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Vorhang auf
Grit kam zu spät zur ersten Probe. Mit einem leisen „Hallo“ huschte sie auf einen freien Platz. Grit war sich der aufmerksamen Blicke der anderen Vereinsmitglieder peinlich bewusst. Sie hasste es, im Mittelpunkt zu stehen.
„Wir verteilen gerade die Rollen“, unterrichtete sie Erika, die Vorsitzende und zugleich älteste des Jugendvereins, während sie Grit ein Manuskript überreichte. „Das Theaterstück, das ich ausgesucht habe, spielt im Mittelalter. Ich bin der intrigante Hofmarschall, Katja die stolze Königin, Theo der dumme König und Astrid die schöne Prinzessin.“
Innerlich lachte Grit auf. Die Akteure mussten sich nicht sonderlich verstellen, wie ihr schien. Weiter gab es noch die Charaktere der beiden konkurrierenden Ritter, deren Knappen sowie einiger Nebendarsteller. Insgesamt beteiligten sich zwanzig junge Erwachsene an der Aufführung.
Erika schaute in die Runde. „Grit, liest du bitte die Rolle des Barden für Babsi. Sie ist erst nächste Woche wieder da.“
„Natürlich.“ Grit war wenig begeistert. Eine leise Vorahnung beschlich sie und sie sollte Recht behalten. Die Darstellung des singenden Barden blieb letztlich an ihr hängen. Grit beklagte sich bei ihrer Freundin Manu. „Mir wird schon schlecht, wenn ich nur vor Leuten etwas sagen muss. Jetzt soll ich auch noch singen!“
„Zum Glück darf ich die stumme Hofdame spielen“, seufzte Manu erleichtert.
Grit schüttelte nachdenklich ihren wuscheligen Pagenkopf. „Warum lass ich mich nur immer überreden?“
Die Proben fand Grit sehr erheiternd, so lange sie selbst Zuschauerin war. Die Versprecher gaben häufig Anlass zu schallendem Gelächter aller Beteiligten. „Wenn ich doch auch so locker über meine Patzer hinwegsehen könnte“, sinnierte Grit.
„Du bist dran, Grit!“ Erika unterbrach ihre sehnsüchtigen Überlegungen und versetzte sie mit einem Schlag in die Wirklichkeit zurück.
Sie trat vor das Königspaar. Nach ihrem ersten Satz machte sich plötzlich ihre Oberlippe selbständig, indem sie krampfhaft nach vorn zuckte und zerrte. Grit fing einen erschrockenen Blick ihrer Freundin auf und musste ein paar Mal kräftig schlucken, bevor sie weiterreden konnte. Niemand lachte, doch Grit wäre am liebsten im Erdboden versunken. Ängstlich trug sie ihr Lied vor.
„Du musst deine Stimme heben und dich in Richtung Publikum drehen!“, korrigierte Erika Grits Vorstellung. „Ansonsten in Ordnung.“
„Ich kann das einfach nicht!“ Grit weinte sich in den Armen ihrer Freundin aus.
„Du machst dir zu viele Sorgen. Glaub mir, du singst wirklich gut.“ Wenn man dich hören kann, fügte Manu im Stillen hinzu.
„Das gibt ein Fiasko!“ Grit sah den Premierenabend wie ein Damoklesschwert über sich schweben.
Dann war es soweit. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Das Eintrittsgeld würde das Loch in der Vereinskasse stopfen. Erika jubelte.
In dem engen Umkleideraum hinter der Bühne ging es hektisch zu. Alle sahen prachtvoll in ihren selbstkreierten mittelalterlichen Roben aus. Grit hatte eine besonders schöne Samtmütze mit einer lila Feder. Dazu trug sie gleichfarbige Leggins und eine braune Jacke, die von einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde.
Der Vorhang öffnete sich zum ersten Akt. Grit wartete unheilahnend auf ihr Stichwort und vergebens auf einen rettenden Blitzschlag. Sie betrat die Bühne und sah hunderte von Augenpaaren erwartungsvoll auf sich gerichtet. Verzweifelt versuchte sie sich an ihren Text zu erinnern. Doch wie von selbst formte ihr Mund die eingeübten Worte. Langsam kam Leben in ihren steifen Körper, und sie trällerte ihr Lied so laut sie konnte. Ihre Stimme kam ihr seltsam unwirklich vor. Egal, dachte sie, gleich hatte sie es geschafft. Grit verließ die Bühne und die Menge klatschte Beifall.
„Wie war ich denn?“ fragte Grit erstaunt. „Was habe ich überhaupt gesagt?“
„Na, deinen Text eben“, meinte Manu zufrieden. „Du warst klasse!“
Die anderen nickten anerkennend. Grit fühlte sich leicht und unbeschwert und nicht mehr fehl am Platz.
Nach der Aufführung verbeugten sich die Darsteller gemeinsam vor dem begeisterten Publikum. Mittendrin stand eine freudestrahlende, selbstbewusste Grit, die den Applaus sichtlich genoss. Schließlich musste Manu ihre Freundin gewaltsam von der Bühne ziehen.



