Uta Kreutel: Von Sprüchen
Eine Frau stellt sich der Vergangenheit, begegnet sich selbst in reflektierendem Rückblick und beklagt eingangs die Widrigkeiten des Schicksals, denen sie sich ausgeliefert sah. Beispielhaft führt uns die Autorin eine typische, ernüchternde und zugleich bewegende DDR-Vita vor Augen, macht den blinden Gehorsam der einen und die innere Emigration der anderen deutlich. Im Verlauf des Textes gewinnt der Leser mit der Figur Hoffnung, erkennt die Vielschichtigkeit einer Zeit, die nicht nur Wunden und Selbstgerechtigkeit, sondern auch Mut und Widerstand hervorbrachte. Wir wünschen uns viel mehr solcher technisch ausgereifter Arbeiten, die dazu beitragen, dass West und Ost sich besser begreifen lernen.Romana Ziegler: Seelenwanderung
Direkt und erbarmungslos stürzen wir mit Hanna in einen Alptraum. Die Vorstellung, von jetzt auf gleich das Leben eines anderen zu führen, in einem fremden Körper zu stecken und sich hilflos einer nie gekannten Situation ausgeliefert zu sehen: das erzählt die Autorin so überaus gekonnt, klar und in präziser Sprache, dass wir die unausgesprochene Botschaft sofort begreifen müssen - niemals sollten wir uns wünschen, jemand anderes zu sein. Die besondere Qualität dieser Geschichte liegt darin, wie sensibel sie sich in den Schock und die Erkenntnis des Unabwendbaren der Hauptfigur hineindenkt.Ingeborg Schauer: Kindertage
Diese Geschichte erzählt die Autorin mit klarer, frei fließender, und doch nur mit Andeutungen auskommender Sprache und entführt so in kindliches Erleben und Denken. Wie schmerzlich und für immer prägend der Krieg mit all seinen schrecklichen Ausmaßen besonders für ein Kind sein muss, zeigt sie hier am Einzelschicksal auf. Mit nüchternen Beschreibungen, fast karg im Ausdruck, und durch für sich selbst stehenden inneren Monolog ist ein wunderbarer Text entstanden - weil er durch brillante Einfachheit besticht.Ines Bruckschen: Die Macht der Kirschen
Klar und erfrischend ist diese Jungenstreichgeschichte erzählt. Schöne Charakterstudien und genaue Beschreibungen werfen den Leser unmittelbar in eine ländliche Welt, die schon längst vergangen ist: strenges elterliches Regiment, gemeine große Brüder und das Verlangen nach den verbotenen Kirschen, wie sie der Fuchs nach den Trauben hatte. Voller Tempo und dicht an Athmosphäre überzeugt diese sprachlich unanfechtbare Erzählung.Birgit Jennerjahn: For good luck
Komisch und traurig zugleich, zieht diese Erzählung den Leser in den Bann. Ein Unglück folgt auf das nächste - und wir können nicht anders, als die bemitleidenswerte Hauptfigur gemeinschaftlich mit der Nebenfigur Vera verächtlich abzulehnen. Das Konzept dieses Textes folgt dem klassischen Aufbau der short story: direkter Einstieg, Spannungsaufbau im Mittelteil und die herrlich überraschende Pointe am Schluss machen diese Alltags-Tragikomödie überaus lesenswert.Annegret Andersohn: Ein Lächeln
Die Autorin greift in dieser Beschreibung eines zutiefst bewegenden persönlichen Erlebnisses die aktuelle Diskussion über Sterbehilfe und das tabuisierte Thema des Sterbens überhaupt auf. Dabei zwingt sie uns mit eindringlicher, linearer Erzählweise, uns mit der eigenen Vergänglichkeit und der unserer Eltern auseinanderzusetzen. Bestechend an dieser Arbeit wirkt der ganz und gar klischeefreie Stil: so scheinen wir selbst am Bett eines sterbenden Menschen zu sitzen; und wir erkennen, dass ein mitfühlendes Hinüberbegleiten das Ende vielleicht erträglicher macht.Ewald Laus: Nikolausfeier im Priesterseminar
Hier entdecken wir einen Autoren, der selbst Erlebtes distanziert aus der rückblickenden Warte beschreiben kann. Gekonnt gelingt es ihm durch die gut gebaute Konzeption, uns in eine Zeit zu versetzen, die heute kaum noch vorstellbar scheint: Kinder schlagende Priester, rigide organisiertes Internatsleben, Schmerz und Zorn werden uns plastisch vor Augen geführt. Dabei hinterfragt der Text sehr kritisch zwischen den Zeilen das tabuisierte Thema, ob Religion uns Menschen erlauben darf, über andere zu herrschen. Ganz in der Tradition der klassischen Schulgeschichten gelingt dem Autor der Brückenschlag zur Gegenwart.Holger Groppe: Johann
Hier werden wir in die klassische Märchenwelt entführt, und der Autor arbeitet elegant mit den traditionellen Insignien des Genres: eine sehr arme und überaus gute Hauptfigur, das Böse in Form von unmenschlicher Umwelt und aussichtsloser Hoffnungslosigkeit, eine „Hexe“, die sich als gute Fee entpuppt, und ein Schatz bilden die Struktur dieser Arbeit. Am Ende finden wir Moral und Appell zugleich: auch im Wohlstand sollen wir weiterhin gut bleiben und mit anderen teilen. Auch sprachlich hat sich der Autor wie selbstverständlich dem schwer zu kopierenden Märchenstil bedient.Gabriele Memminger: Vorhang auf
Dieser Text zeigt, wie eine Kurzgeschichte aufgebaut sein muss: mit direktem Einstieg in die Situation führt die Autorin den Leser auf den Konflikt, in dem sich die Protagonistin wiederfindet, hin. Bis zum Schluss bleibt in diesem Kammerspiel der Theaterwelt offen, ob die an sich selbst zweifelnde Hauptfigur an sich wachsen kann. Und so fiebert der Leser, gleichsam selbst als Mitwirkender integriert, bis zum Schluss mit, ob die Protagonistin die ihr unliebsame Aufgabe wird lösen können. Die Autorin bedient sich einer klaren und schnörkellosen Sprache, so dass der Leser sich ganz auf das Geschehen konzentrieren kann.




