Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Ein Unfall
Das Gaspedal klemmte. Ganz ruhig. Nur nicht die Nerven verlieren. Die Geschwindigkeit erhöhte sich stetig. Langsam geriet er in Panik. Er trat die Kupplung, das Gaspedal, das Bremspedal - kein Widerstand. Das Bremspedal ließ sich durchtreten. Versagte. Jetzt, wo er es dringend brauchte. Versagte. Versager. Er war ein Versager. Nein!
Er konnte nicht bremsen. Immer wilder trat er die Pedale. Sein Vater hatte nicht recht. Konnte nicht recht haben. Er war kein Versager. Nein! Es war nicht seine Schuld.
Er achtete nicht mehr auf die Straße, nicht mehr richtig. Er geriet auf die Gegenfahrbahn. Er bemerkte es nicht. Die Pedale. Er war kein Versager.
Die Panik hielt ihn umschlungen. Schon längst war ihm der Schweiß ausgebrochen. Er fühlte es nicht. Er fühlte sich ausgehöhlt. Er war kein Versager. Er sah auf die Straße, und sah doch nichts. Kein Versager. Nein. Mechanisch trat er die Pedale. Er starrte auf die Straße. Ein Lichtkegel erschien. Er bemerkte es nicht. Er merkte nicht, dass er auf der Gegenfahrbahn fuhr.
Licht? Licht! Bremsen. Bremsen! Warum geht es nicht? Das Licht! Mein Gott, das Licht! Das Auto! Es kommt direkt auf mich zu! Er konnte sich nicht rühren. Keinen Gedanken fassen. Die Fahrzeuge schossen aufeinander zu. Im anderen Wagen zeigte sich keine Regung.
Er hob die Hände vor sein Gesicht. Er wollte sich schützen, es wenigstens versuchen! Er tat es instinktiv.
Im anderen Wagen schrak sichtlich jemand auf. Versuchte auszuweichen! Zu spät. - Der Aufprall war fürchterlich.
Als Polizei und Rettungswagen am Unfallort eintrafen, waren sie schockiert. Es war ein Bild des Schreckens. Überall lagen Glasscherben herum. Die Wagen waren ineinander verkeilt und stark zusammengedrückt. Und überall Blut. So viel Blut! Aus einem der Autos sah ein Gesicht. - Zur Maske verzerrt. Eine Hand lag abgetrennt vom restlichen Körper auf der Straße. Für die beiden Insassen kam jede Hilfe zu spät.
Ein Zettel lag auf einem der Wagen. Dort, wo sie aufeinanderprallten. Der Inhalt lautete: "Ich liebe Dich nicht mehr. Darum verlasse ich Dich. Ich hoffe, Du kannst mir irgendwann einmal verzeihen. Es tut mir leid, aber ich denke, dass meine Entscheidung richtig ist. - Sarah!"
"Ein liebeskranker Selbstmörder", meinte einer der Polizisten.
Weitere Untersuchungen blieben aus.
Am nächsten Tag stand in der Zeitung: "Liebeskranker beging Selbstmord und tötete dabei Unschuldigen." - Auch Sarah las die Zeitung.



