten an der Waterfront, `n Happen essen. Morgen fahre ich nach Knysna. Ich brauch ein paar Tage Strandgefühl vor der Safari oben in Botswana. Hedy? – Hedy, bist du noch da? – Hedy?“

Die Türe der Telefonzelle öffnete sich zaghaft. Erwin wirbelte herum und stieß sich den Ellenbogen am Münzapparat. Eine kleine Frau im apfelgrünen Morgenrock sah zu ihm auf: „Komm wieder ins Bett, Erwin.“, sagte Hedy ruhig und zog ihn behutsam am Ärmel des abgewetzten Bademantels. Folgsam legte Erwin den Hörer auf. Seine Schultern sanken langsam ein. Er rieb sich den Ellenbogen. Dann legte er einen Arm um Hedys Schultern und küsste sie sanft auf ihr locker gerafftes Haar. Hedy lehnte den Kopf an seinen Oberarm. Gemächlich schlenderten sie die Straße zu ihrem Wohnhaus hinauf. Das Licht im Treppenhaus war schon wieder ausgegangen.

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