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Veränderungen

Hastig schlängelte sich Vincent durch den Menschenstrudel am Busbahnhof. Er hatte den Zug gerade noch erwischt und ließ sich erleichtert in den ersten freien Sitz fallen.

Völlig erschöpft lehnte Vincent den Kopf an die Fensterscheibe. Die letzten Wochen hatten ihn eine Menge Kraft gekostet und er war sehr froh, dass er in diesem Jahr dem Drängen seines Vaters nachgegeben hatte. Die beiden waren zum Fliegenfischen verabredet. Eigentlich eine alte Tradition im Hause Flannigan. Doch inzwischen waren ganze zehn Jahre seit ihrem letzten gemeinsamen Ausflug vergangen.

Vincent schloss die Augen und durchstreifte noch einmal die Orte jener Kindheitsjahre, die ihm eine so unerschöpfliche Welt der Abenteuer erschlossen hatten.

Er erinnerte sich daran wie es war, mit der Aussicht auf eine Menge Spaß und der Hoffnung auf einen guten Fang loszuziehen. Über die grünen Hügel von New Hampshire zu laufen, vorbei an zahlreichen Seen, die die endlose Weite großer Berghänge durchsetzten.

Doch vor allem dachte er an seinen Vater. Alles, was er über die Kunst und die Faszination des Fliegenfischens wusste, wusste er von ihm.

„Schau genau her Vincent. Mit einem kurzen Ruck ziehst du das Handgelenk nach hinten und dann schlenzt du es wieder schwungvoll nach vorne. Siehst du Junge.“

Vincent stand am Ufer und schaute gebannt auf seinen Vater, der unerschrocken den mächtigen Fluss durchwatete und gekonnt der reißenden Strömung standhielt.

Meter um Meter rollt sich die Schnur aus der Angelrolle und die Schlingen kreisten immer weiter über der Wasseroberfläche, bis die Fliege schließlich mitten im Fluss eintauchte.

„Gallolee, nach Gallolee alles aussteigen!“, dröhnte es plötzlich aus den Lautsprechern und die mikrofonverzerrte Stimme des Lokführers riss Vincent unsanft aus seinen Erinnerungen. Er raffte sich auf, nahm seinen Rucksack und stieg aus.

„Hallo Vincent. Hattest du eine gute Fahrt?“

„Ja danke Dad.“, entgegnete Vincent noch leicht benommen und verstaute sein Gepäck auf der Ladefläche des Pick-Ups.

„Ich sag dir Junge, da draußen warten eine Menge dicker Forellen auf uns. Das wird absolut fantastisch. Wir werden unter freiem Himmel schlafen und nur dem Ruf der Wildnis lauschen.“

Die gute Laune seines Vaters zauberte sofort wieder ein Lächeln auf Vincents Lippen.

„Wir müssen nur noch ein paar Besorgungen machen.“, sagte sein Vater und pfiff fröhlich vor sich hin.

Ein Einkauf in Mister Smiths Angelladen, war traditionell der erste Schritt, um endgültig die Unrast des Alltags hinter sich zu lassen.

Sie fuhren Straßen entlang, die sie einmal gut gekannt hatten, doch je länger sie unterwegs waren, desto deutlicher wurde, dass sich die altvertraute Umgebung ziemlich verändert hatte. Gleich am Ortseingang, auf den grünen Wiesen, die einst übersät waren mit einem herrlichen

Blumenmeer, thronte jetzt eine riesige Ferienanlage, mit Swimmingpool, Golfplatz und einem Einkaufszentrum. Als sie die Hauptstraße verließen und in die Mainstreet einbogen, sahen sie, dass Mister Smith kleiner nostalgischer Angelladen inzwischen von einem Schnellimbiss und einem Souvenirshop eingerahmt wurde.

Ein wenig verwirrt betraten beide den Laden. Hier hatte sich, zumindest auf den ersten Blick, nichts weiter verändert. Alles befand sich noch an demselben Platz.

Ein junger Mann trat hinter der Ladentheke hervor. „Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“

„Wo ist Mister Smith?“, fragte Vincents Vater.

„Der hat sich vor drei Jahren zur Ruhe gesetzt. Ich führe jetzt das Geschäft. Henry Jenkins, ich bin sein Neffe.“ Freundlich streckte er ihnen die Hand entgegen.

„Nun, was kann ich für Sie tun?“

„Wir nehmen zwei paar neue Gummi-Latzhosen, zwei paar Gummistiefel, Angelschnüre, vier Dosen Bohnen, vier Dosen Mais und sechs Flaschen Bier“, sagte Vincents Vater.

„Brauchen Sie auch noch ein paar Köder?“

„Nein, danke. Ein richtiger Fliegenfischer bindet seine Köder selbst!“

„Oh, das tut mir leid Sir, aber die Verwendung der Köder ist strikt vorgeschrieben. Es dürfen ausschließlich künstliche Fliegen mit Schonhaken verwendet werden. Außerdem benötigen Sie noch eine Angellizenz und eine Sondergenehmigung, wenn Sie zelten möchten. Das gesamte Gelände um den Fluss herum befindet sich seit fünf Jahren in Privatbesitz.“

Beide sahen Mister Jenkins zunächst ungläubig an. „Also gut, wir nehmen eine Angellizenz für das ganze Wochenende.“

„Tut mir leid, aber verkauft werden die Lizenzen ausschließlich wochenweise und ich darf Ihnen auch nur gegen die Vorlage eines staatlichen Fischereischeins eine Lizenz ausstellen.“

Die Miene von Vincents Vater verfinsterte sich zusehend. „Na schön, uns bleibt ja wohl keine andere Wahl.“ Ziemlich verärgert legten sie ihre Fischereischeine vor.

„Das macht dann, alles zusammengerechnet, 289,97 Dollar. Übrigens, Sie müssten dann noch die folgenden Formulare ausfüllen, für den Zeltplatz. Sie wissen schon, wegen der Versicherung.“

„Gebühren, Genehmigungen, Papiere. So ein Unsinn.“, mit grimmigem Blick sah Vincents Vater auf die Uhr. „Jetzt haben wir eine Menge Zeit verloren. Aber zum Glück kenne ich eine Abkürzung!“

Sie fuhren eine endlose Strecke auf ziemlich holprigem Untergrund und ihr Gepäck auf der Ladefläche, entwickelte ein sehr bedenkliches Eigenleben. Vincent stellte sich allmählich die Frage, ob es sich tatsächlich um den richtigen Weg handelte und an der nächsten Abbiegung, bekam er unverhofft die Antwort. Eine Straßensperre beendete endgültig die Weiterfahrt.

Ihre Stimmung sank auf den Tiefpunkt. Sie mussten ihr Auto am Straßenrand stehen lassen und zu Fuß weitergehen.

Es war bereits dämmrig, als sie sich endlich durch das dichte Unterholz gekämpft hatten. Ohne ein Wort zu wechseln bauten sie das Zelt auf und legten sich schlafen.

Leichter Morgennebel lag noch über dem Fluss, als Vincent seinen Vater bereits am Lagerfeuer herumklappern hörte. Die Kaffeekanne köchelte über dem offenen Feuer und der frische Kaffeeduft erleichterte Vincent das Aufstehen.

„Guten Morgen. Das wird aber auch Zeit, dass du endlich aus deinem Schlafsack kriechst. Vergiss nicht, wir haben eine Menge Geld dafür bezahlt.“

Noch leicht schlaftrunken stolperte Vincent aus dem Zelt. „Was ist mit dem Frühstück?“

„Nimm dir einen Kaffee, für mehr ist keine Zeit.“, entgegnete sein Vater.

„Aber keine Sorge, bald wird es hier nach herrlich frisch gegrilltem Fisch duften!“

Doch leider sah es auch nach fast vier Stunden verzweifeltem Werfen und Stoppen nicht so aus, als würde bald irgendetwas über dem Lagerfeuer brutzeln.

„Vincent, was machst du denn da? Hast du etwa alles verlernt? Du musst mit einem kurzen Ruck das Handgelenk nach hinten ziehen und dann wieder schwungvoll nach vorn.“

Vincent wusste, dass er ziemlich aus der Übung war. Er fuchtelte mit der biegsamen 2-Meter-Rute herum und die Schnur rollte sich Meter um Meter aus der Rolle. Mit der linken Hand zog er die Schnur nach und – verhakte sich prompt im Gestrüpp. Also hieß es wieder einrollen und neu auswerfen, während sein Vater ihn unentwegt mit seinen Belehrungen nervte.

Nach weiteren zwei Stunden, hatte Vincent endgültig genug. Plötzlich machte ihn alles, was sein Vater tat und sagte, vollkommen verrückt. „Verdammt Dad, sag mir nicht andauernd was ich tun soll.“

Vincent bereute es, mitgekommen zu sein. Wütend warf er die Angelrute ins Gestrüpp, nahm sich ein vom Flusswasser gekühltes Bier und setzte sich an die Uferböschung.

Sein Vater hingegen ließ sich nicht entmutigen. Die Aussicht auf einen guten Fang trieb ihn unermüdlich an. Er versuchte den Fluss an einer Stelle zu durchwaten, wohlwissend, dass er dort viel zu tief und zu schnell war.

Mit ausgebreiteten Armen versuchte er das Gleichgewicht zu halten, doch seine schwachen wackligen Beine konnten der reißenden Strömung nicht länger standhalten und er wurde gegen den gewaltigen Felsbrocken in der Mitte des Flusses geschleudert.

Das muss verdammt wehgetan haben, doch viel schmerzhafter war wohl die Erkenntnis, dass er langsam alt wurde und das er einfach nicht mehr die Kraft besaß, um der mächtigen Strömung standzuhalten.

Große Wassertropfen liefen an seinen Haaren herunter und flossen über sein verzweifeltes Gesicht.

Plötzlich zogen dunkle Wolken auf und ein heftiges Sommergewitter mit peitschendem Regen brach über sie herein. Eine starke Windböe riss das Zelt weg und binnen weniger Sekunden, lagen ihre Besitztümer in alle Winde verstreut.

Das angenehme Sicherheitsgefühl der vergangenen Kindheitsjahre, hing jetzt in Fetzen an der Uferböschung.

Vincent ging immer wieder durch den Kopf, dass es ein großer Fehler gewesen war, hierher zu kommen und an etwas festzuhalten, dass offensichtlich längst verloren war.

Doch als er so dastand und seinem Vater dabei zusah, wie er die Reste ihrer Ausrüstung zusammensuchte, da wurde ihm plötzlich klar, wie bedeutend diese Jahre gewesen waren. Sein Vater versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch sein Gesichtsausdruck verriet deutlich, wie niedergeschlagen er war. Er wusste, dass die alten Zeiten für immer vorbei waren.

Eigentlich wussten sie es beide und in diesem Augenblick verstand Vincent, warum sein Vater unbedingt diesen Ausflug machen wollte. Er war nicht hergekommen, um die alten Zeiten festzuhalten, er war gekommen, um Abschied zu nehmen.

Veränderungen lassen sich nicht aufhalten, ganz egal, wie sehr man sich auch das Gegenteil wünscht. Es war an der Zeit, Vergangenes loszulassen und sich auf das zu konzentrieren, was vor ihnen lag. Neue Orte und neue Zeiten.

An diesem Abend passierte viel am Fluss von Gallolee. Statt die Nacht unter freiem Himmel zu verbringen, buchten sie sich ein Zimmer in der neuen Ferienanlage und statt selbstgefangener Forellen, aßen sie Steaks im Hotelrestaurant. Es war der letzte Sommer, den sie in Gallolee verbrachten, doch die wunderbaren Erinnerungen werden sie ein Leben lang begleiten.

 

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