Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Seelenwanderung
Hanna erwacht von einem lebhaften Traum. Sie hält die Augen geschlossen und versucht sich zu erinnern. Doch so sehr sie sich auch bemüht, sie kann die Traumbilder nicht mehr zurückholen. Nur Gefühle spürt sie noch: Unsicherheit, Furcht, Beklemmung.
Sie schlägt die Augen auf und lässt ihren Blick zum Radiowecker wandern. 5:56 Uhr. Was ist mit dem Wecker los? Er sieht heute ganz anders aus. Auch das Nachtkästchen. Farbe und Form stimmen nicht. Hanna fährt hoch und schaut sich verwirrt um. Dort, wo sonst ihr Schreibtisch mit all den Büchern und Schriften zur Vorbereitung auf das Staatsexamen steht, erhebt sich ein mächtiger Toilettentisch mit großem Faltspiegel. Anstelle ihrer Bücherregale ragt ein wuchtiger dunkler Schlafzimmerschrank empor. Das Bett ist kein Einzelbett, sondern ein breites Ehebett mit schwarz bezogenen Bettdecken. Zaghaft schaut Hanna in die andere Betthälfte. Sie atmet auf: niemand da.
Hanna zwingt sich, ruhig nachzudenken. Sie ist auf unerklärliche Weise in eine fremde Wohnung gelangt. Was ist jetzt zu tun? Kann sie sich heimlich hinausschleichen?
Sie steigt leise aus dem Bett. Da bemerkt sie, dass sie nicht mit ihren Leggins und ihrem T-Shirt bekleidet ist, sondern mit einem schicken, weinroten Nachthemd. Sie muss sich unbedingt umziehen, bevor sie flieht. Rasch steuert sie auf den Schrank zu. Aber als sie den Toilettentisch passiert, stoppt sie abrupt ihren Lauf. Entsetzt starrt sie die Frau im Faltspiegel an. Das ist nicht sie selbst. Hanna weicht zurück. Sie atmet tief durch, bevor sie sich zum zweiten Mal dem Spiegel nähert. Wieder diese fremde Frau. Sie ist mindestens zehn Jahre älter als Hanna. Halblanges, rötlich-braunes Haar wellt sich um das blasse Gesicht. Unter den müden, braunen Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab. Erste Falten bilden sich auf der Stirn und um die Mundwinkel, die sich leicht nach unten ziehen. Die schmächtige Gestalt ist schlaff und kraftlos nach vorn gebeugt.
Hanna gibt sich einen Ruck. „Anziehen, Hanna, und erst mal raus hier!“, befiehlt sie sich selbst. Aber bevor sie den Schrank öffnen kann, hört sie jemanden an die Schlafzimmertür pochen. Eine helle Kinderstimme ruft: „Mama, es ist schon 6 Uhr vorbei. Stehst du heute nicht auf?“ Hanna gibt keine Antwort.
„Mama“, die Stimme klingt nun ängstlich, „geht es dir immer noch schlecht? Warum sagst du nichts?“ Der Türgriff bewegt sich nach unten. Eine kleine zarte Hand schiebt die Türe vorsichtig auf. Ein blonder Junge von etwa elf Jahren steht im Rahmen. Seine leuchtend blauen Augen suchen besorgt den Blick der Mutter.
Hanna steht da wie erstarrt. „Mama, was ist mit dir?“ Der Junge rennt auf sie zu und umfasst fest ihre Hüften. Dabei drückt er sein Gesicht an ihren mageren Busen. „Mama, du darfst uns jetzt nicht auch noch verlassen!“, schluchzt er.
Plötzlich wird das ganze Haus munter. Hanna richtet ihre Aufmerksamkeit auf den Flur, wo sich rechts eine Tür öffnet. „Guten Morgen, Mama“, ruft ein Mädchen. Links wird eine Tür aufgerissen. Zwei Buben, Zwillinge, stoßen sich gegenseitig in den Gang. „Guten Morgen, Mama!“ Wieder rechts geht eine Tür auf und ein kleines Mädchen erscheint im Rahmen. „Guten Morgen, Mama!“ Hinter der Tür ganz hinten ertönt lautes Babygeplärr.
Hanna ist sprachlos. Wo ist sie da nur hineingeraten? Der Junge an ihrer Brust fängt lauter an zu weinen. Da spürt Hanna plötzlich, wie warme und weiche Gefühle sie durchströmen. Sie streichelt zärtlich seinen Kopf. „Es wird alles gut“, hört sie sich selber sagen.



