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Die Macht der Kirschen

Als ich geboren wurde, hielt sich die Begeisterung meines Großvaters in Grenzen. „Dieses Kind braucht die Welt nicht“, soll er gesagt haben. Wir lebten auf unserem Bergbauernhof nahe der Stadt Reichenberg in den Sudeten und bereits drei Jahre vor mir war mein Bruder Franz zur Welt gekommen - der Hoferbe. Jedes weitere Kind hielt der Großvater nur für ein Maul, das zusätzlich gestopft werden musste. Ich erzähle lieber nicht, was er zur Geburt meiner drei Schwestern gesagt hat.
Meine Eltern nannten mich Hannes. Mit meinem Bruder Franz verstand ich mich leidlich. Er war groß und kräftig, konnte sehr schnell rennen und hatte vor nichts Angst. Wann immer es Ärger mit anderen Kindern gab: Keiner wagte es, sich mit ihm anzulegen. Seine körperliche Überlegenheit war für mich unangenehm. Ich war viel kleiner und eher schmächtig. So zog ich immer den kürzeren, wenn wir unterschiedlicher Meinung waren. Eine kräftige Ohrfeige brachte mich in der Regel dazu, seiner Meinung zu sein. Das änderte sich erst kurz nach meinem siebten Geburtstag.
Es war an einem warmen Junitag, als unser Kamerad Jakob in der Schule von prachtvollen Kirschen auf dem Weg nach Schwoika erzählte. Zu dritt schlugen wir nach Schulschluss den Weg dorthin ein. In der Tat: Die Kirschen waren prachtvoll! Schwer und dunkelrot zogen Unmengen von ihnen die Äste der Bäume zu Boden. Nur durch einen einfachen Holzzaun vom Weg getrennt standen da mindestens vierzig Bäume.
Wir eilten zunächst nach Hause und schlangen unser Mittagessen hinunter. Es gab gebackene Blutwurst. Die mochte ich noch nie, aber heute aß ich sie flott. Auch unsere häuslichen Pflichten erledigten wir wesentlich schneller als sonst. Ich mistete den Hühnerstall in Windeseile aus und half anschließend Franz beim Versorgen der beiden Pferde. Hausaufgaben hoben wir uns für später auf. Die kontrollierte im Vergleich zur Hofarbeit niemand bei uns. Endlich trafen wir uns wieder mit Jakob und machten uns erneut auf den Weg in Richtung Schwoika.
Anfangs unterhielten wir uns noch angeregt. Wir überlegten, worin wir die Kirschen sammeln sollten und wie lange sie sich wohl frisch hielten. Je näher wir der Beute kamen, desto stiller wurden wir. Mein Herz schlug schnell, ich war sehr aufgeregt. Wenn uns nun jemand erwischte? Der Großvater hatte einmal von einem Viehdieb erzählt, den man sofort erschossen hatte. ‚Ach, es wird schon gut gehen’, versuchte ich mich zu beruhigen.
An dem Obstgarten angelangt, schlenderten wir erst einmal daran vorbei und sahen uns dabei in alle Richtungen um. Das Gleiche machten wir den Zaun entlang zurück. Niemand war zu sehen. Schließlich lehnte ich mich mit dem Rücken an den klapprigen Zaun und verschränkte die Hände, damit ich für Franz die Räuberleiter machen konnte. Er stieg in meine Hände, auf meine Schulter, auf meinen Kopf. Dann saß er endlich im ersten Baum und begann mit dem Pflücken der Früchte. Er sammelte sie in seiner Mütze. Wir anderen standen Schmiere. Diese Arbeitsteilung hatte Franz entschieden. Das Aufpassen war aber auf Dauer langweilig. Also begannen Jakob und ich die Früchte, die wir von unten erreichen konnten, direkt zu verspeisen. Schließlich stieg ich auf den Zaun, um auch die etwas höher hängenden Kirschen zu erreichen.
Plötzlich stürzte ein Mann laut fluchend aus dem gegenüberliegenden Maisfeld hervor. Ich sprang vom Zaun und hielt mich dabei an einem der windigen Pfosten fest. Ehe ich mich versah, hielt ich den Pfosten in der Hand. Jetzt hatte ich ihn auch noch abgebrochen! Ohne lange nachzudenken, rannte ich, mit dem Pfosten in der Hand und gefolgt von Jakob, davon. Den Franz ließen wir zurück.
Erst als meine Seite unerträglich stach, blieb ich hinter einer Wegbiegung stehen. Keuchend stützten wir uns auf die Oberschenkel und versuchten, wieder zu Atem zu kommen. Kurze Zeit später kam auch der Franz um die Ecke. Hoffentlich war er nicht sauer, dass wir ihn im Stich gelassen hatten. Aber er schien eher erleichtert, überhaupt davongekommen zu sein.
„Ich bin von dem Baum runter gesprungen, um auch wegzulaufen. Dabei bin ich direkt auf dem Mann gelandet. Wir sind natürlich beide hingefallen. Ich war schneller wieder auf den Beinen als er und bin nichts wie weg. Der war so sauer!“
Während er das berichtete, stand Franz ganz eigentümlich da. Breitbeinig. Und es roch nicht gut.
„Was stinkt da so?“ fragte Jakob.
Franz wurde knallrot im Gesicht. Das hatte ich noch nie bei ihm gesehen.
Wir redeten nicht groß darüber. Keiner sprach aus, was geschehen war. Nämlich, dass der Franz sich vor lauter Angst in die Hosen gemacht hatte. Es war ihm schon peinlich genug. Stattdessen gingen wir zum Weiher. Dort halfen wir ihm, sich mit Gras und Wasser zu säubern. Als wir damit fertig waren, ruhten wir uns noch eine Weile aus. Auf meinen Pfosten gestützt, hatte ich einen guten Blick über die Berge. Das war knapp gewesen.
Aus der Hosentasche holte ich den Rest meiner Beute, die durch die überstürzte Flucht leicht lädiert war. Aber ich fühlte mich wunderbar. Der starke, furchtlose Franz hatte sich in die Hose gemacht. Ich, der kleine Hannes, nicht. Er würde mich in Zukunft nicht mehr einschüchtern. Sonst hätte ich etwas zu erzählen. Ich würde es ihnen schon allen noch zeigen.

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