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Nikolausfeier im Priesterseminar

„Zieht euch dicke, feste Hosen an, sie schlagen euch auf Füße und Beine!“, hatten die Jungs aus den höheren Klassen gesagt.
Mit gemischten Gefühlen im Magen, fieberten wir dem Abend des fünften Dezember 1962 entgegen. Wir, das waren zehn- bis vierzehnjährige Knaben aus dem Priesterseminar in Freising. Anton und Schorsch waren meine besten Kameraden. Anton hatte schon zwei „Fluchtversuche“ unternommen und wurde jedes Mal wieder zurückgebracht. Alle drei kamen wir aus Großfamilien mit fünf bis sieben Geschwistern und so plagte uns ständig großes Heimweh.
Am Nachmittag schmiedeten wir drei Buben Pläne, wie wir uns am Abend verhalten wollten. Schorsch fing an: „Ich stecke mir Kartons unter die Hosenbeine, dann spüre ich nichts.“ Anton meinte sehr tapfer: „Ich werde die Schmerzen schon aushalten.“ Ich sagte dann zu den beiden: „Ich werde gleich laut weinen, dann werden sie schon aufhören zu schlagen.“
Noch vor dem Abendessen mussten sich alle Priesterschüler der ersten vier Gymnasiums-Klassen im Lichthof des Seminars aufstellen. Eine breite, sich nach oben verjüngende Treppe führte hinauf zu einem Treppenabsatz. Dort stand ein prächtiger Stuhl, der aussah wie der Thron eines Bischofs. Dahinter befand sich ein weit zu öffnendes Portal, durch das nun der Nikolaus schritt und auf dem Bischofsstuhl Platz nahm. Er war tatsächlich wie der heilige Bischof gewandet. In der rechten Hand hielt er den Bischofstab, in der linken ein prächtiges Buch, das er vor sich auf ein kleines Pult legte. Aus mehreren Seitentüren des Lichthofs, die in die Unterrichtsräume führten, stürzten nun sechs als Krampus verkleidete Priesteranwärter. Sie waren mit riesigen Ruten bewaffnet. Sie umkreisten uns, die nun vor Angst zitternden, an die vierzig Knaben, und schlugen mit ihren Marterwerkzeugen auf unsere Beine. Wer sich am Rand des Kreises befand, bekam die meisten Schläge ab. Einer nach dem anderen musste nun vor den Nikolaus treten. Über jeden wurde ein kleines Verslein vorgelesen, wie er sich im Laufe des Jahres in der Schule gemacht hatte und wie sein Verhalten im Priesterseminar war. Je böser einer war, desto schlimmer schlugen die Krampusse auf ihn ein. War es etwa Frust, der sie so brutal zuschlagen ließ? Von uns dreien kam ich als Erster an die Reihe. Wegen meiner schlechten Lateinnoten fiel der Vers über mich verständlicherweise nicht lobend aus. Nach den ersten Rutenschlägen heulte ich sofort los und bald hatte das Schlagen ein Ende und ich durfte zurück in den Kreis. Jetzt war Schorsch an der Reihe. Auch über sein Verhalten keine lobenden Worte vom Nikolaus. Die Knechte schlugen heftig zu, aber Schorsch rührte sich kaum. Nun hoben diese seine Hosenbeine hoch und entdeckten die Kartons, rissen sie weg und schlugen noch heftiger zu, bis der Nikolaus befahl: „Hört auf, es ist genug!“ Als letzter von uns dreien kam Anton dran. Auch er erhielt keine Laudatio. Auf ihn schlugen die Krampusse am stärksten ein. Kein Anzeichen von Schmerz in seinem Gesicht, kein Weinen. Man konnte fast hören, wie er die Zähne zusammenbiss. Die Schläge wurden immer heftiger. Dachten die Schläger vielleicht, dass sich auch Anton Kartons unter die Hose gestopft hatte? Einer von ihnen zog ihm die Hosenbeine hoch um nachzusehen. Doch was man jetzt sah, erschreckte sogar den Nikolaus. Er sprang vom Stuhl auf und schrie: „Mein Gott, mein Gott, was habt ihr denn da getan, er blutet ja von oben bis unten, hört sofort auf und verbindet ihn!“
An diesem Abend verlangte keiner von uns Jüngsten mehr nach einem Abendessen. Anton hatte sein Ziel erreicht: Noch vor Weihnachten durfte er heim in den Schoß seiner Familie. Mein Zwischenzeugnis, vor allem die 6 in Latein, war der Grund dafür, dass auch ich noch vor Ostern wieder nach Hause durfte. Nur Schorsch war geblieben. Er war der beste Schüler unserer „Dreieinigkeit“.
Was ist aus ihm geworden? Ist er heute Pfarrer, oder vielleicht ein Bischof?
Ist Anton aus Rosenheim heute ein Großbauer - womöglich mit vielen Kindern?
Ich weiß es nicht; habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Ich hoffe nur, auch sie haben niemals kleine Kinder geschlagen.

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