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For good luck
Gedankenverloren spielte Tim mit dem gehäkelten Bändchen, das seit dem Thailand-Urlaub seinen rechten Arm zierte. Er war keineswegs abergläubisch und vertraute nicht auf die Macht der kleinen Dinge, und doch hatte der Augenblick mit Mystik und Zauber nicht gegeizt, als ihm der Mönch das braune Band aus Luftmaschen for good luck um sein zu dünnes Handgelenk gebunden hatte.
„Was ist das eigentlich für ein hässliches Teil?“, fragte Vera beim Kaffee in ihrer ehemaligen Lieblingskneipe. „Seit wann stehst du auf Kitsch?“
Die Abfälligkeit in ihrer Sprache verletzte Tim. Sein Blick, überschattet von dunklen Augenrändern, antwortete mit düsterer Feuchtigkeit. Hohle Wangen und Unrasiertheit unterstrichen seinen Gemütszustand. Der athletische Körper schien fehl am Platz, konnte über seine ungesunde Seele nicht hinwegtäuschen.
Warum, fragte er stumm in den Raum hinein, denn er wollte die Antwort nicht hören. Sie liebte jetzt einen anderen.
„Ich muss gehen ...“, sagte er laut und verließ abrupt den Ort, an dem ihre Liebe einst begonnen hatte. Von einer Kälte in die nächste, dachte er, als ihm der eisige Novemberwind entgegenschlug. Ziellos irrte er durch die Straßen der Großstadt und verbrachte den Rest des Nachmittags und Abends verschwenderisch mit Nichtstun, was sonst gar nicht seine Art war.
Am nächsten Morgen um vier stand er wieder in der Bäckerei und knetete Teig für Weihnachten, bis ihn sein Vorgesetzter fragte, was das Gebaumel an seinem Handgelenk solle.
„Bringt Glück!“, antwortete er automatisch.
„Mir egal, muss weg, Hygienevorschriften.“
Obwohl Tim nach der Trennung von Vera kein Glück empfinden konnte, scheute er sich vor Manipulation. Der Mönch hatte das Band fest verknotet. Ihn überkam Unwohlsein, als er es entwirrte und am Fußgelenk verschwinden ließ.
Am Abend ging er zum Sport. Spätestens danach würde er sich besser fühlen. Mit jedem erarbeiteten Schweißtropfen befreite er sein Gehirn von negativen Gedanken. Das passierte ganz automatisch und war immer so.
Aber es blieb nicht so.
Mit einem schnalzenden Peng riss seine Achillessehne in der Aerobicstunde, und er ging zu Boden. Statt den trainierten Körper zur Entspannung in der Sauna auszubreiten, landete er auf einer Krankenhausliege in der Notaufnahme. Ein Freund aus dem Sportclub hatte ihn dort abgeliefert und allein gelassen. Frustriert blickte er auf sein angeschwollenes Fußgelenk. Die braunen Wollfäden des Glücksbändchens schnürten sich immer fester in die Verletzung.
„So, das Ding hat jetzt ausgedient!“ Schnippschnapp machte die Schere. „Hat wohl nicht so viel Glück gebracht?“, grinste die Schwester und reichte Tim das durchtrennte Bändchen. „Ne, nicht wirklich ..."
Urlaub zu Ende, Beziehung zu Ende. Die Möglichkeit, sich durch Arbeit und Sport abzulenken, war Tim genommen worden. Dabei konnte er jetzt nichts weniger gebrauchen als Zeit zum Nachdenken. Aber die hatte er reichlich und einen Grund, sie anzurufen.
„Hallo Vera, Tim hier ...” Anscheinend hatte er zu viel Wehmut in die wenigen Worte gelegt, denn Vera füllte seine hoffnungsvolle Pause nicht aus. Gejammer hatte sie noch nie leiden können. So fuhr er hektisch und unsicher fort: „Ich liege mit einem Achillessehnenriss in der Klinik. Du hast doch noch einen Autoschlüssel von mir?“ Das „Ja ...?“ kam zögernd. „Könntest du mein Auto am Sportstudio abholen, bevor es die Polizei tut? Ich stehe im Halteverbot!“
Die nette Schwester, die ohne mit der Wimper zu zucken seinen Glücksbringer durchtrennt hatte, bedauerte ihn in der folgenden Nacht um die mangelnde Ruhe, als ein Zugang zu ihm ins Zimmer geschoben wurde.
„Macht nichts, ich kann eh nicht schlafen ...“, resignierte er und beäugte seinen Leidensgenossen. Viel war nicht zu sehen, er schien einen Ganzkörpergips erhalten zu haben. Nur das Gesicht war ausgespart, er stöhnte heftig.
„Was ist passiert, Kumpel?“
„Autounfall, scheiß Karre ... ließ sich plötzlich nicht mehr lenken!“
Und dann erzählte ihm sein Gipsnachbar unter Schmerzen, wie ihn seine neue Freundin, übrigens Vera, gebeten hatte, das Auto ihres Exfreundes aus dem Halteverbot zu holen.
„Der Typ muss echt nicht ganz dicht gewesen sein ... die defekte Radachse war eine tickende Zeitbombe! Jetzt hat’s mich getroffen!“
„Tut mir leid, eure Unterhaltung stören zu müssen“, unterbrach die Schwester die Unfallschilderung und stellte eine spanische Wand zwischen die Betten.
„Stell dich nicht so an!“, hörte Tim Vera sagen, weil der Gipsmann aufschrie, als ihm der Arzt einen Blasenkatheter legte.
Tim blickte auf die übrig gebliebenen Wollfäden auf seinem Nachttisch und dachte: GLÜCK GEHABT.



