Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Johann
Es war einmal ein armer, zerlumpter, trauriger Kesselflicker, der sein trocken Brot damit verdiente, seine geringen, verachteten Fähigkeiten anzubieten, indem er von Haus zu Haus zog.
An einem milden, sonnigen, frischen Frühlingsmorgen des Jahres 1356, Vogelgesang erfüllte die Straßen und den Marktplatz des mittelalterlichen Frankfurts, machte sich Johann voller Hoffnung auf, seine Kesselflickerqualitäten einer reichen Patrizierfamilie zu Nutzen zu überlassen.
Ein leises Liedchen pfeifend zog er durch die menschengefüllten Straßen Frankfurts im noblen Viertel, manchem demütigen Blick ausgesetzt, doch diese stumm ertragend.
Schließlich fand er sich vor der soliden Eichentüre eines gewaltigen Patrizierhauses wieder und verstummte. Johann war von seinen Gefühlen überwältigt und bekam eine Emotion von Minderwertigkeit. Wer war er schon?
Ein armer, zurückgezogener, von der Gesellschaft verachteter Kesselflicker, der doch kein Recht hatte, dem vermutlich wohl gestalteten Gesicht der Patrizierfamilie unter die Augen zu treten. Er würde der Familie nur Schande bereiten, wenn sie mit einem wie ihm Geschäfte machte. Gerade als Johann zu seiner fauligen, nach Schmutz und Pestilenz stinkenden Hütte zurückkehren wollte, öffnete sich leise knarrend die solide Türe und Johann war vollkommen überrascht.
Vor ihm stand kein Patrizier, nicht seine Frau, sondern ein uraltes Mütterlein in noch älteren Kesselflickerkleidern.
Nachdem sich Johann beruhigt hatte und es wagte zu sprechen, fragte er: „Wer bist du? Warum wohnst du hier, wo doch sonst nur Patrizier in einem solchen Hause wohnen?“
Die Alte antwortete nicht, aber stattdessen begannen ihre Augen magisch, jung und klar zu leuchten, und sie zog Johann ins Innere des Hauses. Er durchquerte mit ihr einen dunklen Gang und befand sich schließlich vor einem uralten Wandteppich, der mit einem goldenen Kessel bestickt war.
Hinter diesem Teppich, von der Tochter des ägyptischen Sonnengottes gewebt, wirst du die Antwort auf deine Fragen finden.“ Wieder leuchteten ihre Augen und der Teppich verschwand.
Johann konnte es nicht glauben, denn hinter dem Teppich war ein Raum, in dessen Zentrum ein strahlender Goldkessel, über und über mit Diamanten besetzt, stand, gefüllt mit dem reinsten Wasser, das es je gegeben hatte.
Inzwischen hatte die Alte ihre Lumpen abgelegt und ihr wahres Gesicht offenbart. Sie sprach: „Ich bin eine kindliche Glücksfee, die von Gott auserwählt wurde, um dir diesen Glücksgoldkessel zu schenken. Aber gib Acht! Der Kessel hat eine schwache Stelle, die nur von einem normalen Kesselflicker repariert werden kann, weshalb du mir versprechen musst, jedem Flicker, der an deiner Türe klopft, die Möglichkeit zu geben, den Kessel zu flicken, denn ab heute bist du ein reicher Mann und kein Kesselflicker mehr.“
Danach verschwand die elfenartige Fee und in Zukunft blieb Johann seinen alten Freunden in natürlichster Weise treu.



