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Leichtfertige Landpartie

In diesem Krankenhaus bin ich geboren worden vor 41 Jahren. Im Haupthaus, denn damals gab es nur ein Haus. Inzwischen nennt es sich Kreiskrankenhaus, hat viele Nebengebäude und ich liege in Zimmer 24 der psychiatrischen Abteilung.

Sie haben mich aus der Notaufnahme hierher verlegt, aber bald kann ich wieder nach Hause. Meine Schmerzen werden erträglicher und ich muss nicht mehr die ganze Zeit weinen.

Draußen dämmert es bereits, der Herbst hat ganz plötzlich begonnen und es ist gar nicht richtig hell geworden an diesem nieseligen Tag. Mir soll es recht sein, wenn er ganz schnell zu Ende geht.

"Soll ich die Vorhänge schließen?", fragt die sehr junge, sehr gepflegte Schwester. Ich zucke mit den Schultern, die linke tut weh dabei.

"Draußen wartet eine Kommissarin von der Polizei. Wegen Ihrer Anzeige. Sie sagt, es dauert auch nicht lange."

Das Beruhigungsmittel ist stark. Obwohl sich in mir alles sträubt, erhebe ich keinen Einwand. Beim Hinausgehen hinterlässt die Schwester einen sauberen Hauch von Seife und fruchtiger Bodylotion.

Mich irritieren die schweren, orangenen Vorhänge und ich schließe die Augen.

Entsetzt reisse ich sie wieder auf, als ein kalter Luftzug den Geruch von Rauch und Leder an meine Nase trägt. Vor mir steht eine Frau in meinem Alter, mit herben Zügen und kurz geschnittenen, grau melierten Haaren.

"Paff mein Name, Dezernat für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung." Sie streckt mir ihre kräftige Hand hin, doch meine Hände unter der Decke liegen verkrampft über meinem Unterbauch. Ich will sie da nicht wegnehmen, denn so habe ich das dumpfe Pochen im Griff.

"Frau Dollmann, ich bin gekommen, um Ihre Anzeige aufzunehmen. Wenn Sie zu müde sind oder sich sonst nicht in der Lage fühlen, kann ich gerne morgen wieder kommen."

Die forsche Stimme entspricht ihrem Typ einer wehrhaften Nahkampflesbe. Ich schüttele den Kopf.

"Frau Dollmann, ich möchte, dass wir die Kerle erwischen, die Ihnen das angetan haben."

Die Kerle sind grüne Jungs von zwanzig Jahren, gerade fünf Jahre älter als mein Sohn Maxi. Lisa musste gequatscht haben, obwohl ich ihr in der Notaufnahme gesagt habe, dass sie die Klappe halten soll. Wir hatten die Typen zusammen im Happy kennen gelernt und alles, was passiert ist, war ganz allein meine Schuld, schließlich bin ich noch länger geblieben. Warum sollte ich diese ganze, miese Geschichte irgendwem erzählen. Erstens weiß ich selbst nichts Genaues und was ich mir langsam zusammenreime, darf niemand erfahren, vor allem nicht Edwin und Maxi. Niemals.

"Frau Dollmann, haben Sie verstanden, warum ich hier bin?" Sie beugt sich vor und kommt mir sehr nahe. Ihr Gesicht ist merkwürdig schief und ich frage mich, ob es an ihrer gezackten Narbe über der linken Wange oder an meiner schrägen Sicht liegt. Mein rechtes Auge ist fast zugeschwollen.

"Es war ein Unfall", höre ich mich krächzen, "ein Auto hat mich wohl erwischt auf dem Heimweg."

Die Kommissarin seufzt tief: "Frau Dollmann, Sie wurden heute morgen hunderte Meter von der Landstraße im Wald gefunden. Mit zerrissenen Kleidern und blutverschmiert. Wenn diese Eheleute Polifke Sie dort nicht auf ihrem Spaziergang zufällig gefunden und dann ins Krankenhaus gebracht hätten, wären Sie nicht mit dem Leben davon gekommen bei Ihrer Kopfverletzung. Weil man Sie übel zusammen geschlagen und anscheinend vergewaltigt hat."

Bei diesem hässlichen Wort fange ich an zu zittern, es ist böse und hat nichts mit mir zu tun.

"Lassen Sie mich in Ruhe", bitte ich, mühsam meine Tränen unterdrückend.

"Sie wollen also die Täter ungestraft davon kommen lassen. Und wenn sie es wieder machen, mit anderen Frauen? Sie müssen sich nicht schämen, Frau Dollmann, sondern diese Männer. Wollen Sie wirklich keine Anzeige machen?"

Ich schüttele den Kopf. Keine Ahnung hat diese Paff. Die fährt bestimmt nicht sturzbetrunken in eine Dorfdisko. Und wir haben ordentlich getankt, Lisa und ich. Über unsere Männer hergezogen, die lieber fernsehen, als mit uns zu schlafen. Waren in einer gefährlichen Stimmung an diesem familienfreien Wochenende. Hier kennt mich ja keiner mehr. Deswegen sind wir noch ins Happy, den Schuppen gab es damals schon. Aber da durfte ich nie hin, meine Eltern haben es verboten, man liest soviel in der Zeitung, kein Ort für anständige Mädchen. Aber ich steige nicht bei Fremden ins Auto.

Damals habe ich auch nicht soviel getrunken. Inzwischen vertrage ich mehr als Lisa. Die musste ja noch fahren und ist dann schließlich allein heim.

"Ihre Freundin, Lisa Burger meinte, Sie haben vier junge Männer kennen gelernt in der Diskothek Happy?"

Wie Misses Robinson habe ich mich gefühlt und dachte, in meinem Alter könne eine Frau von Welt eine Affäre haben mit einem Mann, der nur halb so alt ist und trotzdem nicht mehr minderjährig. Sie waren nett zu mir. Haben viel erzählt und ein Bier nach dem anderen ausgegeben. Und mit mir getanzt, alle auf einmal. Edwin tanzt nie und Maxi findet es peinlich, wenn ich damit anfange.

"Sind die vier Bekannten mit Ihnen dorthin gefahren, wo man Sie heute morgen fand?"

Heute morgen also. Und schon so weit weg. Wie bei Maxis Geburt, da dachte ich auch, dass ich verrecke. Aber man verreckt nicht so schnell. Erst kommt der Tag danach, dann noch einer und dann vergisst man es wieder.

Und das werde ich auch vergessen, du blöde Kuh. Du hast bestimmt keinen Mann, der wie Eddie morgen extra angereist kommt. Und keinen Sohn, der sich ohnehin schon Sorgen macht um seine versoffene Mutter. Oder soll ich denen erklären, dass ich bei Typen eingestiegen bin, die ich in der Disko kennen gelernt habe und dann - ich weiß es doch selbst nicht mehr genau. Nachdem ich den ersten Schlag bekommen habe, war ich weg. Ich weiß es selber nicht mehr genau und ich will jetzt meine Ruhe, verdammt.

Das letzte habe ich laut gesagt, denn die Paff erhebt sich und schaut mich traurig-verständnisvoll an.

"Ich habe auch mal geschwiegen aus Scham." Sie zeigt auf ihre Narbe. "Der Mann, der mir das angetan hat, war mein Mann und ich habe ihn nicht angezeigt. Sonst hätte er mir eine kosmetische Operation spendieren müssen und ich würde nicht so verunstaltet herum laufen. Aber ich habe lieber gewartet, bis er sich langsam todgesoffen hat."

Ich gebe keine Antwort. Erst als sie die Tür hinter sich schließt, erlaube ich den heißen Tränen, über mein geschundenes Gesicht zu laufen.

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