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Weiße Schuhe aus Berlin

Die Schuhe standen vor dem Bett, unten am Fußende. Bereit zum Hineinschlüpfen. Arthur Müller saß am Bettrand. „Ich hätte klingeln müssen,“ dachte er, „dann wären sie gekommen.“ Er blickte auf die Schuhe. Feine weiße Glattlederschuhe mit hellbraunen Nieten, hellbrauner Sohle und ebenso braunen Schnürsenkeln. Ganz spitz liefen sie zu und ihre Form veranlasste Betrachter zu sagen: „So was haben Sie getragen?“ Mal klang es leicht spöttisch, mal bewundernd und immer schloss man mit der Bemerkung ab, „aber doch jetzt nicht mehr!“ Seine Tochter wollte, dass er sie in den Schrank stellte.

Doch das kam nicht in Frage, sie blieben am Bett stehen.

Arthur Müller ordnete die Menschen nach ihrer Meinung und Fragestellung über seine Schuhe ein. Stieß er auf Verständnis „schade, dass Sie die Schuhe nicht mehr tragen können,“ oder auf Interesse „na, die könnten was berichten“, dann schloss er denjenigen in sein Herz und führte lange Gespräche mit ihm..

Arthur Müller zählte 91 Jahre, seine Schuhe 56. Sein Haar war dünn und grau, sein Körper schmal und hinfällig und die Schuhe wiesen ganz feine Risse im strahlend poliertem Leder auf. Seine Beine versagten ihm in letzter Zeit, sie knickten ein und er stürzte hin. Die Sohlen der Schuhe waren kaum abgelaufen.

Der übergroße Wecker auf dem Nachttisch mit den Riesenziffern zeigte auf 7 Uhr. „Gleich Schichtwechsel“ sagte er vor sich hin, und horchte auf die Geräusche im Flur. Sein Gehör war noch gut.

Er sah an sich hinunter, sein blaugestreifter Schlafanzug baumelte um die mageren Beine, die Füße bläulich angelaufen und die Hammerzehen glänzten rot. Er wandte den Blick und sah neben den weissen Schuhen seine Sandalen stehen, hässlich und dunkelblau, für Problemfüße eben. Er seufzte tief. Er hatte sich selbst dazu entschieden, in dieses Seniorenstift zu gehen. Vor zwei Jahren hatte Esther, seine einzige Tochter, ihn zu sich in die Familie geholt und es verging kaum Tag, wo er sich nicht über irgendeine Kleinigkeit aufregte. Die Enkel zu laut, das Essen zu unmöglicher Zeit und zu scharf und die Hilfestellung von Esther war ihm peinlich.

Er, der mit 80 Jahren noch Marathon gelaufen ist, wollte selbstständig sein und konnte es nicht akzeptieren, dass die Kraft des Körpers immer mehr nachließ. Er verweigerte auch jedes Schmerzmittel, seine Gichtschmerzen waren oft höllisch, nein, er wollte seinen Körper spüren.

Es klopfte an der Zimmertür. Schwester Agnes trat ein. „Guten Morgen Herr Müller, sie warten ja schon, warum haben Sie denn nicht geklingelt?“ Sie holte den Rollator, seine zugleich verhasste und doch brauchbare Gehilfe, und schob mit ihrem Fuß die weißen Schuhe unters Bett. „Dumme Pute“ dachte Arthur Müller und ein tiefes Unbehagen breitete sich in ihm aus. „Wie man mit Schuhen umgeht, so geht man auch mit Menschen um“, murmelte er und schlurfte ins Bad.

Er brauchte beim Waschen und Anziehen Unterstützung, hier im Heim fiel ihm das leichter als bei seiner Tochter. Außerdem zahlte er dafür.

Den Vormittag verbrachte er auf dem Flur gegenüber seinem Zimmer.

Die Tür ließ er stets offen, so konnte er sehen, wie die Putzfrau mit seinen geliebten Schuhen umging. Er passte genau auf, ob sie sie hochhob, womöglich noch mit feuchten Handschuhen oder mit dem Wischer einfach weg schob und wie sie sie abstellte. Es gab Frauen, die wischten einfach drum herum und die waren ihm am liebsten.

Denen gab er Schokolade, die Esther ihm besorgen musste. Jeder neuen Reinigungskraft wurde gesagt: „Pass auf Müllers Schuhe auf, der dreht leicht durch!“

Nein, durchdrehen nicht, aber die Einstufung in guter oder schlechter Mensch erfolgte auf der Stelle. Diese Einordnung hatte nur die eine Konsequenz, Arthur Müller grüßte oder grüßte nicht. Er strafte mit Ignoranz.

„Ich muss hier erst lernen alt zu sein“, sagte er zu Frau Braun, die im Zimmer neben ihm wohnte, „das wird mir in diesem Haus klar, ich fühle mich noch viel zu jung“.

„Sicher, sicher, vielleicht von innen, von außen bist du so alt.“ Antwortet Frau Braun und geht weiter, eine Hand am Handlauf, eine am Stock.

Jeden Tag geht sie mehrmals den Flur auf und ab. Sie trägt schwarze Pumps, schöne Schuhe findet Arthur Müller. In einem Heim gibt’s wenige, sehr wenige hübsche Schuhe, weder bei den Mitbewohnern, geschweige denn beim Personal. Alles nur gesundes Schuhwerk, grässlich, denk er oft.

Eigentlich gefiel es ihm im Heim. Es gab viele Angebote, an denen er sich beteiligen konnte, doch oft ließ es sein Gesundheitszustand nicht zu. Schmerzen und Schwindelanfälle häuften sich in letzter Zeit.

Seine Tochter kam jeden dritten Tag zu Besuch. Darauf freute er sich, denn er liebte seine Tochter über alles. Seine Frau war schon vor zwanzig Jahren verstorben. Der Sport half ihm über die schwerste Zeit, nach der Arbeit im Bergbau lief er oft zwanzig Kilometer am Tag.

Das Zusammenleben in der Familie hatten er und Esther geübt und es war schief gegangen. Und jetzt, wenn Esther kam, empfing er sie oft mit den Worten:

„Wo habt ihr mich denn da hingebracht, es ist ja schrecklich hier.“ Er wollte Esthers Bedauern sehen, ihr ein schlechtes Gewissen einimpfen, er wollte bei ihr sein und wiederum nicht. Irgendjemanden musste er doch für seine Gebrechen verantwortlich machen! Er sah es auch bei Frau Braun. Wie sie plötzlich leidend war wenn die Kinder kamen.

Esther reagierte auf seine Vorwürfe mit Schweigen. Sie hörte ihm einfach nur zu und sagte irgend wann ganz müde: “Lass uns in das Cafe gehen.“

Manchmal stand sie auch bei den Schwestern und er spürte, dass es in den Gesprächen um ihn ging, manchmal auch um seine weißen Schuhe. Die Schwestern wollten, dass Esther sie mitnahm um sie zuhause aufzubewahren. „Das könnte denen so passen, die bleiben wo sie sind! Die waren überall mit mir, in jeder Stadt, auf jeder Reise!“

Esther wusste das, selbst ihre Mutter hatte ihr davon schon erzählt.

Egal wohin Arthur Müller reiste, die Schuhe wurden stets als erstes eingepackt. Getragen hatte Arthur Müller sie nur ganz selten und wenn dann nur bei Veranstaltungen in einem Gebäude, auf der Strasse trug er sie nie. Er hatte sie in Berlin gekauft, für viel Geld damals und eine kindliche Freude darüber gehabt, ja, fast ein Glücksgefühl. Jeden Mittwoch war Putztag und das auch schon seit Esther sich erinnern konnte.

Da kam die weiße Erdalschuhcreme auf den abgedeckten Tisch, ein Lappen um die Creme aufzutragen und ein Wolltuch zum Polieren. Danach wurden die Schuhe wieder ins Schlafzimmer gestellt.

Ans Fußende des Bettes. Die Ehefrau von Herrn Müller tat es einfach als Marotte von Arthur ab und lächelte drüber. Esther wusste schon von klein auf, dass sie die Schuhe niemals berühren durfte, manchmal durfte sie beim Polieren mithelfen. Eines konnte sie sagen, ihr Vater hat meistens ihre Kinderschuhe mit ausgesucht und es waren immer hübsche Schuhe, um die sie von den Freundinnen beneidet wurde.

Und ihr Vater war es auch, der ihr das Schuhe putzen beigebracht hat.

Jedes Mal eine besondere Zeremonie. Der Putztag fand auch im Heim jeden Mittwoch statt, nur hatte Arthur Müller Sorgen um seine Hände, sie wurden immer unbeweglicher. Esther hatte so ein modernes farbloses Pumpspray mitgebracht das er empört abwies. Sie würde wohl ihre Besuchstage auf den Mittwoch legen müssen um ihm zu helfen. Sie hatten noch nie darüber gesprochen was mit den Schuhen geschehen sollte, wenn er einmal stirbt.

Aber sie dachte oft darüber nach und hatte Angst, ihm die Frage zu stellen. Eigentlich war es für sie klar, sie würde sie ihm mitgeben, sie ihm in den Sarg legen.

Arthur Müller setzte sich auch oft in die Eingangshalle und beobachtete die Besucher und das Personal, das zur Arbeit kam oder nach Hause ging. Er war sehr charmant und liebenswürdig und begrüßte die Damen gerne mit Handkuss, obwohl es ihm schwer fiel, sich aus sitzender Position zu erheben. Er unterhielt sich gerne und vor allem lange, wer von ihm in ein Gespräch verwickelt wurde, kam so schnell nicht weg. Er erzählte von den „Alten“ die oben lebten und dass es für ihn ja zu früh sei hier zu sein, aber seine Tochter hätte halt keine Zeit für ihn gehabt. Ihr zuliebe sei er da.

Damit sie sich keine Sorgen um ihn machen müsse. Er bekam das Bedauern über sein Schicksal und seinen Großmut und kam dann bestens gelaunt in den Wohnbereich zurück.

Arthur Müller ging es heute nicht gut, er wollte nicht aufstehen. Die Schwestern riefen seine Tochter an.

Als Esther kam, griff er nach ihrer Hand und hielt sie umfangen, eine Geste, die er früher bei ihr nie gezeigt hätte.

„Irgendwann kommt der Tag, an dem ich gehen muss und ich will mit dir das Letzte regeln. Es ist ja soweit alles klar, nur das mit meinen Schuhen noch nicht. Ich habe lange überlegt, ob dein Sohn sie haben will oder dein Mann oder gar du als Erinnerungsstück, doch ich bin zu der Entscheidung gekommen, dass ich sie tragen will, sie werden die Schuhe ja wohl noch an meine Füße bekommen, da tut mir ja dann nichts mehr weh, da kann mich nichts mehr drücken, achte du bitte drauf, ich will sie dabei haben wenn es soweit ist. Mein Schuhputzzeug aber, das nimmst du mit, das nimmst du jetzt sofort mit.“

Er schloss müde die Augen. Esther holte das Putzzeug aus dem Schrank und wusste, der Tag war gekommen, an dem er seine Schuhe zum Letzten Mal seit Jahren tragen würde.

„Esther, mir hat es ganz gut gefallen hier, weißt du“ flüsterte Arthur Müller.

„Ja, Vater, ich weiß“ sagte Esther tapfer und hielt seine Hand und sah auf die weißen Schuhe.

 

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