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Kindertage

Lange, lange hat der Krieg gedauert. Jashim kennt gar nichts anderes. Sie wurde in die Wirrnisse hineingeboren und erlebt jetzt eine verhaltene Ruhe über der langsam genesenden Stadt.
Fremde Menschen kommen ins Land, reden viel und würdevoll über die Zukunft. Soldaten aus verschiedenen Ländern kommen und gehen in Schüben, tragen Sorge, dass der Frieden endlich Fuß fassen kann, durch Afghanistan wandert und sich niederlässt. Manches mal ereignet sich eine Tragödie und Soldaten lassen ihr junges Leben im Land. Dann senkt sich wieder die große Trauer wie ein dickes, graues Tuch herab. Doch die Freude am Leben durchbohrt es an vielen Stellen, damit der Himmel wieder freundlich herunter blinzeln kann.
Jashim wird Bohnensuppe essen und die Schule besuchen können. Die Mutter kocht und summt ein längst vergessenes Frühlingslied vor sich hin. Jashim spielt mit ihrer Puppe Lehrerin und bringt ihr allerhand bei, was sie sich selbst erträumt.
Da dröhnt die Erde. Der Boden hebt und senkt sich, wird aufgerissen und hochgetürmt. Tief im Erdinnern ist Wallung und Widerstand in einem. Häuser stürzen, Erdspalten nehmen sie auf und schleudern mit gewalttätiger Kraft Inneres nach außen.
Jashim sitzt mit ihrer Puppe in einem Trümmerhaufen und weiß nicht, was geschah. Sie fühlt keinen Schmerz und versucht, ihre Beine zu bewegen. Es gelingt und sie kann sie an den Körper ziehen und mit ihren mageren Armen die Knie umfassen. So fühlt sie sich selbst und gibt sich Halt. Ihre Puppe liegt in ihrem Arm und das ist ein Trost im Jammer. Ein paar befreiende Tränen rollen über ihr Gesicht und zeichnen kleine Bäche über ihre schmalen, mit Staub bedeckten Wangen.
Dann erzählt Jashim ihrer Puppe, was geschehen sein muss. Die Erde grummelt häufig in dieser Gegend und bricht auf und ängstigt unendlich. Die Mutter hat ihr von früher berichtet und was schon alles passiert ist. - Mutter, ob sie wohl die Bohnensuppe beiseite gestellt hat? Seit der Ermordung des geliebten, sorgenden Vaters ist Mamatschi manches mal etwas verwirrt und Jashim muss ein bisschen auf sie aufpassen und öfter auch ermahnen.
Zwischen Holzlatten und Steinen und Staub bewegt sich etwas. Jashim hört ganz, ganz leises Kruspeln in ihrer Nähe. Sie vergisst das Weinen und lauscht aufmerksam. Eine Träne am bebenden Nasenflügel zittert. Jashim erwartet mit stolperndem Herzen das Unbekannte. Da tastet eine kleine Katzenpfote aus einem Spalt, krallt sich fest und zieht Kopf und Körperchen nach. Welche Freude! Die Begrüßungszeremonie dauert lange, weil die Freude so groß ist. Wieder muss Jashim weinen und weiß nicht, warum. Ihr junges Leben weiß noch nicht, dass es auch Freudentränen gibt. Erschöpft legt sich das Kätzchen auf Jashims Knie und stimmt seinen zufriedenen, sanften Schnurrkanon an, den es immer vor dem Einschlafen singt. Jashim wird müde, so müde, Ängste und Sorgen vernebeln im Dunst von Wärme und Geborgenheit.
Immer wieder und wieder erbebt die Erde, rumort in der Tiefe, als ob sie große Schmerzen hätte. Das jahrelange Zittern der Herzen dieses Volkes setzt sich nun im Herzen der Erde fort.
Jashim hört im Schlaf, gedämpft wie durch Watte, ein aufgeregtes Durcheinander. Stimmen, Laufen, Rufen, Autos und ein hektisches Zupacken von helfenden Händen. Eine davon wird Jashim retten.

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