Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Von Sprüchen
Langsam, benommen fast, stieg sie die breiten Treppen hinunter. Die Schulkorridore waren leer, es waren glücklicherweise Ferien. So musste sie jetzt niemandem begegnen. Nein, damit hatte sie nicht gerechnet. Dieser Schlag hatte sie völlig unvorbereitet getroffen. Vor einer großen Anschlagtafel lehnte sie sich gegen eine Säule. Sie wollte jetzt nur ihre Gedanken ordnen. Wie naiv war sie nur gewesen!
Hier an dieser Schule hatte sie vor zwanzig Jahren Abitur gemacht, das beste ihres Jahrgangs. So hatte sie gehofft, trotz der fehlenden Jugendweihe Medizin studieren zu dürfen. Kurz darauf sagte ihr der „Studienlenkungsbevollmächtigte“ (solche Wortungetüme begleiteten den DDR-Alltag wie ein Markenzeichen), dass sie leider als einzige abgelehnt sei. Zwei Jahre später, als sie an einer Technischen Hochschule studierte, hatte sie zufällig in ihrer Kaderakte diesen Spruch gelesen: „Ein Studium mit Zugang zu gesellschaftlich relevanten Positionen wird wegen politischer, insbesondere religiöser, Unzuverlässigkeit nicht befürwortet.“ Darunter der Schulstempel mit den Unterschriften vieler ihr wohlbekannter Lehrer. Um dieses Schriftstück hatte sie sich jetzt eben bemüht. Vor zwei Jahren, nach dem Zusammenbruch der DDR, wurde ein „SED-Unrechts-Bereinigungsgesetz“ initiiert. Damit sollten berufliche Benachteiligungen ausgeglichen werden. Schon ihrer Kinder wegen hatte sie eine Rehabilitierung beantragt. Vor vier Wochen war sie hier gewesen, in der ehemaligen „Johannes-R.-Becher-Oberschule“, die neuerdings „St.-Annen-Gymnasium“ hieß. Die freundliche Sekretärin hatte mit ihr im Archiv gesucht und tatsächlich jene verhängnisvolle Beurteilung gefunden. Eine Kopie könne sie jedoch ohne Genehmigung des Direktors nicht herausgeben.
Heute hatte sie mit ihm gesprochen. Ein jovialer, weißhaariger Herr saß ihr gegenüber. Aber sie hatte ihn doch erkannt. Es war der einzige Lehrer, der die Wendezeit unbeschadet - sogar befördert - überstanden hatte. War das nun makaber oder zum Lachen? Ein Sportlehrer als Schuldirektor, weil er sich nie durch Schülerbeurteilungen hatte kompromittieren müssen. Liebenswürdig versicherte er: „Das tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann. Aber diese alten Akten wurden alle zur Wendezeit vernichtet.“
Sie starrte auf die Aushangtafel. Bitternis stieg in ihr hoch. Früher hatten hier weiße Buchstaben auf rotem Fahnentuch geprangt: „Vorwärts zum Kommunismus! Keine Chance dem Klassenfeind!“ Diese Beschwörung schien fortzuwirken. Trotz des eilig übergehängten christlichen Schulnamens. Obwohl - diese Wandfläche vor ihr hatte sich wirklich gewaltig verändert. Zwischen Einladungen und Mitteilungen entdeckte sie zwei handgeschriebene Zettel. Auf einem stand: „Am Donnerstag wieder Bibelpause im Schulhof. Torsten und Sören aus der 11b.“ Gleich daneben: „Ab September wieder Probe des Hans-Hinkel-Chors.“ Das überraschte sie. Hans Hinkel, der kleine, drahtige Mann mit dem weiten Herzen war früher hier Musiklehrer gewesen. In den fünfziger Jahren hatte er die Schule mit seinem Chor berühmt gemacht. Sogar einen DDR-Nationalpreis hatte er bekommen. 1970 wurde er plötzlich entlassen, sein Name fortan offiziell nicht mehr erwähnt. Der neu ernannte Direktor hatte ihn als politisch untragbar bezeichnet. Hans Hinkel war Christ und weigerte sich, seine Kinder zur Jugendweihe zu schicken. Vergeblich hatten sich Kollegen für den begabten Pädagogen eingesetzt: Das Exempel wurde statuiert. Auf die Lehrerschaft wirkte es disziplinierend, auf Hans Hinkel nicht so sehr. Er zerbrach nicht an diesem Schlag, suchte sich Broterwerb als Buchhalter und gründete zwei neue Chöre. Seine sieben Kinder waren trotz vieler Hindernisse Architekten, Musiker und Ärzte geworden; bescheiden, fröhlich und zupackend.
Sie freute sich, dass dieser Chor aus ehema1igen Schülern entstanden war. Sinnend ging sie hinaus und setzte sich auf eine Bank gegenüber. Den kleinen Kirchturm dort drüben hatte sie immer vom Klassenzimmer aus gesehen. Fünfzehn Jahre später wurde sie in dieser Kirche von Kantor Drechsler auf der Orgel unterrichtet. Wenn er sie mit Güte und Strenge in Fugen und Choräle einführte, dachte sie manchmal, dass er doch einen guten Mathematiklehrer abgegeben hätte - wenn er nicht 1961 ein Jahr vor dem Staatsexamen relegiert worden wäre. Er hatte sich nicht freiwillig zur kasernierten Volkspolizei gemeldet. Von ihm hatte sie den Impuls bekommen, noch einmal zu studieren. Mit Wärme dachte sie an die Dresdener Kirchenmusikschule zurück. Den Wechsel von der Ingenieurin zur Kantorin hatte sie trotz finanzieller Einbußen noch nie bereut. Bilder stiegen vor ihr auf: Beschwingte, humorvolle Chorproben; glückliche Gesichter nach Konzerten; Kinder, die sich eifrig mit den ersten Flötentönen plagten. Worüber ärgerte sie sich jetzt eigentlich? Wer sagte ihr denn, dass sie als Ärztin erfolgreich geworden wäre? Lebte sie nicht glücklich mit ihrer Familie? Was scherte sie das Kopfschütteln von Vermögensberatern! Sollte sie denn Choräle wie „Was mein Gott will, das gscheh allzeit“ immer nur für andere gespielt haben? Hans Hinkel pflegte mitunter heiter und trotzig in erzgebirgischer Mundart zu äußern: „Wos dr Harr mir gaabn will, dos krieg iech.“ Während sie in ihr Auto stieg, fragte sie sich, was sie gern als Spruch über ihrem Leben stehen hätte. Vielleicht das Fazit der biblischen Josefsgeschichte - „Menschen gedachten es böse zu machen mit mir, aber Gott gedachte es gut zu machen.“



